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Das Hoff zum Sonntag

Der Journalismus existiert nicht mehr

von Hans Hoff
29.03.2015 - 10:15 Uhr

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Wer in den vergangenen Tagen die Berichterstattung über die Germanwings-Katastrophe verfolgt hat, wird bemerkt haben, unter welchem Druck Journalisten und Redaktionen standen. Dass aus Fehlern gelernt wird, ist kaum zu erwarten.

Ich möchte mich verabschieden vom Journalismus. Er war mir jahrzehntelang ein treuer Weggefährte. Er gab mir Halt, er zimmerte mir Leitplanken, die dafür sorgten, dass ich nicht vom Weg abkam. Ich konnte mich geborgen fühlen als Journalist, aufgehoben in einem Ordnungssystem, das für Werte stand. Zu diesen Werten bekannte sich die Mehrheit meiner Kollegen, weshalb ich es als ehrenhaft empfand, mich als Journalist bezeichnen zu dürfen.

Das ist vorbei. Nicht erst seit den Ereignissen der vergangenen Woche. Es ist schon länger vorbei. Ich hätte das schon lange sehen können, aber ich wollte es nicht wahrhaben. Der Journalismus, so wie ich ihn kennen- und schätzen gelernt habe, existiert nicht mehr. Journalismus ist nurmehr ein hohles Gefäß, in das jeder füllt, was er mag oder was er meint, im Auftrag seiner Nutzer einfüllen zu müssen. Das dadurch entstehende Gemisch ist mir unerträglich geworden. Es sind Dinge zusammengekommen, die nicht zusammenkommen sollten. Ich fand mich als Journalist wieder in enger Nachbarschaft zu widerlichsten Existenzen. Ich möchte das nicht mehr. Ich bin kein Journalist mehr.

Ich weiß nicht, was ich stattdessen gerne wäre, ich habe noch keinen neuen Begriff für das, was mich und mein Tun ausmacht, aber ich glaube ohnehin nicht, dass es die Zeit ist für schnelle Reaktionen. Ich muss das nicht entscheiden, nicht hier und nicht jetzt. Nennt mich wie ihr wollt. Call me Motherfucker, but spell my Name right.

Schnelle Reaktionen gab es in der vergangenen Woche jede Menge. Schnelle Reaktionen sind wohl wichtig, wenn man in einem schnellen Gewerbe arbeitet. Am besten man hat schon einen Plan, wie man Dinge angeht, wenn etwas Unfassbares geschieht. Dann muss man nicht mehr lange reden, dann kann man den Kollegen A nach B schicken und den Kollegen C nach D. So wie man das immer gemacht hat.

So wie immer. Das ist die fatale Regel, die in vielen, auch in sehr vernünftig strukturierten Köpfen eingraviert scheint, die aber fatale Folgen hat. Wenn ich einen Kollegen an einen Unglücksort oder in eine Trauergemeinde schicke, dann ist nichts so wie immer. Dann muss ich auch bedenken, dass der einzelne, mit ehrenwerten Absichten angereiste Reporter am Ort des Geschehens beinahe zwangsläufig zum Teil jener Meute wird, die Betroffene nicht ohne Grund als sehr bedrohlich empfinden. Auch 50 sehr ehrenwerte und sehr vernünftige Journalisten können eine Meute sein. Das will keiner, aber es passiert beinahe zwangsläufig und wäre nur zu vermeiden, wenn ehrenwerte Kollegen zur durchaus auch ehrenwerten Auffassung gelangten, dass aus solchen Situationen niemals ehrenwerte Arbeit sprießen wird.

Dazu kommt der Zwang berichten zu müssen, den eigenen Dreh zu finden. Die in der heimischen Redaktion warten, die brauchen Futter. Beinahe zwangsläufig ergibt sich daraus, dass jene, die mit der Meute laufen, die anderen quasi ermutigen besonders aggressiv aufzutreten, auf dass sie ganz vorne mitspielen. Jeder will die Geschichte für sich. Möglichst als erster. Wer mal gesehen hat wie Hyänen sich gegenseitig von der Beute wegbeißen, hat eine Ahnung davon, wie sich Fotografen und Kamerateams manchmal aufführen.

Es ist aber nicht nur die ewige Routine, die das alles so unerträglich macht, es ist vor allem die Art und Weise, wie Gewissheiten verbreitet werden. Ein jeder weiß, wie es geht. Und wer es nicht weiß, tut halt so als wüsste er es. Zuhören, abwägen, dazulernen, das sind nicht die Tugenden des Tages. Da wird munter geurteilt, werden Ungewissheiten im Brustton der geilen Schlagzeile weggepustet.

Natürlich stehen die Mitglieder der Meute unter Druck. Der Druck kommt aus den Redaktionen. Die wiederum stehen auch unter Druck. Der Verleger. Die Intendanten. Wasweißichwer. Druck aber hemmt die Fähigkeit, verantwortungsvoll zu handeln. Nicht selten führt dieser Druck auch dazu, dass die Akteure Allmachtsphantasien ausleben, dass sie sich erheben zu omnipotenten Erkenntnisgurus, zu Richtern, die letztgültige Urteile fällen.

Niemand weiß wirklich, was geschah in der vergangenen Woche. Niemand kann das wissen, so lange immer noch Wrackteile in den Alpen herumliegen, so lange Untersuchungen nicht abgeschlossen sind. Trotzdem laufen da draußen Menschen herum, die sich Journalisten nennen, die Gewissheiten verschleudern, die Witwen schütteln und Trauernde belästigen.

Mit denen möchte ich nicht länger in einen Topf geworfen werden. Es gibt nichts, was mich mit denen einen könnte. Wie immer die auch heißen, für wen auch immer sie ihr übles Werk vollenden. Da können noch so sympathische Moderatoren kommen und mir erzählen, dass man die Angehörigen der Opfer nicht bedränge, dass diese durchaus ein Bedürfnis hätten, öffentlich zu reden. Ich glaube das nicht.

Natürlich gibt es auch ehrenwerte Kollegen, die alles daran setzen, abzuwägen, Zweifel zu bewahren, misstrauisch zu sein. Kollegen, die ich mag und schätze, weil sie Verantwortung tragen. Aber selbst viele dieser Kollegen haben in der vergangenen Woche Fehler gemacht. Fehler, die nicht passieren dürften. Die Redaktion, die komplett ohne Fehl und Tadel geblieben ist, darf jetzt die Hand heben. Ich erwarte, nichts zu sehen. 

Das Problem ist eben auch, dass aus den Fehlern nichts gelernt wird. Nach jeder Katastrophe wird erneut beteuert, dass man es so keinesfalls noch einmal tun wolle. Ein Einzelfall, verstehen Sie. Und beim nächsten Mal werde alles ganz anders. Besser. Bestimmt. Man kennt das Verfahren von den Dopern bei der Tour de France.

Es ist doch schon mehr als bezeichnend, wenn die ausgeruhtesten Texte ausgerechnet von den betroffenen Fluglinien kommen, wenn die Krisen-PR bedächtiger und klarer wirkt als all das, was die eigentlich für Aufklärung zuständigen Publikationen hervorbringen.

Ich verlasse also den Journalismus, der ohnehin nicht viel mehr ist als das bleiche Gewand eines sterbenden Gewerbes. Ich bin die Ratte, die vom sinkenden Schiff flieht. Journalismus eint niemanden mehr. Journalismus ist dabei, eine tote Hülle zu werden oder ist es bereits. Heutzutage läuft das Geschäft nur noch zwischen der jeweiligen Publikation und den Lesern, den Zuschauern und den Anzeigenkunden. Alles ist darauf abgestellt, dieses System rotieren zu lassen. So etwas erzeugt eigene Zwänge, eigene Gesetzmäßigkeiten. Moral wird dabei neu definiert. Oder anders gesagt: Moral ist das, was Klicks bringt.

Es ist ein sich selbst immer wieder befeuerndes System, das sich gelöst hat von Werten, das sich einzig und allein orientiert an dem, was der Kunde angeblich will. Will der Kunde schnelle Gewissheiten, dann kriegt er schnelle Gewissheiten. Will der Kunde Schuldige, dann kriegt er einen Schuldigen. Will der Kunde Hinrichtungsvideos, die von der Strafe der Schuldigen künden, dann kriegt er diese – nicht. Noch nicht. Aber es wird nicht mehr allzu lang dauern, bis jene, die ihre voreiligen Gewissheiten dreist als Teil einer aktuellen Geschichtsschreibung verbrämen, auch eine steile These dazu erfinden. Dann werden öffentlich Köpfe rollen. Leider die falschen.

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