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Das Hoff zum Sonntag

Sind Lottozahlen von gesellschaftlicher Relevanz?

von Hans Hoff
14.06.2015 - 10:00 Uhr

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Die Chefs von "Tagesschau" und "heute" geben sich oft päpstlicher als der Papst, wenn es darum geht, ob ein Thema in ihren Nachrichten-Sendungen aufgegriffen werden darf. Nur die Lottozahlen stellt niemand in Frage. Warum eigentlich?

Es gibt ja Tage, da frage ich mich, was von meinem Tun möglicherweise von gesellschaftlicher Relevanz ist und somit nachrichtlicher Bestandteil von Sendungen wie „Tagesschau“, „heute“ oder „heute-journal“ werden könnte. Ich meine, ich schreibe mir hier die Finger wund seit Jahren, und nicht einmal bin ich aufgetaucht in diesen Sendungen. Ich muss daraus schließen, dass meine gesellschaftliche Relevanz gleich Null ist.

Ich könnte das hinnehmen und weiter eine Existenz als Randbegabung ohne gesellschaftliche Relevanz fristen, käme mir nicht immer wieder ein Vergleich ins Hirn. Die Lottozahlen. Die sind bekanntlich Teil vieler Nachrichtensendungen, und ich habe mal bei den großen öffentlich-rechtlichen Anstalten nachgefragt, warum die immer wieder genannt werden.

„Dass die aktuellen Lottozahlen samstags und mittwochs in der Tagesschau und in weiteren Sendungen von ARD-aktuell genannt werden, gehört für uns zum Zuschauerservice. Hier unterscheiden wir uns nicht von anderen TV-Nachrichtensendungen - und auch nicht von den Tageszeitungen“, schrieb mir die ARD-Sprecherin Silvia Maric. Fürs ZDF antwortete Thomas Hagedorn aus der Pressestelle. Er schrieb: „Die Lotto- und Eurojackpot-Gewinnzahlen sind seit Jahrzehnten von gesellschaftlicher Relevanz und somit nachrichtlicher Bestandteil unserer 'heute'- und 'heute-journal'-Sendungen.“

Da ist sie die gesellschaftliche Relevanz des Glücksspiels. Angeblich setzen die Lottogesellschaften jährlich über sieben Milliarden Euro um. Das ist eine Menge Holz. Rechne ich die sieben Milliarden auf 80 Millionen Einwohner um, komme ich auf 88 Euro, die jeder im Jahr für Lotto ausgibt. Teile ich die 88 Euro Jahreseinsatz durch 52 Wochen komme ich auf 1,70 Euro pro Woche. Ich finde, gesellschaftliche Relevanz müsste mit anderen Beträgen korrelieren.

Aber ich will mich ja als bekennender Nichtspieler nicht mal am Geld aufhängen. Ich weise einfach mal darauf hin, dass es sich um Glücksspiel handelt. Die Chance, einen Jackpot zu knacken liegt bei eins zu 140 Millionen. Purer Irrsinn, aber das kann ja jeder halten, wie er will. Das kann man Volksverdummung nennen, da könnte man auch von Ruhigstellung der Massen durch die Illusion, auch mal am großen Geld teilhaben zu können, reden. Alles diskutabel. Ich frage mich halt nur, warum sich ARD und ZDF bei so etwas in der Berichterstattungspflicht sehen. Gesellschaftliche Relevanz?

War schon immer so. Ja, das stimmt. Aber ist alles, was schon immer so gemacht wurde, deshalb richtig? Gibt es nicht genügend Informationskanäle, die nutzbar sind?

Ich werfe außerdem mal das Thema Spielsucht in die Debatte. Jedes Mal wenn ich einer Lottowerbung begegne, höre ich, dass Glückspiel süchtig machen kann. Suchgefahr und gesellschaftliche Relevanz, wie passt das zusammen? Kann ich als Spielsüchtiger möglicherweise ARD und ZDF verantwortlich machen für meine Krankheit? Und wie sieht es mit der Frage der Werbung aus? Ist die Bekanntgabe von Glücksspielzahlen nicht eindeutig Reklame für die Lottogesellschaften? Was gäbe es für einen Aufschrei, würden in der Tagesschau die neuesten Preise für Alkohol oder Zigaretten verlesen? Ich stelle mir die zugehörigen Wasserstandsmeldungen für Freunde des Hochprozentigen in der Tagesschau vor. „Köln: Bacardi gibt es bei Rewe für 9,99 Euro. Mülheim/Ruhr: Bei Aldi Süd gibt es die Dose Jim Beam & Cola für 1,79 Euro.“ Würde Judith Rakers das verlesen, hätte sie gleich wieder Kritik am Hals. Aber bei Lotto geht das. Warum noch mal? Ah ja, gesellschaftliche Relevanz.

An anderer Stelle geben sich die Nachrichtenchefs oft päpstlicher als der Papst, wenn es darum geht, ob Nachrichten den Eingang in die heiligen Hallen des News-Tempels finden. Bei Lotto gelten solche Regeln offenbar nicht. War schon immer so. Und gesellschaftliche Relevanz.

Oder liegt es daran, dass Lotto so herrlich viel Geld in Landeskassen strömen lässt? Die Hälfte des Spieleinsatzes geht bekanntermaßen an die Finanzminister. Damit werde viel Gutes getan, sagen die Lottogesellschaften. Wenigstens das könnte ich noch mühsam mit dem Argument der gesellschaftlichen Relevanz zusammenbringen. Aber den ganzen traurigen Rest?

Ich denke, es ist an der Zeit, solche alten Zöpfe abzuschneiden. Niemand außer den Veranstaltern und den Finanzministern braucht Lottozahlen in den Nachrichtensendungen. Es stehen genügend Informationskanäle offen für das Privatvergnügen von Spielern. Da könnten sich die öffentlich-rechtlichen Veranstalter ruhig mal zurückziehen und sich damit ein ordentliches Pfund in Sachen Glaubwürdigkeit auf die Hüften legen. Gesellschaftliche Relevanz hin oder her.

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