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Das Hoff zum Sonntag

Dunja Hayali: Ein Glücksfall fürs deutsche Fernsehen

von Hans Hoff
01.11.2015 - 00:02 Uhr

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Mit ihrem Bericht von einer AfD-Demonstration stellte Dunja Hayali wieder einmal ihr Können unter Beweis - weil sie sachlich bleibt, Haltung zeigt und sich dennoch nicht in den Vordergrund spielt. Jetzt muss sie nur noch jemand vor den Tassenverlosungen retten.

Ich bin kein Freund des ZDF-Morgenmagazins. Ich kann sie nur schwer ertragen, diese krude Mischung aus politischer Ambition und Kaffeeklatschatmosphäre. Es mag Menschen geben, die das wollen, die das brauchen. Ich nicht. Trotzdem erwische ich mich in jüngster Zeit immer öfter mal dabei, doch morgens die Kiste anzuschmeißen und zu schauen, was die da machen. Nein, eigentlich interessiert mich nicht wirklich, was die da machen. Mich interessiert, was die da macht.

"Die da" ist Dunja Hayali, eine Moderatorin, eine Journalistin, eine Persönlichkeit. Hayali hat so eine Art, die ich vorbildlich finde. Sie strahlt Souveränität aus, sie zeigt Haltung, sie will was. Mit großer Ernsthaftigkeit. Als ich das zum ersten Mal entdeckt hatte, habe ich mir sofort gewünscht, irgendwer möge Hayali rausholen aus dieser quietschbunten Frühmorgenhölle. Eine mit solchen Ambitionen passt da nicht hin. So eine muss ins Hauptabendprogramm, wo sie wirklich wirken kann.

Im Sommer hat das ZDF mit ihr ja ein bisschen was ausprobiert. Ihr „Donnerstalk“ lief zwar nur viermal, zeigte aber schon sehr deutlich, wozu diese Frau fähig ist. Vor allem zeigte ihr Einsatz sehr, sehr deutlich, wozu andere, die ansonsten im Abendprogramm den Platzhirschen geben, nicht fähig sind. Trotzdem reagiert das ZDF nicht. Das Mainzer Bürokratiemonster auf dem Lerchenberg ist gefesselt in selbstgeschmiedeten Ketten, in zementierten Programmplätzen. Innovation jenseits des Sommerprogramms? Vielleicht bei der nächsten Programmschemaänderung.

Inzwischen frage ich mich allerdings, ob mein Reflex, Hayali ins Hauptabendprogramm zu wünschen, der richtige ist. Möglicherweise ist es doch viel besser, wenn sie weiter das Morgenmagazin aufmischt und diesem Nischenprodukt Bedeutung verleiht.

So wie es in der vergangenen Woche geschah, als Hayali rausging zur AfD-Demo nach Erfurt. Dort hat sie fürs Morgenmagazin Demonstranten befragt und daraus einen Dreiminutenbeitrag gebastelt. Weil danach die üblichen Lügenpresse- und Zensurvorwürfe kamen, hat sie kurz danach ihr komplettes Material öffentlich gemacht.

Eine knappe halbe Stunde kann man da sehen, wie Dunja Hayali arbeitet, was sie so besonders macht. Sie geht mit ihrem ZDF-Mikro in die Menge der Demonstranten und fragt einfach. Sie fragt vor allem sehr sachlich, und sie fragt nach. Sie konfrontiert ihre Gesprächspartner, die am laufenden Band sehr krude Thesen verbreiten, mit deren Widersprüchen. Sie tut das mit sehr einfachen, sehr klaren Fragen: Warum sind Sie hier? Wovor haben Sie Angst? Was ist jetzt nochmal ihre Wahrheit? Benutze ich Sie?

Sie lässt die Menschen in Ruhe antworten, sie drängt sich nicht auf, sie will wirklich wissen, was diese Menschen denken. Und wenn das nicht klar wird, dann hakt sie nach „Was denn genau?“ Einfache Frage, klare Frage. Und wenn dann wieder irgendwer nichts gegen Ausländer hat, aber gegen die, die da kommen, doch, dann bringt sie sich selbst ins Spiel. „Meine Eltern kommen aus dem Irak. Haben Sie ein Problem mit mir?“, fragt sie.

Beeindruckend ist, wie klar Hayali agiert und wie wenig sie sich in den Vordergrund spielt. Sie konterkariert ihre Wissbegierde nicht durch Profilierungsposen. Sie inszeniert sich nicht. Sie flüchtet auch nicht in die Ironie, sie macht ihre Gesprächspartner nicht lächerlicher als die sich selber präsentieren. Sie erträgt Geschwätz ebenso wie Pöbelei, und wenn es sein muss, hält sie mit Argumenten dagegen.

Kurzum, sie zeigt Haltung. Das funktioniert sogar im Gespräch mit Björn Höcke, dem derzeit wohl bekanntesten AfD-Demagogen, der gerne mal von 1000 Jahre Deutschland faselt. Mir schwillt schon der Kamm, wenn ich das hier niederschreibe, aber Hayali bleibt souverän. „Schämen Sie sich dafür eigentlich nicht“, fragt sie in durchaus höflichem Ton und bleibt gänzlich ruhig dabei. Sie hält dagegen, aber sie tut dem Gegenüber nicht den Gefallen, emotional aufzuschäumen. Sie läuft nicht in die Falle, die Höcke mit seiner Rhetorik auftut.

Hayali ist ein großer Glücksfall fürs deutsche Fernsehen, fürs ZDF und für den Journalismus. Dass sie solcherart zu bewerten ist, birgt indes auch eine bestürzende Einsicht. Das Schlimme ist dabei gar nicht, dass Hayali das alles kann. Das Schlimme, nicht an ihr, sondern an den Verhältnissen, ist indes, dass all das, was sie tut, so selbstverständlich zu den journalistischen Grundtugenden zählt, aber doch so selten zu entdecken ist, dass es beinahe sensationsgleich wirkt, wenn es denn mal auftaucht.

Daher meine Bitte ans ZDF. Gebt der Frau mehr journalistische Jobs und verschont sie mit Tassenverlosungen und ähnlichem Pillepallekram. Lasst sie fragen, lasst sie Dinge darstellen, lasst sie Menschen aufschließen. Dafür zahle ich gerne meinen Beitrag.

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