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Das Hoff zum Sonntag

Fernsehen in Überlänge: Wenn XXL der Standard wird

von Hans Hoff
21.02.2016 - 08:49 Uhr

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Im Fernsehen kommt es offenbar mehr und mehr auf die Länge an: Shows werden immer seltener in weniger als drei Stunden über die Bühne gebracht - und selbst bei Filmen heißt die Devise wohl XXL. Besser wird das Fernsehen dadurch nur selten.

„Hinten wird die Ente fett“, sagen Fußballtrainer gerne, wenn sie darauf hinweisen wollen, dass erst nach dem Schlusspfiff abgerechnet wird. Da kann man als Mannschaft lange zurückliegen und mancher die Hoffnung schon in den Wind schreiben, aber wenn der Konkurrenz kurz vor Schluss oder in der Verlängerung die Kondition abhandenkommt, lassen sich noch rasch ein paar späte Tore in die Bilanz stellen.

Derzeit scheint es so, als hätten sich manche Fernsehmacher ein wenig auf dem Sportplatz umgeschaut und insbesondere das mit der Verlängerung sehr aufmerksam zur Kenntnis genommen. Es mehren sich nämlich jene Sendungen, die spielend an der Dreistundenmarke kratzen und diese gelegentlich auch überschreiten. Erst am vergangenen Wochenende hat es das ZDF versucht und „Die versteckte Kamera“ auf drei Stunden und sieben Minuten ausgedehnt. Allerdings ohne Erfolg. Es fielen nicht die erhofften Tore am Schluss, was vor allem daran gelegen haben mag, dass die Mannschaft schon ohne Kondition auf den Platz gekommen war.

Gehofft hatte man, vor allem jene Zuschauer einzufangen, die nach 20.15 Uhr noch irrlichternd durchs Programm zappen, die dann zwangsläufig ein paar Mal beim eigenen Programm landen und irgendwann dort hängenbleiben. Je mehr hängenbleiben und je schwächer die Konkurrenz wird, desto höher fällt am Schluss die Quote aus. Nicht die absoluten Zuschauerzahlen. Die fallen naturgemäß im Laufe eines Abends ab. Dafür steigt die Quote.

Stefan Raab hat das perfekt draufgehabt. Er hat mit „Schlag den Raab“ all die Verirrten eingesammelt und von Anfang an auf Überlänge gesetzt. Ging es dann an die Zeit nach Mitternacht, wurde die Quotenente regelmäßig richtig fett, nicht nur hinten.

Das haben viele gesehen und sich gedacht: Das können wir auch. Warum sollen wir unsere Sendung nicht einfach in die Länge ziehen. Wenn wir doch einmal alles aufgebaut haben, dann können wir doch problemlos auf XXL-Format gehen. Kostet quasi dasselbe, bringt aber Marktanteile.

Was für Shows gilt, kann man auch auf Filme anwenden. So lief kürzlich an einem Samstag „Der Fall Barschel“ als Spielfilm satte 174 Minute lang, beanspruchte also fast die doppelte Spielzeit einer „Tatort“-Episode. Im Januar lief an einem Montag in der ARD „Das Programm“, ein 180-Minuten-Stück um Menschen in einem Zeugenschutzprogramm.

Ist bei den Filmen die Marathon-Programmierung noch die Ausnahme, frisst sie sich bei Shows so langsam aber sicher voran. „Let’s Dance“ dauert manchmal gefühlt bis zum Morgengrauen, und wenn das „Duell um die Welt“ startet, sollte man regelmäßig vorher den Kühlschrank auf ordnungsgemäße Befüllung untersuchen, denn so schnell soll man nach dem Willen der Macher nicht mehr wegkommen von der Glotzkiste.

In Branchenkreisen erzählt man, dass sich dieser Tage ein Showproduzent, der mit einer Idee zu ProSiebenSat.1 marschiert, unbedingt auf die Frage einstellen muss, ob das angestrebte Projekt denn auch als Vier- oder Fünfstünder zu haben sei. Gerade nach Raabs Abgang ist man dort ganz offensichtlich bemüht, um jeden Preis Sendeplätze zu füllen, also den Raum der übrig bleibt, wenn „The Big Bang Theory“ ausnahmsweise mal Pause macht. Mehr denn je scheint es, als komme es am Ende dann doch wieder nur auf die Länge an.

Das aber wird den Sendern irgendwann auch wieder auf die Füße fallen, denn über kurz oder lang könnte der Zuschauer ermüden und erkennen, dass ihm in einer Großpackung lediglich das angedreht wird, was früher problemlos in eine Frühstückstüte passte. Der Inhalt bleibt derselbe, nur wird alles gedehnt und langsamer präsentiert. Merke: Getretener Quark wird breit und nicht stark.

Vor ganz anderen Problemen stehen die Sender bei den fiktionalen Produktionen. Die werden, vor allem in ARD und ZDF, gerne von einer etwas älteren Zielgruppe goutiert, was natürlich zum Spott aller Inkontinenzwitzproduzenten einlädt. Redakteure, die darauf drängten, einen Überlängefilm nicht als Zweiteiler, sondern als Monstermovie zu inszenieren, bekamen in der Vergangenheit in der Hinsicht schon durchaus Lästerliches zu hören. „Dann sitzt eure Kernzielgruppe beim zweiten Teil ja mit nasser Unterhose auf dem Sofa", hieß es da.

Noch sind die Zeiten, da auch die „Tagesschau“ eine Dreistundenversion anbieten muss, nicht in Sicht, aber eine Tendenz ist klar erkennbar. Greift die um sich, dann kann die Infektion schnell auch andere mediale Bereiche erfassen.

Etwa diese Kolumne. Die ist schon wieder zu lang geworden. Zu viele Füllwörter. Zu viel nicht durchdachter Bullshit. Müsste längst vorbei sein, dieser Text. Aber aus unerfindlichen Gründen läuft er weiter und weiter und weiter. Hört gar nicht mehr auf. Steht nichts mehr drin, wird aber trotzdem gelesen. Komisch. Liebe Kinder, jetzt aber abschalten. Das sagt euer Peter Löwenzahn. Abschalten, habe ich gesagt. Ja, da sind ja immer noch welche, die nicht aufhören wollen zu lesen. Ja, sind wir denn hier bei „Die versteckte Kamera“? Wegklicken, bitte. Steht nichts mehr hier. Geht nur noch darum, der Ente beim Fettwerden zuzuschauen. Fett, fett, fett. Ja, sind wir denn bei ProSieben hier? Fette Ente, fettes Brot, fetter Text. Raus jetzt, alle. Gehen Sie weiter, es gibt hier absolut nichts zu lesen. Gehen Sie….

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