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Das Hoff zum Sonntag

"Tatort": Dresden könnte das neue Münster werden

von Hans Hoff
06.03.2016 - 08:20 Uhr

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Es war nicht ohne Risiko, das neueste "Tatort"-Team ausgerechnet in Dresden anzusiedeln. Doch die Macher schafften es, die Probleme weder auszublenden, noch in den Mittelpunkt zu stellen und eine Form und Stimmung zu schaffen, die andere mittlerweile verzweifelt suchen.

„Wer braucht New York, wenn er auch Zwickau haben kann. Wer je in Dresden war, muss nicht nach Amsterdam.“ Dieses Loblied auf Sachsen steht gleich am Anfang der ersten Episode, die vom neuen Dresdner „Tatort“ kommt. Ein eingängiger Schlager wird geträllert. „Mein Sachsen, hier bin ich geboren. Mein Sachsen, hier gehör ich hin“, singt da eine bedirndlte Blondine. Willkommen im Moloch, in Deutschland fast ganz unten rechts.

Das war nicht ohne Risiko, in diesen Zeiten einen neuen „Tatort“ mit neuem Team ausgerechnet in Dresden zu platzieren, im Herzen von Sachsen. Wie leicht hätte das daneben gehen können. Wie groß war die Gefahr, dass so ein Film, der ja schon vor geraumer Zeit abgedreht wurde, zur falschen Zeit die falschen Töne anschlägt. Entweder man ist zu nett zu diesem Land, wo die politischen Funzeln oft auf düster gedimmt sind, oder man zeichnet zu schwarz, weil sich die Verhältnisse bis zum Ausstrahlungstermin längst gebessert haben. Konnte man beim Dreh nur schwer einschätzen. Man musste ja, theoretisch zumindest, auch mit dem Guten rechnen.

Aus der schwierigen Ausgangslage haben sie, so viel steht jetzt fest, sehr viel gemacht. Sie haben einen Film gedreht, der die Probleme nicht ausblendet, sie aber auch nicht in den Fokus stellt. Dem Autor Ralf Husmann (Stromberg, Vorsicht vor Leuten) ist das Kunststück gelungen, über die sinnlose Selbstbesoffenheit der örtlichen Dumpfbacken eine Schablone zu legen, die einerseits das ganze Bild verzerrt, andererseits aber die Verhältnisse sehr klar abbildet. Die Lösung heißt: Mord im Schlager-Milieu.

Kurz nachdem das Blondchen nämlich seinen eigens für diesen „Tatort“ geschriebenen Sachsen-Schlager geträllert hat, stößt sie auf eine Leiche. Ein beliebter Sänger aus dem volkstümlichen Gewerbe liegt erschlagen in den Kulissen, wo es so ganz anders zugeht als vorne auf der Bühne. Während in der Öffentlichkeit die heile Welt beschworen wird, herrschen jenseits der Scheinwerfer Neid und Missgunst.

Das ist eine prima Ausgangslage, um das neue „Tatort“-Team einzuführen. In dessen Mittelpunkt stehen zwei Frauen, die mehr Power haben als so manchem Kollegen recht ist. Die eine heißt Henni Sieland (Alwara Höfels), die andere Karin Gorniak (Karin Hanczewski). Beide sind Oberkommissarinnen, beide meistern ihr Privatleben neben der Polizei eher schlecht als recht. Gemeinsam tauchen sie nun ein in diese volkstümliche Schlagerwelt, die ihnen nicht geheuer ist. Beide haben sie nebenbei leidlich damit zu tun, sich zu streiten und die Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen, die ihnen ihr Vorgesetzter (Martin Brambach) und die Polizeianwärterin (Jella Haase) in den Weg stellen.

Da ist viel Befragung und Erörterung im Spiel, aber das macht nicht den Reiz dieses Films aus. Es ist eine gewisse Beiläufigkeit, die diesen „Tatort“ auszeichnet. Er ist frei von jener fürchterlichen Gravität, die andere Filme des Genres stets am Boden kleben lässt.

Zu verdanken ist das natürlich der Leichtigkeit, mit der Richard Huber (Club der roten Bänder, Ulmen/Tschirner-„Tatort“) hier inszeniert hat, inszenieren konnte, weil Ralf Husmann ihm so ein geniales Drehbuch geliefert hat.

Da stimmen vor allem die Dialoge zwischen den Kommissarinnen. Da werden einzelne Sätze so knapp und scharf abgefeuert, dass sie durch die Luft schwirren wie superscharfe Messer, die sich knallhart in ihr Ziel bohren und dort noch eine Millisekunde nachvibrieren. Wo man auch hinschaut, stimmt das Timing, und es ist oft das Beiläufige, das den Gag liefert. Als etwa die Blondine vom Anfang einen versoffenen Kollegen von der Bühne zerrt, sagt sie zur Aufnahmeleiterin der Show: „Ich bringe ihn kurz um, dann machen wir weiter.“

Da herrscht eine Form und eine Stimmung, die andere mal hatten und inzwischen verzweifelt suchen. Oder, um es in der Hoffnung auf viele Episoden der gleichen Qualität zu sagen: Dresden könnte das neue Münster werden. Nicht gleich, aber irgendwann bald. Man muss nur dranbleiben.

Martin Brambach, der den etwas altbackenen Kommissariatsleiter sehr fein und abgewogen spielt, hat allerdings vorab befürchtet, dass nicht alle Dresdner begeistert sein werden von diesem „Tatort“. Es steht zu befürchten, dass er mit dieser Einschätzung nicht falsch liegt. Für manche beginnt halt der persönliche Horizont direkt hinter der Hornhaut.

Allerdings werden sich jene Sachsen, die ungern im braunen Sumpf baden, bedanken bei den Machern dieses Films. Er zeichnet ein anderes Bild von Dresden, er zeigt, dass es dort an der Elbe auch ein normales Leben gibt, dass in Pegidastadt sogar so etwas wie Humor möglich ist. Insofern tut dieser „Tatort“ mehr für die Völkerverständigung als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

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