Ist 2026 noch Platz für einen weiteren Streamingdienst im deutschen Markt?
JB Perrette: Wir sind uns bewusst, dass wir das Jahr 2026 schreiben und wahrscheinlich der letzte globale Streamiganbieter sind, der auf den deutschen Markt kommt. Aber wir bringen mit HBO eine Marke nach Deutschland, die seit 50 Jahren Geschichten erzählt, wie kein anderer. Und Serienfans im deutschsprachigen Raum, aber auch Italien und ab Ende März auch Großbritannien und Irland kennen HBO natürlich, aber bekommen all diese großartigen Geschichten jetzt zum ersten Mal auch direkt - bei HBO Max. Ohne Umwege, ohne Vermittler gibt es die den neuen Programmen von Casey und seinem Team, die Filme von Warner Bros. und die große TV-Bibliothek mit legendären Serienmarken.
Andere Streamingdienste sind auch überzeugt, gute Inhalte zu haben. Was hebt HBO Max ab?
JB Perrette: Die Differenzierung liegt darin, dass wir in einem Meer der Angebote nicht volumenorientiert unterwegs sind. Bei uns dreht es sich um Qualität, nicht Quantität. Um besonderes Programm für Erwachsene und Familien. Und genau damit werden wir uns auf dem Markt von anderen unterscheiden.
Hat diese Zielgruppe denn noch Budget für einen weiteren Streamingdienst?
JB Perrette: Das ist eine berechtigte Frage. Dass viele Menschen schon Geld ausgegeben haben für andere Abonnements, ist eine offensichtliche Erkenntnis. Daher erfolgt die Markteinführung in Deutschland auch mit strategischen Partnern wie RTL Deutschland, Waipu.TV oder Amazon Prime Video. Es ist die Anerkennung der Tatsache, dass HBO Max so einfach und zugänglich wie möglich sein muss. Das Bundle mit RTL+ ist für uns eine großartige Möglichkeit den Verbraucherinnen und Verbrauchern zu sagen: „Wir wissen, dass das Geld möglicherweise knapp ist. Aber wir wollen, dass sie unser Angebot auf kostengünstige Weise nutzen können.“
Nicht alle HBO-Serien haben über die bisherigen Partner die ganz große Bühne in Deutschland bekommen. Welche HBO-Serien werden wohl Publikum locken, mal abgesehen von der neuen „Game of Thrones“-Serie „A Knight of the Seven Kingdoms“, die jetzt in Berlin Premiere feierte…
Casey Bloys: Man liebt ja alle seine Kinder gleichermaßen (lacht). Von „The Wire“ und „Die Sopranos“ über „Chernobyl“, „Succession“ oder „Watchmen“ bis zu aktuellen Serien wie „The White Lotus“, „Last of Us“ oder zum Beispiel gerade „Industry“ - und natürlich das gerade erst bei den Golden Globes erneut preisgekrönte „The Pitt“. Ich bin mir sicher, dass jeder zwischen den Klassikern und neuen Produktionen viele Stunden mit der HBO-Library verbringen kann. Egal womit man erstmals HBO für sich entdeckt hat; wir haben für jeden noch viel zu entdecken.
Mit der wöchentlichen Veröffentlichung von Serien bedient HBO Max auch im Streaming das Prinzip Vorfreude, setzt sich dem Bingewatching entgegen. Ein Alleinstellungsmerkmal?
Casey Bloys: Im linearen Fernsehen war das ja Standard. Für uns, und ich glaube auch für die Fans von HBO-Produktionen, hat sich ie wöchentliche Veröffentlichung bewährt. Wenn man an Serien wie die schon genannten oder auch „Big Little Lies“, „Euphoria“, „Game of Thrones“ oder „Mayor of Easttown“ denkt, dann hat jede einzelne Produktion von der wöchentlichen Veröffentlichung profitiert. Nur so können wir über Serienfolgen gemeinsam diskutieren; sie analysieren, sie feiern, besprechen oder auch kritisieren. Wenn wir so über Wochen „Talk of Town“ sind - warum sollten wir es anders machen? Und es gibt auch einen nicht ganz so geheimen Grund dafür.
Welchen?
JB Perrette: Wir können es uns nicht leisten, jede Woche eine brandneue Serie herauszubringen. Es ist also eine Win-Win-Situation. Außerdem bin ich überzeugt, dass wir gerade in einer Flut an Mittelmäßigkeit ertrinken. Immer mehr Masse. Und wir gehen bis zu einem gewissen Grad eben den umgekehrten Weg: Die wöchentliche Veröffentlichung ist eine Frage der Wertschätzung. Was wir herstellen, ist doch keine Fließbandware. Das ist Kulturgut. Wir möchten, dass man mit seinen Freunden darüber sprechen kann. Dass man vielleicht in Gesprächen dann auch das Interesse anderer Menschen weckt.
Casey Bloys: Wir haben das bei „The White Lotus“ gesehen, wo wir von Woche zu Woche zulegen konnten. Und das aktuellste Beispiel ist „Heated Rivalry“, was am 6. Februar auch nach Deutschland kommt. Wir profitieren durch die wöchentliche Veröffentlichung von der Mundpropaganda, Vorfreude und Spannung. Da ist eine sehr treue Fangemeinde entstanden.
Bleiben wir bei der Differenzierung: HBO Max setzt nicht auf Young Adult, wobei Ausnahmen wie „Euphoria“ die Regel bestätigen oder?
Casey Bloys: Wir zielen nicht auf das YA-Publikum ab, wie es andere tun. Aber wir haben Serien wie „Heated Rivalry“, die sehr jung ist oder eben „Euphoria“, bald mit der dritten Staffel. Wir haben also natürlich auch Serien, die sich eher an ein jüngeres Publikum richten, und wir versuchen, diese Balance zu halten. Aber wir machen kein Kinderprogramm und auch keine Serien für junge Erwachsene wie „The Summer I Turn Pretty”. Das ist ein Genre, in das wir nicht einsteigen wollen.
JB, wie viel Aufwand steckt in so einem Territory-Launch wie jetzt in Deutschland? Wie viel ist Copy&Paste aus anderen Marktstarts, wie viel zusätzliche Arbeit?
JB Perrette: Kein Markt ist wie der andere - und HBO Max deshalb auch nicht. Zum Beispiel sind wir in Lateinamerika schon lange mit Cartoon Network, Cartoonito und Discovery Kids sehr erfolgreich und präsent. Also ist HBO Max dort dann durchaus jünger positioniert, spiegelt unsere Stärken dort. Das ist einzigartig für Lateinamerika. Wir passen uns an die Märkte an, z.B. mit den angesprochenen Kooperationen. Und natürlich mit lokalen Auftragsproduktionen. Wir brauchen eine Mischung aus globalen und lokalen Inhalten. Und spannend auch für deutsche Serienfans: Man kennt vielleicht unsere großen US-Produktionen, aber wir haben schon viele starke lokale Inhalte in anderen Märkten realisiert. Die sind jetzt erstmals auch deutschen Serienfans zugänglich. Und umgekehrt werden wir die deutschen Produktionen ja auch international verbreiten.
Über die ersten deutschen Auftragsproduktionen sprachen wir schon mit Anke Greifeneder. Wie sieht es denn mit Koproduktionen aus: Ist ein Modell der Zusammenarbeit von HBO Max mit linearen FreeTV-Sendern denkbar?
JB Perrette: Wir haben damit mal in Brasilien experimentiert und eine Koproduktion gleichzeitig mit dem brasilianischen Sender SBT ausgestrahlt. Wir testen auch in Polen, wo wir mit TVN einen großen Sender haben, aber…
Casey Bloys: Sag niemals nie. Ich würde sagen, es ist wahrscheinlicher, dass wir Inhalte aus der HBO-Library später sublizenzieren. Das haben wir auch schon mehrfach erfolgreich gemacht. Koproduktionen von vornherein, also die gemeinsame Finanzierung und Auswertung innerhalb eines Marktes, sehe ich im deutschen Markt derzeit nicht. Aber wir werden sehen, wie sich die Dinge entwickeln.
Das gilt ja auch für die Zukunft von Warner Bros Discovery insgesamt.
JB Perrette: Da können wir hier alle nur gemeinsam spekulieren.
Genau, darum gehts mir. Ich wollte den Versuch auch gar nicht starten, lieber fragen: Wie motiviert man sich, wie fokussiert man sich, wenn so viel Ungewisses um einen herum passiert?
Casey Bloys: Wir sind nicht an dem Prozess beteiligt, können also nichts tun. Daher bin ich pragmatisch: Das Beste was wir tun können - egal wem am Ende Warner Bros. gehört - ist, einfach gute Serien zu produzieren. Es gibt keinen Ausgang der Ereignisse, wo das nicht wichtig wäre.
JB Perrette: Und Wochen wie diese helfen einem konzentriert zu bleiben. Wir haben viel zu tun, spüren dann bei den Launch-Events hier in Berlin und Donnerstag in Italien ganz unmittelbar, wie die Menschen auf unsere Inhalte und HBO Max reagieren. Das ist schön und macht es nicht allzu schwer, den Job zu lieben.
Letzte Frage bevor es rüber geht zur Premiere von „Knight of the Seven Kingdoms“. Würde man Ihnen eine Gastrolle in einer HBO-Serie nach Wahl anbieten, welche würden sie nehmen - und welche Rolle spielen?
JB Perrette: (lacht) Also ich mein, ich kann französisch und Mike White hat bekannt gegeben, wo wir die vierte Staffel „The White Lotus“ drehen. Also nehm ich „The White Lotus“ - aber bitte keine Figur, die gleich umgebracht wird (lacht)
Casey Bloys: Und ich wäre gern eines dieser unsympathischen Roy-Kinder aus „Succession“ spielen. (lacht)
JB, Casey, herzlichen Dank für das Gespräch.
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