Herr Schwingel, Sie sind mit der UFA vor wenigen Wochen von Potsdam-Babelsberg nach Berlin ans Schöneberger Ufer gezogen. Wie verändert sich die UFA über den Umzug hinaus?
Dieser Umzug ist Ausdruck einer strategischen Entscheidung: Wir wollen näher dran sein an den Talenten, an unseren Partnern, wir wollen eine noch stärkere und engere Vernetzung. Durch den Umzug nach Berlin möchten wir zusammenführen, was vorher deutlich mehr getrennt war: Die Administration arbeitete vermehrt in Babelsberg, die Kreativen in Berlin. Unser Wandel ist nicht nur ein logistischer, sondern auch ein kultureller. Dabei lautet die wichtigste Erkenntnis: Die Transformation ist kein Projekt, das irgendwann abgeschlossen sein wird, sondern von nun an Dauerzustand. Das macht unser neues Domizil sichtbar, fühlbar und erlebbar.
Ein großer Schritt, der vor dem Hintergrund einer angespannten Marktlage erfolgt. Wie geht es der UFA wirtschaftlich?
Der UFA geht es gut bis sehr gut. Wir können aktuell für das Jahr 2026 eine Umsatzsteigerung prognostizieren und werden auch ein Plus beim Ergebnis schaffen. Natürlich spüren wir, wie groß die Herausforderung ist, der wir uns stellen müssen. Aber unser Fokus bleibt: "Protect & Grow the Core" und "Create New Business". In beiden Säulen verzeichnen wir derzeit Wachstum.
Also auch in der klassischen Fernsehproduktion?
Ja. In Ungarn beispielsweise, wo wir gerade das zehnjährige Jubiläum unserer Tochter UFA Produkció gefeiert haben, ist es uns nach längerer Zeit gelungen, eine neue Daily zu platzieren. Wir fangen in wenigen Wochen mit dem Dreh an und stellen dieses Jahr die ersten hundert Folgen her. Auch die UFA Mitte in Leipzig hat gerade eine Ausschreibung gewonnen und wird künftig für den MDR den "Polizeiruf 110" in Magdeburg produzieren. Wir sind also in der Lage, unser Kerngeschäft extrem gut zu verteidigen. Dazu zählen natürlich auch unsere drei deutschen Dailies für RTL, die zwar unter wirtschaftlichem Druck stehen, weil der Werbemarkt so ist, wie er ist, aber gleichzeitig für Top-Reichweiten sorgen, insbesondere im Streaming bei RTL+. "Where's Wanda?" geht in eine zweite Staffel, die dritte Staffel von "Maxton Hall – Die Welt zwischen uns" wurde gedreht, "DSDS" haben wir um eine Reality erweitert und freuen uns auf das Finale am 9. Mai. Und vieles andere mehr.
Zwischen Kostensteigerung und Budgetdruck ist es schwieriger geworden, aus dem Produktionsumsatz die entsprechende Wertschöpfung zu ziehen.
Unsere Stärke ist die Verbindung aus Effizienz, zukunftsorientierter Technologie sowie Produktionsagilität. Durch unser Daily-Geschäft und die vielen wertvollen Programmmarken ist die UFA eine unfassbar gut geölte Maschine. Dennoch bleibt die Aufgabe, Menschen, Strukturen und Prozesse immer wieder so auszutarieren, dass wir klug und effizient auf die Veränderungen des Marktes reagieren können. Daran arbeiten wir dauerhaft. Auf der einen Seite müssen wir versuchen, Prozesse zu verschlanken, und auf der anderen Seite bauen wir neue Teams auf und holen neue Expertise ins Unternehmen.
© UFA
Besuch in der neuen UFA-Zentrale: CEO Sascha Schwingel mit DWDL.de-Chefreporter Torsten Zarges
Im Rahmen Ihres Zielbild-Prozesses "UFA 2030" haben Sie die konzerninternen Unternehmensberater von Bertelsmann Management Consulting für ein Projekt namens "Lumen" engagiert. Was hat es damit auf sich?
Das Projekt "Lumen" haben wir im November gestartet und erwarten die ersten Ergebnisse im Spätsommer. Dabei geht es eben genau um das bestmögliche Zusammenspiel von Menschen, Prozessen und Strukturen. Ich vergleiche das gern mit einer Vorsorgeuntersuchung beim Arzt: Man wartet idealerweise nicht, bis man krank wird, sondern geht hin, damit es einem auch in den nächsten Jahren noch gut geht. Die UFA hatte sich jetzt schon länger nicht mehr richtig durchchecken lassen. Wir tun das aus eigenem Antrieb und haben uns für die Kollegen von BMC entschieden. Sie verstehen unser Geschäft sehr gut und gleichzeitig sind sie wirtschaftlich für uns deutlich attraktiver als klassische externe Beratungsunternehmen.
Der Tenor seitens RTL, ProSiebenSat.1 und anderer Auftraggeber ist, dass Produktion – nicht zuletzt durch KI – deutlich günstiger werden muss und dass hierzulande immer noch mit zu viel Aufwand produziert wird. Wie viel können Sie noch rausholen, ohne schlechtere Produktionen abzuliefern?
Wir stehen als Branche noch am Anfang dieses Prozesses und sind gerade alle miteinander dabei, das herauszufinden. Innerhalb der Branche neigen wir ja dazu, auf Details zu achten, die für ein Fachpublikum relevant sind, vom Publikum zuhause aber oft gar nicht wahrgenommen werden. Deshalb müssen wir uns in allen Bereichen ehrlich fragen, wo zusätzlicher Aufwand tatsächlich einen wahrnehmbaren Mehrwert für das Publikum schafft und wo nicht. Künstler werden immer für die bestmögliche Qualität ihres Produkts kämpfen, was auch richtig ist. Auf der anderen Seite müssen wir uns intensiv damit beschäftigen, wie wir unsere Produktionen bei gleichbleibender Qualität wirtschaftlicher anbieten können. Wir sind mitten in diesem Lernprozess und das Potenzial ist da, ohne dass die Qualität zwangsläufig leidet.
Wir haben uns bewusst dafür entschieden, unsere Führungsorganisation weiterzuentwickeln, um schneller auf zukünftige Anforderungen reagieren zu können.
UFA-CEO Sascha Schwingel
Welche Erfahrungen haben Sie damit bisher gesammelt?
Nur ein Beispiel: Unsere Dailies setzen seit einiger Zeit ein Audio-Tool von Eleven Labs ein, das Störgeräusche in der Mischung automatisch herausfiltert. Das führt dazu, dass man die Dreharbeiten nicht mehr unterbrechen muss, etwa wenn ein Flugzeug übers Set fliegt oder andere ungewollte Hintergrundgeräusche auftreten. So werden Abläufe stabiler. Das gilt es jetzt systematisch auf alle UFA-Produktionen auszurollen. Wichtig dabei ist, dass es nicht darum geht, kreative Leistungen zu ersetzen, sondern Prozesse effizienter zu machen und Teams zu entlasten. Christian Rohde, der im Oktober 2025 als Chief of Staff and Transformation Officer zur UFA kam, ist in dieser Funktion dafür verantwortlich, unsere KI-Strategie weiterzuentwickeln und gruppenweit zu implementieren. Unterstützt wird er dabei von einem jungen, fokussierten Team, das wir eingesetzt haben und das uns dabei hilft, KI-Tools und -Prozesse konsequent in alle Abläufe zu integrieren.
Zum Umbruch bei der UFA gehört auch, dass langjährige Mitarbeiter die Geschäftsführung verlassen haben: Ulrike Leibfried, Sebastian Werninger, Jörg Winger. Was ist die Ratio dahinter, sich von solchen Leistungsträgern zu trennen?
Diese Entscheidung ist strukturell begründet. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, unsere Führungsorganisation weiterzuentwickeln, um schneller und flexibler auf zukünftige Anforderungen reagieren zu können. In jedem Einzelfall waren das komplexe Entscheidungen. Die gemeinsamen Zukunftsperspektiven sehen jeweils unterschiedlich aus, aber unser Anspruch und unser Wunsch ist es, auch künftig zusammenzuarbeiten, wo es inhaltlich und strategisch sinnvoll ist. Es steht ja außer Frage, dass diese sehr geschätzten Kolleginnen und Kollegen maßgeblich dazu beigetragen haben, dass die UFA heute so stark aufgestellt ist. Dafür sind wir, und bin ich persönlich, ihnen sehr dankbar.
© UFA
"Komplexe Entscheidungen": Jörg Winger, Ulrike Leibfried und Sebastian Werninger sind ausgeschieden
Haben Sie jetzt die Führungsstruktur, die Ihnen vorschwebte?
In der Tat bin ich froh, dass wir im Management ebenso schlagkräftig wie komplementär aufgestellt sind. Mit Markus Brunnemann und Nataly Kudiabor in Berlin sowie Katharina Rietz in Leipzig haben wir drei Fiction-Geschäftsführer, die im Alltag strategisch vernetzt als "One Drama" agieren. Vanessa Schmit und Sascha Rustmeier bilden ein exzellentes Duo für die UFA Show & Factual in Köln. Vanessa ist stark im kreativen Geschäft und hat große Reality-Expertise, Sascha im New Business und Digitalgeschäft. Auf Holdingebene arbeite ich zusammen mit Christian Rohde, unserem neuen CFO Philipp Brix und seit April mit Nina Schütt, mit der wir erstmals eine zentrale Position als Head of Legal & Business Affairs eingeführt haben. Zudem haben wir seit April zentrale Expertise fürs Digitalgeschäft im Haus – mit Madeline Müller, früher unter anderem Head of Social Media Entertainment bei RTL, als Group Head Digital Platforms.
Vanessa Schmit hat ein neues Dating-Reality-Format entwickelt, bei dem wir die Merchandising-Rechte behalten und eigene Produkte auf den Markt bringen werden.
UFA-CEO Sascha Schwingel
Die erst vor einem Jahr gegründete UFA Good Games ist schon wieder Geschichte. Und UFA Documentary ist nicht mehr bei der UFA Show & Factual eingegliedert, sondern wieder eigenständig in Berlin. Warum diese Änderungen?
Transformation heißt auch, Neues auszuprobieren und bei Bedarf frühzeitig nachzujustieren. Mit UFA Good Games hatten wir ein eigenständiges Label für die Entwicklung von E-Sports- und Creator-Formaten geschaffen, aber im Alltag relativ schnell gemerkt, dass eine solche Parallelstruktur nicht hilfreich für die Vernetzung innerhalb der Gruppe war. Deshalb haben wir mit Jörg Adami und Christian Körner vereinbart, diese Struktur wieder aufzulösen. Natürlich verfolgen wir die entsprechenden Themen trotzdem intensiv weiter – allerdings gebündelt in der Unit UFA Branded, die unter Leitung von Sascha Rustmeier ebenfalls voriges Jahr in Köln entstanden ist. Für die operative Steuerung und gruppenweite Vernetzung sorgt dort Christoph Assauer als Executive Director.
Was können wir denn an Branded- und Creator-Content erwarten?
Vanessa Schmit hat ein neues Dating-Reality-Format entwickelt, bei dem wir die Merchandising-Rechte behalten und eigene Produkte auf den Markt bringen werden. Und mit DLS Consulting entwickeln wir das Quiz-Format "Ich weiß nix, aber ich kenn viele": Zwei Creator treten auf Twitch gegeneinander an und werden bei der Beantwortung der Quizfragen von ihrer jeweiligen Community unterstützt. Das sind nur zwei Beispiele aus dem Bereich Digital Content und Branded Content.
Und was passiert bei der UFA Documentary?
Das Label UFA Documentary hat sich innerhalb der UFA Show & Factual sehr gut entwickelt. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass eine noch konsequentere Vernetzung wünschenswert wäre, um das Potenzial noch besser ausschöpfen zu können. Die zentrale Frage war: Warum bespielen wir die UFA Documentary nicht von überall dort, wo die Ideen entstehen? Vor diesem Hintergrund haben wir das Label konsequent als bereichsübergreifende Plattform ausgerichtet, das kreative Impulse aus dem gesamten Unternehmen zusammenführt und stärker vernetzt. Inhaltlich arbeiten wir aktuell an sehr unterschiedlichen Projekten, beispielsweise in einer exklusiven Zusammenarbeit mit der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung an einem Film zu "100 Jahre Metropolis" sowie an einer Doku-Reihe über den Frauenfußballverein Viktoria Berlin. Ein weiteres Highlight ist der Film über einen legendären Spielerberater, der den Profifußball über Jahrzehnte geprägt hat, und es wird zeitnah Neues von und mit Dirk Steffens geben.
Herr Schwingel, herzlichen Dank für das Gespräch.
Mehr zum Thema
von



