Das Seriencamp geht am 9. Juni mit Conference und Festival in die 12. Staffel. Frage an den künstlerischen Leiter bzw. die Head of Story Exchange & Submission Conference: Was hebt die Veranstaltung Eurer Meinung nach ab?

Gerhard Maier: Es sind mehrere Punkte, die uns wichtig sind: Wir wollen weit vor dem Finished Product eine Plattform für Projekte und Talent sein und die Themen der Transformation und des Strukturwandels aufgreifen, die den audiovisuellen Bereich gerade betreffen, dabei die Serienbranchen natürlich ganz besonders. Das Ganze wollen wir tun in einer entspannten Atmosphäre des Cinenova und Herbrands in Köln-Ehrenfeld, die sich abhebt von einigen der anderen Veranstaltungen, auch im Sinne eines niedrigschwelligen Zugangs. Und so ganz bewusst auch Möglichkeiten schafft, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die man vorher vielleicht nicht kannte. Das unterscheidet uns von den Hallen manch anderer Veranstaltung.

Also Creativity before Sales?

Gerhard Maier: Genau, da kommen wir auch her. Aber das Eine geht nicht ohne das Andere. Wir achten darauf, die Balance zu halten. Als das Seriencamp entstand, war unser Hauptfokus auf Autorinnen & Autoren, auf den Creative Producern, weil es eh keine Serienveranstaltungen gab, aber besonders nicht, in denen die Themen behandelt worden sind, die für uns interessant sind. Was ist das Handwerk hinter einer guten Serie? Was braucht es dafür? Was muss getan werden, damit wir noch besser werden können? Den Fokus haben wir nie aus den Augen verloren. Es bleibt uns extrem wichtig, Autorinnen & Autoren eine Bühne zu geben, die ihnen mindestens so sehr gebührt wie den auftraggebenden Sendern oder Streamern. Da achten wir auf die Balance - und gehen mit unseren kleinen Workshop-Formaten im Bahnhaus auch in den ganz konkreten Deep Dive für Kreative und praxisnahe Themen rund um die Frage, was sich in dem Bereich des Handwerklichen tut.

Wie würdet Ihr die Stimmung in der Branche 2026 beschreiben?

Gerhard Maier: Wir stehen im Austausch mit vielen anderen Konferenzen und Märkten, die auch in unserem Netzwerk sind, wie TV Drama Vision, CineLink, Serielizados, Iberseries oder MIA Market. Das übergeordnete Bild was sich derzeit ergibt: Es ist schwerer geworden und weniger mutig in vielen Bereichen bzw. man besinnt sich mehr auf das, was man als sichere Bank betrachtet. Das bildet sich auch bei unserem Story Exchange ab.

Helena Paulina Reiche © Seriencamp
Helena Paulina Reiche: Ich schließe mich da total an. Die Einreichungen sind mit mehr als 500 Projekten aus 53 Ländern für den CoProduction Pitch und Writers Vision Pitch so hoch wie nie, was dem auf den ersten Blick ein wenig widerspricht. Was im Rahmen der Evaluation der Einreichungen auffällig war, dass die Writers-Sektion deutlich wilder und breiter ist als im CoProduction-Pitch. Warum? Um bei CoPro einreichen zu können, muss man eine gewisse anteilige Finanzierung mitbringen als Projekt oder im besten Fall hat man Broadcaster oder einen Streamer attached. Und da bildet sich dann ab, was Gerhard sagte: Die bereits finanzierten Stoffe sind etwas konservativer als in Vorjahren. Wir haben gemeinsam mit unserer Jury dann im Auswahlprozess versucht, eine Range abzubilden zwischen sehr kreativen und eher sicheren Projekten im Writers-Pitch und gleichzeitig beim CoPro-Pitch den Marktgegebenheiten gerecht zu werden. 

Gibt es inhaltliche Trends zu beobachten?

Helena Paulina Reiche: Es gibt jedes Jahr gewisse Schwerpunkte. In diesem Jahr fiel am ehesten auf, was auch beim Writers Pitch nicht mehr dabei ist: Das Postapokalyptische ist weniger geworden. Aber ansonsten war viel Unterschiedliches dabei und das macht den Reiz der beiden Wettbewerbe aus, weil wir beim Writers Pitch den Platz haben für Ideen, bei denen man zwar eine Realisierbarkeit sieht, die aber vielleicht noch nicht so dem Markt angepasst sind. Wir hatten auffällig viele historische Stoffe, was angesichts der aktuellen Finanzierungslage fast überrascht, weil solche Produktionen bekanntermaßen sehr kostenintensiv sind. Gleichzeitig gab es viele Geschichten über das Leben zwischen zwei Welten - also Figuren im Übergang, zwischen Identitäten, Gesellschaften oder auch ganz buchstäblich zwischen verschiedenen Realitäten, viele Erzählungen, die gewissermaßen zwischen Himmel und Erde angesiedelt waren. Insgesamt war der fantastische Anteil unter den Einreichungen genreübergreifend deutlich größer als noch im vergangenen Jahr.

 

„Projekte, die wir vor der Pandemie in Auftrag gegeben haben, würden wir heute nie wieder machen“

 

Ich frage mich: Nennt man gewisse Stoffe vielleicht nur deshalb konservativer, weil sie einer älteren Generation vielleicht bekannt vorkommen, aber eine neue Generation gewisse Genres erstmals entdeckt?

Gerhard Maier: Hmm, ich würde eher sagen: Im Sichtungsprozess für das Festival haben wir in den letzten Jahren einige hundert Serien gesehen und natürlich sticht da dann alles, was etwas formelhafter ist, nicht so heraus. Aber ja, eine anderer Aspekt, den wir auch im Austausch mit Kuratorinnen und Kuratoren anderer Konferenzen und Festivals feststellen: Das Konsumverhalten von Serien und Filmen verändert sich, mit ihm gelernte Ökosysteme und auch die Frage, welche Rolle einzelne Glieder der Produktionskette künftig spielen. Wen erreiche ich in dieser Welt wie?

Kriege und Ungewissheiten in der Welt sorgen für mehr Nachfrage nach Comfort Watching. In diese Perspektive passt ja auch der Boom von Micro Drama, aber auch der Soap-Boom im New Adult-Segment...

Gerhard Maier: Wir hören in vielen Gesprächen Sätze wie „Projekte, die wir vor der Pandemie in Auftrag gegeben haben, würden wir heute nie wieder machen“.  Einfach weil die Zeit, in der man etwas aus Prinzip anders gemacht hat, nur damit es anders ist und so besonders heraussticht, vorbei ist. 

Warum?

Gerhard Maier: Weil das nicht automatisch ein Erfolg war. Also erleben wir eine Suche nach Sicherheit und eine viel stärkere Orientierung daran, was das Publikum überhaupt will. Und wie man das Publikum erreichen kann. Und dann haben wir in Deutschland bzw. Teilen Europas noch einen anderen Effekt, bedingt durch die Altersstruktur der Gesellschaft. Wenn man sich Formate aus China oder Südkorea anschaut, dann ist man da gerade sehr viel mutiger, probiert neue Formen aus. Und weil das wieder so anders ist als bei uns gerade, schauen wir dort so interessiert hin.

Stichwort Micro Drama: Was ist der Kern dieses Phänomens?

Gerhard Maier: Einer der Gründe, warum Micro Drama gerade so erfolgreich ist, sind die ständigen iterativen Prozesse dahinter. Wir sehen ein Medium, dessen kreative Prozesse ständig angepasst werden anhand von Datenanalyse. Was wird geschaut? Wo springen die Leute ab? Da werden Formeln angepasst, nach Nachfrage produziert. Die Feedback-Loops zwischen Kreation und Publikum sind da extrem geworden, weil die Leute inzwischen über Social Media aber auch über Literatur-Plattformen wie Wattpad oder Webtoon gewohnt sind, sich einzubringen. Und es irgendwie auch erwarten. Und dem steht eine Branche gegenüber, die lange gewohnt war, in Ruhe zu entwickeln, zu produzieren und nach zwei Jahren auf den Markt zu bringen, was hoffentlich ein Publikum finden wird. Oft ohne bestehende Connection zum Publikum. Das ist die größere Frage, die sich aus dem Trend ableitet - die wir hoffentlich ausführlicher beleuchten können beim Seriencamp.

Helena Paulina Reiche: Die Feedback-Schleifen, aber auch das Tempo der Inszenierung und die Berücksichtigung des Schauverhaltens - das trifft, wie Gerhard schon sagt, ja auf eine Kreativszene bei der bislang oft die Schere im Kopf aufging zwischen dem, was man sich selbst vorstellt und dem was der auftraggebende Sender oder Streamer haben will. Da gibt es ja durchaus auch kreative Vorbehalte, einem Auftrag zu folgen. Micro Drama lebt aber davon, Erwartungen zu erfüllen.

Gerhard Maier: Über das Thema könnten wir noch lange reden.

Gerne, ich halte Dich nicht auf...

Gerhard Maier: Wir hatten das Thema 2018 bei der Seriencamp Conference, damals mit Beispielen von Snapchat und iQiyi aus China. Das war schon interessant zu beobachten, wie das nicht nur zur Bewerbung von horizontalen klassischen Formaten genutzt wurde sondern schon eigene Formate und Formen entstanden. Jetzt Fast Forward: 2026 erleben wir eine sehr große Begriffsunschärfe zwischen Micro Drama und Vertical Social. Zwischen Storytelling auf Instagram oder TikTok und dem Geschäftsmodell von Micro Drama mit Fortsetzung hinter der Paywall ist ja nochmal ein Unterschied. 

Micro Drama ist mindestens so viel Geschäftsmodell wie kreativer Prozess…

Gerhard Maier: Die wenigsten Leute verstehen, dass es beim Geschäft mit Micro Drama um Economics of Scale geht. Wenn ich auf die Produktionsfirmen schaue, die für die großen Anbieter wie Drama Box und ReelShort arbeiten, dann machen die in zwei Jahren fünfzig oder mehr Micro Dramas, dann funktioniert das als Geschäftsmodell. Als Produktionsfirma zu sagen: Ich mach jetzt mal eine Produktion und hoffe, dass das meine Firma rettet oder neuer Revenue Stream wird, sehe ich als schwierig. Da wurde dann möglicherweise nicht verstanden, womit man bei Micro Drama das Geld verdient. Da reichen vertikal gefilmte, kurze Geschichten allein nicht. Das Geschäft ist extrem datengetrieben, es ist sehr stark ausgerichtet, sich an diese Plattformen und die Nutzung anzupassen. Das verändert den gesamten kreativen Prozess, vom Einsatz von KI mal ganz abgesehen.

Und doch ist das Thema auf der Seriencamp Conference gar nicht so präsent?

Gerhard Maier: Wir haben uns bewusst dagegen entschieden als nächste Konferenz die großen Vertical-Plattformen einzuladen, weil wir vor dem geschilderten Hintergrund ein bisschen Angst haben, dass die überrannt werden von Leuten, die nicht verstehen, was Micro Drama ist. Ich glaube da ist es wertvoller, das Verständnis erstmal zu schärfen und zu vertiefen.

 

"Wir wollen pragmatischen Lösungen eine Bühne geben."

 

Du hast KI angesprochen. Keine Fachkonferenz kommt ohne aus. Und doch: Welchen Ansatz nimmt man?

Gerhard Maier: (lacht) Ich denke, jetzt im Jahr 2026 über Künstliche Intelligenz zu reden, ist ein bisschen wie im Jahr 2005 über dieses Internet zu reden. Uns geht es darum, konkrete Beispiele und Workflows zu zeigen. Nicht darüber zu philosophieren, was in zwei Jahren sein könnte und wohin die Reise gehen wird - sondern reale Produktionen zu dokumentieren, bei denen KI eingesetzt wurde und wie. Beispiele konkreter Arbeitsprozesse sind meiner Meinung nach wertvoller für die Kreativen als sich Visionen anzuhören. 

Helena Paulina Reiche: Weil Du eingangs gefragt hast, was uns abhebt bzw. worauf wir Wert legen. Wir wollen in allen Programmpunkten darauf achten, nicht nur Probleme aufzuzeigen sondern mit Case Studies oder Impulsen darlegen, wie mit der Situation umgegangen werden kann und wie man weiterdenken und profitieren kann. Wir wollen pragmatischen Lösungen eine Bühne geben.

Die diesjährige Preisträgerin des Deadline German Disruptor Awards, Anke Greifeneder, will nach eigener Aussage öffentlich gar nicht erklären, wonach HBO Max suche, weil sie dann nur das eingereicht bekomme, was sie sich gewünscht habe. Quasi der Gegenentwurf zur Herangehensweise bei Micro Drama…

Gerhard Maier:  Ja, in gewisser Weise stimmt das. Anke ist seit Anfang an eine Freundin des Seriencamps, war 2016 mit einer Preview zu „4 Blocks“ bei „Work in Progress“. Sie hat bei TNT Serie und dann Warner TV Serie mutige Projekte im PayTV realisiert, Preise gewonnen und damit auch den Weg für andere frei gemacht. Das macht sie, würde ich sagen, zur würdigen Preisträgerin des German Disruptor Awards von Deadline. Und wir sind natürilch gespannt, was HBO Max in Deutschland vor Ort und wie sich das dann in Projekten abbilden wird, etwa bei „4 Blocks Zero“ oder „Struwwelpeter“. 

Das Seriencamp feiert auch eine Vielzahl von Premieren: Prime Video, HBO Max, ARD, ZDF bringen Serien mit nach Köln. Was sind Eure Highlights?

Helena Paulina Reiche: Wir haben das Festival in diesem Jahr wieder deutlich hochgefahren und es dürfte für jeden was dabei sein. Weltpremieren von „All Heroes Are Bastards“ (btf für ARD), „Back for more“ (Studio Zentral für ZDFneo), „Club der roten Bänder - die nächste Generation“ (Bantry Bay für RTL+), „Serial Cleaner“ (Story House für ZDFneo) und „Westend Girl“ (Flare Film für ARD) sowie die Premiere des nächsten Storytellers-Projekt von RTL+: „Mermaids to Lovers“. HBO Max feiert die Deutschland-Premiere von „Braunschlag 1986“ (Superfilm). und Prime Video zeigt erstmals „Game of Keys“ (UFA Fiction). Und es gibt noch viel mehr. Grundsätzlich lieben wir natürlich Full Circle Momente, also wenn bei uns im Writers Pitch ein Projekt gepickt wird und wir es später wieder bei uns begrüßen können. Wie zum Beispiel bei „Find Me“ von Anthill Road für das ZDF, die diesmal kurz vor Drehstart in einer kleinen Session im Bahnhaus sitzen. Wir wollen gerne mit der Community und den Kreativen, die bei uns waren, in Kontakt bleiben und ihnen und ihren Projekten später wieder eine Bühne geben.

Gerhard Maier: Wir haben bei den ersten Seriencamps, bei denen wir Autorinnen und Autoren die Bühne gegeben haben, schon gemerkt, wie sehr das Verbundenheit schafft. Und dann haben wir schon mehrfach Premieren dieser Projekte erlebt und es ist schön das Feedback zu hören. Das ist das beste Marketing, das wir bekommen können.

In diesem Jahr wird das Seriencamp um eine neue Konferenz erweitert: Plot Next. Warum und um was geht's?

Gerhard Maier: Wir hatten schon im Jahr 2018 in München eine Veranstaltung, die eben Plot18 hieß und interdisziplinär auf Storytelling geschaut hat. Damals gab es unheimlich positives Feedback, da wir Technologie, Storytelling, Dokumentarisches, Marketing, Institutionen & Kreative zusammengebracht haben. Es gibt, etwa im Bereich KI, unheimlich viele Trends oder Tendenzen zu beobachten, wenn man stärker interdisziplinär schaut. Also wenn man sieht, was passiert in Musik, Animation und was bedeuten die neuen Produktionsumgebungen. Mit Plot Next am 11. und 12. Juni wollen wir das jetzt als eigenständiges Modul ans Seriencamp andocken, um damit auch nochmal ein neues Publikum anzusprechen. Wir bauen damit diese Woche in Köln aus, die am Montag vor unserer Eröffnung ja jetzt auch noch mit Story Vision Europe von Produktionsallianz und Film- und Medienstiftung NRW komplettiert wurde. Und Plot Next wird nach den zwei Tagen in Köln auch als Format auf Reisen gehen: Im Juli erstmals in Karlsbad. Deswegen haben wir das bewusst als eigenes Label aufgesetzt.

Gerhard, Helena, herzlichen Dank fürs Gespräch.

Das 12. Seriencamp findet vom 9. bis 11. Juni 2026 mit Conference und Festival in Köln-Ehrenfeld statt. Informationen zur Veranstaltung sowie Tickets gibt es auf der Website des Seriencamps.