Herr Weimer, welches Signal geht von den heutigen Kabinettsbeschlüssen aus? Ist das jetzt der große Wurf für den Produktionsstandort Deutschland?

Es ist ein großer Durchbruch in der deutschen Filmpolitik, wahrscheinlich die größte Veränderung seit zwei Jahrzehnten. Wir setzen die Filmpolitik auf ein völlig neues Gleis, verdoppeln die staatliche Filmförderung – auf 250 Mio. Euro - und schaffen zum ersten Mal ein Mediendienste-Investitionsverpflichtungsgesetz, das die Streamer, die großen Sendergruppen und die Öffentlich-Rechtlichen in die Pflicht nimmt, deutlich mehr in Deutschland zu investieren. Der Rahmen, der damit gesetzt wird, erzeugt ein neues Marktdesign für die deutsche Filmwirtschaft, sodass wir davon ausgehen können, in den kommenden Jahren erheblich mehr Investitionen zu erleben als in den vergangenen. 

Wer hat bei dem Kompromiss jetzt gewonnen: Die Streamer, der Produktionsstandort oder sehr viele Juristen, die sich damit beschäftigen werden?

Der Produktionsstandort Deutschland hat gewonnen, denn darum ging es. Da waren sich alle Beteiligten einig. Die darbende Branche braucht einen Impuls. Sie braucht etwas Fundamentales, das wirkt. Und wie kriegen wir möglichst große Summen jetzt in kurzer Zeit in den deutschen Filmstandort? Das war das Hauptziel und dem dient jetzt auch der gefundene Kompromiss. Deswegen bin ich mit dem sehr froh, weil wir nach unseren Kalkulationen, Vorabsprachen und auch Zusagen bis zu 15 Milliarden Euro Investitionen in den kommenden fünf Jahren erwarten können. Wir bekommen einen echten Filmbooster! Das kann der gesamten Branche einen Schub geben - spürbar in allen Gewerken, von Schauspielerinnen über Beleuchter bis hin zum Regisseur, von den Produzenten bis zu den Studios. An der Küste würde man sagen: Die Flut, die da kommt, wird alle Boote heben.

 

"Wer hier groß im Geschäft ist und ein großes Publikum erreicht, sollte auch hier investieren"

 

Die jetzt freigegebenen Filmfördermittel des Bundes in Höhe von 250 Millionen Euro sind das eine Thema. Wenn es aber um die Investitionsquoten von acht bzw. zwölf Prozent gibt es Zweifel, ob das eine Flut wird und nennenswerte Mehrinvestitionen zu erwarten sind. Was entgegnen Sie?

Es geht um die richtige Balance. Wir haben in Europa Ländern, die gar keine Investitionsverpflichtung haben, andere haben das. Die durchschnittliche Verpflichtungsquote liegt sogar unter den 8 Prozent. Na klar kann man viel diskutieren, welches ist das richtige Maß? Mir war es wichtig, eine Verpflichtung zu schaffen, die ein Bekenntnis zu Deutschland darstellt. Wer hier groß im Geschäft ist und ein großes Publikum erreicht, sollte auch hier investieren.  

Das tun einige Anbieter ja durchaus schon. Daher ja die Sorge etwa im Produktionsmarkt, dass die Quote jetzt nicht viel verändern wird…

Sie darf halt nicht so ausgestaltet sein, dass es restriktiv ist. 

Warum?

Eine zu hohe Quote kann auch dazu führen, dass subventioniert am Markt vorbei produziert wird, nur um Ziele zu erreichen. Und deswegen ist der Kompromiss ein moderater Satz, eine Öffnungsklausel ab 12 Prozent, die motiviert, mehr zu investieren. Ich möchte ein Klima, das Investoren einlädt und nicht abschreckt. Das ist im Grunde der Kern der Balance, die wir gefunden haben. Da haben die Koalitionsfraktionen mich sehr unterstützt. Nach den Gesprächen jetzt auch in den parlamentarischen Abstimmungen mit den Verbänden und den Betroffenen haben ich ein gutes Gefühl, dass alle Beteiligten mit dem gefundenen Weg gut arbeiten und voran gehen können. Darum geht es doch! 

Erwarten Sie also keinen juristischen Widerspruch der Streamer gegen das Gesetz?

Also zunächst mal ist der heutige Tag wichtig, nicht nur wegen des Beschlusses des Bundeskabinetts sondern auch weil damit Fördergelder von 250 Millionen Euro plus die kulturelle Förderung, also letztlich mehr als 300 Millionen Euro freigegeben sind. Die Schleusen für Investitionen in den deutschen Film sind geöffnet. Und wir haben schon in den letzten Monaten gemerkt, dass sich etwas tut, dass mehr Anträge kommen, dass mehr Bewegung im Markt ist - in Erwartung unseres Handelns. Deswegen ist der heutige Tag wichtig. Es liegt jetzt an den Produzenten, Studios und Investoren etwas draus zu machen. 

 

Die US-Amerikaner sind Profis und verstehen, dass es in Europa in verschiedenen Märkten unterschiedliche Ordnungspolitik gibt

 

Das sind die freigegebenen Fördermittel. Mir ging es jetzt um das Mediendienste-Investitionsverpflichtungsgesetz…

Da geht es jetzt ins parlamentarische Verfahren, aber dadurch, dass wir die Parlamentarier sehr früh eingebunden haben, erwarten wir keine großen Änderungen. Das wird im Parlament, so meine Erwartung, sehr wahrscheinlich sehr schnell ohne größere Streitigkeiten durchgehen. Und auch nach den Rücksprachen mit den Verbänden bin ich optimistisch. Es kann immer sein, dass im Laufe der Jahre mal eine Rechtsprüfung stattfindet, das gehört aber mehr oder weniger dazu. Wir haben sowieso eine Evaluierungsphase in das Gesetz eingebaut. 

Sie rechnen also nicht mit Protest, etwa aus den USA?

Mit den US-amerikanischen Partnern haben wir im Verfahren auch früh Gespräche geführt. Mein Eindruck ist, dass die jetzt gefundene Lösung als moderat und verträglich angesehen wird. Im Vergleich zu Frankreich bleiben wir weit hinter den Regelungen dort. Und wir haben mit der Öffnungsklausel ein Element, was einlädt zur Investition. Die US-Amerikaner sind Profis und verstehen, dass es in Europa in verschiedenen Märkten unterschiedliche Ordnungspolitik gibt. Ich halte das jetzt im transatlantischen Verhältnis für unproblematisch. 

Weil es oft unter Filmförderung subsummiert wird: Das neue Gesetz ist genre-agnostisch, nicht auf Film beschränkt, richtig?

Ganz genau. Es geht um die ganze Bandbreite, in den Genres wie auch den betroffenen Anbietern. Es ist ja eben kein Netflix-Gesetz; es geht nicht alleine um die US-Streamer. Auch die deutschen Sendergruppen ProSiebenSat.1, RTL Deutschland aber auch die Öffentlich-Rechtlichen handeln jetzt nach dieser Regelung. Genau vor dem Aspekt, also dass die Regelung alle gleichermaßen behandelt, kann das jeder verantwortlich akzeptieren.

Was ich mir noch schwer vorstellen kann, ist die Offenlegung der Umsätze und Gewinne einiger internationaler Player.  

Wir können auch so mehr Markttransparenz erreichen. 

Da bin ich sehr gespannt. Was passiert eigentlich, wenn die Quote nicht erfüllt wird?

Dann gibt es eine entsprechende Ersatzzahlung, die ist geregelt.

Aber wenn ich das richtig sehe, ist bislang nur festgehalten „Bei Nichterfüllung der Verpflichtungen kann die Filmförderungsanstalt eine Ausgleichsabgabe erheben“?

Ja, so ist die Regelung dazu im Gesetz. Die FFA erhebt diese Ersatzleistung. Ich gehe aufgrund der moderaten 8 Prozent aber davon aus, dass es kaum notwendig werden wird. Ich bin ziemlich sicher, es werden alle die Quote erfüllen. Und wir gehen auch davon aus, dass alle die 12 Prozent erfüllen werden. Das ist ja mein Ziel. Ich will gar nicht, dass sie sich zwischen 8 und 12 Prozent mit Subquoten rumschlagen müssen. Die Verlockung ist, deutlich über 12 Prozent zu liegen und frei handeln zu können. Bei Amazon Prime oder Netflix gibt es zum Beispiel mehrere Serien aus Deutschland, die international erfolgreich sind. Ich bin mir sicher, das kriegen wir hin.  

Herr Weimer, herzlichen Dank für das Gespräch.