Fabian, du bist ein Urgestein in der Webvideo-Szene und eine der wenigen moralischen Instanzen auf Social Media. Wie hat sich dein Wertekompass in all den Jahren verändert?

Schon als Jungendliche, die Videos im Internet posten, war uns bewusst, dass wir eine Verantwortung tragen – auch wenn sie da natürlich in einem überschaubaren Rahmen war. Am Anfang haben wir das vielleicht ernster genommen, als man es mit 13 oder 14 hätte tun müssen. Wir hatten ganz klare Grenzen, die wir nicht überschritten haben, ein moralischer Kompass war also schon sehr früh da. Der Sprung in die politische Berichterstattung zwingt einen dann gewissermaßen dazu. Einem “Newsfluencer” folgst du sehr schnell nicht mehr, wenn du mitbekommst, dass er privat ein rücksichtsloser Typ ohne jedwede Moral ist.

Findest du, dass sich alle Accounts mit hoher Reichweite an gewisse journalistische Standards halten müssten?

Die Frage ist doch nicht, wie wir das selbst bewerten, sondern wie das im Zweifel ein Gericht bewertet. Jeder darf sich auf die Fahne schreiben, was er will. Dementsprechend ist es auch bei mir völlig egal, ob ich sage, dass ich “Newsfluencer”, “Influencer” oder “Politik-Creator” bin. Wenn ich einen Politiker interviewe, der die NS-Vergangenheit verharmlost und ich strahle das ohne jegliche Einordnung aus, dann bekomme auch ich Post, sobald das jemand bei einer Landesmedienanstalt mitbekommt. Dann wird man mir zurecht vorwerfen, dass ich meine Sorgfaltspflicht verletzt habe. Ich finde es gut, dass man für sich selbst nicht mehr in einem starren Korsett an Begrifflichkeiten gefangen ist. Wenn es aber hart auf hart kommt, dann kann sich niemand dieser Sorgfaltspflicht entziehen. Das muss allen bewusst sein. 

Was stört dich denn an oder auf sozialen Netzwerken aktuell am meisten?

Diese unglaubliche Intransparenz und auch die damit einhergehende Verlogenheit. Seit Jahren versuchen Forscherinnen und Forscher an Daten zu kommen, anhand derer sie genauer beurteilen könnten, wie gefährlich Algorithmen sind. Aber diese Informationen werden nicht preisgegeben, weder von TikTok noch von Meta noch von Google. Wir sprechen viel über “die Algorithmen”. Dann werden Leute wie ich auf eine Bühne gestellt und sollen erklären, wie man es schafft, in drei Sekunden die Menschen zu fesseln. Aber das sind alles nur Mutmaßungen, wir können nur aus dem Nähkästchen plaudern, was wir für Erfahrungen machen. Am Ende weiß niemand von uns, wie diese Algorithmen gestrickt sind. Und die Plattformen machen sich einen schlanken Fuß. Jede Debatte über Social Media beruht auf den Algorithmen – doch solange wir nicht genau wissen, was da jeden Tag mit unseren Daten passiert, können wir uns das Diskutieren sparen. Ich würde mir daher auch von der Politik und vor allem von der EU ein geschlosseneres und akribischeres Vorgehen wünschen: Pocht endlich darauf, dass Algorithmen transparenter offengelegt werden. 

 

Jede Debatte über Social Media beruht auf den Algorithmen – doch solange wir nicht genau wissen, was da jeden Tag mit unseren Daten passiert, können wir uns das Diskutieren sparen.

 

Apropos Transparenz: Ich persönlich finde nur die Werbekennzeichnung schlimmer. Viele Influencer suchen ja einen Weg um die rechtlichen Regierungen herum. 

… ja, manche sind da wirklich kreativ. Wenn sie “Дd” schreiben, nehmen sie einfach etwas, das aussieht wie ein A, was dann anscheinend von der künstlichen Intelligenz nicht direkt als Text-Werbung erkannt wird. Das ist doch absurd. Ich mache das übrigens nicht. 

Wie müsste die Regelung deiner Ansicht nach aussehen? 

Eigentlich bieten alle Plattformen ziemlich gute Möglichkeiten, Werbung transparent zu kennzeichnen. Das Problem ist nur, dass jeder Creator weiß, dass seine Reichweite um etwa 50 Prozent sinkt, wenn da entweder “Werbung” oder “Ad” oder “Anzeige” steht. Die Creator suchen also einen Weg, die Werbung weniger kommerziell wirken zu lassen. Das würde ich auch den Plattformen vorwerfen: Sie kennen den ganzen Tag ihre Werbeanzeigen perfekt platzieren. Aber wenn Creator das mit externen Partnern machen, dann geht ihre Reichweite flöten.

Dürfen und sollten “Newsfluencer” wie du Werbung machen?

Mir ist es wichtig, dass meine Inhalte für alle zugänglich sind, unabhängig vom Einkommen. Ich erreiche viele junge Menschen, die keinen Cent übrig haben. Die kaufen sich weder ein Zeitungsabonnement, noch würden sie für Fabian Grischkat 10 Euro im Monat zahlen. Wenn ich weiterhin alle erreichen möchte, dann bin ich darauf angewiesen, Werbekooperationen einzugehen. Das ermöglicht mir, unabhängig von politischen oder institutionellen Geldgebern zu bleiben. Und die Leute akzeptieren das auch und sagen: „Na gut, dann schauen wir uns eben ein, zwei Mal im Monat eine Produktplatzierung an." Deshalb bin ich auch “Newsfluencer” und kein klassischer Journalist, weil ein Journalist keine Werbung macht.

 

Mir ist es wichtig, dass meine Inhalte für alle zugänglich sind, unabhängig vom Einkommen. Ich erreiche viele junge Menschen, die keinen Cent übrig haben. Die kaufen sich weder ein Zeitungsabonnement, noch würden sie für Fabian Grischkat 10 Euro im Monat zahlen. 

 

Bist du wirklich kein Journalist?

Wir müssen intensiver darüber debattieren, wo heute die Grenze verläuft. Die journalistischen Statuten sind ein wenig verstaubt. Ich würde nicht sagen ganz veraltet, aber etwas antiquiert. Da müsste man zumindest mal ein bisschen den Staub abwischen und überlegen, welche einheitlichen Regeln heute für diese Definition gelten.

Hast du einen Appell an Unternehmen, die Werbe-Deals abschließen?

Niemand hat mehr Bock, eine vorgegaukelte Natürlichkeit zu sehen. Ich berichte über Politik und Nachrichten - warum sollte ich anfangen, ein Duschgel "natürlich" in die Kamera zu halten? Das wird nicht funktionieren, das war mal der Standard. Bei bestimmten Segmenten, wie Lifestyle, geht das heute auch immer noch. Aber alle mit einem redaktionell aufbereiteten Inhalt trennen die Werbung mittlerweile sehr strikt. Da sehe ich auch den Wunsch des Publikums.

Wo siehst du zu wenig ausgeschöpfte Synergien zwischen Influencern und Medienunternehmen?

Ich nehme wahr, dass die großen Medienhäuser, sich Leuten wie mir immer mehr öffnen und verstanden haben, dass ein zukunftsfähiges Produkt nicht mehr an Creator vorbeikommt. 

...also weniger Influencer als Marketingkanal und mehr als Sparringkontakt sozusagen? 

Ja, sie müssen Creator miteinbeziehen. Letztes Jahr hatte ich eine irre Recherche zu Ulf Poschardt und dann hat mich ein junger Redakteur der „SZ“ gefragt, ob ich einen Artikel dazu verfassen möchte. Für die „Süddeutsche Zeitung“ einen Gastartikel schreiben, da sagst du nicht nein. Noch am selben Abend stand der Text, wenig später war der Artikel online. Für mich ein Erfolg. Mir haben auch Leute geschrieben, sie hätten deshalb ein Euro-Test-Abo abgeschlossen. Den Artikel haben sie natürlich schlauerweise hinter die Paywall gepackt.

… da sind also die Leute, die zwar nicht 10 Euro, aber ein Testabonnement für Fabian Grischkat abschließen würden. 

Genau, das ist für alle Seiten ein Gewinn. Da fällt mir beispielsweise auch immer Marvin Wildhage ein, der wirklich starke Themen recherchiert. Vielleicht blockt er einfach alles ab, aber warum ist da noch keine Synergie mit großen Medienhäusern entstanden? Wir müssen die jeweiligen Stärken zusammenbringen, also journalistische Erfahrung auf der einen Seite, und Reichweite und Nähe zu jungen Zielgruppen auf der anderen. Davon profitieren alle.

 

Die spießige Antwort wäre: mehr Anstand.

 

Hier wissen Medienmarken nun zuerst davon. Eine Frage noch: Wenn du eine Sache an unserem digitalen Miteinander ändern könntest, welche wäre es und warum?

Die spießige Antwort wäre: mehr Anstand. Da ist uns Vieles verloren gegangen in den letzten Jahren. Dass ich das mit 25 Jahren sage, ist kein rebellischer Take, aber ehrlicher. Mit Anstand lassen sich auch verschiedene Meinungen besser aushalten. Bevor man den nächsten verschwurbelten "Hot Take" postet, lohnt es sich, ab und an erstmal durchzuatmen.

Vielleicht müssen wir diese Bürde gemeinsam als Gesellschaft tragen und das Beste daraus machen. Danke, Fabian!