Herr Hoffmann, der Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day, nur wenige Kilometer entfernt vom Springer-Sitz, liegt jetzt zwei Wochen zurück. Sie haben an diesem Abend bei Welt nicht live berichtet. Ohne das jetzt werten zu wollen: Wonach entscheidet sich, wann Sie in den Breaking-News-Modus umschalten?
Normalerweise sind wir in solchen Breaking-News-Situationen so schnell wie möglich präsent. Das ist unser Anspruch und das gelingt uns auch auf der ganzen Welt. Auch an besagtem Samstag hätten wir gerne live berichtet, aber es kamen leider verschiedene Dinge zusammen, die so nicht hätten zusammenkommen sollen. Am Morgen sind wir mit unserer Livestrecke früher gestartet mit allen Informationen unserer Redaktion aus der Nacht – unser Quotenerfolg zeigt, dass die Zuschauer uns in solchen Lagen vertrauen.
Generell hat man den Eindruck, dass sich die Welt derzeit in Dauer-Breaking-News-Situationen befindet. Keine schlechten Zeiten für Nachrichtenmacher, oder?
Ja und Nein. Ja, weil die Aufmerksamkeit da ist und sich Gemeinschaftserlebnisse, die früher in der Unterhaltung stattgefunden haben, zunehmend in Richtung News-Journalismus verlagern. In solchen Momenten gelingt es uns, ganz viele Menschen gleichzeitig vor dem Fernseher zu vereinen. Aber gleichzeitig ist die Konkurrenz natürlich auch stärker denn je. Und diese Konkurrenz – nicht nur durch etablierte Medien, sondern auch durch Social Media – macht es anspruchsvoller denn je durchzudringen. Dazu kommt diese enorme Flut an Informationen, die man ja selbst auch zu sortieren hat, um Wahrheit von Unwahrheit zu unterscheiden und Qualitätsjournalismus liefern zu können. All das entsteht unter einem extremen Zeitdruck, wie ich ihn nie zuvor erlebt habe. Und jetzt kommt auch noch KI dazu.
Wie reagieren Sie auf all diese Veränderungen?
Es ist elementar, dass wir unser Profil schärfen. Damit haben wir allerdings schon begonnen, als ich hier angefangen habe, indem wir seither mehr Haltung zeigen und mehr Einordnung liefern. Das alles vor dem Hintergrund, dass man die nackte Nachricht über Apps längst serviert bekommen hat, bevor man sich vor den Fernseher setzt. In dem Moment, in dem man den Fernseher einschaltet, ist man bereits informiert. Deswegen ist es unsere Aufgabe im TV-Journalismus, für den größeren Kontext zu sorgen.
Tatsächlich fällt auf, dass die Zahl der Meinungsbeiträge in Ihrem Programm spürbar zugenommen hat. Ist das das Ende der Neutralität?
Jede Meinung, die wir im Programm haben, wird eindeutig gekennzeichnet, weil wir ganz klar differenzieren wollen zwischen Kommentaren und klassischem Nachrichtenjournalismus, wo wir uns weiterhin um maximale Objektivität bemühen. Gerade diese Ecken, in denen wir verschiedene Meinungen zu Wort kommen lassen, halte ich für extrem wichtig in einem Land, in dem ich manchmal im Journalismus das Gefühl habe, dass es nicht unbedingt eine Ausgewogenheit bei der Darstellung von Ansichten gibt. Wir bei Welt tragen daher aus meiner Sicht einen ganz erheblichen Teil dazu bei, dass wir innerhalb einer Demokratie auch unterschiedliche Stimmen zu Wort kommen lassen.
Nun wollen Sie mit Ihrem Programm nicht zuletzt Geld verdienen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die TV-Werbebranche seit Jahren im Krisenmodus ist. Wie behauptet sich Welt in diesem Umfeld?
Wir behaupten uns gut – auch, weil wir mit Visoon einen starken Vermarkter an unserer Seite wissen. Aber natürlich haben Sie grundsätzlich recht: Der Markt ist so anspruchsvoll wie nie. Wir alle, die wir schon lange Fernsehen machen, haben immer wieder Krisen erlebt, aber diesmal scheint die Krise zur Normalität zu werden. Gerade vor diesem Hintergrund ist es elementar, dass wir unser Studio gut für die Zukunft gerüstet haben und ganz stark mit Automation arbeiten, um die Produktion so effizient wie irgendwie möglich zu gestalten. Aber es gibt viele Bereiche, wo man weder durch KI noch Automation einen Menschen ersetzen kann, da bleiben wir natürlich beim Journalisten aus Fleisch und Blut – so kann ich nicht zu einer KI an den Ort des Geschehens schalten.
Werbekunden und Agenturen schieben trotzdem immer mehr Werbegelder zu internationalen Plattformen wie Facebook oder Google. Das muss Sie doch ärgern.
An manchen Stellen würde ich mir natürlich wünschen, dass man zur Kenntnis nimmt, dass dieses Vorurteil, wonach schlechte Nachrichten ein schlechtes Umfeld für Werbung darstellen, einfach nicht zutrifft. Im Gegenteil: Wir haben durch eine unabhängige Studie herausgefunden, dass Werbung im Nachrichtenumfeld sogar eine besondere Glaubwürdigkeit und deswegen auch eine besondere Wirksamkeit aufweist. Und insofern freue ich mich über jeden Werbekunden, der hier wirbt. Zumal wir auch einige weitere Argumente auf unserer Seite haben.
Was meinen Sie?
Wir sind demografisch inzwischen so aufgestellt, dass wir eben nicht, wie man das früher gesagt hat, primär das Entscheiderpublikum bedienen. Wir sind in keiner Zielgruppe so stark gewachsen wie bei den Frauen, sind dadurch also demografisch sehr ausgewogen. Gleichzeitig erreichen wir auch viele junge Zuschauer und können insofern die ganze Palette an Werbekunden bedienen.
"Wir können durchaus dazu beitragen, dass sich die Menschen keine schlechte Stimmung ins Haus holen, auch wenn die Nachricht schlecht ist."
Woran liegt es, dass Ihr Sender ein zunehmend weibliches Publikum anspricht?
Wir setzen nicht nur verstärkt auf Haltung, Orientierung und Vertiefung, sondern auch auf Nahbarkeit. Nehmen Sie unsere Morgensendung mit der Doppelmoderation. Da wird in unserem Studio viel gelacht. Ich bin davon überzeugt, dass dieses persönliche Auftreten ganz erheblich dazu beiträgt, über den Tag hinweg ein breites Publikum an uns zu binden. Viele Menschen wollen sich ja nach der Arbeit mit Fernsehen auch ein Stück weit belohnen, was für einen Nachrichtensender natürlich erstmal eine besonders große Herausforderung darstellt. Wir können aber durchaus dazu beitragen, dass sich die Menschen keine schlechte Stimmung ins Haus holen, auch wenn die Nachricht schlecht ist. Unsere Moderatoren tragen durch eine positive Grundstimmung ganz wesentlich dazu bei.
An welchen Stellen wollen Sie besser werden?
Wir wollen weitere Themengebiete für uns erschließen, etwa werden wir einen stärkeren Fokus auf den deutschen Mittelstand legen und dieser Wirtschaftsperspektive mehr Sichtbarkeit geben. Wir haben mit Janna Ennsthaler, Daniel Stelter und Christian Miele ein neues Talkformat ins Programm genommen: Als „Stimmen der Wirtschaft“ sollen sie der Debatte neue Impulse geben. Generell glaube ich, dass wir uns im Talkbereich noch stärker aufstellen können, allen voran mit Leuchttürmen im Programm, wie wir es vor einiger Zeit mit dem Duell zwischen Björn Höcke und Mario Voigt vorgemacht haben. Sich für eine solche Sendung zu entscheiden, war damals kein Selbstläufer. Wir sind ja auch massiv kritisiert worden im Vorfeld, hatten aber das Selbstbewusstsein, dass wir das gut hinkriegen – auch durch einen Faktencheck unmittelbar im Anschluss. Am Ende haben wir aus dem Markt viel Lob erhalten.
Sie öffnen also gerne allen die Studiotür?
Die Studiotüren stehen für Vertreter aller Parteien des demokratischen Spektrums offen. Das gilt auch für eine Partei wie die AfD, die als Teil des Politikbetriebs in deutschen Parlamenten sitzt.
Wann halten Sie die Türen geschlossen?
Immer dann, wenn es darum geht, extremistische Meinungen außen vor zu halten. In solchen Momenten kann man durchaus gut damit beraten sein, sie mal nicht zu öffnen. Unsere Moderatoren sind darauf geschult, keine extremistischen Äußerungen zuzulassen.
In Ihrem Haus entsteht seit einigen Wochen auch das "Sat.1-Frühstücksfernsehen", das Sie mit MAZ & More für Sat.1 produzieren. Inwiefern freut es den ehemaligen RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann, wenn er jeden Morgen auf die Quoten des "Frühstücksfernsehens" schaut?
Es ist natürlich ein Hochgenuss, jeden Morgen über viereinhalb Stunden hinweg Marktführer-Fernsehen zu machen. Mir macht es große Freude, diese Sendung seit vielen Jahren für Sat.1 zu produzieren – besonders jetzt nach dem Umzug des Studios zu uns in die Axel-Springer-Zentrale. Ich bin allerdings gut beraten, mich gar nicht so sehr in die tägliche redaktionelle Arbeit einzumischen, weil das Team, das zum Teil schon seit mehr als 30 Jahren zusammenarbeitet, einfach genau weiß, was es macht. Das ist eine großartige Leistung.
Herr Hoffmann, vielen Dank für das Gespräch.
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