Ulrich Meyer © ProSiebenSat.1 Media AG
DWDL.de-Interview

Meyer: Goldgräberbranche wird Tellerwäscherindustrie

von Jochen Voß
04.01.2010 - 19:49 Uhr

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Ulrich MeyerWie hat sich die Wirtschaftskrise auf die Produktionssituation der „Akte“ ausgewirkt?

Unsere Erfahrungen sind die der gesamten Branche: Wir befinden uns schon seit Jahren in der Entwicklung von der Goldgräberbranche zur Tellerwäscherindustrie. Die Ressourcen werden immer enger. Wir müssen uns längst nicht mehr nur fragen, wie eine Geschichte möglichst gut und wasserdicht zu erzählen ist, sondern inzwischen vor allem, wie sie sich möglichst günstig produzieren lässt. Sender reagieren mit einer erhöhten Wiederholungsrate, Redaktionen mit immer länger werdenden Beiträgen. Und: Alle wählen funktionierende Sujets ohne Risiko – das greift immer weiter um sich.

Gibt es noch Stellschrauben, mit denen Sie die finanzielle Situation ausgleichen können?

Wir müssen sie finden! Als immer noch bestausgestattetes Magazin in Sat.1 sind wir gefordert, die neuen Geschichten und Farben zu entwickeln, an die sich die anderen dranhängen können. Rotation der Beiträge ist an sich völlig in Ordnung. Wir aber müssen in der Lage sein, immer wieder das Frische, das überraschend anders wirkt, zu finden. Der Trend geht dahin, zwar spannend und neu, aber auch auf Nummer sicher zu produzieren. So stellt sich uns immer öfters die Frage, ob wir die eine heikle Geschichte, die man sich kaum besser vorstellen kann, erzählen – oder ob wir uns lieber der Geschichte widmen, die nicht so toll ist, die aber günstig und vor allem ohne juristische Unwägbarkeiten herzustellen ist.
 

 
Das heißt, es sieht düster aus für den Journalismus im Privatfernsehen?

Vorsicht, wer verzagt, kommt nie auf 15 Sendejahre am Stück. Für den Fernsehjournalismus insgesamt gibt es gerade viele Probleme. Die wirtschaftliche Situation ist nur eines davon. Auch rechtlich ist es für Fernsehjournalisten derzeit nicht gerade leicht, wenn man sich die Spruchpraxis einiger Pressekammern anschaut: Ich meine das Recht am eigenen Bild, Hausfriedensbruch und so weiter. Da zählen unsere Interessen anscheinend immer seltener - selbst wenn wir uns einsetzen für unsere Zuschauer, die Hilfe suchen. Die rechtlichen Grauzonen, in denen wir uns dabei manchmal bewegen, sehen viele Richter aber nicht als einen Bereich an, in dem sie Journalisten unterstützen, sondern in dem sie Journalisten sehr schnell ihre Rechte verlieren lassen. Vieles, was die Kammern entscheiden, tut sicher den Buchstaben der Gesetze Genüge. Aber wir möchten häufiger hören: Ja, hier war Öffentlichkeit notwendig.

Seit dem Herbst gibt es mit Johannes B. Kerner ein weiteres journalistisches Aushängeschild bei Sat.1. Was bedeutet der Neuzugang für „Akte“?


Wir arbeiten schon jetzt eng miteinander: Die Chefredaktion von Sat.1 hat ein internes Informationssystem installiert, in das die Redaktionen ihre Themen einstellen. Es wäre grundsätzlich falsch, die Situation zuvorderst als Konkurrenz zu beschreiben. Journalisten sollten immer danach streben, dass auch andere journalistische Formate erfolgreich sind, denn nur so ist für unsere Programmfarbe Platz.

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