Stefan Raiser © Fotocredit Dreamtool/ W. Ennenbach
DWDL.de-Interview

Stefan Raiser: "Ich führe regelmäßig große Kämpfe"

von Jochen Voß
24.09.2011 - 12:15 Uhr

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Mit seinem Katastrophenfilm "Bermuda-Dreieck Nordsee" hofft RTL am Sonntag auf Top-Quoten. DWDL.de sprach mit Stefan Raiser, Produzent und Geschäftsführer von Dreamtool Entertainment, über Hollywood, Popcorn-TV und deutsche Mentalitäten...

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Herr Raiser, wenn man sich die Titel Ihrer Filme der vergangenen Jahre anschaut, dann fällt direkt auf, welcher davon für die ARD produziert wurde: „Schattenkinder“. Ist der deutsche Fernsehfilm im Gros zu düster?

Unsere Firma heißt Dreamtool Entertainment und mir sind beide Bestandteile des Namens sehr wichtig. Wir Deutschen stehen uns beim Thema Film und Fernsehen mit unserer Mentalität schon gehörig im Weg. Zumindest bei dem Teil, der unterhaltend sein soll, schwimmen wir gerne mit dem Durchschnitt mit. Das betrifft die gesamte Branche. Wie lange ich allein gebraucht habe, um für die großen RTL-Filme wie „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“ eine Mannschaft zu finden und ihnen beizubringen, wie stark over the top wir arbeiten müssen – zum Beispiel mit überflüssigem Licht wie bei Michael Bay, das dem ganzen einen anderen Look gibt.

Sie sehen das Problem also nicht nur auf der Ebene der Entscheider – sondern auch im Handwerk?

Nehmen sie unsere „heilige Lanze“: Da stand ein überglücklicher Szenenbildner mit drei Geschichtsbüchern vor mir und war stolz darauf, wie originalgetreu er das Ding nachgebaut hat. Darauf würde ein Szenenbildner in Amerika nie kommen! Das muss natürlich dreimal so groß sein und gülden leuchten. Ich schau doch nicht zweieinhalb Stunden bei der Suche zu und zum Schluss ziehen die einfach nur einen antiquarischen Speer aus dem Schrank.

 

Für das Feuilleton spielt Authentizität in der Fiction eine große Rolle. Wie sieht das beim Popcornfernsehen aus: Ist das Mindestmaß die innere Logik und ansonsten soll es einfach nur krachen?

Natürlich gibt es Programm, das durch die authentische Machart besticht – „KDD“ zum Beispiel. Super gemacht, aber keiner hat’s gesehen. Auch „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf war herausragend. Aber wenn etwas kommerziell unterhalten soll, ist Authentizität scheißegal – aber sowas von scheißegal! Das muss lecker aussehen, das muss mich unterhalten. Ich sage es immer wieder: Es muss Sex für die Augen sein.

Offenbar auch für die Ohren. Bei „Bermuda-Dreieck Nordsee“ erinnert der Duktus der Musik mit Hans-Zimmer-Sound stark die aktuellen Hollywood-Blockbuster.

Die peinliche Zurückhaltung bei der Musik ist das allerschlimmste an der deutschen Mentalität! Gott sei Dank habe ich mit RTL Partner, die Lust haben, auf die Kacke zu hauen. Deshalb habe ich mich für den ersten Abenteuerfilm an Klaus Badelt geheftet, der auch „Fluch der Karibik“ gemacht hat. Ich wollte auf keinen Fall mit einem Komponisten in einem Berliner Altbau vor einem Synthesizer sitzen. Jetzt für „Bermuda“ haben wir ein großartiges Team gefunden, das in der Games-Welt ganz oben mitspielt. Genau so möchte ich es machen, auch wenn es anderen natürlich zu laut, zu fett und zu sehr auf die Zwölf ist.

Das Kreuzfahrschiff, das am Sonntag im Film zu versinken droht, heißt MS Dreamtool. Das zeugt von einem gewissen Selbstbewusstsein. Gibt es davon zu wenig in der deutschen Filmlandschaft?

Ich möchte in der ersten Reihe stehen und die Sachen prägen, die wir tun. Ich bin einfach angstfrei. Das glauben mir wenige, aber ich habe keine Angst, in meinem Leben nochmal etwas völlig anderes zu machen. Ich krampfe mich nicht an diesen Beruf in der Hoffnung bis 70 genug zur Seite geschafft zu haben. Ich möchte die Filme so machen wie ich bin und mich nicht verbiegen. Ich führe regelmäßig große Kämpfe, auch mit RTL. Aber Gott, so ist es halt – und das Ergebnis zählt. Ich glaube einfach, dass zu viele meiner Kollegen die Fahne nach dem Wind hängen. Man kann hinterher auch gerne zu mir kommen und mir den Kopf abreißen, wenn was schief geht. Aber nicht am Konferenztisch das Fähnchen nach dem Wind hängen, und danach versteckt sich jeder hinter jedem. Dafür habe ich zu viel Leidenschaft.

Ihr erster großer RTL-Film war „Die Jagd nach dem Schatz der Nibelungen“ vor  drei Jahren. Ein für das deutsche Fernsehen zu der Zeit ungewöhnlicher Film mit Fernsehüberlänge, der sich an Hollywood-Reißern wie „Das Vermächtnis der Tempelritter“ orientiert und nicht als Zweiteiler ausgestrahlt wurde. Wie viel Überzeugungsarbeit mussten Sie bei RTL leisten?

Natürlich dachten die erst ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Aber man muss es doch mal so sehen: Mit Kölner Dom und Schloss Neuschwanstein haben wir Kulissen vor der Haustür, die Menschenmassen aus aller Welt sehen wollen. Die Zweiteiler halte ich für zu zäh und zu langweilig. Die ganzen Hollywood-Dinger sind doch auch alle 120 bis 140 Minuten lang. Das hat RTL dann irgendwie gefallen. Man darf aber auch nicht vergessen: Wir haben natürlich ein richtig gutes Treatment auf den Tisch gelegt.

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