Ein Sender der zweiten Reihe wie kabel eins steht häufig vor der Herausforderung, überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen. Wie gehen Sie damit um?

Unser Claim war zum Beispiel ein ganz wichtiger Schritt: Statt dem eingängigen Audio-Claim "Eins, eins, Baby" wollten wir einen Claim, der auch schriftlich funktioniert und selbstbewusster ist. „So sieht's aus“ ist lesbar und spiegelt unser Programm. Als nächstes bündeln wir unsere Kräfte in Event-Programmen. Bereits Ende Mai geht es in der „kabel eins-räumt-auf“-Woche in zahlreichen Formaten rund um das Thema "Aufräumen/Ausräumen/Entrümpeln". Zusätzlich gibt es ein "Achtung Kontrolle Spezial" mit dem Untertitel "Die Reinemacher": Wir blicken hinter die Kulissen von außergewöhnlichen Arbeitern, die beispielsweise nach Großveranstaltungen aufräumen und putzen, die Kanäle reinigen oder an Tatorten alles wieder ins Reine bringen. Direkt im Anschluss – und passend vor der Fußball-WM - geht es im Juni mit einer großen „Grill-Woche“ weiter, inklusive eines großen Grill-Events am Sonntagabend zum Abschluss. Wir gehen zurück zu den alten Stärken, neu aufgeladen und etwas peppiger.



Sie betonen immer wieder „alte Stärken“ und meinen damit Factual. Kabel Eins stand aber auch mal für Fiction und z.B. Gameshows....

"Die besten Filme aller Zeiten" bleibt natürlich unser Erfolgs-Label am Mittwochabend. Wir werden auch in der Fiction auf Events setzen. Im Sommer veranstalten wir eine "Shark-Week" mit passenden Spielfilmen. Zudem arbeiten wir an einer 90er-Woche, nachdem wir letzte Woche eine sehr erfolgreiche 80er-Woche mit Spielfilmen wie „Crocodile Dundee“ oder „Bloodsport“  und der von NatGeo produzierten Doku „Die 80er – Ein Jahrzehnt verändert die Welt“ zeigten. Insgesamt planen wir in diesem Jahr fünf Event-Wochen, in denen Fiction eine große Rolle spielt. „Die besten Filme aller Zeiten“, aber eben neu verpackt und in einem komplementären Line-Up. So laden wir diese Farbe neu auf.

Wenn Sie die Eigenproduktionen stärken wollen: Ändert sich etwas am Verhältnis von US-Fiction zu Eigenproduktionen im Programm?

Eine große Änderung war der 17 Uhr-Sendeplatz. Unsere Abende sind klar ausgerichtet: Der Montag wird der Action-Hero-Abend bleiben, der Dienstag ist für Eigenproduktionen reserviert und am Mittwoch gibt es "Die besten Filme aller Zeiten". Am Donnerstag kommt Fußball oder Spielfilm, Freitag und Samstag bleiben unsere Serienabende. Am Sonntagabend möchten wir die traditionell schwierige „Todeszone“ für Sender der zweiten Generation stabilisieren. Mit Factual haben wir gute Erfahrungen gemacht und werden mit neuen Farben sicherlich punkten. 

Mit Factual Entertainment kann man große Programmflächen bespielen, aber ist das ein Genre, das wirklich Einschaltimpulse auslöst? Ist das nicht eher Bügelfernsehen? Im US-Kabelfernsehen haben kleine Sender in den letzten Jahren den Reiz von prestigeträchtigen Projekten entdeckt...

Mir ist es egal, ob Zuschauer beim Fernsehschauen bügeln, nur auf der Couch liegen oder nebenbei stricken. So oder so: Sie bleiben an meinem Programm hängen. Die Quote zeigt mir, ob etwas funktioniert oder nicht. Und funktionieren heißt für mich: ein Wert über Senderschnitt. Natürlich könnte ich den größten Teil meines Budgets in ein großes Prestige-Projekt anstatt in viele kleine Formate stecken. Dann habe ich im besten Fall ein kurzzeitiges Programmhighlight, danach aber wieder Programbedarf, und muss im Worst Case mit Wiederholungen füllen. Im schlimmsten Fall habe ich einen teuren Flop, flankiert mit vielen Wiederholungen. Da bin ich schwäbisch: Lieber viele Eisen im Feuer, die alle auf gleichbleibendem Niveau brennen, als ein großes, kurzes Feuerwerk, von dem am Ende nichts übrig bleibt.

Wie steuert sich denn ein Sender wie kabel eins im Vergleich zu kleineren Sendern, die Sie vorher gelenkt haben?

Es ist anders. Auf der einen Seite ist kabel eins eine etablierte Marke. Das ist ein Vorteil. Man hat bereits eine existierende und gute Zuschauerbindung. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch: Wir dürfen die treuen Zuschauer nicht vergrätzen. Ich möchte sie alle gerne behalten und gleichzeitig neue Zuschauer für den Sender gewinnen. Ein Sender der dritten oder vierten Generation, der bei null anfängt wie beispielsweise sixx, hat den Vorteil, dass man erst einmal unter dem Radar der Branche fliegt. Nicht jeder Flop ist ein Weltuntergang, sondern versendet sich vielleicht vor kleinem Publikum. Und wenn man Erfolg hat, kann man diesen auch kontinuierlich ausbauen.

Stichwort US-Produktionen: Kann sich kabel eins überhaupt noch eigene Serien raus picken, oder gibt es das, was die Größeren nicht wollen und das, was man nicht bis ganz nach unten durchreicht?

Sagen wir mal so: Ich freue mich zunächst einmal, und es ist ein sehr großer Vorteil, dass wir als Sendergruppe so viel Lizenz-Ware einkaufen können. Das Problem ist nicht das Verteilen der Serien innerhalb unserer Senderfamilie, sondern der schwache Nachschub an eher klassischen Crime-Serien aus den USA. Momentan sind Mini-Serien bzw. kurze Staffeln mit durchlaufender Handlung im Kommen, die für uns viel schwieriger zu programmieren sind.

Man könnte Sie ja als Event programmieren.

Das machen wir auch. Wir haben ein bis zwei Serien, die wir im dritten Quartal auch als Event programmieren möchten. Der Output könnte trotzdem noch viel größer sein. Mit "Castle" haben wir den Freitag gut stabilisiert. Wichtig ist, dass wir eine Flagship-Serie um 20:15 Uhr haben und der Rest des Abends dann im Windschatten mitlaufen kann. Wir freuen uns auf tolle Serien-Highlights wie "Common Law"  oder "Shameless". Gerade „Shameless“ ist für uns ein Experiment, aber das wagen wir.

Welche Serien sollen denn dann als Event laufen?

Dazu kann ich im Sommer mehr sagen. Wir planen sie im dritten oder vierten Quartal.

Sie sprachen eben schon vom dritten Quartal. Wie geht kabel eins in diesem Jahr durch den anfangs von der Fußball WM dominierten Sommer?

Vor den Olympischen Winterspielen hatten wir großen Respekt und dann hat es uns wenig tangiert. Das wird bei der Fußball-WM natürlich anders werden. Wir werden deswegen so früh wie möglich mit der neuen Saison starten und kommen nach der Fußball-Weltmeisterschaft mit neuen Formaten wie zum Beispiel der neuen Staffel von „Rosins Restaurants“.

Eine Frage zum Abschluss noch: Was ist für Sie gutes Fernsehen, Frau Hofem?

Gutes Fernsehen ist ein Programm, das mich involviert, mich berührt und meine Emotionen weckt, in welcher Art auch immer. Ob traurig, lustig, ob es nur Spaß macht, es mich zum Nachdenken anregt oder mich zum Zittern bringt. Wenn Fernsehen ein Gefühl auslöst, dann ist es gutes Fernsehen.

Frau Hofem, herzlichen Dank für das Gespräch.