Seit Monaten steht der ORF im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses Österreichs. Zunächst waren es die Vorwürfe gegen den damaligen Generaldirektor Roland Weißmann und sein im Zuge dessen erfolgter Rücktritt. Mittlerweile steht die Frage im Raum, wer das Unternehmen ab dem Jahr 2027 leitet. Bis zu seinem Rücktritt galt Weißmann als Favorit und es war fraglich, ob es überhaupt zu einer echten Wahl kommen würde. Durch die Entwicklungen in den zurückliegenden Wochen und Monaten ist die ORF-Wahl an diesem Donnerstag vielleicht so unvorhersehbar wie nie zuvor.
Denn auch wenn es ein klar abgestecktes Favoritenfeld gibt, haben sich etliche Männer und Frauen beworben, die fachlich wohl ohne Zweifel qualifiziert für den Job wären. Das spricht für den ORF. Jetzt muss der 35-köpfige Stiftungsrat entscheiden, wen man ab dem kommenden Jahr an der Spitze des Unternehmens haben will - und da fangen die Unsicherheiten an. Der größte Teil der Mitglieder des Aufsichtsgremiums wird von der Politik (Bundesregierung, Parteien, Bundesländer) entsandt. Im Gremium gibt es zwei große Freundeskreise, die sich an der Parteipolitik orientieren.
Im Vorfeld der Wahl ist also mal wieder viel über den Grad der (Un)abhängigkeit der Stiftungsräte debattiert worden. Immer wieder gibt es Forderungen nach einer Verkleinerung und Entpolitisierung des Stiftungsrates, aber das ist alles Zukunftsmusik - wenn überhaupt. Nun müssen die 35 Mitglieder des Gremiums entscheiden, wer neue Chefin oder Chef wird. Und glaubt man medial kolportieren Vereinbarungen, hat die ÖVP innerhalb der Koalition mit SPÖ und Neos das Vorschlagsrecht für diesen Posten. Die Stiftungsratsvorsitzenden, die auch die ÖVP- und SPÖ-Freundeskreise im Gremium führen, weisen einen politischen Einfluss auf den Stiftungsrat öffentlich immer wieder zurück und betonen die Unabhängigkeit des Gremiums. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte.
Doch wer hat nun die besten Chancen, den ORF in den kommenden Jahren zu führen? DWDL.de gibt einen Überblick…
© ORF/Roman Zach-Kiesling
Clemens Pig
Pig haften aber auch zwei Makel an. Zum einen hat er keine Erfahrung im Bereich Fernsehen/Streaming und Radio. Viel schwerer als das wiegt aber die Tatsache, dass schon seit Wochen darüber geschrieben wird, dass Pig der Favorit der Bundesregierung für den Job sein soll. Öffentliche Aussagen des ÖVP-Generalsekretärs befeuerten das. Wenn es nun im Stiftungsrat also ein Bestreben geben sollte, sich dem Eindruck zu erwehren, nur den Wunsch der Regierung abzunicken, könnte Pig das wichtige Stimmen kosten. Pig dementiert bei jedem Auftritt, eine Zusage für den Job zu haben. Er selbst bezeichnet sich als unabhängigen Kandidaten.
© ORF/Thomas Ramstorfer
Markus Breitenecker
Zuletzt war Breitenecker bei ProSiebenSat.1 in Unterföhring als Chief Operating Officer tätig. Als solcher nahm er zwar erheblichen Einfluss auf die Gestaltung des Reformstaatsvertrags - und damit die künftige Zusammenarbeit zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Privaten - durch die unabgesprochene Einbindung der Mediatheken von ARD und ZDF in Joyn musste er sich aber auch viel Kritik anhören. Ohne Frage ist Breitenecker aber viel mehr als nur Mr. Privatfernsehen, weil er auch bei ProSiebenSat.1Puls4 viele Info-Strecken und mit Puls 24 sogar einen ganzen Nachrichtensender geschaffen hat. Ob die Stiftungsräte diese Leistung anerkennen, bleibt abzuwarten und ist längst keine ausgemachte Sache. Bei einem öffentlichen Hearing Anfang der Woche gab sich Breitenecker fast schon staatsmännisch und stach auch deshalb heraus, weil er betonte, was unter anderem in der Information im ORF gut laufe.
© ORF/Thomas Ramstorfer
Johannes Larcher
Bei einem öffentlichen Hearing Anfang der Woche nahm Larcher jedenfalls kein Blatt vor dem Mund und warnte: "Dem ORF droht die Irrelevanz". Er sagte auch, dass das Unternehmen derzeit nicht effizient genug geführt werde. Als er später zum Thema False Balance befragt wurde, erklärte Larcher, ganze Bevölkerungsgruppen würden dem ORF den Rücken kehren. Es gebe ein breites Spektrum an Meinungen und man müsse allen Seiten darstellen. "Seien sie falsch oder richtig." Das ist sicherlich eine Aussage, mit der nicht alle im Sender übereinstimmen.
© ORF/Thomas Ramstorfer
Lisa Totzauer
In Diskussionen unter den Bewerberinnen und Bewerbern betont Totzauer immer wieder, dass sie das Haus gut kennen würde und von innen heraus verändern wolle. Sie macht auch keinen Hehl daraus, dass sie bei Fehlverhalten harte Konsequenzen setzen würde. Zumindest die Belegschaft hat sie damit auf ihrer Seite: Nachdem sich zunächst die Korrespondentinnen und Korrespondenten für die Wahl von Totzauer zur ORF-Chefin ausgesprochen hatten, kam sie auch unter allen Journalisten des Hauses auf eine Mehrheit. Diese Wahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ORF ist rechtlich jedoch nicht bindend und nur ein interner Stimmungscheck. Auf Platz zwei und drei der Wahl landeten Clemens Pig und Markus Breitenecker.
© ORF/Roman Zach-Kiesling
Kathrin Zierhut-Kunz
Und dann gibt es noch Vorwürfe gegen ihren Geschäftsführer-Kollegen Peter Schöber, die aus den vergangenen Jahren stammen, im Zuge der Causa Roland Weißmann werden sie nun aber noch einmal neu aufgerollt. Diese Vorwürfe betreffen Zierhut-Kunz zwar nicht direkt, für ihre Bewerbung dürfte die ganze Sache dennoch wenig hilfreich sein. Für sie spricht, dass sie die Zahlen der Gruppe sehr gut kennt - und damit auch die Herausforderungen, die vor dem ORF liegen. Und Zierhut-Kunz hat einen prominenten Fürsprecher: Der ehemalige ORF-Chef Alexander Wrabetz sagte zuletzt in einem Interview mit dem "Standard", dass die ORF-III-Chefin unter den Bewerberinnen und Bewerbern das realistischste Bild von den ORF-Finanzen habe.
Das restliche Bewerberfeld
Insgesamt stellen sich am Donnerstag neun Personen dem Hearing im Stiftungsrat, das Gremium tagt allerdings nicht öffentlich. Neben Pig, Breitenecker, Totzauer, Larcher und Zierhut-Kunz sind das auch Robert Altenburger (Ex-Chefredakteur Servus TV), Eva Schütz (Herausgeberin "Exxpress"), Sonja Sagmeister (ORF-Journalistin) und Petra Höfer (Ex-ORF-Managerin). Sagmeister und Höfer wurden nachnominiert, für einen Auftritt am Donnerstag vor dem Stiftungsrat müssen die Kandidaten von mindestens einem Stiftungsrat vorgeschlagen werden. Durch die Nachnominierung haben sie das öffentliche Hearing Anfang der Woche verpasst.
Ihnen allen werden jedoch keine realistischen Chancen auf den ORF-Chefsessel eingeräumt, vielleicht auch deshalb führen sie einen in Teilen interessanten Wahlkampf. Eva Schütz würde vieles anders machen, als Herausgeberin eines rechten Krawallmediums, das, wie auch "Nius", zu großen Teilen zur VIUS SE & Co. KGaA gehört, ist das aber vielleicht noch die kleinste Überraschung. Sonja Sagmeister, die sich mit dem ORF schon länger in juristischen Auseinandersetzungen befindet, macht vor allem Schlagzeilen mit selbst geschriebenen Pressemitteilungen, in denen sie wahlweise eigene Unterstützer verlautbart oder dem Stiftungsrat mit rechtlichen Schritten droht, sollte sie nicht zum Hearing an diesem Donnerstag eingeladen werden.
Und wer ist Favorit?
Eine klare Prognose ist schwer, zu breit ist das Feld an hochqualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern für den Job. Das ist eine gute Nachricht für den ORF. Dennoch dürfte es am Ende auf eine Wahl zwischen Clemens Pig, Markus Breitenecker und Lisa Totzauer hinauslaufen. Für viele Medienbeobachter ist Pig weiterhin ein Favorit, wobei auch sie immer wieder betonen, dass diese Wahl schwer vorherzusehen ist.
Eins steht fest: Sollten sich ÖVP und SPÖ in irgendeiner Weise auf einen Kandidaten verständigt haben - und folgen die Freundeskreise der Parteien dieser Empfehlung - dann wird es ein eindeutiges Ergebnis. Die Fraktionen von ÖVP und SPÖ kommen im Stiftungsrat zusammengerechnet auf eine komfortable Mehrheit. Spannend wird es, wenn sich die Freundeskreise, die ähnlich groß sind, für zwei unterschiedliche Kandidaten entscheiden. Keiner von den Freundeskreisen hat eine eigene Mehrheit. In einem solchen Fall würde es darauf ankommen, wie die anderen Vertreter im Gremium abstimmen. Das ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht seriös zu prognostizieren.
Wie läuft die Wahl ab?
Der Stiftungsrat kommt am Donnerstag um 10 Uhr zusammen, dann beginnt eine Marathon-Sitzung. Alle neun Bewerber haben jeweils 20 Minuten Zeit, um ihre Konzepte und Ideen vorzustellen, dann folgt eine zehnminütige Fragerunde - wobei diese auch erweitert werden kann. Erst wenn alle Fragen geklärt sind, wählen die Stiftungsräte - mit einem Ergebnis ist also erst im Verlaufe des Nachmittags oder möglicherweise auch erst am Vorabend zu rechnen.
Die Wahl selbst ist mal wieder vor allem eins: sehr österreichisch. Die Mitglieder des Stiftungsrates stimmen zwar in einer Wahlkabine ab, geheim ist die Wahl deswegen aber trotzdem nicht. Die Stimmzettel sind namentlich gekennzeichnet - im Nachhinein dürfte sich also auch für die Öffentlichkeit nachvollziehen lassen, wer wie abgestimmt hat. Gewählt ist, wer eine einfache Mehrheit erzielt. Erhält niemand im ersten Wahlgang mindestens 18 der 35 Stimmen, ist ein zweiter Wahlgang nötig, bei dem nur noch die beiden stimmenstärksten Kandidatinnen bzw. Kandidaten zur Wahl stehen. Bei Stimmengleichheit entscheidet die Stimme des Vorsitzenden.
Wie war der Wahlkampf?
In den vergangenen Tagen und Wochen gab es eine Vielzahl an Debatten zwischen den verschiedenen Bewerberinnen und Bewerbern - und diese verliefen über weite Strecken hinweg sachlich. Hin und wieder sind einzelne Kandidatinnen und Kandidaten aber doch bewusst in die Offensive gegangen, was teilweise einen erstaunlichen Schlagabtausch zur Folge hatte. Lisa Totzauer etwa giftete in Sachen Kooperation in Richtung Markus Breitenecker, dass sie sich nicht vorstellen könne, wie ORF-Dokus auf einer Streamingplattform neben Formaten wie "Das Geschäft mit der Liebe" von ATV stehen sollen.
ATV geriet 2025 für das Format in die Kritik und hat es mittlerweile auch eingestellt. Weil die Medienbehörde KommAustria dem Sender sogar einen Gesetzesverstoß attestiert hat, ist aktuell noch eine juristische Auseinandersetzung anhängig (DWDL.de berichtete). Als Chef von ProSiebenSat.1Puls4 war Breitenecker auch lange für diese Sendung verantwortlich. Nun sagte er, er finde das Format "furchtbar". Und auf die Attacke Totzauers, die ihn wohl auch in ein schlechtes Licht rücken sollte, fiel dem ehemaligen P7S1-Manager ein ziemlich eleganter Konter ein: So erklärte Breitenecker, dass das Format einst von einem ATV-Programmmanager erfunden worden sei, der heute als Unterhaltungschef im ORF arbeite. Gemeint war damit Martin Gastinger, ehemaliger ATV-Chef - und heutiger Kollege von Lisa Totzauer.
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