Zumindest partiell erinnerte Sat.1 in der zurückliegenden Saison an das Sat.1 früherer Jahre, schließlich holte der Sender nicht nur den "Letzten Bullen" zurück, sondern auch "Kommissar Rex". Um das möglich zu machen, waren auch ungewöhnliche Wege nötig: So setzte der Sender im Falle der Serie mit Henning Baum auf eine Kooperation mit Prime Video, die dem Erfolg erkennbar nicht geschadet hat. Im Schnitt schalteten fast zwei Millionen Menschen ein. Etwas weniger waren es beim "Rex"-Comeback, das Sat.1 zusammen mit dem ORF auf die Beine stellte. Beides keine Riesen-Hits – und doch brachte das Comeback der eigenproduzierten Fiction höhere Gesamt-Reichweiten mit sich als man das in Sat.1 für gewöhnlich kennt.

Mit vertrauten Marken, konventionell erzählten, aber durchaus modern inszenierten Geschichten ist es also gelungen, ein Genre wiederzubeleben, das man in den vergangenen Jahren aus Kostengründen hinten angestellt hat. Die guten Quoten sollten also Ansporn sein, diesen Weg weiterzuverfolgen. Dass Fiction alleine kein Wundermittel ist, zeigte sich dagegen an anderer Stelle: So sorgte die Comedyserie "Frier & Fünfzig" mit Annette Frier zwar für positive Kritiken, nicht aber für hohes Interesse beim Publikum. Und am Vorabend sind mit "Ein Hof zum Verlieben" und "Frieda – Mit Feuer und Flamme" jüngst gleich zwei Versuche gescheitert, die Soap-Strecke auszubauen.

Die Daily-Flops zeigen: Wenn's zu trutschig und altbacken wird, schaltet das Publikum nicht ein. Zur Wahrheit gehört dabei auch, dass selbst die "Landarztpraxis" im linearen Programm kein sonderlich großer Erfolg mehr ist, auch wenn die Serie für den Streamer Joyn alleine durch die schiere Folgenzahl ein wichtiger Anker sein mag. Überhaupt bleibt das Tagesprogramm für Sat.1 weiterhin eine Baustelle, sieht man mal vom "Frühstücksfernsehen" ab, das – bedingt durch das Aus der "Punkt"-Magazine bei RTL – zuletzt so stark war wie seit vielen Jahren nicht. Dass über zehn Jahre alte Wiederholungen von "Richter Alexander Hold" zuletzt höhere Reichweiten erzielten als die neu produzierte Vorabend-Fiction könnte ein Fingerzeig sein, welche Erwartungen das Publikum an Sat.1 hat.

Es gibt also viel zu tun für die Führungs-Crew in Unterföhring, allen voran für Arne Neumann, der fortan im Zusammenspiel mit dem bisherigen Sat.1- und ProSieben-Chefs Marc Rasmus und Hannes Hiller die Senderstrategien verantwortet. Mit Blick auf Sat.1 braucht es aber nicht nur für die Daytime neue Impulse, sondern erkennbar auch für die Primetime. Dabei schwächelten in der zurückliegenden Saison ausgerechnet zwei Säulen, die Rasmus zuvor als besonders wichtig erachtet hat: Food und Quiz. So konnte der Promi-Ableger von "The Taste" zuletzt nicht die erhofften Erfolge einfahren und auch das "Promi-Backen" schwächelte. Gleichzeitig lief das "1% Quiz" mit Jörg Pilawa seiner früheren Bestform hinterher und alle weiteren Quizshows taten sich so schwer, dass sie erstmal keine Fortsetzung erhalten. Auch das trug letztlich dazu bei, dass Sat.1 in jedem der neun Monate schwächer performte als im Jahr zuvor und man sich zunehmend auch wieder hinter Vox einsortieren musste.

Im Show-Bereich blieb zumindest "The Voice of Germany" stabil, doch auch der Kids-Ableger bereitete zunehmend Kummer. Daneben wollte auch der Versuch, die "Guinness Show" zurückzuholen, nicht so recht verfangen, und auch auf "Die besten Comedians Deutschland" konnte sich der Sender nicht immer vollends verlassen. Immerhin: Mit der "Villa der Versuchung" gelang Sat.1 im Sommerprogramm ein Reality-Überraschungserfolg, der im Linearen wie im Streaming gleichermaßen sein Publikum fand – anders als "Promis unter Palmen", das in Sat.1 eher blass blieb. "Promi Big Brother", mit Desirée Nick und Harald Glööckler sehr treffsicher besetzt, erwies sich dagegen einmal mehr über zwei Wochen hinweg als Stabilitätsanker. Und dann ist da auch noch Julia Leischik, deren Vermissten-Suchen regelmäßig zu den meistgesehenen Formaten des Senders gehören.

Nachholbedarf hat Sat.1 indes im Reportage-Bereich, wo "Ronzheimer" ziemlich durchwachsen lief. Die besten Quoten erzielte ausgerechnet jene Folge, in der im Nachhein bekannt wurde, dass die Redaktion von einem der Protagonisten an der Nase herumgeführt worden ist. Besser fuhr der Sender hingegen zuletzt mit seinen Urlaubschecks – so brachte es die Reportage über Kreuzfahren jüngst auf über neun Prozent Marktanteil. Es sind also augenscheinlich eher die leichten Themen, die bei den Zuschauerinnen und Zuschauern verfangen. Und natürlich Fußball: Vor allem die Bundesliga-Relegationsspiele waren es, die das Publikum wieder in Scharen zu Sat.1 lockten. Doch das ist freilich ein Erfolg, der sich nicht beliebig oft reproduzieren lässt.

Und so bleiben die Herausforderungen für Sat.1 also groß. Die Serien-Erfolge in der Primetime dienen allerdings auf Hoffnungsschimmer: Vielleicht täte der Sender gut daran, diesem Bereich in Zukunft wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken.