Es ist kein Geheimnis mehr: traditionelle Medien bangen um ihre Präsenz und laufen Gefahr, historisch gesicherte Positionen zu verlieren. Nun spricht auch die Nutzungsgewohnheit langsam gegen sie. Im Schnitt gehen 54 Prozent der User zuerst auf Social Media und Videoplattformen, darauf folgen im internationalen Marktvergleich 51 Prozent für Websites und Apps. Die Aufmerksamkeit rutscht folglich auf algorithmisch-betriebene Plattformen ab, die vor allem für polarisierende Inhalte optimiert sind.
Geht die größte Konkurrenz für den klassischen Journalismus damit von der Creator-Industrie aus? 46 Prozent der Befragten beziehen ihre Nachrichten von Konten bekannter Persönlichkeiten, 27 Prozent fokussieren konkret News Influencer. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Social-Media-Hosts sind laut Auswertung des Reuters Digital News Reports per sé unterhaltsamer, einfacher zu verstehen und deutlich nahbarer als journalistische Marken. Auch wenn sie inhaltlich im Kontrast dazu verhältnismäßig unglaubwürdig und voreingenommen wirken, ist der Tenor und Konklusion nahezu jeder Digitalkonferenz die gleiche: “Menschen folgen (eher) Menschen".
Aber anstelle einer Gefahr für klassische Medienmarken gewinnt überraschenderweise die Synergie. Die Zahlen zeigen, dass die meisten User Creator-Inhalte nicht als Alternative nutzen, sondern parallel zu traditionellen Nachrichtenquellen. 13 Prozent der Befragten geben an, dass ein Großteil oder ihr gesamter Nachrichtenbedarf durch Content Creator gedeckt ist. Nur ein kleiner Teil von 3 Prozent bezieht ausschließlich Influencer-Inhalte und kehrt damit den Traditionsmarken den Rücken zu.
Das könnte natürlich am Themenfokus und der Ausrichtung deutscher Medienmarken liegen. Denn trotz der hohen Abdeckung im Textjournalismus hat es der Digital News Report bisher nur durch einen User-Upload auf TikTok geschafft. Organische Videos zu den Erkenntnissen gab es dahingegend nicht.
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Geleitet wird diese Bewegung (wie gewohnt) von zwei größeren Faktoren: Das Interesse und Vertrauen in Medien im Allgemeinen. Beide Messgrößen, die von der Auswertung zu jeder Veröffentlichung quantifiziert werden, sind seit Jahren rückläufig. Seit 2021 ist der Anteil der Menschen, die angeben, dass sie sehr bis stark an Nachrichten interessiert seien, um durchschnittlich 13 Prozentpunkte gesunken. Gleichzeitig befindet sich auch die Glaubhaftigkeit global im Keller: 37 Prozent trauen etablierten Medien marktübergreifend noch über den Weg – die niedrigste Messung seit der Einführung des Wertes in 2015.
Aber wie ist der aktuelle Stand in Deutschland? Grundsätzlich positiv. Die Reichweite von TV- und Online-Marken ist stabil, die Social-Media-Plattformen zeigen insgesamt einen kleinen Aufwärtstrend. Folgende Nachrichten-Angebote verzeichnen die höchste wöchentliche Nutzung:
Der Reuters Digital News Report weist dabei keine Änderungswerte für einzelne Marken aus, die DWDL-Analyse aber schon: konkrete Medienangebote gewinnen oder verlieren hier im Jahresvergleich maximal einen Prozentpunkt. Eine kleine Überraschung bescheren jedoch kommerzielle Radio-Nachrichten mit zwei Prozent mehr, öffentlich-rechtliche Radio-Nachrichten holen sogar ein Plus von drei Prozent.
Schlechte Nachrichten gibt es allerdings für die Finanzierung von Inhalten: 11 Prozent sind bereit, für Nachrichteninhalte zu zahlen. Das sind zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Eine Korrelation mit Informationsmüdigkeit ist hier nicht ausgeschlossen, meiden konkret 40 Prozent journalistische Angebote manchmal bis oft – ein Plus von drei Prozent zur vorherigen Analyse. Auch die Ergebnisse der Publikation aus 2025 können im DWDL-Dosier nachgelesen werden.
Es ist aber nicht alles schlecht. Im Gegensatz zur internationalen Entwicklung zeigt Deutschland im Thema Nachrichtenvertrauen einen Gegentrend: hier steigt der Wert seit drei Jahren kontinuierlich, es resultiert ein Pluspunkt im Vergleich zur Vorjahresstatistik. Dass sich das Publikum stärker in Richtung Social-Media-Plattformen verschiebt, visualisiert die Übersicht der meistgenutzten Plattformen in dieser Ausgabe deutlich:
Was hier auf den ersten Blick auffällt: Auf dem ersten Platz befindet sich mit einem Plus von beachtlichen acht Prozent der Kommunikationsdienst WhatsApp. Die klassischen von der Branche diskutierten Plattformen folgen: YouTube mit +4, Facebook mit +6, Instagram mit +5 und TikTok mit +2 Prozentpunkten in der durchschnittlichen Nutzung. X steht im Ranking auf Platz sechs und konnte die eigene Performance nicht verbessern.
Nachdem die Reuters-Ergebnisse im letzten Jahr wie eine Hiobsbotschaft verbreitet wurden, können Medienschaffende mit der neuen Publikation zunächst einmal aufatmen. Viele der Abwärtstrends konnten zwar zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht dauerhaft umgekehrt oder ausgeglichen, aber dennoch für den Moment merkbar ausgebremst werden. Aus den internationalen Trends lassen sich zudem zentrale Rückschlüsse für die Entwicklung der Medienangebote in Deutschland ziehen: Marken, die die verstärkte Plattformkonzentration ernst nehmen und jetzt Strategien entwickeln, wie sie User stärker binden oder (immer wieder) ihre Zielgruppen erreichen, werden langfristig ihre Namen in den Rankings des Reports wiederfinden.
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