ProSieben geht aus Quotensicht als einer der großen Verlierer aus der vergangenen Saison 2025/26 hervor: In acht von neun Monaten zwischen September und Mai lag der Markanteil des Senders in der klassischen Zielgruppe unter dem Wert des Vorjahres - und das meist deutlich um 0,5 bis 0,8 Prozentpunkte. Damit konnte der seit längerem anhaltende Sinkflug nicht nur nicht aufgehalten werden, er hat sich sogar noch beschleunigt. Als jüngstes der acht Vollprogramme steht ProSieben angesichts der Verschiebung der Bewegtbildnutzung in Richtung Streaming, TikTok und Co. schon lange am stärksten unter Druck. Ein durchschlagendes Konzept, die linearen Reichweiten zu halten, hat man bislang noch nicht gefunden.
Zu den klassischen Maßnahmen linearer Sender gegen die Reichweiten-Erosion gehört es, stärker auf Sport zu setzen - da bildet auch ProSieben keine Ausnahme. Dabei setzt man in Unterföhring vor allem auf den Turnier-Effekt: Wenn eine deutsche Mannschaft erfolgreich ist, dann sind auch bei Sportarten, die sonst meist wenig Beachtung finden, plötzlich enorme Quoten drin. Bei der Eishockey-WM ist diese Taktik nun allerdings schon das zweite Jahr in Folge aufgrund des Vorrunden-Aus nicht aufgegangen. Doch der Blick in die Zukunft lässt hier trotzdem hoffen: Die neu gesicherten Handball-Länderspiel-Rechte sorgten schon für gute Quoten - und nächstes Jahr steht hier dann ja auch noch eine WM im eigenen Land an. Und um den Jahreswechsel 2027/28 dürfte dann zudem wohl auch die Darts-WM für Topquoten sorgen.
ProSieben rutscht im Mai aus der Sender-Top 10
Events wie diese erscheinen schon deswegen nötig, weil sie auch ein etwas älteres Publikum vor den Fernseher locken und damit auch mal für gute Gesamtreichweiten sorgen können - etwas, das selbst die erfolgreichsten ProSieben-Formate kaum noch schaffen. Zwischen September und Mai gab es nur eine einzige ProSieben-Sendung, die linear noch mehr als zwei Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer erreichte, lediglich vier weitere lagen bei mehr als 1,5 Millionen. Unter den Eigenproduktionen gelang das einzig "The Voice of Germany", das man sich allerdings bekanntlich mit Sat.1 teilen muss.
Nun bildet die lineare Nutzung natürlich einen immer kleiner werdenden Teil der Gesamt-Nutzung ab, doch die Daseinsberechtigung eines linearen Senders liegt eben auch und gerade darin, noch viele Leute gleichzeitig vor dem Fernseher versammeln zu können. Damit tun sich alle Sender zunehmend schwer, bei ProSieben sind die Probleme aber inzwischen eklatant. Im Mai rutschte ProSieben im Marktanteils-Ranking beim Gesamtpublikum aus den Top 10 heraus und landete noch hinter Kabel Eins, RTLzwei, Sat.1 Gold, ZDFneo und dem NDR Fernsehen.
Das liegt auch daran, dass viele Erfolgsformate des Senders so jung sind, dass die Gesamt-Reichweiten sehr überschaubar bleiben. "Joko & Klaas gegen ProSieben" etwa erzielte trotz leicher Rückgänge weiter starke Quoten beim jungen Publikum, erreicht im Schnitt aber linear nur noch etwa 700.000 Personen. "Wer stiehlt mir die Show?" verlor ebenfalls etwas an Boden, blieb aber am hart umkämpften Sonntagabend ein voller Erfolg beim jungen Publikum. Insgesamt kämpft man trotzdem mit der Millionen-Marke. "Ein sehr gutes Quiz" überstand die Verlegung von Samstag auf Sonntag, mehr als 700.000 schauen im Schnitt trotzdem nicht zu. Und auch "TV Total" blieb eine Bank bei den Jüngeren, hier blieben die Marktanteile entgegen dem Trend bei den meisten anderen ProSieben-Formaten sogar stabil - die Millionenmarke wurde trotzdem meist verpasst.
Joyn-Formate drücken die ProSieben-Quote
Dazu kommt, dass die meisten dieser Formate auch bei Joyn nun nicht gerade zu den ganz großen Abräumern zählen, zumindest spielen sie in den angebotsübergreifenden AGF-Rankings keine Rolle. Eine Ausnahme bildet hier "Germany's Next Topmodel", das auch im Streaming gut läuft und immerhin weiter klar über der Millionen-Marke im linearen Fernsehen liegt, auch wenn man seit der doppelten Wochen-Dosis ein Stück weit unter der früheren Flughöhe unterwegs ist. Apropos Joyn: Dass ProSieben am späteren Abend als Abspielstation für viele Produktionen herhalten muss, die eigentlich für den Streamer produziert wurden, hilft den Quoten des Senders auch nicht: Sendungen wie die "Realitystar Academy", "The Hunt", "Dr. Rick & Dr. Nick" oder "Most Wanted" laufen dort schwach bis miserabel.
Auch von den Wolter-Zwillingen dürfte man sich aus Quotensicht mehr erhofft haben, als die mäßigen Zahlen, die man letztlich mit "Erkennst du den Song? LIVE" und "Schäm dich reich" am späteren Abend erzielen konnte. Letzteres war eine Auskopplung einer einstigen Rubrik von "Late Night Berlin", das im Frühjahr vergangenen Jahres ja bekanntlich durch "Experte für alles" ersetzt wurde. Das läuft inzwischen zwar recht stabil, kann den starken Vorlauf durch "TV Total" aber ebenfalls nur sehr bedingt nutzen. Diese Aufgabe ist aber offensichtlich so schwierig, dass sie auch Sebastian Pufpaff selbst nicht so recht erfüllen kann: Auch wenn im Anschluss an "TV Total" noch der "TV Total Stand-Up Club" läuft, ist ein großer Teil des Publikums direkt weg. Allgemein hat ProSieben die große Ausdehnung des "TV Total"-Universums zuletzt wieder zurückgefahren, kein Ableger mehr mit Gast, weniger große Events (die zuletzt meist enttäuschten), mehr Konzentration aufs eigentliche Kernprodukt. Immerhin: Das "TV Total Turmspringen" funktionierte erneut gut, obwohl Pufpaff nicht mehr selbst antreten wollte.
Ernüchternde Bilanz der Neustarts
Alle bislang erwähnten Erfolge waren schon etablierte Formate, größtenteils schon viele Jahre alt. Bei den Neustarts fällt die Bilanz noch ernüchternder aus. "Deutschlands dümmster Promi" machte aus der eigentlich vielversprechenden Besetzung viel zu wenig und fiel sang- und klanglos durch, die wiederbelebten "Crash Games" legten danach einen richtigen Quoten-Crash hin. "Chris Talls 'Chris du mich berühmt' Show" bleibt vor allem wegen des Titel-Unfalls im Gedächtnis, floppte ansonsten aber ebenfalls, im Sommer ging nach der Umbesetzung auch schon die zweite Staffel von "Wer isses?" baden. Das Reality-Format "Die Abrechnung" wollten so wenige sehen, dass man es eilig nach zwei Wochen ins Nachtprogramm verschob und stattdessen "Das große Promi-Büßen" wieder in die Primetime voverlegte, obwohl man das Format wohlweislich eigentlich für den späten Abend eingeplant hatte. Dass es auf dem früheren Sendeplatz funktionieren würde, hatte also schon beim Sender selbst niemand erwartet - und das hat es dann folgerichtig auch nicht.
Im Show-Bereich wagte ProSieben zumindest im Frühjahr mal etwas Neues und ließ mit Hilfe der KI verstorbene Stars bei "Staying Alive" wiederauferstehen. KI ruft bei den meisten aber längst eher Abwehrreaktionen als Begeisterung hervor - also erwies sich auch das als Fehlschlag. Immerhin: "The Masked Singer" konnte sich nach dem bemerkenswerten Absturz der Vorsaison wieder stabilisieren, ist aber weit vom einstigen Überflieger-Status entfernt. Die hier schon so häufig erwähnte Millionen-Grenze kann die Show noch überspringen, ebenso wie der Klassiker "Schlag den Star" in seinen stärkeren Wochen.
Zum Markenkern von ProSieben gehört längst, dass der Sender für relevante Reportagen und Programme Primetime-Plätze freiräumt. Das zahlt vielleicht aufs Image ein, häufig allerdings leider nicht aufs Quotenkonto. Die Thilo-Mischke-Reportagen taten sich in dieser Saison durch die Bank schwer, die Produktionen mit Linda Zervakis noch schwerer. Immerhin auf Jenke von Wilmsdorff konnte man sich bei ProSieben verlassen. Und mit dem schonungslosen Blick in den Kriegs-Alltag in der Ukraine gelang, initiiert von Joko und Klaas, auch wieder einer der Abende, die von dieser TV-Saison nachhaltig in Erinnerung bleiben. Alles in allem wäre ProSieben aber zu wünschen, dass man gerade an diesen Abenden, an denen man noch spürt, dass Herzblut im Programm steckt, stärker vom Publikum belohnt würde.
Großer Fehlschlag am Vorabend
Zu den größten Fehlschlägen in der vergangenen Saison gehörte der Versuch, eine neue tägliche Serie am Vorabend zu etablieren. Nicht nur ProSieben hat sich damit in der Vergangenheit schon mehrfach eine blutige Nase geholt, wie schwierig dieses Unterfangen ist, konnte man sich auch ganz aktuell beim Schwestersender Sat.1 anschauen. Trotzdem brachte man die "Cooking-Academy" an den Start - und scheiterte. Nach einigen Wochen wurde die Serie in den frühen Morgen verbannt, der extra vorgenommene Umbau des Vorabend-Schemas wieder rückgängig gemacht.
Die Baustelle ist damit aber eigentlich nicht geschlossen. Dabei sind gar nicht unbedingt die "Simpsons" das größte Problem, die haben ihre Marktanteile in den letzten Jahren sogar stabilisiert. Doch die eigenen Magazine tun sich so schwer wie noch nie: "Galileo" liegt in diesem Jahr bei nur 7,5 Prozent bei den 14- bis 49-Jährigen und damit fast eineinhalb Prozentpunkte unter dem Vorjahr - bei im Schnitt weniger als einer halben Million Zuschauerinnen und Zuschauer. Und auch "taff" tut sich deutlich schwerer und hat die 10-Prozent-Marke inzwischen weit aus den Augen verloren. Um den Sender zu stabilisieren, müsste also auch dort schnellstens ein Gegenmittel gegen die sinkenden Quoten gefunden werden. Viel zu tun gäbe es also - die Frage ist nur, ob es auch angepackt wird, wenn es in der neuen Struktur nach Abschaffung der Senderchefs niemanden mehr gibt, der richtig für den Sender verantwortlich ist.
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