Als Publikum hat man unverändert gut lachen: Mit „LOL“ von Constantin Entertainment hat Prime Video das derzeit wohl bekannteste der neueren Comedy-Formate im Programm und dann gibt es die Vielzahl der Satire- und Comedy-Formate der Öffentlich-Rechtlichen, mal linear, mal auf Abruf. Von Aktualität über Klamauk bis zu Sitcoms und Personality ist die Auswahl hier riesig: ARD und ZDF haben in den vergangenen 15 Jahren aufgeholt - und überholt - in einem Genre, was von Mitte der 90er Jahre bis in die frühen 2010er eine Festung des Privatfernsehens war: Die Comedy, in Form von mehr als abgefilmten Bühnenprogrammen. 

Von dieser Dominanz mit ihren prägenden Köpfen ist nicht allzu viel übrig. ProSieben würde diese Sichtweise vielleicht am lautesten zurückweisen. Mit Sebastian Pufpaffs „TV Total“ hat man schließlich seit fast fünf Jahren ein prominentes Format in der Primetime, probiert gelegentlich neue Ideen aus. Einige Shows tänzeln in Unterföhring auf der Kante zwischen Unterhaltung und Comedy, doch in Vielfalt und Schlagzahl kein Vergleich mit früher, auch natürlich durch Budgetzwang. Drüben bei Sat.1 wiederum, da spielt das Genre fast gar keine Rolle mehr, nur noch vereinzelt in zusammengestellten Bühnen-Programm wie bei "Deutschlands beste Comedians". In der neuen Matrix-Struktur des Hauses findet Comedy gar keine konkrete Zuständigkeit.

Einst war das undenkbar, heute aber auch bei RTL Deutschland nicht anders: Dort war der jetzige Unterhaltungschef Markus Küttner lange Jahre zuständig für den etwas schräg zusammengewürfelten Bereich „Comedy & Real Life“. Und als Verantwortlicher fürs Dschungelcamp würde RTL auch das vermutlich als Gegenbeweis anführen. Smart wie man ist, hat man sich die „Stefan Raab Show“ für fünf Jahre einkauft. Und Mario Barth soll ja auch lustig sein. Aber Comedy-Formate? Fehlanzeige. Das höchste der Gefühle: Ein Comedian, der eine Quizshow moderiert. Doch Ralf Schmitz’ RTL-Comeback scheint auch schon wieder beendet.

Beim Screenforce Festival im Juli, dem Gattungsevent der Bewegtbildbranche, spielte das Genre Comedy keine Rolle bei den Präsentationen der kommerziellen Anbieter: Genre Nr.1 war diesmal der Sport, gefolgt von Dauerbrenner Reality. Selbst Shows spielen in den Planungen eine größere Rolle als die Komik. Wohlgemerkt: Das ZDF nahm nicht teil und die ARD nutzte ihr Screening für eine genre-übergreifende Markenpolitur. Während die Öffentlich-Rechtlichen trotzdem im Programm sehr intensiv auf Comedy setzen und einzelne Firmen wie Brainpool mit Variationen von Bühnenprogramen punkten, bleibt die Frage: Was zum Teufel ist nur mit dem einst so geliebten Genre im kommerziellen Umfeld passiert?

Sieben Gründe sind dafür maßgeblich:

  • Social Video rules: TikTok, Instagram und YouTube

Das nächste „Game of Thrones“ lässt sich nicht mal eben selbst drehen, eine investigative Enthüllungsreportage braucht ebenso viel Zeit und Budget - doch der schnelle Gag, die aktuelle Kommentierung des weltpolitischen Wahnsinns aber auch Sketche lassen sich mit wenig(er) Budget aufnehmen. Vielfalt und Volumen von Comedy auf TikTok, Instagram und YouTube sind gleichermaßen enorm, besetzen damit einen Großteil der Nachfrage.

  • In der Kürze liegt die Würze? Nicht bei TV-Comedy

Gelacht wird schnell, doch TV-Formate brauchen Länge um Werbepausen unterbringen zu können. Nicht nur die Vielzahl von Comedy auf Social Video verändert die Nachfrage von Comedy im TV, auch die Kürze: Sketchcomedys waren früher meist Nummern-Revues, selbst Format-Comedys wie „Die Wochenshow“ oder „RTL Samstag Nacht“ funktionierten über portionierbare kurze Stücke. Die Sendungen waren vermarktbare Formen, eigentlich aber eine Aneinanderreihung einzelner Elemente - und genau die funktionieren und monetarisieren heute eben auch für sich.

  • Frühere Produktionsweisen sind heute zu teuer

Egal ob „RTL Samstag Nacht“, „Die Wochenshow“, die „Freitag Nacht News“ oder „7 Tage, 7 Köpfe“: Wochenaktuell produzierte Comedyshows benötigten dauerhaft stehende Sets, belegen also durchgehend Studiofläche. Früher selbstverständlich, heute die absolute Ausnahme. „TV Total“ etwa wird in den Banijay-eigenen Studios produziert. Das hilft. Sonst wird es teuer. Insbesondere bei halbstündigen oder einstündigen Formate, die heute ohnehin immer seltener produziert werden. Da stehen Miete und vermarktbare Werbepausen in einem Missverhältnis.

  • Terminprobleme: Talents haben andere Prioritäten

Einst war die eigene TV-Show das Maß der Dinge und die Krönung einer Karriere. Wenn gleich das immer noch für einige Talents verlockend ist, lässt sich die Konsequenz dessen oft nicht mit dem eigenen Terminkalender vereinbaren: Über längere Zeit den Terminkalender an einer fix ortsgebundenen TV-Aufzeichnung ausrichten, ist eine Hürde über die Künstler*innen früher lieber gesprungen ist. Doch in der Vielzahl der heutigen Möglichkeiten blockiert ein TV-Engagegemt für Projekte. Namhaftere Talents mit erfolgreicher Live-Tour und eigener Social-Reichweite sehen einen nicht mehr so großen Mehrwert, eher Restriktion.

  • Fiction ist zu teuer, darunter leidet auch die Comedy

Lange vorbei sind die Zeiten, in denen mehrere langlaufende Staffeln deutscher Serien in der Primetime die Regel waren. Neben täglichen Serien am Vorabend schaffen es heute nur gelegentlich Highend-Miniserien ins lineare Programm, oder aber in immer neuen Koproduktions-Konstellationen realisierte Serien. Unter dem insgesamt gesunkenen Volumen leidet auch das Gerne der Comedy-Serie, was abseits von ARD und ZDF kaum noch im Fernsehen stattfindet. Dabei sind hier für frühere Generationen einst prägende Rollen entstanden.

  • Wiederholbarkeit des Genres ist , je nach Format, limitiert

Sketchcomedy lässt sich beliebig oft wiederholen, sofern der Zahn der Zeit nicht an der Haltbarkeit mancher Gags nagt. Davon lebte insbesondere Sat.1 in den Randzeiten noch viele Jahre nach Produktionsende seiner Sketch-Shows wie "Ladykracher", "Die dreisten Drei" oder "Sechserpack". Aber bei wochenaktuellen Formaten? In Zeiten, in denen die OnDemand-Nutzung für die linearen Sendermarken eine immer größere Rolle spielt, sind diese nur sehr zeitnah auswertbar. Der Longtail der OnDemand-Nutzung - zu deutsch: Die Haltbarkeit - ist einfach zu kurz.

  • Personality: Zwischen Aufmerksamkeit und Abhängigkeit

Neben Comedy-Formaten mit einer (Spiel-)Mechanik als Anker, gab es auch den Boom der Personality-Formate, deutlich zugeschnitten auf einzelne Künstlerinnen und Künstler. Doch die damit erhoffte Aufmerksamkeit prominenter Namen sorgte auch für Abhängigkeit: Bei Skandalen um einzelne Personen ist damit meist die ganze Produktion gestorben. In Zeiten von vorab produzierten Staffeln, waren damit in der Vergangenheit schon in einigen Fällen gleich gerne mehrere Stunden Material für die Tonne produziert. Das Risiko schreckt ab.