Diese Telegeschichte beginnt…
ServusTV war schon immer etwas anders. Als der Sender 2009 aus dem bisherigen Salzburg TV hervorging und eineinhalb Jahre später auch in Deutschland startete, ging es in der Berichterstattung nicht selten um die Tatsache, dass hinter dem Sender Red Bull und damit Milliardär Dietrich Mateschitz steht. ServusTV war damit ein Privatsender, dessen Wohl und Wehe von den Launen eines einzelnen Mannes abhing. Gleichzeitig produzierte ServusTV hochwertiges Programm, das oft eher mit dem der Öffentlich-Rechtlichen als der privaten Konkurrenz verglichen wurde. Doch die heile Bergwelt mit seinen Natur- und Heimatdokus bekam Risse, 2016 taten sich mehrere Abgründe auf.
© ServusTV
Ferdinand Wegscheider
Schon kurz nach seiner Beförderung sah es so aus, als würde Wegscheider in die Geschichte als einer der Senderchefs mit der kürzesten Amtszeit eingehen. Keine vier Wochen nach dem personellen Umbau an der Spitze des Senders kündigte Red Bull an, ServusTV einzustellen. Die Nachricht kam damals völlig überraschend. Mit ServusTV hatte der Konzern zwar nie Geld verdient, dafür hätte der Sender aber auch anders aufgestellt sein müssen. Dennoch hieß es damals, der Sender sei "wirtschaftlich untragbar" geworden.
Mateschitz wollte keinen Betriebsrat
Dass diese Begründung nur vorgeschoben war und es eigentlich um etwas anderes ging, wurde schnell klar. Tatsächlich wollten Red Bull und Dietrich Mateschitz bei ServusTV den Stecker ziehen, weil einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Betriebsrat gründen wollten - was ihr Recht gewesen wäre. "Unabhängigkeit, Eigenständigkeit und Unbeeinflussbarkeit insbesondere durch politische Parteien, egal welcher Richtung, war von Anfang an ein tragender Pfeiler von Servus TV. Die Betriebsratsgründung hätte diese Werte insbesondere durch die Art und Weise ihres Zustandekommens - anonym, unterstützt von Gewerkschaft und Arbeiterkammer - nachhaltig beschädigt", erklärte Mateschitz gegenüber den "Salzburger Nachrichten".
© Red Bull Content Pool
Dietrich Mateschitz
Doch so plötzlich wie das angekündigte Aus kam, so schnell wurde es wieder zurückgenommen. Nur einen Tag, nachdem Dietrich Mateschitz die Bombe platzen ließ, zog er seine Drohung wieder zurück. ServusTV konnte doch weitersenden - und 260 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter behielten ihre Jobs. Hintergrund war damals auch die Tatsache, dass die Mitarbeitenden auf eine Gründung eines Betriebsrats verzichteten. Zur Wahrheit gehört freilich auch: Viele im Sender bzw. im Red Bull Media House sahen damals wie heute gar keine Notwendigkeit für einen Betriebsrat, weil sich Red Bull ohnehin vergleichsweise gut um seine Belegschaft kümmert. Die Rolle rückwärts zeigte der versammelten Medienbranche allerdings eindrucksvoll, dass das Argument, man müsse den Sender aus wirtschaftlichen Gründen einstellen, vorgeschoben war.
Doch damit war für ServusTV das turbulente Jahr 2016 noch längst nicht abgeschlossen. Am 31. Juli, auf den Tag genau vor zehn Jahren, kündigte Red Bull an, den Sendebetrieb in Deutschland einstellen zu wollen. Damals erklärte man, dass man sich auf den Heimatmarkt und seine "österreichische Programmidentität" konzentrieren wolle. Diesmal sollte der Sender also nicht in Gänze eingestellt werden, sondern nur das Programm in Deutschland (und der Schweiz). Getroffen hätte das vor allem die Belegschaft in München.
Die nächste Rolle rückwärts
Die Programme entwickelten sich schon damals stark auseinander und ServusTV hatte seine Ambitionen in Deutschland merklich zurückgeschraubt. Aber wie es beim Salzburger Privatsender nun mal ist: Man muss mit Überraschungen rechnen. Und so vollzog man einige Wochen später wieder eine Rolle rückwärts und kündigte an, dass man auch über 2017 hinaus in Deutschland senden werde.
Sowas hat es seither nie wieder gegeben: Ein Sender, der zwei Mal innerhalb weniger Wochen kurz vor dem Aus stand und dann doch "gerettet" wurde. Ferdinand Wegscheider konnte als Senderchef weitermachen - und drückte ServusTV in den folgenden Jahren seinen Stempel auf. Vor allem während der Corona-Zeit geriet der Sender aber auch in die Kritik, weil er Schwurblern und Verharmlosern eine Bühne bot, Werbekunden zogen sich teilweise zurück. In der Belegschaft sorgte das für Unmut, der aber nie offen kommuniziert wurde. Es war mittlerweile ja klar, wie Mateschitz reagieren kann.
Das deutsche ServusTV entwickelte sich in der Zeit immer mehr zu einem kleinen Ableger der österreichischen Schwester. Der Versuch, aus dem deutschen Markt bekannte Persönlichkeiten in Führungsverantwortung zu bringen, scheiterten auch mehrfach deshalb, weil in Salzburg Ferdinand Wegscheider saß. Irgendwann wurde ServusTV Deutschland aus Österreich heraus geführt.
Lineares Aus in Deutschland kam Ende 2023
Ende 2023 wurde dann das umgesetzt, was 2016 ohnehin schon zwei Mal angedacht war: ServusTV beendete seinen linearen Sendebetrieb in Deutschland. Die Aufmerksamkeit, die der Sender damit auf sich zog, hielt sich in Grenzen. Zu klein und unbedeutend war ServusTV. Heute gibt es die Inhalte des Senders in Deutschland nur noch über die Streamingplattform ServusTV On zu sehen, für diese produziert man unter anderem auch noch den Talk "Klartext Deutschland".
Das Aus des linearen ServusTV in Deutschland spiegelte damals wie heute eine generell neue Strategie im Hause Red Bull wider. Hintergrund war vor allem die Tatsache, dass Dietrich Mateschitz im Oktober 2022 gestorben war. Damit verschoben sich im Medienkonzern spürbar die Prioritäten. Auch bei ServusTV in Salzburg musste plötzlich gespart werden. Weil der Sender zuvor aber üppig ausgestattet war, fiel das nicht so auf.
Das neue ServusTV
Heute ist ServusTV ein komplett anderer Sender als vor zehn Jahren. Zwar profitiert der Sender auch heute noch stark von der starken Konzernmutter im Hintergrund, Investitionen müssen aber stärker als noch unter Mateschitz begründet werden. Es wird nicht mehr alles produziert, weil ein Mann im Hintergrund den Daumen hebt. 2025 gab es einen großen Umbau samt Stellenabbau (DWDL.de berichtete).
Im vergangenen Jahr hat auch Ferdinand Wegscheider die Leitung des Senders abgegeben, einen direkten Nachfolger gab es nicht. Stattdessen kam Matthias Brügelmann als Global Head of Content ins Red Bull Media House, er verantwortet also alle Medieninhalte des Konzerns. Zuletzt trennte sich ServusTV von seinem Programmchef Goetz Hoefer, stattdessen wird der langjährige ProSiebenSat.1Puls4-Mitarbeiter Patrick Schubert ab dem 1. Oktober neuer Head of Editorial TV beim Sender.
Einen Betriebsrat gibt es bei ServusTV bzw. dem Red Bull Media House übrigens bis heute nicht. Immerhin das ist aus der Ära Mateschitz geblieben.
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