Marco Schreyl © RTL
Die Angst vor dem unbekannten Publikum

Schwule vor der Kamera: Die verlorene Generation

von Thomas Lückerath
17.04.2011 - 10:15 Uhr

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Kürzlich thematisierte der "Tatort" Homosexualität im Profifußball. Ein Tabu-Thema, heißt es. Doch auch im Fernsehen scheint es bis auf wenige Ausnahmen keine jungen homosexuellen Stars zu geben. Ein nachdenklicher Blick hinter die Kulissen.

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Ja, die Homosexualität im Fußball. Als der "Tatort" sich vor wenigen Wochen des Themas annahm, wurde auch in der Berichterstattung dazu wieder einmal der Eindruck erweckt als sei dies das letzte Tabu-Thema, wenn es um prominente Schwule geht. In anderen Bereichen des öffentlichen Lebens - etwa in der Politik, der Popkultur, dem Fernsehen - gebe es ja längst keine Probleme mehr. Doch hier beginnt der Irrtum. So ist die Fernsehbranche zwar in sich sicher sehr tolerant - und lebt doch ein Doppelleben. Zwischem dem, was in der Branche ein offenes Geheimnis ist aber das Publikum nicht wissen soll. Es ist die Angst vor dem Publikum - wie im Fußball vor den Fans. Darf oder soll man darüber schreiben? Nach zehn Jahren der intensiven Berichterstattung über genau diese Fernsehbranche sind einige Gedanken zu dem Thema angefallen. Nur wo fängt man an?

Vielleicht bei einer Perspektive, die Schwule und Lesben am Besten nachvollziehen können: Die Faszination des Outings eines homosexuellen Prominenten ist mehr als das Verlangen der Presse nach Klatsch und Tratsch. Jedes gelebte Beispiel dafür, dass man sich nicht verstecken muss, ist auch heute noch auch ein Befreiungsschlag für schwule und lesbische Jugendliche, die noch genau das tun, weil sie nicht einmal Familie und Freunden, manchmal nicht einmal sich selbst eingestehen wollen, anders zu sein. Das mag für diejenigen, die in Großstädten wohnen und sich über ein tolerantes Umfeld freuen können, überholt klingen. Als wären es Probleme der 90er Jahre. Doch schon 20km außerhalb der aufgeschlossenen Umgebung mancher Großstadt sieht die Wirklichkeit immer noch anders aus. Jedes prominente Outing kann schwul-lesbischen Jugendlichen helfen.

Die Medien wiederum, besonders die Boulevardmedien, haben natürlich ihr ganz eigenes Interesse an Outings. Das ist weit weniger ehrenhaft. Sie haben Interesse an den Schlagzeilen, die sich generieren lassen, wobei genau das inzwischen auch nicht mehr so leicht fällt wie früher: Denn wie können diese drei Worte "Ich bin schwul" oder "Ich bin lesbisch" noch eine große Schlagzeile sein, wenn Homosexualität doch angeblich kein Aufreger mehr ist? Hier stolpert die Gier nach der Headline über die vermeintliche Toleranz. Doch das Problem haben die Boulevardmedien längst gelöst - mit einem Trick. Die Schlagzeilen der letzten Prominenten-Outings folgten stets dem Schema "XY zeigt uns endlich seine oder ihre ganz große Liebe".

Ist es nicht absurd? Wir wähnen uns in einer so toleranten Gesellschaft, für die ein Outing angeblich keine Schlagzeile mehr wäre. Zumindest die plumpe Variante würde wohl in der Tat jedem Redakteur, jedem Medium heute um die Ohren fliegen. Und doch weiß auch jeder: Damit lassen sich sehr wohl noch Zeitungen verkaufen und Klicks generieren. Natürlich würde darüber schrieben und gesprochen. Wir müssen uns wohl selbst den Spiegel vorhalten und uns fragen: Wie tolerant ist unsere Gesellschaft wirklich? Gibt es hier den oft bemühten Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung - konkreter ausgedrückt: Den Unterschied zwischen veröffentlichter Toleranz und der Realität.

Dieser Unterschied macht Angst. Zum Beispiel schwulen Profi-Fußballern. Und das obwohl doch DFB-Präsident Theo Zwanziger längst bei jeder Gelegenheit seine Unterstützung für denjenigen beteuert, der sich wagen würde. Längst äußern auch heterosexuelle Profi-Fußballer ihre Unterstützung für die, die der Geheimnistuerei und dem Doppelleben ein Ende setzen wollen - was schon bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass es Zeiten gab, in denen quasi ausgeschlossen wurde, dass in diesem Männer-Sport überhaupt ein Schwuler zu finden wäre. An jener veröffentlichter Toleranz mangelt es also nicht. Und kaum ein Medium, auch kein Boulevardmedium, würde wohl das mediale Feuer eröffnen. Aber zwischen dem und der Realität scheint eben ein Unterschied zu liegen.

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