Ich muss gestehen: Seit Jahren bezahle ich illegal für US-Fernsehen. Klingt komisch, ist aber so. Um nicht warten zu müssen bis die neue Staffel meiner Lieblingsserie nach Deutschland kommt oder diese eine neue Hitserie aus den USA überhaupt erst einmal in Deutschland auf Sendung geht, lade ich mir den neuesten Serienstoff auf dem Netz herunter. Nicht kostenlos natürlich. Apples Online-Store iTunes bekam dafür von mir schon viel Geld. Das ist vermutlich auch der Grund, warum man bei iTunes seit acht Jahren ganz fest beide Augen zudrückt, wenn rund um den Globus TV-Fans mit einem US-Account im US-iTunes-Store Serienfolgen oder ganze Staffeln kaufen. Selbst hochrangige Apple-Mitarbeiter in Europa kennen den Trick, nutzen und schätzen ihn.



Der deutsche iTunes-Store bietet zwar auch schon seit einigen Jahren neue US-Serien kurz nach der Ausstrahlung zum Download an. Vorreiter war hier Vertragspartner ABC/Disney, die ihrerzeit die neuen Folgen der Kultserien "Lost", "Desperate Housewives" und noch heute "Grey's Anatomy" schn einen Tag später völlig legal auch dem deutschen Publikum zugänglich machten. Auf englisch, wahlweise mit oder ohne Untertitel. Die Serienauswahl wuchs zuletzt schon stetig, war aber doch immer noch überschaubar. Das hat sich jetzt geändert. Die Lizenzgeber der TV-Programme in den USA aber auch Großbritannien haben offenbar dazugelernt. Die TV-Saison 2013/2014 markiert für deutsche Fans süchtig-machender Serienware aus USA und UK einen Wendepunkt.

iTunes bietet aktuell, in der Regel keine 24 Stunden nach US-Ausstrahlung, die brandneuen US-Serien "Agents of Shield", "The Crazy Ones", "Sleepy Hollow", "Dads", "Camp", "Brooklyn Nine-Nine" sowie die neuen Staffeln bekannter Serien wie "Modern Family", "Castle", "Grey's Anatomy", "Chicago Fire", "Law & Order: SVU", "Criminal Minds", "Parenthood", "Sons of Anarchy", "Parks and Recreation", "New Girl", "The Mindy Project", "Scandal", "Once Upon a Time", "Revenge", "Homeland" und "The Simpsons" zum Download an - und das meist sogar in High-Definition. Aus Großbritannien kommt dazu brandaktuell auch die neueste, vierte Staffel von "Downton Abbey" schneller zu uns als es selbst das Pay-TV anbieten kann.

Zweifelsohne erobert iTunes mit diesen Originalfassungen nicht den Massenmarkt, aber bedient eine Nachfrage in der Nische, die große deutsche Fernsehmarken seit Jahren mal ignorieren, mal in Verhandlungen mit den US-Lizenzgebern als nicht attraktiv genug betrachten und entsprechende Rechte nicht miterwerben. Das Pay-TV hat die Lücke seit einiger Zeit für sich entdeckt. Einzelne Kultserien holen Sky, FOX, TNT Serie oder AXN sehr zeitnah nach Deutschland. Und auch VoD-Portale wie z.B. Maxdome oder Watchever bieten einzelne Serien zeitnah an. Maxdome hat das gerade mit einem neuen Deal mit FOX ausgeweitet. Doch keiner bietet ein so umfassendes Serien-Angebot wie iTunes. In Zeiten, in denen ein einzelnes Kinoticket inzwischen leicht mal 10 Euro kostet, verlieren Preise von 20 bis 30 Euro für eine ganze Serienstaffel ihren Schrecken.

Für alle, die ihren Seriennachschub als Raubkopien illegal herunterladen, mag der folgende Satz schon seit Jahren gelten. Doch in diesem Herbst, dem Herbst 2013, lässt es sich auch guten Gewissens sagen: Die deutschen Fernsehsender haben, abgesehen vielleicht von Sky, bei neuen US-Serien weitgehend den Anschluss verpasst. Sie sind nicht mehr erste Adresse für US-Serien - weder im linearen noch non-linearen Markt. Ganz legal und durch Apple-Infrastruktur wahlweise mit Apple TV auf dem heimischen HD-Fernseher, auf dem Computer oder mobil via iPhone und iPad lässt sich so bequem die neueste Serienware aus den USA genießen. Ein Faustschlag ins Gesicht des linearen Fernsehens. Und einmal mehr ein bitterer Beleg dafür, wie fatal die Entscheidungen des Bundeskartellamts gegen die geplanten deutschen VoD-Plattformen Amazonas und Germany's Gold waren. Einem Markt, in dem viel Musik steckt, stehen die deutschen Medienhäuser weitgehend ohne Instrumente gegenüber.