Sebastian Weil © ProSiebenSat.1 Digital
Warum ProSiebenSat.1 fürs Internet produziert

Netz statt Glotze: Ein Fernsehmacher ohne Fernsehen

von Alexander Krei
03.03.2014 - 06:06 Uhr

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Social Networks

 

Das Fernsehen ist nicht mehr genug: Mit Studio 71 hat ProSiebenSat.1 mittlerweile eine Produktionsfirma gegründet, die zahlreiche Live-Shows fürs Netz herstellt. Nicht ohne Hintergedanken - und mancher Webstar könnte es auch ins Fernsehen schaffen...

Unter der Dachmarke Studio 71 bündelt ProSiebenSat.1 seit dem vergangenen Jahr seine Web-Only-Aktivitäten - und feiert damit schon jetzt große Erfolge. "Wir sind vor knapp zwei Jahren an den Start gegangen, als Initiative des Digitalbereichs. Es gibt immer mehr Persönlichkeiten, die vor allem in jungen Zielgruppen alleine durch die Kraft des Internets und Millionen von Klicks Star-Status erreichen können", sagt Sebastian Weil, Geschäftsführer von ProSiebenSat.1 Digital, im Gespräch mit dem Medienmagazin DWDL.de und verweist auf das Duo Gronkh und Sarazar, das mit seinen Channels im Netz fast fünf Millionen Abonnenten zählt und seit Jahresbeginn dem Netzwerk von ProSiebenSat.1 angehört. 

Gleich im ersten Monat wurden eine Million Klicks verzeichnet - eine durchaus beachtliche Zahl also, die Weil und seine Mitstreiter als Beleg dafür ansehen, dass Live-Streaming im Internet funktioniert. Das dürfte so manchen Beobachter überraschen, schließlich gilt doch gerade das zeitunabhängige Anschauen von Inhalten als einer der großen Vorteile des Internets gegenüber dem klassischen Fernsehen. Ein Trugschluss, findet Sebastian Weil, für den das Gemeinschaftsgefühl auch im Netz vorhanden ist. "Es gibt auch in den hochgradig netzaktiven Zielgruppen den Wunsch, zusammen mit anderen eine Sendung als Gruppenerlebnis zu konsumieren", sagt er und bezeichnet dieses Phänomen als interaktives Lagerfeuer: "Jeder sitzt drum herum und kann selbst Holz nachlegen."

Tatsächlich bieten Live-Shows im Netz, wie sie bei MyVideo zu sehen sind, echte Vorteile. Die Interaktion mit dem Publikum wirkt deutlich natürlicher als bei vielen Fernsehformaten, für die Social Media häufig noch als Krücke daherkommt. Doch so attraktiv das Internet auch ist: Viele der sogenannten "Webstars" drängt es ins Fernsehen - ein Aspekt, den Weil für sich zu nutzen weiß. Kein Wunder, schließlich erscheinen die großen Sender nur einen Katzensprung entfernt zu sein. Und so mutiert das Netz mehr und mehr zur demokratischen Scouting-Plattform, bei der die User per Mausklick entscheiden, wen sie sehen möchten. "Im Prinzip kann jeder, der einen eigenen Rechner und eine Webcam hat, zum Star werden - wenn er es denn gut anstellt. Diese Entwicklung ist für uns sehr positiv", sagt Weil.

"Was in den 90er Jahren MTV und Viva waren, ist jetzt unsere Online-Plattform. Da gibt es sehr viele Gesichter, von denen wir uns sehr gut vorstellen können, sie im Fernsehen einzusetzen." Auch heute setze man das schon um, etwa durch Besuche bei Stefan Raab oder die Integration in den täglichen Magazinen von ProSieben. Aber auch eigene Formate sind ein Thema. "Unser primäres Ziel ist es allerdings nicht, für das Fernsehen zu produzieren. Wir wollen mit Web-Only-Produktionen im Netz erfolgreich sein", erzählt ProSiebenSat.1 Digital-Geschäftsführer Sebastian Weil, der zwar Bewegtbild produziert, sich jedoch nicht als Fernsehmacher, sondern als Videomacher bezeichnet.

"Wir agieren anders als ein klassischer Fernsehproduzent", erklärt er. Zwangsläufig entspannteres Arbeiten bedeutet das aber nicht - schon alleine, weil jeder Einzelne viel mehr Bereiche abdecken muss. Wöchentliche Sendungen werden in der Regel mit drei oder vier Leuten gefahren und nicht selten kommt es vor, dass der Redakteur auch die Live-Regie übernehmen muss. Den Quotendruck vermisse er aber nicht, sagt Weil. "Unser Geschäft läuft nicht direkt gegen einen Senderschnitt." Und doch weiß Weil nur zu gut, dass sich eine Produktion am Ende des Tages tragen muss. Der Erfolg der ersten Monate spricht jedoch für ihn und Studio 71: Obwohl der Web-Only-Produzent erst seit fünf Monaten im Markt ist, konnte im Januar bereits die Marke von 100 Millionen Video-Views geknackt werden.

Der schnelle Erfolg freut natürlich auch den Vermarkter. "Die Live-Shows sind ein klarer USP, den wir uns erarbeitet haben. Das hat sich auch bei Werbekunden herumgesprochen. Auch individuelle Konzept- und Branded Entertainment Inszenierungen sind möglich." Das Ende der Fahnenstange sieht Geschäftsführer Sebastian Weil aber noch nicht erreicht. "Ich bin vorsichtig mit Prognosen, aber unser Ziel ist Wachstum. Und unsere nächste Zielmarke sind die 200 Millionen Views." Helfen sollen dabei große Live-Events wie "Last Man Standing", die man künftig monatlich realisieren will. Dass dabei nicht immer alles glatt läuft, nehmen die Videomacher dabei in Kauf. "Als wir vor zwei Jahren mit der Initiative gestartet sind, wollten wir ganz bewusst lernen und eine Kultur von Trial and Error einführen", sagt Weil und betont, viele Ideen mit der Zeit wieder verworfen zu haben. 

Fragen wirft dagegen die Positionierung von MyVideo abseits der Eigenproduktionen auf. Das Portal, das sich einst mit nutzergeneriertem Conent als YouTube-Konkurrent positionieren wollte, versucht inzwischen vermehrt auch mit internationalen Serien auf Klickfang zu gehen - im Unterschied zu Maxdome gibt's die Produktionen hier jedoch kostenlos. Und dann sind da auch noch die Video-Seiten der Sender. Da muss man erst mal durchblicken. Doch MyVideo will auch weiterhin auf Serien setzen, sagt Sebastian Weil. "Wir wollten bei MyVideo zuletzt ganz bewusst vor die TV-Ausstrahlung gehen, das hat auch gut funktioniert." Mit Studio 71 hat Weil indes nicht nur die ProSiebenSat.1-Plattform im Blick, sondern auch YouTube. Auch die Konkurrenz ist inzwischen also von Interesse. Wer hätte das zum Start von MyVideo gedacht?

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