Kanal D, Studio Istanbul © Doğan TV Holding
TV-Importe aus der Türkei

Nach den Shopping-Monstern kommen die Ehestifter

von Torsten Zarges
25.06.2014 - 16:40 Uhr

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Vom Vox-Hit "Shopping Queen" bis zum RTL-Neueinkauf "Match Me If You Can": Immer mehr türkische Formate schwappen ins deutsche TV. Wie viel Potenzial steckt im Austausch? DWDL.de hat eine deutsche TV-Delegation nach Istanbul begleitet.

Izzet Pinto fiebert dem 25. August entgegen. An diesem Tag startet die deutsche Version seiner Dating-Show "Match Me If You Can" im neuen Daytime-Programm von RTL. Der Gründer und CEO des türkischen Formathändlers Global Agency legt Wert darauf, einen guten Eindruck im deutschen Markt zu hinterlassen. Für weitere Formatverkäufe sei das nicht unwesentlich. Während eine 16-köpfige Besuchergruppe aus Deutschland den Konferenzraum seiner Agentur mitten im noblen Istanbuler Shopping-Viertel Nisantasi bevölkert, spricht Pinto offen über Erfolge und Niederlagen der jüngsten Vergangenheit.

Seine internationale Erfolgssträhne begann 2011 mit dem Nachmittagsformat "Shopping Monsters", das für den Kanal D der Dogan-Gruppe Tag für Tag gute Quoten einfuhr. Unter dem etwas charmanteren Titel "Shopping Queen" startete nur ein Dreivierteljahr später die deutsche Adaption bei Vox - und beschert Pinto bis heute verlässliche Lizenzzahlungen. Ein ähnliches Schicksal könnte den vom selben Team stammenden "Decor Monsters" beschieden sein, die RTL hierzulande im Frühjahr als "5 Zimmer - 1 Gewinner" getestet hat und ab Herbst in Serie schicken will.



Wie es sich anfühlt, wenn ein Formatexport nicht auf Anhieb funktioniert, hat Pinto unlängst bei "Keep Your Light Shining" erleben müssen. Die misslungene ProSieben-Variante des interaktiven Gesangswettbewerbs fällt für ihn doppelt ins Gewicht, weil er dieses Format nicht nur vertreibt, sondern selbst entwickelt hat und weil einige internationale Sender, die eine Option erworben hatten, nach dem deutschen Flop zögerlich geworden sind. Doch Pinto - ganz vorwärts gewandter Unternehmergeist - hat das Wechselbad der Gefühle zwischen Begeisterung am Abend im Kölner Coloneum und kalter Quoten-Dusche am nächsten Morgen längst abgestreift.

Seine Lehre: künftig nicht mehr zu liberal mit dem eigenen Format umgehen. ProSieben war vom ursprünglichen Konzept stark abgewichen, indem es eine alles dominierende App hinzuerfunden und den Einfluss der Jury auf Null beschnitten hatte. Für die bald auf Sendung gehende "Keep Your Light Shining"-Version in der Ukraine hat Pinto zudem nochmal kräftig am Konzept geschraubt.

Nun hängt für ihn in Deutschland einiges davon ab, wie sich "Match Me If You Can" bei RTL machen wird. Wie schon bei "Shopping Queen" hat hierzulande Constantin Entertainment die Produktion übernommen. Das türkische Original läuft seit 2007 bei Fox Turkey und hat dort nicht nur über 1.000 Folgen geschafft, sondern auch rund 300 Ehen gestiftet. Jeden Tag präsentieren sich Singles im Studio - wer an ihnen interessiert ist, kann anrufen und um ein Treffen bitten. Die Wunschpartner vom Telefon werden am nächsten Tag ins Studio eingeladen - zunächst zum Blind Date ohne Sichtkontakt. Nach der Enthüllung entscheiden die Paare, ob sie zum gemeinsamen Date gehen wollen. Sagen sie nein, bleiben sie in der Show und warten auf ihren nächsten Anrufer. Eine Jury gibt Kommentare über die Kandidaten und deren potenzielle Partner ab.

Nicht nur Pintos Show- und Reality-Formate erfreuen sich zunehmender internationaler Beliebtheit. Auch türkische Drama-Serien haben sich in den vergangenen Jahren zu Exportschlagern gemausert. "Magnificent Century" etwa, eine von Global Agency vertriebene Historiensaga über das Osmanische Reich, ist in 52 Länder verkauft und zurzeit in 40 on air. Neben den angestammten Territorien in Nahost und Nordafrika, die traditionell einen ähnlichen Zuschauergeschmack wie in der Türkei haben, sind inzwischen auch Süd-, Mittel- und Osteuropa hinzugekommen sowie Remake-Deals für den US-Markt. Das gilt ebenso für moderne Thriller- und Actionserien wie "20 Minutes" oder "The End", deren Budgets bis zu eine Million Dollar pro Episode erreichen können.

Grund genug, den geografisch so nahen, in den Köpfen deutscher TV-Macher jedoch oft noch fernen Markt genauer unter die Lupe zu nehmen. Auf Initiative der nordrhein-westfälischen Außenwirtschaftsförderung NRW.International und der IHK Köln, organisiert von der Medienberatung HMR International, besuchte daher die 16-köpfige Delegation aus Sendervertretern, Produzenten und Dienstleistern nicht nur Pintos Global Agency, sondern auch die größten türkischen Sender Star TV, Kanal D und atv. Beim NRW-Empfang im Rahmen der Fernsehmesse Istanbul TV Forum & Fair zeigte sich, dass die Neugier keine Einbahnstraße ist und dass beide Seiten an mehr wechselseitigem Austausch interessiert sind.

Gewöhnungsbedürftig ist aus deutscher Sicht, dass der türkische TV-Markt zwar international funktionierende Formate hervorbringt, aber im Inneren nach völlig anderen Regeln tickt. "Bis vor zehn Jahren hatte man TV-Sender hier nur aus Gründen der Macht. Die wirtschaftliche Motivation ist noch ziemlich jung", versucht Ahmet Iren, Chief Operating Officer der Dogus Media Group, seinen deutschen Gästen zu erklären. Hinter mehr oder weniger vorgehaltener Hand ist zu erfahren, dass keiner der großen türkischen Sender Gewinne macht. Große Familienkonzerne wie Dogan oder Dogus, die auch Bau-, Immobilien-, Energie-, Automobilunternehmen und Banken betreiben, subventionieren ihre Mediensparten quer, um an Einfluss zu gewinnen.

Der politische Druck aufs Fernsehen ist massiv. Wer vermeintlich regierungskritische Aussagen verbreitet, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Mehrfach wurden in Privatbesitz befindliche Sender in den vergangenen Jahren von staatlichen Behörden beschlagnahmt. Die von Ministerpräsident Erdogan zeitweise verhängte Twitter- und YouTube-Sperre sollte offenbar auch dazu dienen, die Ausbreitung einer Reihe von heimlich mitgeschnittenen Telefonaten zwischen Regierungsmitgliedern und Medienmanagern einzudämmen. Diese bewiesen das hohe Ausmaß an politischem Druck.

Wirtschaftlich betrachtet gibt der TV-Markt dagegen ein gutes Bild ab. Zweistellige Wachstumsraten bei den Werbeerlösen waren in den vergangenen Jahren keine Seltenheit. 2013 kletterte der Werbemarkt um 20 Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar. Selbst mit der deutlichen Abschwächung der türkischen Gesamtwirtschaft wird fürs laufende Jahr noch ein TV-Werbeplus von etwa 10 Prozent erwartet. Die Erlöse im Programmexport stiegen innerhalb von fünf Jahren von 1 Million (2007) auf 100 Millionen Dollar (2012).

Das derzeitige Gefüge der vier größten Sender Star TV, Kanal D, atv und Fox TV dürfte ab Herbst durch einen neuen Player in Bewegung gebracht werden. Der beliebte Moderator Acun Ilicali, der die türkischen Versionen von "The Voice", "Got Talent" und "Survivor" präsentiert und mit seiner Firma Acun Medya produziert, hat den bislang eher kleinen Sender TV8 gekauft und modelt ihn zum reinen Entertainment-Kanal um. Zuletzt beim Marktführer Star TV der Dogus-Gruppe unter Vertrag, nimmt er nun alle Formate zu seinem eigenen Sender mit. Zusätzlich hat er sich von Talpa Media die Rechte an "Utopia" und von Keshet an "Rising Star" gesichert. Am Bosporus ist also auch künftig mit mehr Dynamik zu rechnen als im gesättigten deutschen TV-Markt - viel Stoff für weitere Delegationen.

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