Es gibt, auch im vordergründig emanzipierten Jahr 2026, noch immer ein fiktionales Fernziel, das praktisch alle Frauen verbindet: die Märchenhochzeit mit dem Traumprinzen, neudeutsch „Mr. Perfect“ genannt. Sie kann zwar wie zuletzt im Bride-Horror „Something’s Very Bad Is Going to Happen“ auf Netflix mitunter böse enden. Grundsätzlich aber gilt nicht nur bei Katie Fforde, dass weibliche Selbstermächtigung am Altar kurz Pause macht. Bei Ivy zum Beispiel.

Guter Job, gute Freunde, gutes Geld, gute Gegend: Eigentlich könnte es der „Interieur-Designerin“, wie Inneneinrichterinnen hier heißen, besser kaum gehen. Wäre nur nicht diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Denn Ivy – auf brachiale Art feminin verkörpert von Palina Rojinksi – lebt in einer toxischen Beziehung mit dem bindungsunfähigen Chris (August Wittgenstein), ist also de facto schon Single, bevor sie sich trennt. Und weil alleinstehende Frauen spätestens mit Ende 30 auf dem Paarungsmarkt fernsehnaturgemäß unvermittelbare Ladenhüter sind, scheint sie zur ewigen Einsamkeit verdammt.

Doch dann verheißt die Prophezeiung eines geheimnisvollen Wahrsagers (Daniel Zillmann) auf dem Junggesellinnenabschied ihrer besten Freundin Emma (Alli Neumann) Erlösung vom Los der alten Jungfer. Nach Ansicht seiner Tarot-Karten blieben ihr genau drei Monate Zeit, alle verflossenen Lover nach der großen Liebe zu durchforsten. Ihre Zukunft liegt also in der Vergangenheit, laut Titel: „My Ex“. Mit etwas Glück. Denn wenn sie vorm Ende des Sommers nicht fündig wird, bleibt Ivy bis ans Ende ihrer Tage einsam unglücklich. Also begibt sie sich in die Abgründe gescheiterter Beziehungen. Pro Episode einer.

My Ex © ZDF/Tomáš Mikule Boris (Daniel Zillmann, l.) ist sich sicher: Ivys (Palina Rojinski, r.) große Liebe ist kein Fremder, sondern jemand, den sie längst kennt.

Zum Auftakt wird der Immobilienmakler Paul (Tim Oliver Schultz) gedatet; ein ödipaler Schnösel mit Geld, aber ohne Rückgrat. Es folgen: ein verzärtelter Popstar (David Vormweg), ein deppertes Sportass (Gustav Schmidt) oder ein schwuler Dandy (Vladimir Korneev). Und je stärker die Mindsets dieser Lebensabschnittsgefährten ein und derselben Frau voneinander abweichen, desto mehr drängt sich die Frage auf: wer, bitte schön, hat sich diese haltlosen Behauptungen urbaner Beziehungsmuster bloß ausgedacht? Antwort: Elena Hell und Marcus Pfeifer.

Während erstere dank (teils preisgekrönter) Drehbücher für „Sisi“ oder „22 Bahnen“ branchenweites Renommee erlangte, hat sich letzterer mit „Beckenrand Sheriff“ und „Viktor bringt’s“ Meriten verdient. Da überrascht es ein wenig, dass ihr erstes Gemeinschaftsprojekt eher rufschädigend gerät. Was übrigens nicht an der Hauptdarstellerin liegt. Die schauspielerische Quereinsteigerin Rojinski bemüht sich spürbar, Ivy trotzige Verzweiflung einzuflüstern. Dumm nur, dass Regisseur Tarek Roehlinger noch weniger Interesse an zeitgemäßer Figurenzeichnung als sein Autorenduo hat. Ihre Adaption der israelischen Serie „Mythological Ex“ ist auf etwas völlig anderes aus: zugkräftige Klischees von vorvorgestern.

Ivy fährt daher stets dekorativ auf knallrotem Roller durch die Stadt und wechselt ihre Kleidung noch öfter als Lady Gaga on Tour. Wie einst bei „Notting Hill“ tragen ulkige Mitbewohner ulkige T-Shirts, in denen sie ulkige Sachen sagen. Und falls die Verwandtschaftsgrade neuer Charaktere offen sind, stellt man sie mit „alter Herr“ oder „Bruderherz“ vor. Schon das ist Feelgood-Käse aus der letzten Ecke des Fernsehkühlschranks, aber nicht weiter der Rede wert. Ganz im Gegensatz zum alten Gesellschaftsbild der jungen Filmemacher.

Hochkarätig besetzte Nebenrollen

Dramaturgisch im Magical-Mystery-Modus originellerer Coming-of-Age-Romanzen à la „Parallel Me“, nötigt das Trio sein Ensemble nämlich ins Naturkundemuseum vormoderner Screwball-Comedys. Deshalb hat Ivy auch nur unwesentlich mehr im Kopf als Männer, Fummel und – ach nee, das war’s leider bereits. Die hyperhedonistische Bling-Bling-Konsumgöre der lipstickfeministischen Sexandthecity-Ära soll zwar Emmas anstehende Hochzeit dekorieren. Ansonsten aber geht dieses scheinselbstständige Hipster-Klamotten-Model keiner bezahlten, geschweige denn sinnstiftenden Betätigung nach.

Würden AfD-Fans ÖRR schauen – sie hätten womöglich Spaß an solcher Art Boomer-Comedy für die Generation Z. Umso rätselhafter bleibt, warum der Sechsteiler mit Darstellern wie Jörg Schüttauf, Almila Bagriacik oder Benno Fürmann bis in die Nebenrollen prominent besetzt ist. Vielleicht ja wegen der positiven Randaspekte? Helgi Schmidt zum Beispiel macht die Gebrauchsspuren seiner Langzeitbeziehung mit der esoterischen Flo (Caro Kult) meistens recht glaubhaft und bricht obendrein mit dem RomCom-Klischee, beste Freunde einer weiblichen Hauptfigur hätten immer schwul zu sein.

Christoph Letkowski interagiert als Verflossener Maruan ebenfalls grundsolide mit der heillos unterforderten Palina Rojinski. Aber bei aller Ex-Liebe: das war’s dann auch schon an Pluspunkten einer Serie aus dem Präkambrium einer Gattung namens „Beziehungskomödie“, bei der natürlich die erste Wahl – kleiner Spoiler – am Ende auch die letzte bleibt. Immerhin: so könnte „My Ex“ Filmhochschülern bei Gelegenheit künftig als Lehrbeispiel inhaltlicher Ambitionslosigkeit dienen. „Was hast du eigentlich zu verlieren?“, fragt Flo einmal, als Ivy zögert. „Meine Würde“, antwortet die. Hätte die Frage mal irgendwer vor Drehbeginn gestellt.

"My Ex", ab sofort im ZDF-Streamingportal und linear ab dem 6. Mai jeweils mittwochs um 21:45 Uhr bei ZDFneo