Der Ort großer Träume ist mitunter albtraumhaft. Nehmen wir nur mal St. Pauli. Seit mehr als 200 Jahren bereits schieben Hamburgs Pfeffersäcke alles in das dicht besiedelte Hafenviertel ab, was stinkt und raucht und lärmt und stört. Darunter etliche Identitäten, die jeder vormodernen Norm widersprachen. Dragqueens zum Beispiel. Einst geringschätzig „Transvestiten“ genannt oder noch viel früher „Damen-Imitatoren“, zählt die bekannteste davon wie Landungsbrücken, Michel, Elbphilharmonie zu den Aushängeschildern der Hansestadt: Olivia Jones.

Ende 1969 als Oliver Knöbel geboren, zog es ihn 20 Jahre später aus der niedersächsischen Provinz ins weltoffene St. Pauli. Denn da – erklärt er Mama Evelin zu Beginn des ZDF-Eventfilms „Olivia“ – gäbe es „mehr Luft zum Atmen als hier“. Anfangs allerdings – je nach Perspektive – zu dünne oder zu dicke. Olivers schäbige Kellerwohnung für 250 Mark wurde seit Monaten nicht gelüftet. Olivias Playback-Show in Frauenfummel will in den Kiezspelunken ringsum dagegen niemand sehen. Und obendrein wird sie auf offener Straße von Faschos verprügelt.

1989 ist St. Paulis Luft offenbar noch ähnlich abgestanden wie in Knöbels Spießerparadies Springe. Doch wie er sie fortan auffrischt, zeigt der eingeborene Regisseur Till Endemann nach David Ungereits Drehbuch in einem Biopic, das unbedingten Anspruch auf Wahrhaftigkeit erhebt. Zum einen, weil es auf der Autobiografie „Ungeschminkt“ basiert. Zum anderen, weil deren Autorin intensiv am Verfilmungsprozess beteiligt war. Und obendrein, weil die popkulturell erfahrene Produktionsfirma Florida Film („Legend of Wacken“) den Deutsch-Schweizer Johannes Hegemann vom Fernsehen überzeugen konnte.

Das Ensemblemitglied des benachbarten Thalia-Theaters führt eine Titelfigur mit unerschütterlichem, nicht unverwundbarem Optimismus durch die Abgründe bürgerlicher Randgruppenverachtung. Bereits der kleine Oliver (Arian Wegener) ist schließlich anders als alle anderen Springer. Zum Verdruss seiner alleinerziehenden Mutter (Anette Frier) zieht er bei jeder Gelegenheit ihre Klamotten an, näht sich bald allerdings doch lieber eigene und schminkt sich dazu greller als der Schützenverein erlaubt. „Was soll aus dir bloß werden?“, fragt Mama, als ihr Sohn folgerichtig vom Abbruch seiner Versicherungslehre erzählt.

„Aus mir muss nichts mehr werden, ich bin schon was“, lautet seine Antwort: „Travestiekünstler.“ Als sie ihn daraufhin mit bebender Lippe „Abschaum“ nennt, packt er seine Koffer – und kommt vom Regen in die Traufe. Denn auf St. Pauli muss sich Olivia/Oliver durch Bundeswehrmusterungen, Ausläufer der „Schwulenkrebs“ genannten HIV-Epidemie oder Zickenkriege unter Dragqueens quälen. In einer Mehrheitsgesellschaft, die auch im weltoffenen Hamburg Toleranz mit Erdulden verwechselt, gibt es zwar Verbündete wie den Kneipier Marius (Daniel Zillmann) oder die seelenverwandte Freundin Marlene (Angelina Häntsch).

Darüber hinaus jedoch verfügt Jones nur über zwei (wenngleich messerscharfe) Waffen: Mut & Mundwerk. Mit fröhlichem „Hallöchen“ und legendärer Schlagfertigkeit rennt sie über die Schwelle jeder noch so festverriegelten Tür. Wie chronologisch Ungereit ihr Coming-of-Age abarbeitet, liegt dabei am deutschen Hang zum gefilmten Wikipedia-Eintrag. Während Bradley Coopers Bernstein-Porträt „Maestro“ oder das Springsteen-Biopic „Deliver Me From Nowhere“ persönlichkeitsprägende Teilstrecken statt kompletter Lebenswege beleuchten, empowert sich „Olivia“ strikt auf dem Zeitstrahl der Jahre 1979 bis 2016.

NPD-Parteitag mit BdM-Perücke, „Wort zum Sonntag“ beim ESC, ihr Durchbruch im TV-berühmten Varieté der Travestielegende Lilo Wanders (Stephan Kampwirth): auf dem langen Weg von der verteufelten Oliver zur angehimmelten Olivia hält das ZDF an fast jeder Station. Dass Johannes Endemann diese Entwicklung 30 Jahre ohne sichtbaren Alterungsprozess verkörpert, ist da ähnlich absurd wie Annette Friers Evelin Knöbel, die sich gar 40 Jahre nicht verändert. Und der Stellvertreterkrieg, den Martin Brambachs Herr Kiesewetter mit drei sporadisch aufpoppenden Neonazis oder Dorfdeppen gegen die Moderne führt, nervt spätestens nach der vierten Plattitüde („noch’n Schweinenackensteak, Frau Knöbel?“).

Aber das sind Oberflächlichkeiten einer anrührenden, aber nie rührseligen Hommage, die der Popkultur-Ikone ein überfälliges Denkmal setzt. Nur ihr, muss man bemängeln. Denn was Olivia Jones für St. Pauli, Hamburg, ihr Land an emanzipatorischer Basisarbeit geleistet hat, wird 90 Minuten lang allenfalls angedeutet. Parallel zum Travestie-Duo Mary & Gordy, aber lange vor Conchita Wurst oder Ru Paul, hat ihr hedonistisches Feuerwerk queere Identitäten aus dem Rotlichtghetto ins Rampenlicht einer selbstbewussten Subkultur gezogen.

Dass sich jetzt Abertausende Reisebustouristen von ihrem Kiez-Imperium entertainen, abfüllen, über die Reeperbahn führen lassen, wäre 1989, als Oliver Knöbel dort zu Olivia Jones wurde, unvorstellbar gewesen. Aber womöglich findet das ja ebenso wie Beinverkürzung, Dschungelcamp, ihr problematischer Beitrag zu St. Paulis Kommerzialisierung, die drei Jahre vor ihrer Ankunft mit dem Musical „Cats“ begonnen hatte, im 2. Teil statt. Falls der erste Erfolg hat, versteht sich. Noch fehlen ja zehn pralle Lebensjahre der schillerndsten Figur eines trübsinnigen Landes.

"Olivia" steht beim ZDF ab sofort zum Streamen bereit. Die lineare Ausstrahlung im ZDF folgt am 13. Mai um 20:15 Uhr.