Man tritt Lukas Podolski sicher nicht zu nahe, wenn man behauptet, dass er nie ein Mann großer Worte war. Gemessen daran hat der ehemalige Fußball-Nationalspieler allerdings erstaunlich viele Sätze gesagt, die in Erinnerung geblieben sind. Nachdem einst etwas unrühmliche Bilder von Jogi Löw um die Welt gingen, die zeigten, wie sich der Bundestrainer erst in die Hose griff und dann auch noch das zuvor Ertastete erschnüffelte, nahm Podolski, auf einer Pressekonferenz darauf angesprochen, die Luft aus der Szene. In der Mannschaft sei das kein Thema, beteuerte er und schob schließlich die entscheidenden Sätze hinterher: "80 Prozent von euch und auch ich, wir kraulen uns auch mal an den Eiern. Von daher ist alles gut."

Auch wenn die Presseabteilung des DFB womöglich gerne auf eine Analyse dieser doch sehr ungewöhnlichen Spielszene verzichtet hätte: Mit wenigen Worten hatte es Podolski geschafft, den unangenehmen Vorgang mit einer Leichtigkeit zu versehen, über die plötzlich jeder lachen konnte.

Vermutlich beschreibt diese Szene, entstanden bei der Europameisterschaft vor zehn Jahren, ganz gut, wie Podolski es schaffte, zum Liebling aller Fußball-Fans zu werden. Natürlich lieferte er tolle Spiele – nicht umsonst wurde Podolski bei der Heim-WM vor 20 Jahren zum besten jungen Spieler gewählt, noch vor Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Vor allem aber ist es seine unverstellte Art, mit der er abseits des Platzes über sich und die Welt spricht, die bei den Menschen ankommt. Podolski ist einer, dessen Aussagen vielleicht nicht fürs Feuilleton-Essay in der "FAZ" gemacht sind, der aber umso mehr aus der auf PR-Hochglanz polierten Fußball-Welt heraussticht, indem er sich sein unverkrampft kumpeliges Auftreten bis heute bewahrt hat.

Vermutlich auch deshalb ist Lukas Podolski ein Glücksfall für Netflix, das jetzt, wenige Tage vor Beginn der Weltmeisterschaft, eine Dokumentation veröffentlicht hat, für den sich der inzwischen 41-Jährige über zwei Jahre hinweg begleiten ließ, um einen Blick durchs Schlüsselloch in die Poldi-Welt zu gewähren. Oder wie er es vor 500 geladenen Gästen bei der Premiere der neuen Netflix-Dokumentation über ihn passend formulierte: "Wenn man die Hosen runterlässt, muss man sie auch unten lassen."

Poldi © Netflix NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit Lukas Podolski bei der "Poldi"-Premiere im Kölner Stadion.

"Poldi", so der schlichte Titel der Dokumentaton, versucht sich dabei gar nicht erst an einer allzu tiefen Charakterstudie. Vielmehr lassen die Autoren Cody Christensen und Kilian Lieb ihren Protagonisten einfach machen und liefern damit einen in erster Linie unterhaltsamen Film, der sich wohltuend abhebt von vielen der momentan so inflationär produzierten Sportler-Dokumentationen. Dabei profitiert "Poldi" erkennbar von der Expertise der Produktionsfirma btf, die mit "FC Hollywood" und dem gerade im ZDF veröffentlichten Dreiteiler "Mission Sommermärchen" bereits mehrfach bewiesen hat, wie schmissig man sich der Fußballwelt nähern kann.

Auch die neue Netflix-Produktion lebt erkennbar von ihrem über weite Strecken grandiosen Schnitt, ganz besonders zu beobachten in den ersten Minuten, die den Podolski-Clan beinahe im Stile einer Familiensitcom vorstellt – und sich gleichzeitig über das Genre lustig macht, indem Weggefährten wie Jogi Löw, Christoph Kramer oder Oliver Kahn demonstrativ ihre Plätze zugunsten von Podolskis Tanten, Schwester und Vater räumen müssen. Gut, im weiteren Verlauf dürfen Kahn & Co. dann doch noch ein paar Sätze über Podolski verlieren. Aber es ist eben ganz bewusst nicht die übliche Lobhudelei, mit der sie sich ihm nähern. Löw etwa sagt irgendwann den schönen Satz: "Es gibt Leute, die sagen, seine Döner seien besser als seine Karriere."

Was nach gut 90 Minuten aber auch deutlich wird: Lukas Podolski, der seine Profi-Karriere gerade erst nach einem Extra-Jahr bei seinem polnischen Heimatverein beendet hat, ist einer, dem es offenkundig schwerfällt, stillzusitzen. Immer wieder sieht man ihm im Privatjet von Termin zu Termin hasten, um sich, wie er es sagt, um seine "Businesses" zu kümmern, also etwa um die besagte Döner-Kette oder ein Musikfestival, das er inzwischen jährlich ausrichtet. Bemerkenswert ist die Stelle, an der er sagt, dass er gar nicht wisse, warum er das alles tut. Mit den Gründen für seine Rastlosigkeit scheint sich Podolski aber augenscheinlich nicht weiter aufhalten zu wollen.

Wer auf mehr Tiefgang gehofft hat, wird vielleicht etwas enttäuscht sein. Aber vielleicht ist im Leben von Lukas Podolski auch gar nicht so viel Platz dafür. "Es is' wie es is'", zitiert er immer wieder eine Regel des Kölschen Grundgesetzes. Vielleicht hätte in Anlehnung daran auch ein anderer Titel für den Film nahegelegen: "Er is' wie er is'".

"Poldi", ab Donnerstag bei Netflix