Wer legt jetzt scheinbar richtig los?
RTLSky. Seit dem 1. Juni ist der Zusammenschluss offiziell vollzogen. Und was man in den ersten Tagen sieht wirkt wie: Jetzt wird sortiert und losgelegt. Die neue Geschäftsführung von RTL Deutschland war am „Legal Day One“ vormittags in Unterföhring und nachmittags in Köln unterwegs. Stephan Schmitter, Inga Leschek, Andreas Fischer, Max Orgonyi, Elke Walthelm, Michael Radelsberger und Julia Kloke schworen die Belegschaften auf den gemeinsamen Kurs ein. Schmitter nannte RTL Deutschland dabei laut DWDL „das coolste Content Haus Europas“ und gab die Richtung aus: „Wir spielen auf Angriff.“ Das ist Aufbruchsrhetorik, klar. Aber in diesem Fall wirkt sie auf mich nicht nur wie Folklore. Denn parallel zur großen Erzählung werden auch sehr konkrete Strukturen geschaffen. Schmitter führt das zusammengeführte Unternehmen als CEO. Inga Leschek verantwortet künftig Entertainment und Sport. Julia Kloke übernimmt als CFO, Max Orgonyi Transformation & AI, Andreas Fischer Operations. Mit Elke Walthelm als CHRO und Michael Radelsberger als Chief Consumer Officer ziehen zugleich zwei profilierte Sky-Manager*innen in zentrale Rollen ein. Walthelm ist dabei nicht weniger als die designierte Kultur-Achitektin, eine Key Position für den zukünftigen Erfolg. Und auch Radelsbergers Verantwortung für das Pay-Geschäft ist wichtig. Hier liegt ein wesentlicher Grund, warum dieser Deal überhaupt Sinn ergibt.
Interessant ist aber auch die Neuaufstellung im Content-Bereich. Leschek verantwortet künftig Channels, Windowing & Planning, Sport, Entertainment & Shows, Fiction, RTL Studios, Content Integration und Production Management. Oliver Schablitzki übernimmt als EVP Channels, Windowing & Planning die plattformübergreifende Steuerung über Free-TV, Streaming, Pay-TV, YouTube und weitere Ausspielwege. Für mich die zentrale Position im neuen Konstrukt. Denn es klingt nach einer Steuerungslogik, die moderne Medienhäuser brauchen: Inhalte nicht mehr nur für einen Sendeplatz denken, sondern für Reichweite, Werbeerlöse und Abowachstum zugleich. Auch den Sport sollte man nicht unterschätzen. Frank Robens verantwortet den Bereich, Alexander Rösner kommt jedoch als Sky-Sport-Chefredakteur in eine zentrale redaktionelle Rolle. Das gemeinsame Rechteportfolio ist einer der großen Budget- und Identitätshebel des neuen Hauses. Auf der Vermarktungsseite bleibt es dagegen klar RTL-Handschrift. Frank Vogel übernimmt die Gesamtverantwortung für RTL- und Sky-Vermarktung. Für mich sieht es so aus, als ginge RTL sehr sorgfältig und behutsam mit der Sky-Integration um. Die besten Leute auf den wichtigsten Positionen, egal aus welchem Haus sie kommen, als Antwort auf die Frage: Wen braucht dieses Unternehmen, damit es funktioniert?
Der Abgang vom erfolgreichen Sky-Entertainment-Chef Christian Asanger zeigt allerdings auch die weniger romantische Seite dieser Integration. Nicht jede Sky-Kompetenz findet automatisch einen Platz im neuen System. Ein kombiniertes Team bedeutet eben auch, dass doppelte Strukturen verschwinden, selbst wenn dabei profilierte Köpfe vom Platz gehen müssen. Ich halte Schmitters Aufbruchskommunikation dennoch für glaubwürdig. Weil hier Erzählung und Organisation zumindest erkennbar in dieselbe Richtung zeigen. RTL führt. Sky wird nicht rein dekorativ eingebaut. Und wenn daraus wirklich ein gemeinsames Betriebssystem für Content, Sport, Pay und Vermarktung entsteht, dann könnte dieser Zusammenschluss mehr werden als eine Synergienummer. Dann wäre es tatsächlich ein Angriff.
- Mehr zu den einzelnen Personalien gibt es hier bei DWDL.de
Welcher Kinostart zeigt gerade, dass Creator und Hollywood einander ernster nehmen sollten?
81,5 Millionen US-Dollar Eröffnungswochenende für einen Horrorfilm, der auf einem anonymen Internet-Mythos basiert und von einem 20-Jährigen inszeniert wurde, Kane Parsons, auf YouTube unter dem Namen „Kane Pixels“ bekannt. „Backrooms“, produziert von A24, James Wan und Shawn Levy. Gleichzeitig läuft „Obsession“ von Curry Barker, 26 Jahre alt, Film-School-Abbrecher, groß geworden auf TikTok und YouTube. Mehr als 100 Millionen US-Dollar Einspiel, als erster Film seit „E.T.“ mit zwei aufeinanderfolgenden wachsenden Wochenenden ohne Feiertagseffekt. Kombiniertes Produktionsbudget beider Filme unter 15 Millionen US-Dollar. Und währenddessen verlor „Star Wars: The Mandalorian and Grogu“ am zweiten Wochenende rund 70 Prozent seiner Einspielergebnisse. Ein Hinweis darauf, dass große IP allein kein Schutzschild mehr ist.
Nun wäre es zu bequem, daraus die nächste einfache These zu basteln. YouTube schlägt Hollywood. Junge Creator sind die besseren Filmemacher. Studios sollen sich einfach aus dem Weg räumen. Nur stimmt das nicht. Die Geschichte der letzten zehn Jahre erzählt eher das Gegenteil. Addison Rae in „He’s All That“ (Netflix) war 2021 das sichtbarste Beispiel: eine TikTok-Reichweite, die als Casting-Argument behandelt wurde, aber keinen überzeugenden Film ergab. „Ryan’s World“ zeigte 2024, dass selbst eine der größten Kinder-YouTube-Marken der Welt nicht automatisch Familien ins Kino zieht. Der Fehler war jedes Mal ähnlich. Man verwechselte Community mit Publikum, Reichweite mit Erzählung und Bekanntheit mit Vertrauen. Hollywood hat Creators als Media-Buy behandelt, nicht als Autoren. Man wollte ihre Follower, aber nicht ihre Sprache. Ihre Bekanntheit, aber nicht ihre Handschrift. Ihre Reichweite, aber nicht das fragile Vertrauen, aus dem diese Reichweite überhaupt entstanden ist. Genau deshalb ist der Erfolg von „Backrooms“ und „Obsession“ so interessant. Hier haben beide Seiten etwas eingebracht, was die andere Seite allein nicht besitzt. Die Creator bringen Nähe zu einer Ästhetik, zu Codes, zu Ängsten, zu Communitys, die klassische Studios oft erst dann erkennen, wenn sie schon Mainstream geworden sind. Hollywood bringt Produktionshandwerk, Finanzierung, Dramaturgie, Distribution, Kino-Marketing und die Fähigkeit, aus einem starken digitalen Impuls ein echtes Filmereignis zu machen.
Jason Blum, der mit Blumhouse das moderne Low-Budget-Horror-Modell geprägt hat und bei „Obsession“ als Executive Producer fungiert, bringt es auf den Punkt: „It takes a partnership.“ Das klingt banal. Ist es aber nicht. Was bei „Backrooms“ und „Obsession“ entstanden ist, sind Kinofilme, die aus digitaler Ästhetik, Community-Nähe und professioneller Produktion gemeinsam entstanden sind. Mein Fazit: Hollywood braucht die Creator nicht als verlängerte Marketingabteilung. Und Creator brauchen Hollywood nicht als Gatekeeper alter Schule. Sie können einander aber sehr viel stärker befruchten, wenn sie sich gegenseitig zuhören.
Welches Vergütungspaket hält einer näheren Betrachtung nicht stand?
746 Millionen US-Dollar. So viel kassierten die 18 bestbezahlten Hollywood-Executives zusammen im Jahr 2025, ein Plus von 51 Prozent gegenüber dem Vorjahr, ermittelt durch eine Geschäftsberichts-Analyse von The Wrap. An der Spitze: David Zaslav von Warner Bros. Discovery mit 165 Millionen US-Dollar. Ein großer Teil davon speist sich aus Aktienoptionen, die ursprünglich an die geplante Aufspaltung des Unternehmens geknüpft waren - einen Plan, den WBD inzwischen zugunsten der Paramount-Fusion beerdigt hat. Zaslav durfte die Optionen trotzdem behalten. Und obendrauf wartet ein Golden Parachute von bis zu 887 Millionen US-Dollar, sollte die Fusion vollzogen werden. Wer das verteidigen will, findet Argumente. CEOs großer Medienkonzerne navigieren ihre Unternehmen durch strukturelle Verwerfungen, wie es sie in dieser Dichte selten gab: Streamingkrise, Doppelstreik, KI-Disruption, Werbemarktdruck, Big-Tech-Konkurrenz, M&A-Druck von allen Seiten. Wer in diesem Umfeld Shareholder Value schafft oder auch nur bewahrt, hat natürlich einen Marktpreis. Und variable Vergütungsanteile sollen genau das sicherstellen: zahlen, wenn Wert geschaffen wird. Das ist die Idee. Und ja, der Bieterwettbewerb um WBD hat den Aktienkurs wieder deutlich nach oben getrieben.
Wer Zaslav verteidigen will, kann also sagen: Am Ende wurde Wert für Aktionäre gehoben. Nur ist das nicht der entscheidende Punkt. Denn sein 165-Millionen-Dollar-Paket war nicht sauber an diesen Erfolg gekoppelt, sondern wesentlich an Optionen aus einem inzwischen gescheiterten Aufspaltungsplan. Der Plan verschwand, die Vergütung blieb. Von leistungsabhängiger Vergütung kann da kaum noch die Rede sein. es ist schlicht eine Belohnung für ausgeprägte strategische Flexibilität. Selbst wer Zaslav diese Auszahlung noch zugestehen wollte: Wie entstehen solche astronomischen Summen überhaupt systematisch? Das dafür zuständige Compensation Committee schaut auf Peer Groups, lässt sich Marktdaten liefern und übersetzt diese in Aktienpakete, Optionen und Long-Term-Incentives. Zum WBD-Vergleichsrahmen gehört laut Börsenunterlagen neben Disney, Netflix, Comcast und Paramount auch Meta. Wenn ein Medienkonzern seine CEO-Vergütung an Unternehmen misst, die an der Börse um ein Vielfaches größer sind, ist die Richtung eingebaut. Nach oben. Dass diese Schieflage nicht nur eine moralische Empfindung von außen ist, zeigten ausgerechnet die Aktionäre selbst. Sie lehnten in einer nicht bindenden Abstimmung bereits Zaslavs 52-Millionen-US-Dollar-Paket für 2024 ab. Beim Paramount-Skydance-Deal stimmten sie zwar für die Fusion, aber gegen die Golden-Parachute-Pakete für Zaslav und andere Topmanager. Auch dieses Votum war rechtlich nicht bindend. Als Signal war es trotzdem eindeutig: Ja zum Deal, nein zur Selbstbedienungslogik. Wenn bei den Gehältern ein CEO-zu-Mitarbeiter-Verhältnis von 1.378 zu 1 auf Massenentlassungen, Kursverluste und strategischen Dauerumbau trifft, ist das keine Belohnung außergewöhnlicher Leistung mehr. Es ist ein System, das sich selbst optimiert hat. Und das nach außen Governance nennt.
Mehr zu allen Top-Gehältern hier (hinter Bezahlschranke)
Welche Modernisierung wirkt gerade wie ein politischer Umbau?
Bei CBS wird gerade an einer der letzten großen journalistischen Institutionen des amerikanischen Fernsehens herumoperiert: "60 Minutes". Offiziell heißt das Modernisierung. Mehr Digital, mehr Plattformen, mehr 360-Grad-Denken, mehr Zukunft. Das klingt vernünftig. Wer könnte schon gegen Zukunft sein? Nur riecht dieses Argument gerade ziemlich stark nach Vorwand. Scott Pelley, seit mehr als zwei Jahrzehnten eines der wichtigsten Gesichter von "60 Minutes", ist gefeuert worden. Nicht elegant verabschiedet, nicht in den Ruhestand moderiert, sondern offenbar "aus Gründen". Sein Vergehen: eine zu negative Haltung gegenüber der Zukunft der Sendung. Zuvor soll Pelley Bari Weiss vorgeworfen haben, sie ermorde "60 Minutes". Man kann das als emotionalen Ausbruch eines alten Fernsehmannes lesen. Man kann es aber auch als Warnruf eines Journalisten verstehen, der sieht, was mit seiner Institution passiert. "60 Minutes" ist keine alternde App, deren Interface man mal eben neu sortiert. Die Marke lebt von einer sehr einfachen Idee. Mächtige Menschen müssen Fragen beantworten. Präsidenten, Konzerne, Militärs, Geheimdienste. Egal wer gerade regiert. Genau deshalb war "60 Minutes" nicht "gegen Trump". "60 Minutes" war gegen Macht ohne Kontrolle. Diese Unterscheidung scheint im neuen CBS-Kosmos nun nicht mehr selbstverständlich zu sein.
Im Hintergrund stehen Donald Trump, die Paramount-Skydance-Übernahme, das 16-Millionen-Dollar-Settlement nach Trumps Klage gegen CBS und nun eine neue Führungslogik, in der Bari Weiss offenbar den Auftrag hat, CBS News ideologisch neu zu justieren. Unter dem freundlich klingenden Label von Balance, Vertrauen und Modernisierung. Deshalb sieht Pelleys Entlassung für mich aus wie ein Generations-, Kultur- und Machtwechsel im Maschinenraum dieses journalistischen Urgesteins. Nach dem Aus von Sharyn Alfonsi, Cecilia Vega, Tanya Simon und nun Pelley richtet sich der Blick auf Lesley Stahl und Bill Whitaker. Wenn auch sie gehen oder gegangen werden, ist der Umbau endgültig kein normaler Vorgang mehr. Dann wird ein institutionelles Gedächtnis systematisch ausgelöscht. Und "60 Minutes" ist möglicherweise nur der Anfang. Wenn Paramount irgendwann auch Warner Bros. Discovery geschluckt hat, liegt CNN als nächstes auf dem Tisch. Dann ginge es endgültig um die Frage, ob die wichtigsten US-News-Marken unter einer neuen Eigentümerlogik regierungskompatibler gemacht werden sollen. Die Lehre aus diesem "Developing Drama" ist deshalb größer als CBS. Neben der politischen Dimension gibt es für mich außerdem auch eine pragmatisch-wirtschaftliche These: Legacy-Medien scheitern nicht nur, wenn sie sich zu wenig verändern. Sie können auch scheitern, wenn Veränderung benutzt wird, um aus unabhängigen, erfolgreichen Institutionen gefügigere, wertlosere Produkte zu machen.
Und wessen Verantwortung ist das eigentlich?
In Wim Wenders' Roadmovie „Falsche Bewegung" von 1975 spielt die damals 13-jährige Nastassja Kinski die stumme Artistin Mignon. Es gibt eine Szene, in der sie sich halbnackt ausziehen muss und von einem nur mit Unterhose bekleideten Mann eine Ohrfeige bekommt. Kinski war auf die Szene nicht vorbereitet. Seit Jahren fordert sie Wenders auf, diese Szene aus dem Film zu entfernen und verlangt eine Entschädigung. Wenders blockt ab. Die Gala, bei der das alles nun zum Thema wurde, war ausgerechnet die Verleihung des Deutschen Filmpreises. Wenders erhielt dort die Ehren-Lola für sein Lebenswerk. In seiner Rede gab der 80-Jährige nun hochsakral den zerknirschten Altmeister. Das würde er heute nie mehr so machen, dem 29-jährigen Wenders von damals könne er aber dennoch keinen Vorwurf machen. Es ging also nicht um Kinski, der der Schaden entstanden ist, sondern um ihn, um seine Kunst. Dann bat er die Deutsche Filmakademie um eine Debatte über den Umgang mit dem Filmerbe. Er könne das Ganze nicht allein tragen und wünsche sich vor allem die Einbeziehung junger Filmemacher*innen. Die taz hat dazu treffend kommentiert: „Ernsthaft jetzt? Es ist nicht bekannt, dass junge Regisseure demnächst vorhaben, 13-jährige Kinder halbnackt zu filmen.“
Was Wenders als gesellschaftliche Grundsatzfrage verpackt, ist in Wirklichkeit eine sehr persönliche zwischen ihm und Nastassja Kinski. Und der weicht er - laut ihrem Anwalt Christian Schertz - seit Jahren aus. Ein persönliches Gespräch hat er verweigert. Aus der Filmbranche kamen in den Tagen nach der Verleihung deutliche Stimmen. Clemens Schick meldete sich bei Instagram zu Wort, Karoline Herfurth kommentierte seinen Beitrag: „Es wäre so groß gewesen, wenn ein so großer Mann einmal öffentlich gesagt hätte: Ich habe einen Fehler gemacht. Ich habe es versäumt, ein ungeschütztes 13-jähriges Kind zu schützen." Präziser lässt sich das kaum formulieren. Ich fand das, was Wenders da inszeniert hat, erbärmlich. Nicht das Eingeständnis, dass eine andere Zeit andere Maßstäbe hatte. Das ist richtig und wichtig. Erbärmlich ist die Strategie dahinter, die eigene Verantwortung in eine Branchendebatte zu diffundieren, die niemand bestellt hat. Was ich mindestens genauso irritierend fand, war der Applaus im Saal. Eine Lola-Gala voller Filmschaffender, die einem Mann, der gerade trickreich erklärt hat, warum er einer anderen Person gegenüber angeblich nicht handeln kann, stehend Beifall spendet. Immerhin: Die Wim Wenders Stiftung hat nun die Reißleine gezogen und den Film inzwischen aus allen aktuellen Auswertungsformen zurückgezogen. Und Wenders hat sich bei Kinski via Pressemitteilung entschuldigt, „ohne Wenn und Aber.“ Das ist der richtige Move. Nur bleibt ein schaler Nachgeschmack. Dafür brauchte es offenbar erst den öffentlichen Druck einer ganzen Branche. Wer eine Entschuldigung erst dann findet, wenn die Klage schon angedroht und der Lärm in den digitalen Echokammern groß geworden ist, der hat mitunter neben einem Verantwortungs- auch ein Glaubwürdigkeitsproblem.
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