Der Fußball lebt von Geschichten. Von Karrieren, die an einem einzigen Turnier hängen, und von Nationen, die sich über 90 Minuten definieren. Einige dieser Geschichten sind nun, rechtzeitig zu Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft, noch einmal für das Fernsehpublikum erzählt worden. Dabei zeigt sich, dass sich das Bild der klassischen Sport-Dokumentation grundlegend verändert hat. Wo sich frühere Filme häufig darauf beschränkten, die wichtigsten Tore und Ereignisse in bester Chronistenpflicht nachzuerzählen, braucht es heute schon mehr, um in dem Genre für Aufmerksamkeit zu sorgen. Ein besonderer Fokus etwa oder eine launige Erzählweise.

Drei Dokumentationen und Dokuserien stechen dabei in diesen Tagen besonders heraus, auch wenn sie alle der Blick zurück eint. Doch ganz gleich ob Weltmeister-Titel 1990, die WM-Blamage von 1994 oder der Weg zum Sommermärchen: Sehenswert ist jeder der Filme auf seine eigene Weise.

Für die Erinnerungen an die "Mission Sommermärchen" etwa haben sich das ZDF und die Produktionsfirma btf, wie schon vor einem Jahr bei "FC Hollywood", für eine sehr knallige Erzählung entschieden. Das passt schon alleine deshalb bestens, weil die Fußball-Nation im Allgemeinen und die Boulevardpresse im Besonderen einst hyperventilierte, als die denkwürdige "Trainerfindungskommission" des DFB nach unzähligen Absagen schließlich Jürgen Klinsmann als Trainer der Nationalmannschaft für die anstehende Heim-WM präsentierte – von der "Bild" hämisch als "Grinsi-Klinsi" herabgewürdigt.

Tatsächlich legt die Dokuserie von Simone Schillinger und Florian Nöthe in drei Folgen offen, wie sehr die "Bild"-Redaktion darunter litt, dass Klinsmann und sein Tross fast alles anders machten als seine Vorgänger – insbesondere im Umgang mit ihr selbst, was dazu führte, dass das Blatt in (un)schöner Regelmäßigkeit über die Nationalmannschaft herzog. Als "rote Flaschen" etwa bezeichnete "Bild" das Team nach der legendären 1:4-Niederlage gegen Italien, wenige Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft. Und die war sich auch nicht zu schade, die Spieler mit Pizzabelegen zu vergleichen. "Salami Ballack – spielt wie eine Wurst" stand da etwa geschrieben. Oder: "Zwiebel Klose – nur noch zum Heulen".

Die Kampagne ging so weit, dass schließlich Kanzlerin Angela Merkel, damals ebenfalls noch neu im Amt, Klinsmann ins Kanzleramt lud und ihm öffentlichkeitswirksam den Rücken stärkte. Der Rest ist bekanntlich Geschichte, und es ist eine wunderbare Pointe, dass ausgerechnet die "Bild"-Redaktion es war, die nach dem erfolgreichen Turnier schließlich alle Nationalspieler anrief und darum bat, Klinsmann zum Bleiben zu bewegen. Vergeblich, wie man heute weiß. All diese Absurditäten noch einmal vor Augen geführt bekommen, nebst der tragikomischen Vorgeschichte, die ihren Höhe- oder besser gesagt Tiefpunkt in Rudi Völlers legendärem "Scheißdreck"-Auftritt bei Waldemar Hartmann fand, lässt 2006 plötzlich arg weit weg erscheinen, selbst wenn einen bis dahin das Gefühl beschlich, das "Sommermärchen" habe sich gerade erst ereignet.

Immer wieder "Bild"

Ein Stück weit ist es die "Bild", die sich wie ein roter Faden durch die gerade erschienenen Fußball-Dokumentionen zieht. Im ARD-Vierteiler "WM 1990 - Elf Helden, ein Albtraum", produziert von Leopold Hoeschs Broadview TV, ist es Berti Vogts, der als Bundestrainer von dem damals im Fußball noch ungleich Boulevardblatt unter Druck gesetzt wird - auch durch "freundliche" Mithilfe von Lothar Matthäus und Lichtgestalt Franz Beckenbauer, der seinerzeit für Premiere arbeitete und seinen Nachfolger mit derart scharfen Worten düpierte, dass sich selbst Wegbegleiter fragten, wieso er das tat. Unter ihnen Reinhold Beckmann, der den Weltmeister-Trainer zu dem damals noch jungen Pay-TV-Sender geholt hatte. "Es gibt die zweiten Seiten bei Franz Beckenbauer", erinnert er sich in der Dokuserie. "Ein wahnsinnig umgänglicher Mensch. Immer ein Blick für sozial Schwächere." Doch im Umgang mit Vogts zeigte sich Beckenbauer von einer gänzlich anderen Seite. "Mir ist es ein Rätsel, warum er sich daran erfreute, Berti kleinzumachen."

"Bild" wiederum ging noch weiter: "Berti, unterschreib hier", titelte das Blatt nach dem unrühmlichen Viertelfinal-Aus und scheute sich nicht, ein Rücktrittsschreiben vorzuformulieren. Eine Aktion, die "Bild"-Urgestein Alfred Draxler heute nicht mehr machen würde, wie er, über 30 Jahre später, selbstkritisch einräumt. Über vier Folgen macht die Serie aber auch erkennbar, was passiert, wenn die Chemie im Team überhaupt nicht stimmt. Dazu kamen die emanzipierten Spielerfrauen, allen voran Bianca Illgner, die den DFB als "frauenfeindlich" bezeichnete. Und dann war da auch noch der junge Stefan Raab, der den damaligen Bundestrainer Berti Vogts mit einem legendären Lied mächtig verballhornt und damit den Grundstein für seine eigene Karriere legt. Als hätte Vogts also nicht schon genügend Probleme gehabt, versuchte er auf einer legendären Pressekonferenz die schreibende Zunft auf seine Seite zu ziehen – machte mit einem Gedicht ("Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass, ein bisschen mehr Wahrheit, das wäre doch was") alles nur noch schlimmer. Da passte es nur allzu gut ins Bild, dass Stefan Effenberg den eigenen Fans nach einer verspielten 3:0-Führung gegen Südkorea auch noch den Mittelfinger zeigte.

Auch damals war es übrigens der Bundeskanzler, namentlich Helmut Kohl, der dem Trainer trotz verkorkster Weltmeisterschaft das Vertrauen aussprach. Und weil Vogts tatsächlich bleiben durfte, konnte er nur zwei Jahre später reichlich Genugtuung erfahren, indem er mit einer völlig veränderten Nationalmannschaft den Europameistertitel gewann. Dass er nach der WM nicht hinwarf, erscheint im Rückblick umso bemerkenswerter, weil sich nur erahnen lässt, unter welchem Druck Vogts nach dem Viertelfinal-Aus gestanden haben muss.

Dem Regisseur Manfred Oldenburger gelingt es, all diese Details noch einmal in wunderbarer Weise so nachzuzeichnen, dass man nicht umher kommt, Respekt für Berti Vogts zu empfinden. Dass es nur vier Jahre nach dem Weltmeistertitel überhaupt so weit kommen konnte, erstaunt umso mehr, wenn man sich noch einmal die Erfolgsgeschichte vor Augen führt, die die Sky-Dokumentation "Ein Sommer in Italien" dieser Tage noch einmal genüsslich erzählt. Auch wenn hier die Prämisse eine gänzlich andere ist, gelingt es den Regisseurinnen Vanessa Goll und Nadja Kölling, den Blick zurück um neue Aspekte anzureichern. Etwa durch bislang unveröffentlichte Aufnahmen aus dem Innersten der Mannschaft – festgehalten von Bodo Illgner, der kurz vor der WM eine Kamera geschenkt bekam.

In Erinnerung bleibt der Film allerdings nicht zuletzt, weil neben Weltmeistertrainer Franz Beckenbauer vor allem einer fehlte: Andy Brehme, der 2024 nur wenige Wochen nach dem Kaiser starb. Über dessen Tod zu sprechen, treibt selbst dem sonst so abgeklärten Lothar Matthäus die Tränen in die Augen. Bei aller medialer Härte und so mancher Ungerechtigkeit des Fußball-Geschäfts, auf die die WM-Dokumentationen ein Schlaglicht werfen, ist es gerade dieser Moment, der guttut. Zeigt er doch, dass zwischen all dem Wahnsinn auch Raum für Zwischenmenschliches bleibt.

"Ein Sommer in Italien - Die WM 1990", bei Sky
"WM 1994 - Elf Helden, ein Albtraum", in der ARD-Mediathek
"Mission Sommermärchen", im ZDF-Streamingportal