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Analyse der Wahlberichterstattung

Verkehrte Welt: Zwischen Wahlpartys und Gelassenheit

von Alexander Krei
07.11.2012 - 06:19 Uhr

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Es war eine lange Wahlnacht, länger noch als 2008, und bot aus Sicht des deutschen Fernsehens noch dazu so manche Überraschung. Verkehrte Welt: Während ARD und ZDF XXL-Wahlpartys inszenierten, bot u.a. RTL einen wohltuenden Kontrast.

Die amerikanische Präsidentschaftswahl als Party: Wer die Nacht zu Mittwoch vor dem Fernseher verbrachte, um den langen Weg bis zur Bekanntgabe des Wahlsieges von Barack Obama um kurz nach 5 Uhr zu erleben, bekam bei ARD und ZDF, was man noch vor wenigen Jahren nicht von Ihnen erwartet hätte. Beide Sender gingen mit Wahlpartys aus Berlin an den Start. Will heißen: Imposante Kulissen, viele Zuschauer vor Ort - und jede Menge gute Laune. Dazu ein bisschen Live-Musik. Um zu verstehen, weshalb die Öffentlich-Rechtlichen in diesem Jahr ihre Berichterstattung zur US-Wahl derart auf Show trimmten, muss man ins Jahr 2008 zurückblicken. Schon damals ging das ZDF ganz neue Wege und stellte die Kollegen der ARD, die nüchtern aus einem kleinen Studio in Washington sendeten, mit einer erfrischenden Party locker in den Schatten.

Und so fuhr nun also auch Das Erste schwere Geschütze auf. Hier wie dort spielten Bands und die aktuelle Zahlen wurden mit einem lautstarken Tusch angekündigt. "Ich muss mich daran gewöhnen. Aber gut", stöhnte ZDF-Moderatorin Bettina Schausten zu Beginn des Abends - und am Ende immer noch - als sie durch einen Tusch in ihren Ausführungen jäh unterbrochen wurde. Auch Twitter-Frau Jeannine Michaelsen musste sich erst an das Ambiente gewöhnen. Als sie eine Runde mit Bruce Darnell und Fritz Egner begrüßte, blieb es erst mal ruhig im eigentlich gut besuchten Berliner Telegrafenamt. "Wenn die alle ein bisschen Weißwein getrunken haben, dann kommt das schon", scherzte sie bemüht. Und zwischendrin, wenn mal vermeintlich nichts passierte, tauchte beim ZDF sogar gerne mal ein Karikaturist auf.

Ansonsten wurde vor allem eines getan: Geredet. In aller Ausführlichkeit, die eine lange Nacht wie diese bietet, blieb kaum ein Aspekt amerikanischer Politik außen vor. Das ständige Vermelden aktueller Wasserstände blieb jedoch, anders als im amerikanischen Fernsehen, zumeist die Ausnahme. Eine Folge dessen jedoch: Die Gespräche bei ARD und ZDF bezogen sich meist allgemein auf die Perspektive amerikanischer Politik. US-Sender analysierten ausführlicher was die aktuell eintrudelnen Zahlen nun für den Verlauf des Wahlabends bedeuten. Aber trotzdem: Zwischen all die Show-Elemente mischten sich im Ersten durchaus so manche kontroverse Diskussion - nicht zuletzt ein Verdienst von Sandra Maischberger, der es zu Beginn des Abends auch mal gelang, mit ihren Gästen in die Tiefe zu gehen. Besonders interessant wurde es allerdings immer dann, wenn die Moderatoren-Riege um "Zahlen-Mann" Jörg Schönenborn ein paar persönliche Anekdoten beisteuerte. Dass sich Matthias Opdenhövel so manch Spitze traute, passte da nur allzu gut ins Bild.

Schlechte Jobs lieferten ARD und ZDF mit ihren Wahlpartys also nicht ab. Ungewohnt wirkte diese Art der Berichterstattung aber allemal, insbesondere weil sich die Öffentlich-Rechtlichen durch die unterhaltenden Elemente genau das tun, das man sonst von der privaten Konkurrenz erwarten würde und aus dem öffentlich-rechtlichen Lage als Infotainment kritisiert werden würde. Und ausgerechnet RTL, das gemeinsam mit n-tv eine Sondersendung auf die Beine stellte, präsentierte sich gleichzeitig erstaunlich klassisch. Mit einer angenehmen Ruhe analysierten Peter Kloeppel und Christoph Teuner die Fakten - ein wohltuender Kontrast zur Dauer-Wahlparty. In gewisser Weise war es also eine verkehrte TV-Welt, die sich dem Publikum dort bot.

Eine erfrischende Alternative zu den öffentlich-rechtlichen Wahlpartys bot darüber hinaus auch Phoenix, wo man das Programm des US-Senders CBS übernahm und mit einer optionalen deutschen Übersetzung versah. Dass die Werbepausen des US-Senders genutzt wurden, um Analysen aus Deutschland einzuschieben, entpuppte sich als wirklich gute Idee. Konzentriert analysiert und ansonsten ein Schaufenster der US-Berichterstattung. Zudem mischte auch Servus TV bei der Wahlberichterstattung mit, schaffte es durch viele Dokumentationen allerdings nicht, eine echte Live-Atmosphäre zu schaffen. Doch am Ende des Abends waren es weder ARD, ZDF noch RTL die Obamas Wiederwahl als Erste vermeldeten: Es war Stephan Strothe der bei N24 die entsprechende CNN-Meldung aufgriff. Der Nachrichtensender lieferte da schon über Stunden eine recht entspannte Wahlsendung. Eine durchweg solide Leistung -  im Gegensatz zu Sat.1.

Die ProSiebenSat.1 Media AG berichtete bis kurz vor 5 Uhr morgens einfach mal gar nicht über die US-Wahl. Immerhin war man dann mit dem "Frühstücksfernsehen" bei Sat.1 rechtzeitig am Start, um die entscheidenden Minuten doch noch mitzubekommen. Das ZDF traute sich in diesen entscheidenden Minuten - als bereits mehrere US-Sender Obama bereist zum Sieger erklärten - übrigens zunächst nicht so recht aus der Deckung, sprang dann aber mit Verzögerung doch auf den Zug der Konkurrenz auf und vermeldete den Wahlsieg Barack Obamas mit etwas Verspätung. Doch wirklich blamiert hat sich in der Nacht keiner der übertragenden Sender. Bis auf ARD und ZDF, die ein fast identisches Konzept umsetzten, gab es eine erfrischende Vielzahl an unterschiedlichen Übertragungskonzepten. Eine Vielfalt, die den vor dem Fernseher ausharrenden Zuschauern allerdings nur recht sein konnte. Lang genug war sie ja, die Wahlnacht.

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