Sahra Wagenknecht bei Markus Lanz © ZDF/Cornelia Lehmann
Ein Kommentar

Markus Lanz, eine Petition und ein Missverständnis

von Thomas Lückerath
23.01.2014 - 01:05 Uhr

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Seit vergangener Woche steht Markus Lanz für eine gänzlich missratene Ausgabe seiner ZDF-Talkshow in der Kritik. Eine Petition fordert seine Absetzung - und schießt damit weit über das Ziel hinaus. Ein Kommentar.

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Ich gebe zu: Ich hab den Knall nicht gehört. Irgendwann in den letzten anderthalb Jahren muss es aber passiert sein. Irgendwann in dieser Zeit scheint Markus Lanz zum Abschuss freigegeben worden zu sein. Zynisch könnte man sagen: Er ist mehr Nachfolger von Johannes B. Kerner geworden als es ihm lieb sein könnte. Während Kerner nach kapitalen Flops bei Sat.1 in eine freiwillige Zwangspause ging, betrat der aus heutiger Sicht zuvor beinahe unbeachtete Lanz die Showbühne eines Flaggschiffs der deutschen Fernsehunterhaltung, das von Kritikern wahlweise per se als marode bezeichnet wird oder aber unter Lanz’ Kommando Richtung Eisberg steuere.



Markus Lanz hat sich mit „Wetten, dass..?“ einen Schuh angezogen, der ihm nicht so recht passen will. Das sieht der Zuschauer und spürt er selbst sicher auch. Doch während der Moderator noch optimistisch ist, dass sich der Schuh schon  irgendwie einläuft, sieht die Boulevard- und teilweise auch Qualitätspresse den Schuh schon auf dem Müll. Nicht zu reparieren. Fernsehkritiken zu „Wetten, dass..?“ wurden zum Schönschreib-Wettbewerb unter Zynikern. Wessen Klinge ist am schärfsten? Wessen Hammer am kräftigsten? Jeder dieser Abgesänge macht die Autoren jedoch ein Stück kraftloser, weil sie eine Frage einfach nicht beantworten: Warum gucken denn immer noch so viele Millionen Zuschauer zu, wenn alles so furchtbar ist?

Da schaukeln sich Kritiker gegenseitig hoch und beschwören regelrecht ein bevorstehendes Ende herauf. Die Realität wird dabei ausgeblendet. Fakten stören nur unnötig, wenn man sich einmal in Rage geschrieben hat. Doch trotz massiver Reichweitenverluste gehört „Wetten, dass..?“ immer noch zu den erfolgreichsten TV-Shows in Deutschland - mit einer Quote, die bei jedem anderen Format als höchst spektakulär und einzigartig gefeiert werden würde. Bei „Wetten, dass..?“ jedoch nicht. Zugegeben, das hätte sich Markus Lanz und das ZDF denken können als sie gemeinsam an einer Neuauflage der von Thomas Gottschalk so nachhaltig geprägten Sendung gearbeitet haben.

Doch jede Verhältnismäßigkeit ist längst verloren gegangen. Würden doch nur all die Kritiker, die sich in Nuancen, Gesten und Lieblingswörtern von Markus Lanz verlieren und daran den Untergang der Samstagabend-Unterhaltung ablesen, nur halb so viel Energie aufwenden bei den wirklich empörenden Fernseh-Themen und -Sendungen unserer Zeit. Dafür müsste man all das aber auch gucken. Diesen Aufwand betreibt man jedoch nur bei „Wetten, dass..?“ und „Tatort“ - sowie aktuell beim Dschungelcamp. Damit lassen sich Zeitungen verkaufen. Auch das ist übrigens einer der Gründe, warum sich gerade Boulevardmedien so gerne an „Wetten, dass..?“ abarbeiten: Weil es dank der starken TV-Quoten immer noch viele Leser zieht.

Das könnte ein kleiner Trost sein für das ZDF und Markus Lanz. Doch es ist ein gleich doppelt falscher Trost, auf dem man sich ganz und gar nicht ausruhen kann. Zum Einen hakt es eben bei „Wetten, dass..?“ in der Tat noch immer und die Frage, ob Lanz für die große Showbühne gemacht ist, wird er sich selbst noch abschließend beantworten müssen. Zum Anderen weil die Kritik an Markus Lanz längst eine Aggressivität erreicht hat, dass ein solcher Trost nicht reicht. Ganz aktuell steht Lanz wieder in der Kritik - diesmal für eine völlig missratene Ausgabe seiner ZDF-Talkshow am vergangenen Donnerstag.

Da sprach er, neben anderen Gästen, auch mit Sahra Wagenknecht. Der Politikerin der Linken brachte Lanz nicht im Ansatz die Grundsympathie entgegen, die er so offensichtlich an den Tag legt, wenn mal wieder ein FDP-Politiker bei ihm seine private Seite zeigen darf. Und FDP-Politiker sind oft zu Gast, sehr oft.  Häufiger als Vertreter aller anderen Parteien. Während es bei ihnen meist um private Themen geht, ist Lanz bei Wagenknecht der Versuchung erlegen, den investigativen Journalisten zu spielen und hätte es bloß besser gelassen.

Die Ironie: Bei der penetranten Aggressivität mit der Lanz Wagenknecht in dieser Sendung permanent unterbrach, wähnte sich der Gastgeber zunächst noch auf der richtigen Seite. Er war sich anfangs so sicher, das Publikum hinter sich zu haben; das Richtige zu tun und schoss dabei ungebremst über das Ziel hinaus - fast so wie viele Lanz-Kritiker auch. Gerade nach dieser Sendung, die nicht mal die schlechteste Ausgabe von „Markus Lanz“ war, aber die schlechteste, die Aufmerksamkeit auf sich zog. Dafür sorgte in nicht unwesentlichem Maße eine Online-Petition.

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