Jogi Löw © Screenshot RTL
DWDL.de-TV-Kritik

Fußball bei RTL: Espresso für den Bundestrainer

von Alexander Krei
08.09.2014 - 00:25 Uhr

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Fußballfans können aufatmen: Zwar gab's bei der Nationalelf-Premiere von RTL mehr Pathos als bei ARD & ZDF, doch beim Spiel verzichtete der Sender auf unnötige Spielereien. Ärgerlich nur, dass selbst das Trainer-Interview nicht ohne Werbung auskam...

Die Kamera fährt durch die dunklen Katakomben, schwenkt auf Fotos vergangener Fußball-Tage. Man hört Herbert Zimmermanns legendären Jubel. "Tor! Tor! Tor!" Dazu emotionale Musik. Eine ganze Zeit lang geht das so - kein Wunder, immerhin muss ja an vier gewonnene Weltmeister-Titel erinnert werden. Ohne Zweifel gut gemacht, aber auch ein wenig kurios, schließlich soll es an diesem Abend doch eigentlich um die nächste Europameisterschaft gehen. Doch so kurz nach dem Gewinn des vierten Sterns ist so viel Inbrunst durchaus mal erlaubt. Und überhaupt: Es ist ja RTL.

Zur Überraschung vieler Beobachter hat sich der momentan stark taumelnde Kölner Sender die Übertragungsrechte an den deutschen Quali-Spielen für die Welt- und Europameisterschaften gesichert. Und so feierte RTL am Sonntagabend mit dem Spiel zwischen Deutschland und Schottland also seinen Einstand bei den European Qualifiers, wie die UEFA die Quali für das in zwei Jahren stattfindende Turnier inzwischen allen Ernstes nennt. An Pomp und Pathos mangelte es der Übertragung in den Minuten vor dem Anpfiff schon mal nicht, was insofern erwartbar war, weil RTL ja auch beim Boxen im Vorfeld gerne mehr Spektakel macht als die Kämpfer später im Ring. Man muss das nicht mögen, doch in Sachen Inszenierung macht den Kölnern so schnell niemand etwas vor.

Beim Spiel selbst gab sich der Sender dagegen erstaunlich viel Mühe, so wenige Experimente wie möglich einzugehen. Dabei ließ eine Doku über den Bundestrainer, die RTL am Nachmittag ausstrahlte, schon das Schlimmste befürchten. Minutenlang widmete man sich darin der Frau an Joachim Löws Seite und selbst der Friseur des Trainers durfte ein paar Worte verlieren. Die Partie am Abend blieb glücklicherweise frei von alledem. Wer mit unnötigen Spielereien rechnete, wurde enttäuscht. Stattdessen hat RTL mit Marco Hagemann einen Kommentator verpflichtet, der mit seinen fundierten Analysen schon in den vergangenen Jahren bei Sky stets eine gute Figur machte und sich auch bei seiner RTL-Premiere keine Blöße gab. Ein, zwei verwechselte Namen, hier und da mal ein Versprecher - geschenkt. Einen Grund, Steffen Simon oder Béla Réthy hinterherzutrauern, gab es somit nicht.

Lächerlich dagegen das, was sich Halbzeitanalyse schimpfte. Einen Hauch von nichts boten Florian König und der ebenfalls von Sky abgeworbene Experte Jens Lehmann inmitten zweier erwartungsgemäß riesiger Werbeblöcke. Das lässt sich allerdings kaum kritisieren, schließlich ist Werbung das Geschäftsmodell des Senders. Wer das in Kauf nahm, fand erstaunlich wenige Angriffsflächen. Ungewöhnlich, aber durchaus imposant wirkten etwa die aufs Feld projizierten 3-D-Einblendungen, die die Aufstellung der deutschen Nationalmannschaft darstellten. Eine Spielerei, natürlich, aber eine optisch gelungene. Gelungen auch der Einsatz des neuen Duos König / Lehmann, das vor und nach dem Spiel weit mehr zu sagen hatte als in der Pause.

In der Vorberichterstattung wirkte es sogar geradezu erfrischend, dass die beiden nicht festgetackert hinter einem Tisch standen, sondern sich aus verschiedenen Positionen vor und im Stadion meldeten. Ein einfacher Kniff, der einige Eindrücke vom Platz und den Rängen in die Wohnzimmer transportierte, gleichzeitig aber dafür sorgte, dass Moderator und Experte im Laufe des Abends einige Meter zurücklegen mussten. Nicht umsonst scherzte Lehmann am Ende der stundenlangen Übertragung, das nächste Mal doch besser Wanderschuhe mitzubringen. Nach Abpfiff zogen sich König und Lehmann übrigens doch noch ins Studio zurück, um nach einiger Fachsimpelei und den gewohnt oberflächlichen Spielerinterviews den Bundestrainer zu begrüßen. Der bekam dann gleich mal eine Tasse Espresso serviert.

Dass sich Löw nach anfänglichem Zögern doch noch zum Trinken entschied, wird er nicht bereut haben, immerhin rettete ihn das Koffein über die Werbepause hinweg, die RTL unglücklicherweise mitten ins Interview platzierte. Vermutlich sehr zur Freude all jener Kollegen, die nebenan gerade auf die sich weiter nach hinten verschiebende Pressekonferenz mit Löw warteten. Das war auch schon das größte Ärgernis dieses Quali-Abends, der ansonsten jedoch die beruhigende Erkenntnis brachte, dass der Ball auch bei RTL rund ist.

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