Flüchtlingschor in der Anstalt © Screenshot ZDF
Über eine denkwürdige Ausgabe

"Die Anstalt": Und plötzlich sangen die Flüchtlinge

von Alexander Krei
19.11.2014 - 14:56 Uhr

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25 Jahre nach dem Fall der Mauer erinnerte "Die Anstalt" an das Unrecht, das heute geschieht - mit tausenden von Flüchtlingen, die vor den Grenzen Europas sterben. Es wurde in mehrerlei Hinsicht eine denkwürdige Ausgabe.

Regelrecht ergriffen wirkten viele Zuschauerinnen und Zuschauer im Publikum, manch einer musste gar eine Träne verdrücken. Es war ein ungewöhnliches Ende, das "Die Anstalt" am Dienstagabend nahm. Ganz und gar nicht lustig ging es in den letzten fünf Minuten auf der Bühne zu. Plötzlich standen sie da, mehrere Flüchtlinge aus Syrien, die für den Frieden sangen. "Bitte Deutschland, behaltet euren Frieden", sagte der Sprecher der Gruppe, nachdem er zuvor von der Zerstörung in seinem Heimatland sprach. „Genug Blut!“, rief er, selbst den Tränen nahe. "Hört auf mit dem Krieg!"

Manche Themen sind so ernst, dass selbst Humor und Satire nicht weiterhelfen. So gesehen hätten die "Anstalts"-Leiter des ZDF kaum ein besseres Finale finden können als diesen in vielerlei Hinsicht denkwürdigen Auftritt des Flüchtlingschors. "Wir haben genug über Flüchtlinge geredet – jetzt wollen wir ihnen mal zuhören", kündigte Kabarettistin Nessi Tausendschön die Flüchtlinge an, nachdem sie die "Göttin" verkörperte, die den von Max Uthoff und Claus von Wagner verkörperten Horst Seehofer und Angela Merkel Asyl im Paradies gewähren sollte. Mit Blick auf 20.000 vor den Grenzen Europas ums Leben gekommene Flüchtlinge erinnerte die Göttin an das Bibel-Gebot "Du sollst nicht töten", woraufhin Merkel erwiderte: "Von 'sterben lassen'“ steht da nichts drin!" Ohnehin habe Gott "leicht reden", so die Kanzlerin: "Sie können hier oben durchregieren!" 

Zuvor lieferten sich Uthoff und von Wagner als DDR-Grenzschützer und Mitarbeiter der Grenzschutzagentur Frontex bereits ein mindestens so ernsthaftes wie unterhaltsames Wortgefecht. 20.000 Tote zähle man - "ganz ohne Schießbefehl", gab von Wagner als Frontex-Mann zu bedenken und verglich die EU schließlich gar mit der DDR: Die habe einst Menschen gewaltsam daran gehindert, rauszukommen. Die EU hindere sie nun stattdessen daran, reinzukommen. Der Grenzschützer betonte, die DDR habe es in 40 Jahren bloß auf 800 Tote gebracht. "Und wir waren praktisch ein Unrechtsstaat", sagte er und fragte den Frontex-Vertreter daraufhin verblüfft: "Und was waren Sie?" Dessen Antwort: "Friedensnobelpreisträger."

Das saß – und dürfte manchem Beobachter dieses Schauspiels auf der "Anstalts"-Bühne die Augen geöffnet haben. Und damit nicht genug: In ihrer Sendung rechneten Max Uthoff und Claus von Wagner aus, dass der regelmäßige Umzug des EU-Parlaments von Brüssel nach Straßburg jährlich 114 Millionen Euro verschlingt und damit genauso viel Geld wie die italienische Marine benötigt hätte, um mit ihrer Mission im Mittelmeer tausende Menschen vor dem Ertrinken zu bewahren. Sicher: Eine Satire-Show wird diesen Zustand kaum ändern können. Aber derart eindrucksvoll, ja fast schon beklemmend hat sich das Fernsehen den Flüchtlingsströmen bislang nur selten genähert. Eine echte Sternstunde.

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