Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! 2016 © RTL/Stefan Menne
DWDL.de-TV-Kritik zu "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!"

Bloß keine Zeit vertrödeln bis zum ersten Madenmahl

von Peer Schader
16.01.2016 - 02:08 Uhr

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Um die Baldrianvorstellung aus dem Vorjahr vergessen zu machen, katapultierte RTL die Stars seines Jubiläums-Camps zum Staffelstart sofort in die erste Dschungelprüfung mit Kamelkopf-Dekoration. Auch für Konfliktpotenzial unter den Kandidaten ist diesmal ausreichend gesorgt.

Haben Sie auch diese neuartige Sendung gesehen, die da am Freitagabend beim RTL lief, live aus dem Teutoburger Wald bei Detmold, wie einer der älteren Herrschaften im Bild bemerkte? Eine Sendung, in der Prominente in der Wildnis keine Unterhosen zum Wechseln dabei haben, ihr Dekolleté als Abstellfläche für Toilettenrollen benutzen und ihr Haupthaar in Form eines verstorbenen Gürteltiers tragen? Das kommt jetzt vielleicht überraschend, aber: Die Show heißt "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!", sie ist Ihnen bekannt, bloß: "Diesmal ist alles anders!"

Hat Daniel Hartwich am Anfang gesagt (und dann gleich nochmal, und später, und nach der Werbepause). Nicht bloß, weil er diesmal kein Gel, sondern Wachs dabei hat, um sich die Haare zu zerzauseln.

Sondern auch, weil RTL nach der Baldrianvorstellung aus der neunten Staffel zum Jubiläum im 10. Jahr versprochen hat, wieder richtig den Wald zu rocken. Auch wenn der Sender dafür vollständig gegen seine Natur ankämpfen muss, Regeln ändern und sogar Neues ausprobieren! Mitten im Januar, während Dieter Bohlen im Restprogramm wie eh und je anzügliche Scherze über knapp beschürzte DSDS-Bewerberinnen reißt und sich der nächste Junggeselle beim Mutantrinken für den "Bachelor" fast eine Amarula-Vergiftung zugezogen hat.

Im australischen Dschungel weht jetzt allerdings ein neuer Wind, oder wenigstens ein neues schwitziges Lüftchen. Anstatt die teuer eingekauften Teilnehmer mit Luxushotelaufenthalten und Abschiedsgelagen zu verweichlichen und Arbeitsverweigerung zu provozieren, ging's zum Auftakt augenblicklich in medias res, ohne dass sich irgendwer mit Fallschirmen aus Hubschraubern werfen musste. Dafür saß die neue Truppe in Höchstgeschwindigkeit bei der ersten Dschungelprüfung und durfte ihr erstes Madenmahl mit Kamelhirn, Buschschweinsperma und Ochsenspenis absolvieren.

Die auffälligste Neuerung ist freilich der Duell-Charakter, den sich "Ich bin ein Star" bei den britischen Kollegen, irgendwie aber auch ein bisschen bei Sat.1 und "Promi Big Brother" abgeschaut hat, das im Herbst gar nicht schlecht in Form war. Zum ersten mal in der Geschichte des (deutschen) Dschungelcamps gibt es zwei Lager, deren Mitglieder in den Dschungelprüfungen gegeneinander antreten: Base Camp vs. Snack, ähm: Snake Rock (DWDL.de berichtete). Der Gewinner erspielt wie gewohnt Essen für seine Truppe, der Verlierer sorgt dafür, dass die anderen hungern.

Den Wahnsinn in den Augen

Gut möglich, dass das zu stärkeren Konflikte führt. Zum Auftakt allerdings waren die ersten beiden Kontrahenten überfreundlich zueinander. Beim Sternetauchen setzte sich DSDS-Dauerkandidat Menderes gegen Sophia Wollersheim ("Die Zuschauer kennen mich aus der Dokusoap mit meinem Mann") durch und  entschuldigte sich nachher dafür, gewonnen zu haben, während Wollersheim ihn zu beruhigen versuchte.

Für den Krawall sind andere zuständig. Zum Beispiel Ex-Fußballprofi Thorsten Legat, der schon am ersten Tag mit markigen Sprüchen, strikten Ansagen und einem beunruhigenden Wahnsinn in den Augen auffiel und bei dem jederzeit die Gefahr besteht, dass er seine Mitcamper fitzcarraldohaft dazu zwingen könnte, ein Schiff durch den Urwald zu tragen, weil RTL sämtliche Ureinwohner für die Produktion wegengagiert hat.

"Es gibt nur ein Wort dafür: niveaulos, charakterlos, schamlos", disste Legat bereits Mitcamper Gunter Gabriel, weil der zwischen dem Abflugsort im australischen Melbourne und dem kleine Wasserfall im Camp bereits alle wesentlichen Stellen markiert hat, um potenziellen Konkurrenten einen duftmarkigen Hinweis zu hinterlassen, wer hier der Boss ist. (Auch wenn der diesmal selbst das Geld braucht).

Im Camp mit Gabrielle, der Meerjungfrau

Wobei sich nicht so genau sagen lässt, wie lange es Gabriel überhaupt dort aushält, nachdem er von der anfänglichen Großkotzigkeit mit Krampf im Mittelfinger überraschend schnell in die Mimosenhaftigkeit gewechselt ist ("Ich bin ein totales Arschloch, dass ich das zugesagt habe") – und von Hartwich und Mitmoderatorin Sonja Zietlow den schönen Spitznamen "Gabrielle, die Meerjungfrau" verpasst bekam.

Beim Cast hat sich der Sender diesmal besondere Mühe gegeben: mehr bekannte Namen, weniger Castingshow-Gesichter, bei denen erst noch erklärt werden muss, in welcher Staffel welcher Show sie an welcher Stelle rausgeflogen sind. Wobei die erhöhte Promidichte nicht automatisch für die besseren Geschichten sorgen muss. Konfliktpotenzial ist allerdings schon jetzt zur Genüge da. Dafür sorgt außer Legat die von RTL im Sommer abgesetzte "Kämpferin aus Leidenschaft", Helena Fürst, die in deutschen Amtsstuben, Krankenkassen und Laiendarsteller-Runden Angst und Schrecken verbreitet hat und ja wohl locker mit ein paar nöligen Promi-Campern fertig wird: "Ich weiß, wie man auf Konfrontationen reagiert. Ich hatte schließlich Sendungen!"

Grüß dich, Wasserspinne!

Ex-Talker Ricky Harris hat zugegeben, sich vor "Tieren, Höhen, Engen" zu fürchten (aber besser auch vor zu hoch stehender Sonne), Jenny Elvers meint, sie habe schon in viele Abgründe geschaut, Jürgen Milski ließ sich offensichtlich in den Vertrag schreiben, nur ohne Nachnamen in der Sendung aufzutauchen, Rolf Zacher führt sich auf wie der störrische Opa, der ins Heim kommt, wenn er sich weiter über sein Essen beschwert. Und am Ende gewinnt wieder Brigidde Nielsen.

Die Voraussetzungen für zwei unterhaltsame Wochen sind also hervorragend. Und das ist vor allem deshalb gut, weil aus den Dschungelprüfungen langsam ein bisschen die Luft raus ist: Die eine Hälfte der Kandidaten hat bereits zu Protokoll gegeben, keine ekligen Sachen essen zu wollen, und sich beim Kamelkopf-dekorierten Überraschungsmahl prompt daran gehalten. Und die meisten Wasserspinnen aus dem Tank in der zweiten Prüfung kannten die Zuschauer schon persönlich. (Grüß dich, Anette!) Aber das macht natürlich nix, in einer Show, in der diesmal alles anders ist, wenn man es nur oft genug wiederholt.

"Habt ihr euch das ungefähr so vorgestellt?", fragte Zietlow stolz in die Runde. Und stellvertretend für die anderen antwortete Menderes ebenso bedacht wie höflich: "Ich bin positiv überrascht." Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. Außer einem Wort vielleicht, das diese Sendung sich als Charakteristikum hart erarbeitet hart und weiter behalten darf: niveaulos, charakterlos, schamlos!

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