I can do that © ZDF/Johanna Brinckmann
DWDL.de-TV-Kritik zu "I can do that!"

Und übernächste Woche singt einer "König der Löwen"

von Peer Schader
25.02.2016 - 23:20 Uhr

Tools

Social Networks

 

Das ZDF gibt sechs Promis eine Woche Zeit, um Showacts zu lernen, die man in einer Woche nicht lernen kann. "I can do that!" ist eine Mischung aus "Let's Dance" und "Stars in der Manege" und versucht, niemandem weh zu tun. Das ist das einzige, was der Show gelingt.

Es ist höchste Zeit, all denen danke zu sagen, ohne die das alles nicht möglich wäre: das ganze irre Showgeschäft. Leuten, die hinter der Bühne Übermenschliches leisten, jede Woche aufs Neue, und die doch nie im Rampenlicht stehen: den Physiotherapeuten, Chiropraktikern und Masseuren, die dafür sorgen, dass die einheimischen Prominenten dem deutschen Fernsehen nicht vorzeitig verschleißen und die Sender ihr Abendprogramm vorzeitig dicht machen müssen. Oder wie's Schauspielerin Gesine Cukrowski am Donnerstagabend im ZDF formulierte, nachdem sie ein paar Verrenkungen zu einer auf ein Spannbettlaken projizierten Animationsshow getätigt hatte: "Danke an unseren Physiotherapeuten, ohne den würd' ich heut Abend hier nicht stehen."

Da können sich die Oscar-Preisträger am Sonntag gleich mal ein Scheibchen Dankbarkeit von abschneiden. (Und die Physiotherapeuten, Chiropraktiker und Masseure unter Umständen verraten, was sie dafür haben wollen, mal sehr, sehr lange in Urlaub zu fahren; Mailadresse steht links in der Spalte.)

Zusammen mit Cukrowski ist der Zirkus in eure Stadt gekommen, liebe Kölner, und als hättet ihr dieses Jahr nicht schon genug erdulden müssen, steht bereits fest, dass er in den nächsten drei Wochen nicht mehr weggehen will. Der Direktor trägt schwarzen Anzug mit jägergrüner Krawatte, kommt vom Privatfernsehen und muss sich in seinem neuen Job anstrengen, alles, was nur noch halb so aufregend ist wie früher, jetzt doppelt so gut zu finden: Steven Gätjens zweite neue Show im Zweiten (die Glücklicheren werden sich nicht mehr an die erste erinnern) heißt " I can do that!", weil "Ich kann das, Alter!" ein bisschen zu jugendlich geklungen hätte. Und sie ist eine Mischung aus allem, was das ZDF schon immer mal für sich haben wollte: "Let's Dance", "Stars in der Manege", "Supertalent".

Das Prinzip ist flott erklärt: Fünf Promis (und Gesine Cukrowski) haben eine Woche Zeit, um einen Showact einzustudieren, der sich unmöglich in einer Woche einstudieren lässt. Den performen sie in der Sendung live, alle klatschen höflich und nächstes Mal geht alles von vorne los. Wegen Gätjens ProSieben-Ablöse hat das Budget freilich nicht mehr gereicht, um einen missmutigen besserwisserischen Stänkerer für eine Quatsch Jury zu engagieren, die der Show sicher gut getan hätte. (Dass ich sowas mal schreiben würde!) Stattdessen stimmen zum Schluss ohne weitere Hindernisse nur die Zuschauer ab, wen sie am besten fanden. Der Promi mit den wenigsten Anrufen – bleibt. Und macht weiter, als sei nichts geschehen, nur mit weniger "Punkten" als die Kollegen.

Die Produktionsfirma Endemol Shine hat also zielstrebig sämtliche Elemente eliminiert, die "I can do that!" ein µ interessanter hätten machen können. Und die erste Show im deutschen Fernsehen erfunden, die nach 50 Minuten zu Ende ist, dann aber noch 42 Minuten weitergeht.

Das soll gar nicht die Anstrengungen der beteiligten Promis schmälern: Boris-Becker-Gattin Lilly hat an einem durch die Halle schwingenden Riesenkronleuchter geturnt, Moderator Jochen Schropp steppgetanzt, "heute show"-Außenreporter Lutz van der Horst Kunststückchen in einem Riesenballon angedeutet, Fabian Hambüchen ist zum Feuerakrobaten geworden und Katrin Müller-Hohenstein hat vorgeführt, wie schön jemand anders zwei sympathische Hunde dressiert hat. Falls Sie's verpasst haben: der Schnelldurchlauf fürs Voting vermittelt in unter einer Minute einen nahezu vollständigen Eindruck des Geschehens. Lässt sich bestimmt in der Mediathek abrufen.

Zum Konzept der Show gehört außerdem, dass die Promis nach ihren Leistungen sechs neue Showacts vorgeführt kriegen, die sie dann für die kommende Woche einstudieren dürfen. Zur Spannungssteigerung soll sich jeder selbst entscheiden, was er machen will, muss dafür auf eine beleuchtete Treppe springen und kann nachher beleidigt spielen, weil ihm jemand anderes was weggenommen hat. Warum sich das Publikum in sieben Tagen dieselben Vorführungen nochmal ansehen soll, nur schlechter, weil dann prominente Laien die Hauptrolle spielen, die nicht rausfliegen können, bleibt das Geheimnis des ZDF. Oder der Sender kriegt's irgendwie hin, zwischendurch eine Kollektivamnesie anzuzetteln.

Also, schaunse: Nächsten Donnerstag um 20.15 Uhr hängt sich Lilly Becker an ein Trapez statt an einen Kronleuchter, Schropp voiceloopt seine eigene Stimme, Cukrowski macht eine Clowns-Nummer ... krrrzzzzzz – Pardon, kurz eingeschlafen ... und Hambüchen macht was mit einem Japaner.

Lutz van der Horst ist es zu verdanken, dass zum Premierenabend ein bisschen Schwung in den Laden kam, weil er sich für sämtliche neuen Acts Unfähigkeit bescheinigte, auf seinem Bühnenplatz zunehmend nervöser wurde und schließlich Mitspieler bekniete, den jeweils aktuellen Kelch an ihm vorüber ziehen zu lassen. Als Übriggebliebener darf er nun Teil der Blue-Man-Group werden. Und nachdem Schropp zu Beginn des Abends bereits mit dem "Lord of the Dance"-Tanzensemble auf der Bühne gestanden hat, ist damit zu rechnen, dass in Woche drei irgendwer "Circle of Life" aus "König der Löwen" singt. Seit es "Wetten dass..?" nicht mehr gibt, muss das ZDF die vielen Musicals ja irgendwohin produktplatzieren.

Ob Gätjen seinen Arbeitgeberwechsel schon bereut, lässt sich schwer einordnen.  Vielleicht liest er auch gerne naheliegendste Wortwitze von Moderationskärtchen ab: Lilly Becker "hat einen im Kronleuchter", Lutz van der Horst ist "ein bisschen aufgeblasen" (wegen Ballons, verstehen Sie?), Müller-Hohenstein lässt sich von Hunden "nicht ans Bein pinkeln" und Hambüchen bekam nach erfolgreicher Feuerlöschung zu hören: "Auch das Publikum brannte für deine Performance." Vielleicht liegt halt doch nicht immer alles nur an Johannes B. Kerner.

Wüsste man's nicht, man könnte kaum glauben, dass die derzeit größte und professionellste Fernsehproduktionsfirma des Landes für diese biederen Anderthalbstunden zuständig ist. Am Schluss sicherte sich Fabian Hambüchen mit 52,8% irgendwelche Punkte, Gätjen hatte keine Zeit mehr, zu erklären, was genau das jetzt bedeutet. Dann war "I can do that!" ausgespielt. Sehen Sie nächste Woche: die Wiederholung der zweiten Hälfte von dieser, nur anders. Oder motivieren Sie sich dazu, einfach mal wieder ein Buch zu lesen. Sie können das, Alter!  

Kommentare zum Artikel

DWDL.de-Reihen

Montags: Aktuelles aus dem Milliardengeschäft Sport - präsentiert von Eurosport zum Sports-Update Dienstags: Die Neuigkeiten aus der Welt der Vermarkter und Media-Agenturen zum Media-Update Mittwochs: Very british: Die TV-News der Woche aus dem Vereinigten Königreich zum UK-Update Donnerstags: Die aktuellen Radio-Meldungen präsentiert von der WDR mediagroup. zum Radio-Update Freitags: Die wichtigsten TV-Meldungen aus den Vereinigten Staaten zum US-Update Samstags: Ulrike Klode schreibt, was sie in ihrer Serienwoche bewegt hat zu Meine Woche in Serie Sonntags: Fernsehkritiker Hans Hoff über Aufreger und Programmperlen zum Hoff zum Sonntag

DWDL.de Newsletter

Mit den Newslettern der DWDL.de-Redaktion sind Sie werktäglich bestens informiert. Für die Rundum-Versorgung abonnieren Sie einfach alle Angebote oder wählen den für Sie passenden Newsletter...
Name:
E-Mail:

Ich möchte die folgenden Newsletter erhalten: