Eine Messe allein kann wenig ändern, die MIPCOM jedoch versucht es nicht einmal. Über Jahrzehnte war sie ein Marktplatz für Ideen, Geschichten und Programm von morgen. Inspiration, Kreation, Kooperation, Koproduktion. All das wirkt ein bisschen wie aus einer vergangenen Zeit. Ja, die Branche steckt in einer globalen Konsolidierung auf vielen Seiten; ist oft mit sich selbst beschäftigt.
Da wäre Orientierung gefragt, doch wenn man der MIPCOM 2026 überhaupt so etwas wie Orientierung zusprechen will, dann war die Richtung fatal. Zum wiederholten Male waren Inhalte in Cannes gefühlt Nebensache, die Transformation der Branche im Mittelpunkt. Nun ist diese nicht weg zu reden, aber manche der Antworten in Cannes absurd. Wenn uns etwa „Alarm für Cobra 11“ den Weg in die Zukunft weisen soll.
RTL Deutschland und YouTube waren am Montag gemeinsam auf der Bühne. Augenhöhe und so, eine schöne Photo Opportunity. Aber der Showcase dahinter? Während Google zusammen mit Meta und Amazon dem deutschen TV-Geschäft hunderte Millionen Euro Werbegeld entzieht, die nicht wieder in den Kreativmarkt reinvestiert werden, jubelt man über vergleichsweise marginale Erlöse von gut abgehangenen „Alarm für Cobra 11“-Folgen.
Einziger Aufhänger der „MIP Headliner Session“ am Eröffnungstag der Messe in Cannes war eine Serie über die RTL-CEO Stephan Schmitter selbst sagt, sie habe keinen Wert mehr für RTL gehabt. Und YouTube-Europachef Pedro Pina bekräftigt kurz darauf auch noch, „Alarm für Cobra 11“ hätte ja fast schon Staub angesetzt und sei beinahe in Vergessenheit geraten.
Kein Witz. Das vollbesetzte Grand Auditorium des Palais des Festival, gespannt auf die vermeintlichen Neuigkeiten von RTL Deutschland und YouTube anlässlich der weltgrößten TV-Messe, hört zwei Managern dabei zu, die sich dann gegenseitig darin überbieten wie irrelevant diese olle Kamelle doch war, nur um das finale Ausquetschen der Zitrone dann als zukunftsweisend zu verkaufen.
Dann sind da die Evangelisten, die nach der Creator Economy das nächsten Buzzword durchs Dorf jagen müssen, damit sich Keynotes, Newsletter und eigene Relevanz verkaufen lassen: Die Affinity Economy ist also das neue Ding. Dass Zuschauer zu Fans werden, reicht nicht. Zumindest nicht, wenn man das in Abo-Zahlen von Kanälen misst. Das reichte zwar noch nie, aber Followerzahlen auf YouTube, TikTok oder Instagram wurden lange als Relevanz interpretiert. Nun dringt auch im Netz die Erkenntnis durch: Auf die Nutzung kommt es an!
Hundertfach werden Handys gezückt, um schnell ein Foto dieser Weisheit zu machen und man möchte mit dem Kopf gegen die Wand schlagen: Da sitzt die TV-Branche, lauscht und lässt sich in Teilen fasziniert etwas erklären, was sie eigentlich seit Jahrzehnten schon beherrscht: Ihr Publikum regelmäßig zu begeistern. Oder eben: The Affinity Economy. Muss man eine olle Kamelle wirklich nur mit etwas Punk und Gebrüll verkaufen, damit eine offenbar völlig verunsicherte Branche etwas für neu hält, was immer schon geboten war?
Jede Serie, jedes Format… jedes erfolgreiche TV-Programm lebt seit je her von wiederkehrenden Zuschauerinnen und Zuschauern. Die richtigen Köpfe, gutes Storytelling, die richtige Programmierung. All das, was die Creator Economy in ihrer spannenden Emanzipation gerade weiterentwickelt, ist nichts was sich die TV-Branche abschauen müsste. Im Gegenteil: Es ist das Playbook erfolgreichen Fernsehens, das jetzt für eine neue Generation auf neuen Plattformen neu interpretiert wird.
Es sind andere (Ab)sender und oft ein vertikales statt horizontales Format. Es ändert aber nichts am Handwerk. Wie geschunden und geschlagen muss eine Kreativszene hinter erfolgreichen Serien und globalen Hits nur sein, dass es auf der MIPCOM so wirkt als würde allerlei Shortform-Content der qualitativen Erzählung großartiger Geschichten den Rang ablaufen. Das soll neuen Content nicht geringschätzen, viel mehr die Frage formulieren: Warum steht die Branche hinter „The Traitors“, „The White Lotus“, „LOL“, „Babylon Berlin“ und Co. nicht mehr für sich ein?
Die MIPCOM droht sich selbst abzuschaffen, wenn sie nicht bald eine neue Platte auflegt: Erklärte Resteverwertung auf YouTube ist kein Zukunftsmodell, nur ein Ausnutzen der Verzweiflung einer Kreativbranche, die sich selbst verzwergt weil man ihr im Kampf um Aufmerksamkeit erzählt, dass ihnen Social Video Screentime klaut. Das ist zwar nicht falsch, aber trotzdem boomt zum Beispiel gerade das Kino - und Christopher Nolan wird als Konsequenz deswegen trotzdem kein Hochkant-Epos fürs Scheißhaus drehen.
Ja, es gibt mehr Angebote, die unterschiedlichste Bedürfnisse in unterschiedlichen Nutzungssituationen erfüllen. Und das ist toll. Die Creator Economy bereichert - mit eigenen Formaten und neuen Talenten. Die Antwort darauf darf doch nicht ängstliches Kopieren oder Resignation sein. Was macht das Kino? An eigene Stärken glauben, diese kultivieren und mit dem eigenen Handwerkszeug wieder mehr begeistern!
Davon war bei der MIPCOM 2026 wenig zu spüren. Es ging stattdessen um Formen (Vertical Video) und Wege (YouTube), aber viel zu wenig um das, was - egal auf welcher Plattform - das Verlangen nach Mehr weckt: Die Inhalte. Messeveranstalter France RX setzt lieber Trendthemen, die in schwierigen Zeiten lukrative Sponsoren generieren. Mit welchem Ergebnis? Einst sorgte die weltgrößte Fernsehmesse dank ihrer Relevanz für Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst für Buzz, heute hechelt die MIPCOM den Buzzwords und ihren Geldern hinterher.
Ach, „The White Lotus“. Am Rande der Messe finden in diesen Tagen übrigens die finalen Drehtage der neuen Staffel der HBO-Serie statt. Eine Highend-Produktion mit weltweitem kulturellen Impact, deren Finanzierung ebenso spannend ist wie die wirtschaftlichen Auswirkungen in den porträtierten Regionen. Gerade in Zeiten, in denen Produktionen nach neuen Finanzierungsformen suchen, balanciert „The White Lotus“ zwischen Tourismus-Vehikel und preisgekrönter Unterhaltung. Gedreht in diesen Tagen und das keine fünf Minuten vom Palais des Festivals entfernt.
Doch bei der MIPCOM gab es nur Microdrama statt großer Erzählung.
Und statt Impulsen für Morgen „Alarm für Cobra 11“.

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