Es war ein origineller Begriff, den Michael Müller da ins Finale des ersten der zwei Medientage Mitteldeutschland in die Runde illustrer Gäste warf. Zwischen ZDF-Intendant Norbert Himmler und dessen MDR-Kollegen Ralf Ludwig diskutierte Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt gerade über die „Medienstrukturen für eine stabile Demokratie“, als der VAUNET-Vize vom „Tobacco-Moment“ sprach. Jenem Augenblick, als Tabak-Konzerne vor rund 30 Jahren endgültig für die Sucht ihrer Kundschaft verantwortlich gemacht wurden.
An dem Punkt also befände man sich auch jetzt, hoffte der Stuhlkreis im Studio 3 am Mittwoch mit Blick aufs Abhängigkeitspotenzial sozialer Medien und ihrer klickverrückten Portale. Bis vor zehn Jahren, frohlockt Michael Müller in Vertretung privater Medien, „galt Regulierung ja noch als Zensur“. Jetzt wird sie zum Königsweg aus der Misere kollabierender Geschäftsmodelle klassischer Medien. Es war bei weitem nicht der einzige Punkt, in dem sich das Panel trotz unterschiedlichster Einzelinteressen weitestgehend einig war.
„Plattformregulierung entschieden, schnell und klar europaweit“, forderte ZDF-Intendant Himmler zum Beispiel. Kein Widerspruch. Regierungsschef Voigt nannte Digital-Abgaben „charmant“. Kein Widerspruch. Für Christiane Schenderlein, Mitglied der Unionsfraktion im Bundestag, müsse „Kontrolle europäisch sein“. Kein Widerspruch. Ohnehin herrscht bei den MTM ein eklatanter Mangel an Zwietracht. Das hat vermutlich auch mit der großen Präsenz an Playern der analogen Ära zu tun. Dass zwei davon wohl zügig fusionieren, sorgt deshalb durchaus für Erleichterung.
RTL – wurde am Mittwoch erst nach dem prominent besetzten Abschlusspanel publik – darf Sky übernehmen. Vorbehaltlos. Damit gießt die EU-Kommission heilsames Wasser auf sämtliche Mühlen einer kollektiven Erkenntnis: Die Konzentrationsprozesse amerikanischer Tech-Konzerne bedürfen dringender Konzentrationsprozesse europäischer Konkurrenten. Und falls die dazu auch noch einen konstruktiveren Umgang mit KI pflegten, gäbe es „größte Chancen auf ein neues Wirtschaftswunder in Deutschland“. Damit zitierte Sascha Lobo zwar nur den Wirtschaftsforscher Michael Hüther.
Doch es zeigt, dass hier selbst geborene Unkenrufer zuversichtlich nach vorn blicken. Und sei es zweckoptimistisch. Bohrten die MTM dafür am ersten Tag noch dicke Bretter von Regulation über Demokratie bis Medienkontrolle, geht es am zweiten Tag dann gewissermaßen um den Oberflächenschliff der Krisenresilienz. Im Morgenpanel „Babelsberg vs. Budapest“ zum Beispiel, wo DWDL-Chefreporter Torsten Zarges moderierte, wie „Deutschland wieder ein attraktiver Filmstandort“ wird. Wobei der Titel allein bereits aufs Problem fiktionaler Produktionen hinweist, die vor geraumer Zeit an billigere Herstellungsstandorte abgewandert sind.
Ging es dabei vor zwei, drei Jahrzehnten um rein finanzielle Fragen, kommt jetzt ein Dreiklang der Fluchtimpulse hinzu: Logistik, Fachkräftemangel, Bürokratie. Besonders letztere ist für die Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg, Susanne Stürmer, „ein echtes Problem“. Als Sachsen-Anhalts Staatssekretärin für Bundes- und Europaangelegenheiten mahnt Simone Großner zwar deren „Schutzfunktion für Arbeitnehmer“ an; insgesamt überwiegt auf dem Podium des öde bestuhlten Studio 5 allerdings die Skepsis gegen Überregulierung kreativer Prozesse.
"Gute Filme machen"
Dafür gibt es beim Ursprungsimpuls ostwärts abgezogener Dreharbeiten Licht am Horizont. Kulturstaatssekretär Wolfram Weimer, trotz seiner problembewussten Auftaktrede am Mittwoch eher unwohlgelitten, hat schließlich die Filmförderung auf 250 Millionen Euro verdoppelt, eine Erhöhung der Förderquote auf 30 Prozent vorangetrieben und parallel auch noch die künftige Investitionsverpflichtung für Streamingplattformen im deutschsprachigen Raum.
Deren Effekt nennt Wolf Osthaus als Netflix-Vertreter on Stage fast schon naturgemäß „überschätzt“. Weil Dienste wie seiner dadurch womöglich nicht mehr, sondern weniger produzieren, und unkuratierte, unredaktionelle, unkreative Konkurrenten wie YouTube von jeder Regulierung ausgenommen sind, reiße die Regelung „mit dem Hintern ein, was die Förderung aufbaut“. Harte Worte, ebenso lächelnd vorgetragen wie seine Kritik am weiter fehlenden Steueranreizmodell („im föderalen System schwer durchsetzbar“). Denn an dieser Stelle wirft Ralf Kukula, Chef der Dresdner Dokumentar- und Animationsschmiede Balance Film ein, worum es den sechs Diskutanten gemeinsam geht: „Gute Filme machen.“
© Medientage Mitteldeutschland / Daniel Reiche
Wolf Osthaus, Senior Director Global Affairs Northern Europe bei Netflix.
Auf alle Veranstaltungen der Medientage Mitteldeutschland übertragen, ließe sich dieser Anspruch beliebig erweitern. Auf wahrhaftige Informationen, publikumswirksame Unterhaltung, nachhaltige Kooperationen, profitable Podcasts, faire Produktionsbedingungen, zivilgesellschaftliche Stabilität, verantwortungsbewusste Technologienutzung, zugkräftigen Lokaljournalismus oder intelligentes Gaming. Allesamt knifflige Aufgaben einer disruptiven Branche, die in der Media City am Südrand Leipzigs natürlich nicht gelöst werden.
Aber gut – auf solchen Events geht es ja auch weniger um Problembehandlung als Gedankenaustausch. Um Miteinander statt Gegeneinander. Ums „Streiten, aber auf Augenhöhe“, wie es MTM-Chef Martin Heine zur Eröffnung sagte. Dass Kritik der Funke-Verlegerin Julia Becker, die öffentlich-rechtlichen Sender würden durch gebührenfinanzierte Presseähnlichkeit „systematisch den Wettbewerb verzerren“, so hängenbleibt, spricht für denselben Strang, an dem hier alle gegen die amerikanischen Tech-Milliardäre ziehen.
Zum Abschluss daher noch ein Appell vom stellvertretenden VAUNET-Chef Michael Müller: „Wir müssen dahin, wo’s wehtut.“ In die Konfrontation mit übermächtigen, mitunter skrupellosen Gegnern nämlich. Durch Qualität und Verantwortungsbewusstsein anstelle von Quantität und Profitstreben. Dafür dürfen sich nächstes Jahr dann gern noch mehr als 550 Handlungsbereite in Leipzig treffen. Die Stadt ist ohnehin einen Besuch wert.
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