Man muss gut zehn Jahre in den Mai 2016 zurückgehen, um einen Monat ohne großes Sport-Event zu finden, in dem das ZDF nicht Marktführer beim Gesamtpublikum war. Dass selbst schwächere Sendungen in der Primetime dem Mainzer Sender nichts anhaben können, liegt am extrem starken Grundgerüst des Senders: Dem bärenstarken Nachmittagsprogramm etwa, den verlässlich guten Quoten am späten Abend von "heute-journal" bis Lanz. Und nicht zuletzt auch: Den Krimiserien am Vorabend. Mit den werktäglichen "SOKOs" oder auch den "Rosenheim-Cops" erzielt das ZDF tagtäglich Reichweiten, von denen die Privaten selbst in der Primetime meist nur träumen können.

Auch beim ZDF betont man die Bedeutung dieser Serien. Sie seien "seit vielen Jahren ein zentraler Pfeiler des Programmangebots", stehen "für Kontinuität, Verlässlichkeit und Qualität" und "genießen eine hohe Akzeptanz beim Publikum", heißt es vom ZDF gegenüber DWDL.de. "Dass einzelne Formate - wie etwa 'Notruf Hafenkante', das in diesem Jahr die 500. Folge feierte - über Jahrzehnte hinweg erfolgreich bestehen, unterstreicht den besonderen Stellenwert der Vorabendserien im ZDF. Entsprechend sorgfältig werden programmliche Anpassungen in diesem Bereich vorgenommen."

Doch auch das ZDF steht vor dem Problem, dass die Beitragseinnahmen nach der zuletzt ausgebliebenen Beitragserhöhung stagnieren, während man gleichzeitig vor der Herausforderung steht, auch ein jüngeres Publikum erreichen zu müssen, wenn der Sender auch in diesen Altersgruppen den Rundfunkbeitrag rechtfertigen will. Und jüngere Menschen erreichen die Krimi-Serien bei allen Erfolgen in Sachen Gesamt-Reichweite allesamt kaum. Auch der Vorabend muss also seinen Teil zum Spar- und Umschichtungskurs beitragen - und inzwischen machen sich die "sorgfältigen Programmanpassungen" zunehmend in einer wachsenden Wiederholungsrate bemerkbar.

Montags und freitags nur noch neue "SOKOs" für drei Monate

Von der "SOKO Köln" etwa sind in der kommenden TV-Saison dienstags nur noch 20 neue Folgen geplant, das sind vier weniger als noch in diesem Jahr, in den letzten Jahren waren es sogar bis zu 27 Erstausstrahlungen, ebenso 20 neue Episoden sind ab Herbst mittwochs von der "SOKO Wismar" und donnerstags von der "SOKO Stuttgart" geplant. Hier war die Folgenzahl zuletzt schon in etwa auf dieses Niveau gesenkt worden, doch auch hier waren es in früheren Jahren schon deutlich mehr. Die Staffel-Länge schwankt stets ein bisschen, 2017/18 kamen aus Stuttgart und Wismar aber auch schonmal 30 bzw. 31 neue Folgen. Der Trend ist also eindeutig.

Auch wenn der 18-Uhr-Sendeplatz inzwischen auch dienstags bis donnerstag die Mehrzahl der Wochen also mit Wiederholungen gefüllt wird: Verglichen mit dem Montag und Freitag sind das noch luxuriöse Zustände. Montags wurde die Ur-Soko aus München einst von den Ablegern aus Potsdam und Hamburg abgelöst, die sich den Sendeplatz teilten. Doch die "SOKO Hamburg" ist längst eingestellt - nur ohne, dass die Folgenzahl der "SOKO Potsdam" erhöht wurde. Auch kommendes Jahr wird es dort wieder nur zwölf neue Folgen geben, die also für weniger als drei Monate Erstausstrahlungen reichen. Der Rest wird mit Wiederholungen gefüllt.

Freitags teilt man sich die Produktionskosten ohnehin mit dem ORF, doch auch da ist das ZDF aus der "SOKO Linz" ausgestiegen und übrig ist nur noch die "SOKO Wien" (die beim ORF als "SOKO Donau" läuft). Somit stehen auch da nur 13 neue Folgen pro Jahr parat. Die "SOKO Linz" bleibt zwar weiter im Wechsel im Programm, aber nur in Wiederholungen, obwohl der ORF weiter neue Folgen produziert. Und bei der "SOKO Wien" kann das ZDF dann auch nicht frei schalten und walten, weil stets das Erstausstrahlungsrecht des ORF beachtet werden muss.

In Rosenheim ist die Welt noch in Ordnung

Am deutlichsten wurde die Reduktion des fiktionalen Engagements des ZDF am Vorabend bislang auf dem zweiten Sendeplatz nach den "heute"-Nachrichten. Mittwochs versucht man es inzwischen lieber mit kostengünstiger zu produzierendem Factual Entertainment, nachdem die Versuche, mit "Blutige Anfänger" oder "Hotel Mondial" ein jüngeres Publikum zu erreichen, nicht gefruchtet haben. Bei "Notruf Hafenkante" und "Bettys Diagnose" wird die Folgenzahl kommende Saison auf 20 abgesenkt. Nur die "Rosenheim-Cops" dürfen auch kommende Saison dienstags weiterhin 24 Mal ermitteln. Es ist die reichweitenstärkste der ZDF-Vorabend-Serien.

Die im Vergleich zum Vorjahr bei mehrern Serien leicht reduzierte Folgenanzahl sei "Ergebnis einer bewussten, programmstrategischen Ausrichtung", heißt es vom ZDF gegenüber DWDL. "Ziel ist es, die vorhandenen Programmbudgets so einzusetzen, dass neben den etablierten und weiterhin erfolgreichen Vorabendformaten auch Raum für neue, innovative Angebote entsteht - insbesondere solche, die zusätzliche und jüngere Zielgruppen ansprechen. Vor dem Hintergrund zunehmend knapper finanzieller Rahmenbedingungen muss das ZDF mit einem insgesamt vorsichtigen und verantwortungsvollen Mitteleinsatz agieren."

Wiederholung? Egal!

Bislang hat der schleichende Sparkurs am Vorabend auf die ZDF-Marktanteile allerdings kaum negative Auswirkungen - denn der besondere Wert der Krimiserien zeigt sich auch darin, dass sie sich erstaunlich gut wiederholen lassen. Wir haben die Reichweiten und Marktanteile der Erstausstrahlungen der Saisons 2024/25 und 2025/26 sowie der Wiederholungs-Folgen dazwischen zusammengestellt. Dabei zeigt sich: Die Reichweiten sind während der Wiederholungen zwar merklich geringer - da sie aber in den generell reichweitenärmeren Sommermonaten laufen, ist das auch nicht weiter verwunderlich. Die Marktanteile hingegen unterscheiden sich zwischen Erstausstrahlungen und Wiederholungen kaum, wie die folgende Tabelle zeigt.

  neue Folgen
24/25
Wdh. 
2025
neue Folgen
25/26
SOKO Potsdam 3,44 Mio.
20,1 %
2,80 Mio.
19,1 %
3,32 Mio.
19,8 %
SOKO Köln 3,47 Mio.
20,2 %
2,69 Mio.
19,9 %
3,35 Mio.
20,6 %
SOKO Wismar 3,59 Mio.
21,2 %
2,92 Mio.
21,9%
3,52 Mio.
21,8 %
SOKO Stuttgart 3,41 Mio.
20,4 %
2,67 Mio.
20,3 %
3,33 Mio.
21,0 %
SOKO Wien
(Wdh: Linz)
3,25 Mio.
19,8 %
2,30 Mio.
18,5 %
3,08 Mio.
19,2 %
Die Rosenheim-Cops 3,88 Mio.
16,6 %
3,09 Mio.
15,6 %
3,54 Mio.
16,1 %
Notruf Hafenkante 3,34 Mio.
14,9 %
2,55 Mio.
13,7 %
3,12 Mio.
14,8 %
Bettys Diagnose 2,63 Mio.
11,9 %
1,90 Mio.
10,9 %
2,26 Mio.
10,9 %

Quelle: DWDL.de-Berechnungen auf Basis von AGF-Daten. Es handelt sich um den Reichweiten- und Marktanteilsschnitt beim Gesamtpublikum der letzten und vorletzten Staffel sowie der dazwischen ausgestrahlten Wiederholungen

Solange das so ist, kann sich das ZDF die Einsparungen am Vorabend also problemlos leisten - bleibt nur die Frage, bei welchem Wiederholungsanteil der Kipp-Punkt irgendwann erreicht wäre. Doch die Reduzierung auf nur 12 "SOKO"-Erstausstrahlungen am Montag scheint zu zeigen, dass da sogar noch Luft nach unten wäre, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Das sind gute Nachrichten fürs ZDF - weniger gute für die beteiligten Produktionsfirmen.