"Tagesordnungspunkt 5b: Programmschemaänderungen - Junge Flotte". So steht es für den heutigen Mittwochnachmittag im Ablaufplan für die Sitzung des WDR-Rundfunkrates. Thema im WDR-Aufsichtsgremium ist dann also die Neuaufstellung der jungen Radiowellen, die der WDR gerne unter der Marke 1Live bündeln würde. Ab 1. April 2027 soll es neben dem bisherigen 1Live die beiden neuen Angebote 1Live Street und 1Live Lounge geben. Dafür will der WDR neben 1Live Diggi auch den Sender Cosmo einstellen und mit ihm auch diverse fremdsprachige Audio-Angebote.

Dass das nicht geräuschlos über die Bühne gehen würde, müsste den Verantwortlichen im WDR schon im Vorfeld klar gewesen sein, denn Cosmo hat eine zwar überschaubar große, aber treue und laute Fangemeinde. Im vergangenen Jahr unterschrieben fast 70.000 Menschen eine Petition gegen die Abschaltung von Cosmo, die damals schon im Raum stand, weil die ARD bekanntlich zur Reduzierung der Zahl ihrer Radiowellen angehalten wurde. Der WDR versprach damals aber, zu Cosmo zu stehen und das Angebot weiterentwickeln zu wollen. 

Die neue Strategie der "jungen Flotte" ist nun das, was bei dieser Weiterentwicklung heraus kam - nur dass Cosmo eben gar nicht mehr Teil dieser Flotte sein wird. Das ruft die Kritikerinnen und Kritiker von damals nun erneut auf den Plan, die in der Weiterentwicklung eine "Mogelpackung" sehen. "Aus einem mehrsprachigen, altersübergreifenden, interkulturellen Programm mit einer deutschlandweit einzigartigen Musikfarbe soll ein neuer Mainstream-HipHop-Untersender von 1LIVE werden, der vor allem junge Migrantinnen und Migranten ansprechen soll. Aber Cosmo ist viel mehr als das – es ist emotionale Heimat für alle, die Vielfalt als Normalität leben, und hat einen klaren gesetzlichen Auftrag: Das WDR-Gesetz verpflichtet COSMO ausdrücklich, sich vor allem interkulturellen Themen altersübergreifend zu widmen. Ein auf U30 ausgerichteter Sender erfüllt diesen Auftrag nicht."

In diese Kritik stimmen auch prominente Stimmen ein. Herbert Grönemeyer sieht in Cosmo den "Sender mit der vielfältigsten internationalen Musik und Stimmen aus vielen Ländern - Heimat für viele Kulturen in diesem Land". Grönemeyer: "In Zeiten eines erstarkenden Nationalismus mit all dem Horror, den wir tagtäglich erleben, und eines spießigen Retrodenkens für unser Zusammenleben ist es fatal und ein merkwürdiges Signal, einen solchen Sender abzudrehen. Vielmehr braucht es das genaue Gegenteil: viel mehr davon." Grünen-Politikerin Claudia Roth sagt: "Cosmo ist nicht irgendein Sender. Es ist das einzige öffentlich-rechtliche Radio, das Deutschland so mehrsprachig, vielfältig und weltoffen klingen lässt, wie es wirklich ist", auch sie kritisiert die Neuaufstellung als "Mogelpackung".

Beim WDR heißt es auf DWDL.de-Anfrage dazu: "Themen des alltäglichen, interkulturellen Zusammenlebens werden in unseren Programmen weiterhin altersübergreifend stattfinden. Sie bleiben Teil des WDR-Gesamtauftrags und sollen in vielen Angeboten sichtbar sein. Ein besonderer Schwerpunkt liegt künftig aber bei jungen Zielgruppen, weil dort der Anteil von Menschen mit internationaler Biografie besonders hoch ist (40 Prozent der unter 30-Jährigen). Deshalb sollen diese Themen vor allem in unseren jungen Programmen unter der Dachmarke 1Live gestärkt werden, insbesondere bei 1Live Street, wo durch die Ausrichtung auf HipHop kulturelle Vielfalt und Perspektiven von Menschen mit internationalen Biografien im Fokus stehen."

Besonders scharf kritisiert wird, dass der WDR im neuen Radioangebot nicht mehr auf Mehrsprachigkeit setzt - einzig ein türkischsprachiges Angebot will man zumindest digital fortführen und unter Verweis auf die Bevölkerungsstruktur in NRW mit ihrer großen türkischen Community sogar ausbauen. Die Angebote in italienisch, serbisch/bosnisch/kroatisch und kurdisch sollen hingegen nicht fortgeführt werden - und dass ausgerechnet der chronisch klamme RBB die von dort zugelieferten Angebote in spanischer, polnischer, russischer und griechischer Sprache fortsetzt, ist zumindest zweifelhaft. Beim WDR heißt es, man sei dazu im Austausch.

CDU-Politikerin Serap Güler sieht in der geplanten Einstellung der mehrsprachigen Angebote ein falsches Signal, "insbesondere in einer Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt und gegenseitiges Verständnis wichtiger denn je sind. Vielfalt und Mehrsprachigkeit sollten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestärkt und nicht abgebaut werden". Claudia Roth stimmt ein: "Immer wenn beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk gespart wird, trifft es als erstes die, die ohnehin zu selten vorkommen. Die muttersprachlichen Redaktionen aufzulösen wäre ein fatales Signal – an fast 30 Prozent der Menschen in diesem Land, deren Sprachen und Perspektiven selbstverständlich in unsere Medienlandschaft gehören sollten."

Seitens des WDR erklärt man auf DWDL.de-Anfrage, dass man die Sprachenangebote neu aufstellen wolle, weil sie "aktuell insgesamt zu wenige Menschen erreichen". "Wir wissen aus Untersuchungen unserer Medienforschung, dass die Mediennutzung junger Menschen mit Einwanderungsgeschichte heute sehr hybrid ist. Das heißt: sie kombinieren deutschsprachige Angebote mit denen internationaler Streaming-Dienste und Inhalten in ihren Herkunftssprachen. Hier sind lineare Angebote in anderen Sprachen nicht der geeignete Ausspielweg, um junge Menschen künftig zu erreichen. Schon seit einigen Jahren überführen wir daher die Sprachenangebote Schritt für Schritt aus dem linearen Radio ins Digitale. Seit 2022 arbeiten die Teams digital-first, also vor allem mit Podcasts und Social-Media-Angeboten. Aktuell planen wir, die bisherigen Sprachenteams von Cosmo und WDRforyou zu einem Team mit einer breiten interkulturellen Expertise zusammenzuführen. Dieses Team soll die Themen der Communities stärker in die deutschsprachigen Programme bringen und sie dort sichtbarer und hörbarer machen."

Ein hehres Ziel - die Frage ist nur, ob dafür ein Programm wie Cosmo aufgegeben werden müsste. Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal bezeichnet das drohende Aus für "Cosmo" als "Super-GAU". Sie appelliert: "Für meine Schwestern und mich ist Cosmo immer eine Heimat. Neben dem deutschsprachigen Radio und Fernsehen – das wir natürlich auch jeden Tag nutzen – gibt es diesen einen Sender, der nicht nur die Themen von Menschen mit Einwanderungsgeschichte verhandelt, sondern auch unsere Sprache(n) spricht. Muttersprache ist Balsam für die Seele. Das können einsprachig aufgewachsene Menschen oft nicht so nachempfinden. Wir brauchen Cosmo!"