Der ORF hat einige schwierige Monate hinter sich: Der von Vorwürfen begleitete Rücktritt des ehemaligen Generaldirektors Roland Weißmann hat ein schlechtes Licht auf die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Österreichs geworfen. Heute geht es um die die Zukunft: Neun Bewerberinnen und Bewerber stellen sich vor dem Stiftungsrat, dem mächtigsten Aufsichtsgremium des Unternehmens, zur Wahl als neuer Generaldirektor bzw. Generaldirektorin. Den Status Quo sowie alle Bewerberinnen und Bewerber haben wir hier zusammengefasst.
Die aktuellen Ereignisse am heutigen Wahltag in Wien begleiten wir an dieser Stelle.
Mittagessen!

Ich sag' mal so: Sehr österreichisch!
Eine erfolgreiche Anfechtung der Wahl würde im äußersten Fall natürlich dazu führen, dass das Ergebnis annulliert werden würde. Dann müsste entweder die Wahl oder das gesamte Verfahren neu aufgerollt werden. Davon, dass eine solche Wahl-Anfechtung erfolgreich wäre, kann man zum aktuellen Zeitpunkt jedoch nicht ausgehen. Ich plädiere dafür: Warten wir mal ab, was hier heute passiert. Und wie sich die FPÖ im Anschluss positioniert, deren Siftungsrat hatte ja schon angekündigt, eine Anfechtung vorzubereiten.
Weil gerade eine Frage per Mail kam, hier die Antwort. Es gab rund um den Posten des ORF-Generaldirektors mehr als 70 Bewerbungen. Davon haben 13 Bewerberinnen und Bewerber die Anforderungen der Ausschreibung erfüllt. Um in das heutige Hearing eingeladen zu werden, muss man jedoch von mindestens einem Stiftungsrat nominiert werden. Sieben Personen hatten diese Nominierung direkt erhalten, zwei wurden nachnominiert (Sonja Sagmeister und Petra Höfer). Insgesamt präsentieren also neun Männer und Frauen ihre Konzepte für den ORF, namentlich sind das:
- Robert Altenburger
- Markus Breitenecker
- Petra Höfer
- Johannes Larcher
- Clemens Pig
- Sonja Sagmeister
- Eva Schütz
- Lisa Totzauer
- Kathrin Zierhut-Kunz
Die Kandidatinnen und Kandidaten wurden im Vorfeld natürlich auch darauf angesprochen, ob die Wahl nicht eigentlich schon gelaufen sei, weil sich SPÖ und ÖVP auf einen Kandidaten geeinigt hätten. Clemens Pig betonte auf Nachfrage immer wieder, dass er keine Zusage für den Job habe, er bezeichnet sich selbst als unabhängigen Kandidaten. "Ich will und muss an das Gute glauben", sagte unterdessen Markus Breitenecker. Und als Lisa Totzauer ihren Wahlkampf startete, erklärte sie: "Wäre es so, dass vor der Bewerbungsfrist alles ausgemacht ist, spricht das nicht gegen, sondern für meine Kandidatur." Es würde zeigen, "wo diese Krise liegt, die zu überwinden ist".
Es kursiert hier ein interessantes Gerücht, das zuvor auch schon von Peter Westenthaler (FPÖ-Stiftungsrat) so ausgesprochen wurde. Demnach würden die Freundeskreise von ÖVP und SPÖ im Stiftungsrat ihre Stimmen im ersten Wahlgang zunächst teilen, um im zweiten Durchgang dann ihren Favoriten (Clemens Pig) zu wählen. Dadurch solle zumindest im ersten Wahlgang der Anschein einer offenen Wahl gewahrt werden.
Das alles ist natürlich ein Bärendienst für die Unabhängigkeit des ORF. Und auch für Clemens Pig, sollte er tatsächlich gewählt werden, könnte das im Laufe seiner Amtszeit noch zum Problem werden.
Unter den Journalistinnen und Journalisten hier vor Ort ist die Stimmung gut. Viele gehen davon aus, dass Clemens Pig es heute machen wird.
Doch zurück zum eigentlichen Thema. Kathrin Zierhut-Kunz hat ein hohes Verständnis vom ORF und vor allem seinen Finanzen. Das spricht für die Geschäftsführerin von ORF III. Allerdings: Der Spartensender wird aktuell aufgrund mehrerer Ereignisse kritisiert. Da sind zum einen von Unternehmen und Organisationen bezahlte Dokus, die nicht als solche gekennzeichnet wurden. Und dann untersucht man im ORF aktuell noch einmal Fehlverhalten von Zierhut-Kunz' Co-Geschäftsführer Peter Schöber, das bereits seit einiger Zeit bekannt ist (mehr dazu hier). Im Zuge der Causa Roland Weißmann wird nun auch noch einmal auf Schöbers Fall geschaut. Das alles kommt für Zierhut-Kunz zur Unzeit, auch wenn ihr selbst kein Fehlverhalten vorgeworfen wird. Ihre Chancen heute: Vielleicht ein paar Stimmen, aber gewählt wird sie nicht.
Ich höre, die Stiftungsräte würden "traditionell" Sushi erhalten. Soso!
Jetzt geht es Schlag auf Schlag.

Ein Highlight jagt das nächste! ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher schaut bei den Journalistinnen und Journalisten vorbei und bringt zur Stärkung drei Packungen Schoko-Bananen. Sie liegen jetzt auf dem Tisch von "Standard"-Kollege Harald Fidler (und niemand traut sich, sie zu öffnen).
Vorher: Die Verpflegungsstation für den heutigen Tag.

Die Hearings der Kandidatinnen und Kandidaten haben begonnen. Wie der "Standard" berichtet, ist Kathrin Zierhut-Kunz, ORF-III-Geschäftsführerin, zuerst an der Reihe. Die Kollegen haben übrigens auch einen Liveticker, den finden Sie hier.
Im Anschluss an die Wahl wird übrigens die künftige Anzahl der Direktionen im ORF festgelegt. Auch das ist Wasser auf die Mühlen von Kritikern, weil es wie eine Hauruck-Aktion aussieht. Aber: Die Stellen müssen ausgeschrieben werden. Und: Diesen Ablauf gab es auch bei den zurückliegenden Wahlen.
Falls Sie spannende Informationen, Anekdoten oder sonst einfach Redebedarf haben (gerne zum Thema ORF-Wahl), melden Sie sich gerne bei mir: niemeier@dwdl.de. Wie gesagt, das wird hier noch einige Stunden gehen.
Der ORF-Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer hat hier übrigens auch noch ein Interview gegeben. "Vielleicht kann ich zur Ernsthaftigkeit kommen", sagte er dabei zu Beginn. Eine Anspielung auf Peter Westenthaler. So muss man sich dann wohl auch die Stimmung in der Sitzung vorstellen. Lederer betonte, was er betonen muss: Alle Kandidatinnen und Kandidaten werden gleich behandelt und alle erfahren am Ende ganz genau, wieso sie gewählt wurden - oder eben nicht.
Westenthaler bohrt aber natürlich in einer Wunde: Dass Clemens Pig der Favorit zumindest der ÖVP ist, ist bekannt. Der Generalsekretär der Partei hat sich sogar öffentlich für eine Bewerbung des ehemaligen APA-Chefredakteurs ausgesprochen. Das war schon ziemlich ungeschickt und hat Pig im Vorfeld der Wahl beschädigt.
Zur Einordnung: Peter Westenthaler ist der mit Abstand lauteste Stiftungsrat im ORF - und erhält dafür auch immer wieder Kritik. Die Mitglieder der Gremiums sind eigentlich dem Wohle des Unternehmens verpflichtet. Und in den letzten Jahren gab es durchaus Diskussionen darüber, ob Westenthaler dem ORF möglicherweise sogar schadet.
Westenthaler haut hier einen nach dem anderen raus. Er spricht von "Schein-Abstimmungen" und einer "Wahlfarce". Und er entschuldigt sich gleich vorab, dass es heute länger dauern wird, weil er Pig intensiv befragen wolle. Auch die spätere Anzahl der Direktionen soll laut Westenthaler schon feststehen: 4. Demnach bekommt die ÖVP 2 und die SPÖ 2. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Von Peter Westenthaler erhält Clemens Pig heute eher keine Stimme.
Das geht ja gut los...
Für den von der FPÖ in den Stiftungsrat entsandten Peter Westenthaler ist die Wahl schon gelaufen. Er spricht von einer "ekelhaften Inszenierung" und sagt in einem Live-Interview mit dem Boulevardmedium oe24, dass sich SPÖ und ÖVP längst auf einen neuen Generaldirektor geeinigt hätten. Nicht einmal der Schein einer sauberen Wahl sei gewahrt worden. Westenthaler sagt, Clemens Pig werde heute das Rennen machen. Er wurde schon zuvor als Favorit der Regierung kolportiert, aber es gibt eben auch andere qualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten. Westenthaler kritisiert, dass Pig noch niemals in einer Fernsehanstalt gearbeitet habe. Und er kündigt an, bereits an einer Klage gegen die mögliche Bestellung von Pig zu arbeiten.
Der Stiftungsrat tagt übrigens nicht öffentlich, wir Journalistinnen und Journalisten sind also bei den Hearings nicht dabei. Ich kann Ihnen daher leider keine Eindrücke der Vorstellungen der Kandidaten geben. Was ich stattdessen hier schreiben werde? Eine gute Frage! Schauen wir, was wird...
Guten Morgen aus Wien!
Um 10 Uhr beginnt hier im ORF heute die Sitzung des Stiftungsrates. Aber machen Sie sich keine Illusionen: Schnell wird hier gar nichts gehen. 9 Kandidatinnen und Kandidaten haben jeweils 20 Minuten Zeit, um ihre Konzepte zu präsentieren. Danach gibt es jeweils noch Fragerunden. Mit einem Ergebnis ist irgendwann ab dem späten Nachmittag zu rechnen.
von




