Eines ist nach jedem Eurovision Song Contest sicher: Die heißen Diskussionen über das Zustandekommen des Voting-Ergebnisses. Die Klage, dass sich benachbarte Länder gegenseitig Punkte zuschieben, ist dabei schon ein alter Hut, in den letzten Jahren waren aber noch andere Faktoren zu beobachten, die teils schwerer wogen als der Auftritt der jeweiligen Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne. Dass die Ukraine den ESC im Jahr des Überfalls Russlands auf das Land gewann, lag wohl nicht nur am gelungenen Auftritt von Kalush Orchestra. Und dass Israel beim Publikumsvoting in den letzten Jahren stets erheblich stärker abschnitt als bei den Jurys, hängt unter anderem auch mit den hitzigen Diskussionen über einen möglichen Ausschluss des Landes zusammen, der die ESC-Gemeinde spaltet.
Da die Gründe, warum man für einen bestimmten Song abstimmt, natürlich nicht nachprüfbar sind, lassen sich solche Einflüsse nicht komplett verhindern. Die EBU arbeitet aber offenbar hinter den Kulissen daran, sie künftig zu reduzieren und möchte daher das Abstimmungsverfahren umstellen. Dies berichtet die schwedische Zeitung Aftonbladet, die aus einem Brief der EBU-Führung an die Mitgliedssender zitiert. In dem von EBU-Geschäftsführer Jean Philip De Tender und der ESC Reference Group-Vorsitzenden Ana Maria Bordas unterzeichneten Schreiben benennen sie die aktuellen Probleme dabei zunächst ganz offen: Auch ohne bezahlte Kampagnen (für die man Israel 2025 gerügt hatte) sei zuletzt deutlich geworden, dass das aktuelle geopolitische Klima Stimmen auf bestimmte Künstler unabhängig von deren Auftritt zu tun habe.
Um diesen Effekt abzuschwächen, überlegt man bei der EBU nun, dass man künftig nicht nur für einen, sondern verpflichtend für mindestens drei unterschiedliche Songs voten müsse. Zuletzt waren bis zu zehn Stimmabgaben pro genutztem Abstimmungsweg möglich, die aber allesamt für denselben Act abgegeben werden konnte. Da die die Pflicht zum Aufsplitten der Stimmen mit Telefon- oder SMS-Abstimmungen kaum umsetzbar wäre, wäre damit eine Verlagerung der Abstimmung komplett ins Internet verbunden.
Die genauen Details wären noch auszuarbeiten, die EBU hofft dem Brief zufolge aber, damit nicht nur den Effekt mobilisierter Block-Abstimmungen zu schwächen, sondern auch generell die Bereitschaft zur Abstimmung zu erhöhen. Tatsächlich erscheint es auch abseits des Hauptziels durchaus reizvoll, dass sich dadurch ein breiteres Meinungsbild ergeben könnte als beim Festlegen auf einen einzelnen Favoriten. Bleibt allerdings die Frage, ob man durch das Ende der Abstimmung per Telefon bzw. SMS gleichzeitig die Zahl derer, die künftig ihre Stimme abgeben werden, nicht deutlich verkleinert. Noch wird es also einiges zu diskutieren geben innerhalb der EBU und den Mitgliedsländern.
Interpretiert werden kann der Vorschlag unterdessen auch als ein Schritt auf die Länder zu, die den Eurovision Song Contest zuletzt wegen der Teilnahme Israels boykottiert haben - zumal zuletzt schon eine andere Maßnahme verkündet wurde: Die EBU hat festgelegt, dass Länder als Gastgeber des ESC ausgeschlossen werden, solange sie sich in einem bewaffneten Konflikt befinden oder die geopolitische Lage die Sicherheit in der Region beeinträchtigt - auch das trifft derzeit unter anderem auf Israel zu.
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