Richard Gutjahr, Medienforum.NRW © Uwe Voelkner / Fotoagentur FOX
Eröffnung des 23. Medienforum.NRW

Eklat zum Auftakt: Von Palästen und Rebellen

von Uwe Mantel
20.06.2011 - 12:58 Uhr

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"Die Mächtigen in den Sendern kommen mir so vor wie die Machthaber in nordafrikanischen Ländern." Mit diesem Satz brachte Journalist Richard Gutjahr das Blut von Monika Piel in Wallung und die Eröffnungsrunde beim Medienforum.NRW in Schwung.

Man kann die Organisatoren des diesjährigen Medienforum.NRW eigentlich nur beglückwünschen: Gerade als die Eröffnungsrundemit den üblichen Themen wie Werbeverzicht von ARD und ZDF, Gebührenverschwendung, Expansionsdrang der öffentlich-rechtlichen und den üblichen Positionen der üblichen Diskutanten WDR-Intendantin Monika Piel, RTL-Chefin Anke Schäferkort und VPRT-Präsident Jürgen Doetz ins Langweilige abdriften wollte, holte man mit Richard Gutjahr jemanden auf die Bühne, der das Blut der Vertreter des Medien-Establishments gehörig in Wallung brachte und der Diskussion so richtig Schwung verlieh.

Schuld war Gutjahrs Einstiegs-Statement: Seiner Ansicht nach würde auf Panels wie diesem immer vor allen Dingen vor den Gefahren gewarnt, die soziale Netzwerke mit sich brächten - in den Minuten vorher ging es darum, wie wichtig die Aufgabe traditioneller Medien sei, die ungefilterten Informationen etwa auf Twitter zu hinterfragen und einzuordnen - statt vor allem die Chancen, die darin liegen, zu würdigen. Und es gipfelte in der sehr steilen These: Die Mächtigen in den Sendern kämen ihm vor wie die Machthaber in nordafrikanischen Ländern, die in ihren Palästen sitzen und kaum mitbekämen, was draußen so vor sich gehe.

Das konnten die angesprochenen Mächtigen kaum auf sich sitzen lassen. Monika Piel bezeichnete die Aussage entrüstet als "dumme Anmaßung", auch wenn Richard Gutjahr ihre Frage, woher er das denn überhaupt wissen wolle, mit der Antwort "Ich arbeite für Sie" unter großem Gelächter des Publikums parierte. Jürgen Doetz fühlte sich nicht nur von Gutjahr persönlich angegriffen, sondern machte überhaupt auf Veranstaltungen wie der re:publica, einer Konferenz zu Web 2.0-Themen, gar - so wörtlich - "faschistoide" Tendenzen aus. Er finde es höchst bedauerlich, dass jedem, der Facebook und Twitter nicht nutze, unterstellt werde, er sei nicht kommunikationsfähig. "Ich respektiere ihre Quellen, aber respektieren Sie auch andere", hielt er Gutjahr entgegen.

In all der hitzigen Aufregung kam die Diskussion, was die Sender denn nun konkret falsch machen, aber leider viel zu kurz. Gutjahr attestierte nur allgemein "viel Nachholbedarf" in Sachen Twitter und Facebook. "Es reicht nicht, dass wir uns bei Twitter erst anmelden, wenn ein Reaktor explodiert ist. Wir müssen da schon sein." Auch bemängelte er, dass der so häufig diskutierte und herbeigesehnte Rückkanal, der durch das Web inzwischen möglich ist, viel zu zögerlich genutzt werde. Doch zu mehr konkreten Aussagen kam es nicht - auch weil Moderator Dieter Moor das Thema seltsam-konsequent abwürgte.

Die Kritik Gutjahrs wollten Piel und Schäferkordt übrigens nicht nur aufgrund der Wortwahl nicht annehmen, auch inhaltlich sehen sie sich offenbar im Web bestens aufgestellt. Sie waren sich einig, dass es ja gar nicht darauf ankomme, ob sie nun persönlich in Twitter und Co. präsent sind, sondern nur, dass es die Journalisten der Sender seien. Und die Sender würden dort schließlich sehr präsent sein. Monika Piel wähnt den WDR gar seit 28 Jahren aktiv im Internet. Anke Schäferkordt beteuerte mit Blick auf den Vorwurf, die Sender würden die modernen Kommunikationswege immer noch eher als Mitteilungs-Weg betrachten, wie wichtig Zuschauer-Feedback sei und dass man das sehr gerne überall entgegennehme - und unterschlug dabei, dass RTL als Sender - von einzelnen Formaten abgesehen - auf Twitter eben gerade nicht präsent und nicht ansprechbar ist, wie gerade erst der DWDL.de-Twitter-Test zeigte.

Der klügste und konstruktivste Satz der Diskussion kam aber von Helmut Heinen, dem Präsidenten des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, der nicht herausstellte, dass fraglos viel ungeprüfter Unsinn über Twitter und Co. verbreitet wird, sondern dass man sich eingestehen müsse, dass nicht die Journalisten des eigenen Hauses für jedes Gebiet die größten Experten sind, sondern dass es viele Leser gebe, die von Einzelfragen mehr verstünden. "Wir können von Twitterern und unseren Lesern viel lernen", so Heinen. Die Aufgabe der Medien sei es, dieses Wissen, das an die Redaktionen herangetragen wird, zu nutzen. Wenn alle Diskussions-Teilnehmer diese Erkenntnis mitnehmen, wäre ja schon etwas gewonnen.

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