Tom Buhrow © WDR/Herby Sachs
Buhrows bittere Erkenntnis

WDR steht vor "gigantischem strukturellen Abgrund"

von Torsten Zarges
08.10.2013 - 16:56 Uhr

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Unerwartet schonungslos ist der Blick, den WDR-Intendant Tom Buhrow nach 100 Tagen im Amt auf seine Anstalt wirft. Eine interne Simulation hat ergeben, dass bis 2023 ein Fehlbetrag von mehr als einer Milliarde Euro droht. Nun muss Buhrow den "Rasenmäher" verschärfen.

Eigentlich gilt das strahlende Lachen als sein Markenzeichen. Doch ausgerechnet bei der Pressekonferenz zu seinen ersten 100 Tagen als WDR-Intendant hatte Tom Buhrow keinen Grund zum Strahlen. Und das nicht nur, weil er sichtbar grippegeplagt war. Vor allem gab es unangenehme Neuigkeiten, die kurz zuvor bereits die Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Senders erfahren hatten.

Unter dem Arbeitstitel "Was passiert, wenn nichts passiert?" hat Buhrow einen Kassensturz für die nächsten zehn Jahre machen lassen. Das Ergebnis der Finanzsimulation ist dramatisch: Bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von zwei Prozent, bei Beibehaltung der gegenwärtigen Einsparungen von knapp 60 Millionen Euro pro Jahr und ohne eine Beitragserhöhung würde der WDR 2014 zum letzten Mal eine schwarze Null schreiben. 2015 wäre mit einem kumulierten Fehlbetrag von 61,3 Millionen Euro zu rechnen, 2023 gar mit 1,28 Milliarden Euro.



"Das ist mehr als irgendein Loch - das ist ein gigantischer struktureller Abgrund", kommentiert Buhrow die Horrorzahlen. "Da gibt es überhaupt nichts schönzureden, denn wohl gemerkt: Die Fortsetzung des bisherigen Sparkurses ist schon voll eingerechnet." Gemeinsam mit den Direktoren hat Buhrow eine Reihe von Sofortmaßnahmen beschlossen, um sich etwas mehr Luft zu verschaffen. "Wir dürfen keinen Tag länger warten, sonst fahren wir vor die Wand", so der Intendant. So würden die "Rasenmäher-Sparmaßnahmen" verschärft: Für das Haushaltsjahr 2015 sollen zusätzliche 30 Millionen Euro quer durch alle Bereiche eingespart werden. Bis Ende 2014 sollen weitere 50 Planstellen abgebaut werden.

"So ein riesiges Loch kriegen Sie nicht gestopft, wenn Sie nur ein bisschen am Etat rumfummeln. Da müssen Sie zwangsläufig ans Personal ran", gab Buhrow zu Protokoll. Betriebsbedingte Kündigungen wolle er allerdings vermeiden "wie der Teufel das Weihwasser". Als weitere kurzfristige Maßnahmen stellte der Intendant in Aussicht, den Kunstfundus des WDR im Wert von drei Millionen Euro zu verkaufen, die jährlichen Baurücklagen zu verringern, freiwillige Sonderleistungen für die Filmförderung zu kappen sowie bei Beschaffungen künftig nicht mehr das qualitativ beste Angebot auszuwählen, sondern bei entsprechendem Preisvorteil das zweitbeste.

Die Summe der kurzfristigen Einsparungen soll laut Buhrow dazu dienen, Zeit bis Ende 2014 zu gewinnen, um bis dahin umfassende strukturelle Maßnahmen für die Zukunft der Anstalt zu identifizieren und zu beschließen. "Dies ist der Einstieg in den Umbau, und wir müssen den WDR gewaltig umbauen", so Buhrow. Analog zu manchem Autokonzern, der in wirtschaftliche Schieflage geraten sei, müsse man sich ernsthaft fragen, ob man künftig noch die gesamte Produktpalette anbieten bzw. die komplette Fertigung bis zur letzten Schraube eigenhändig durchführen könne. Konkrete Programmangebote wollte Buhrow in diesem Zusammenhang jedoch nicht nennen.

Zum geplanten strukturellen Umbau zählt auch eine verstärkte crossmediale Zusammenarbeit der TV- und Hörfunk-Redaktionen. "Dabei habe ich mich gegen eine Hyperreform, gegen die Zusammenlegung von Direktionen entschieden, da dies den WDR überfordern würde", so Buhrow. Stattdessen will er nun Schritt für Schritt einzelne Programmbereiche zusammenführen, zunächst den Sport, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Auslandsstudios in New York, Brüssel und Moskau, die landespolitischen Redaktionen sowie die TV-Nachrichten "NRW aktuell" mit den regionalen Radio-Nachrichten der NRW-Landesstudios.

Das Studio Wuppertal soll zum Crossmedia-Labor mit Vorbildcharakter für die anderen Studios umgebaut werden. Zusätzlich zu diesen Zusammenlegungen will Buhrow die investigativen Redaktionen aus TV und Radio zunächst für zwei Jahre eine gemeinsame "Keimzelle" ausprobieren lassen, der jeweils zwei Redakteure beider Gattungen sowie Online-Kollegen angehören sollen. Diese "Keimzelle" solle als "Briefkasten für Investigatives nach innen und außen" wirken. Die Homepage von WDR.de möchte Buhrow ab Anfang 2014 in erster Linie als Überblick des reichhaltigen Programmangebots und erst in zweiter Linie als NRW-Nachrichtenseite verstanden wissen.

"Der WDR hat viele hochqualitative Einzelprodukte, denen die Loyalität der Mitarbeiter gilt", so Buhrows Befund nach 100 Tagen. "Hier ist ein Wandel nötig, damit jede einzelne Marke stärker auf unsere Dachmarke WDR einzahlt und festgefahrene Identifikationsmuster aufgebrochen werden." Unabhängig von den notwendigen Einsparungen will Buhrow den mit drei Millionen Euro jährlich dotierten "Innovationstopf" zum "Verjüngungstopf" umwandeln, um gezielt entsprechende neue Programmideen zu fördern. Außerdem soll ein neues "Kreativ-Volontariat" angeboten werden, das neben Journalisten auch junge Drehbuchautoren, Formatentwickler oder Comedy-Schreiber an den WDR binden soll.

Seine Liebe für den WDR habe er in den ersten 100 Tagen nicht verloren, sagte Buhrow. Aber: "Ich stehe viel mehr unter Druck, als ich es mir in den kühnsten Träumen ausgemalt hätte." Seine Vorgängerin Monika Piel nahm Buhrow trotz der Horrorzahlen ausdrücklich in Schutz. Angesichts der Tatsache, dass die Gebührenperiode "ohne Erhöhung überraschend verlängert" worden sei, habe sie bereits einen "bemerkenswerten Sparkurs" hingelegt. "Nur deshalb reichen die Rücklagen, die ursprünglich bis 2012 gedacht waren, jetzt noch bis 2014." Für 2015 rechnet Buhrow nach eigenem Bekunden nicht mit einer nennenswerten Erhöhung des Rundfunkbeitrags. "Sollte es 2017 oder 2019 zur erhofften Anpassung kommen, könnten wir uns trotzdem nicht zurücklegen und unsere Finanzkurve wäre noch immer weit von der Nulllinie entfernt."

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