Was haben Alfred Biolek, Frank Elstner, Hape Kerkeling, Jürgen von der Lippe, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk, Günther Jauch, Markus Lanz, Guido Cantz und Matthias Opdenhövel gemeinsam? Sie waren Messdiener. Markus Schächter, lange Jahre ZDF-Intendant und selbst ehemaliger Ministrant, sah darin mehr als eine kuriose Häufung. Schenkt man seinem Buch über diese erste Garde der TV-Unterhaltung Glauben, dann müssen die Altarstufen ein Stairway to Show Heaven sein.

Jetzt kommt aber die Gegenthese zu Schächters himmlischer Entertainerliste: Bill und Tom Kaulitz. Die Zwillinge, die im Dezember erstmals „Wetten, dass..?“ moderieren, sind nach eigener Aussage „gottlos erzogen“ worden. In Magdeburg gab es Jugendweihe statt Konfirmation, Ethik statt Religionsunterricht.

Oh Gott, kann das gut gehen?

Beim jugendgeweihten Wolfgang „Lippi“ Lippert ging es bekanntlich nicht gut aus. Aber da war ja auch noch nicht Christoph Schulte-Richtering in Amt und Würden.

Christoph Schulte-Richtering © Maya Claussen
Er ist Chefautor von „Wetten, dass..?“, seit ihn der bekennende Katholik Gottschalk 2008 zur Show holte. Und er ist Teil der „Klingelbeutel-Connection“: 1968 im Bistum Osnabrück geboren, machte er Abitur am katholischen Mädchen-Gymnasium. Ministriert hat er natürlich auch. Und nun soll dieser inzwischen im hillije Kölle lebende Fernsehmann die Kaulitz-Brüder auf ihre erste große Samstagabendmesse vorbereiten.

Spoiler: Das sonntägliche Hochamt als Urform der Show im Fernsehen zu verstehen, da ist Christoph Schulte-Richtering absolut dabei.

Seine bisherigen Rollen bei „Wetten, dass..?“ beschreibt er in unserem Gespräch so: „Ich war manchmal Fluglotse, manchmal Hütehund, manchmal Messdiener – oder alles zusammen.“ In welcher der Tausendsassa bei den Twins am meisten gebraucht sein wird? Mal sehen. Die neuen Gastgeber kennt er erst seit Kurzem persönlich. Den ersten Eindruck teilt er im Superlativüberschwang: „Es war super. Sehr konstruktiv, sehr konzentriert, sehr motiviert – ich bin sehr angetan von den beiden.“

Das ist schon mal keine schlechte Voraussetzung, wenn die Chemie im Haus voll Glorie stimmt.

Insgeheim scheint sich Schulte-Richtering diese Konstellation gewünscht zu haben. Denn als das ZDF auf ihn zukam und um seine Meinung bat, habe er ohne Wissen über die bereits getroffene Entscheidung gesagt: „Man muss unbedingt über die Kaulitz-Zwillinge nachdenken.“

Erstens, führt er aus, hätten die beiden „ein internationales Funkeln“, das in Deutschland sehr selten sei, ähnlich wie Thomas Gottschalk. Zweitens, fast noch wichtiger für den erfahrenen Fernsehautor: Die ZDF-Show habe eine „ganz eigene, balancierte Poesie“, was er am Bühnenbild festmacht:

„In der Mitte steht die Couch, links und rechts gibt es einen Tunnel. Aus dem linken Tunnel kommt Hollywood, aus dem rechten Magdeburg. Und die Aufgabe des Moderators in der Mitte ist es, Hollywood auf menschliche Größe herunterzuholen und Magdeburg für fünf Minuten so weit zu erhöhen, dass sich beide Welten auf Augenhöhe begegnen können.“ Diese beiden Welten miteinander zu verbinden, habe Gottschalk immer sehr gut gemacht. „Und jetzt haben wir sogar Zwillinge, die jeweils die eine wie die andere Seite bedienen können.“

Für Christoph Schulte-Richtering ist es also keine Frage: Bill und Tom Kaulitz sind „die perfekte Besetzung“ für „Wetten, dass..?“. Aber ist er denn als Autor auch die beste Wahl für die Show? So bescheiden und unprätentiös er wirkt, würde Schulte-Richtering eine ehrliche Antwort in eigener Sache vermutlich verwehren. Aber einiges spricht dafür, dass er es ist.

Erstens hat er die Samstagabendshowvibes schon als Kind vor der Glotze absorbiert, verpasste mit der Schwester kein „Auf los geht’s los“ und kein „Einer wird gewinnen“ – nur beim „Blauen Bock“ schaltete er weg ins Dritte Programm zu „Schirm, Charme und Melone“. Zweitens fand er Frank Elstner bei „Wetten, dass..?“ großartig und himmelte den „frechen Thomas“ noch ein bisschen mehr an („eine andere Liga“). Drittens hat eben dieser Thomas beim Kennenlernplausch schon erkannt, dass hinter dem studierten Germanisten und ausgebildeten Comedyautoren Schulte-Richtering mehr steckt "als eine Flitzpiepe, die nur Fernsehen kann".

Viertens: Sprechen nicht Dutzende „Wetten, dass..?“-Sendungen in seiner Autorenverantwortung für sich?

Christoph Schulte-Richtering © Maya Claussen
Sein Rahmen der kreativen Möglichkeiten ist freilich begrenzt, weil der Ablauf aus Anmoderation Gast, Auftritt Gast, vier Talkfragen, Anmoderation Show-Act, Bühnengespräch standardisiert ist. Trotzdem muss er versuchen, daraus etwas Exzellentes zu machen. Oder wie Schulte-Richtering sagt: „auf der Glatze Locken drehen“. Was der Master of Ceremony wiederum daraus macht, liegt nicht in seiner Hand. Seine Vorschläge etwa für das Sofa-Geplauder sind ein Kann, nicht unbedingt ein Muss. Bei Thomas Gottschalk und später bei Markus Lanz, für den er – erst ab der zweiten Sendung – ebenso schrieb, traf er da auf unterschiedliche Moderationstypen.

Letzteren hält Schulte-Richtering für einen „der feinsten Kerle“, mit dem er je zusammengearbeitet hat. Allerdings habe ihm Lanz mehr Arbeit gemacht als Gottschalk, weil er sich auf jeden Gast akribisch vorbereitete und das auch von ihm verlangte. Im journalistischen Sinne sei das „gut und richtig“ gewesen, „aber es wurde mit einer Ernsthaftigkeit bezahlt, die der Sendung nicht in die Wiege gelegt war“. Andererseits sollte man sich beim King of Schlagfertigkeit nicht der Illusion der totalen Improvisation hingeben. Gottschalk besprach sich mit seinem Chefautor am Freitag oder Samstag im Hotelzimmer intensiv. Es wurde viel gelacht. Schulte-Richtering musste dabei lernen, mit der eigenen Eitelkeit umzugehen: „Du feilst ewig lang herum, und dann haut Thomas einen Satz raus, der so viel besser ist.“ Für einen Autor, der damit Geld verdient, sei das „ernüchternd“.

Und für jemanden, der das eigentlich nie werden wollte, weil er die naive Vorstellung hatte, seinen Humor lieber fürs Privatleben aufzusparen, statt ihn beruflich auszubeuten, hat es Christoph Schulte-Richtering trotzdem sehr weit gebracht.

Nach dem Einserexamen über Fontane und Döblin war der Weg zur akademischen Karriere durch die Promotionsstelle an der Alma Mater in Bonn eigentlich schon bereitet, doch Schulte-Richtering fehlten die positiven Vorbilder. Er sehnte sich nach mehr U statt E und beschloss, zum Fernsehen zu gehen, obwohl er keine Ahnung hatte, wie es funktioniert. Bei Brainpool wollte er es lernen.

Eine der dort laufenden Produktionen war die „Harald Schmidt Show“. Sie war ein Erweckungserlebnis für Schulte-Richtering. Ihm fiel – quasi Jahre vor Markus Schächter – die Parallele zur Heiligen Messe wie Schuppen von den Augen: „Was Harald da machte, war eigentlich exakt das, was ich von klein auf als Messdiener gelernt hatte: Einer kommt raus und hält eine Predigt, dann kommt die Wandlung, man wechselt an den Schreibtisch respektive den Altar – und am Ende geht man geläutert nach Hause oder ins Bett. Es ist immer derselbe Ritus.“

Als Schmidt sich mit Bonito TV selbstständig machte, stand Schulte-Richtering vor der Wahl: Volontariat abbrechen oder zu Ende machen und darauf hoffen, dass Brainpool eine andere vernünftige Sendung produziert. Es kam dann der Auftrag rein, für einen jungen VIVA-Moderator eine Show zu entwickeln, die zunächst „Das kann ja mal passieren“ heißen sollte. Und so wurde aus dem Volontär der Redakteur von Stefan Raab – klingkling, auch ein ehemaliger Altardiener!

Nach drei Jahren „TV Total“ überwog die Neugier: Da draußen muss es noch mehr geben als diese kleine Brainpool-Blase. 2002 machte sich Schulte-Richtering selbstständig, zunächst in einer Autorenpartnerschaft mit Andreas Hutzler – und mit der Ermutigung seines damaligen Chefs Martin Kess: Das wird auf jeden Fall funktionieren. Tatsächlich kam ziemlich schnell die Anfrage von RTL für die Echo-Verleihung rein. Das Schreibduo lieferte anscheinend anständig ab. Als Anschlussprojekt folgte „DSDS“. Und ein paar Jahre später ein von der Produzentin Ute Biernat vermittelter Spezialauftrag.

Erster Kontakt mit Thomas Gottschalk

Bertelsmann plante 2007 in Berlin eine rauschende Abschiedsparty für den CEO Gunter Thielen – mit Thomas Gottschalk als Conférencier. Ute Biernat dachte offenbar, dass es für die Unterhaltung zusätzlich „Power im Kreuz“ braucht und nahm Christoph Schulte-Richtering als Mann für alle Fälle mit. Die beiden Männer landeten beim ersten Gespräch irgendwann bei Thomas Manns „Der Tod in Venedig“, warum auch immer. Danach war die Sache geritzt. Schulte-Richtering schrieb zuerst für Gottschalks RTL-Show „Musical Showstar“ und dann auch für „Wetten, dass..?“. Die Freude über diese Auffahrt in den Unterhaltungshimmel konnte seine Frau, in der DDR aufgewachsen, zunächst nicht vollumfänglich nachvollziehen. Für Schulte-Richtering bedeutete es die Welt.

Seinen allerersten „Wetten, dass..?“-Einsatz hat er allerdings in ganz schlimmer Erinnerung. Niemand konnte ihm so richtig sagen, was er machen soll, außer dem Master of Ceremony zwischen den Kameras die Pappkarten hochzuhalten – wobei für den umerzogenen Linkshänder mit entsprechender Sauklaue allein schon die Beschriftung eine Herausforderung war. Kurz vor der Sendung fragte ihn der Requisiteur nach den Karten mit den Wetteinlösungen für die Promis. Mist, die hatte der Neuling nicht. Wie vom Affen gebissen lief er zum Drucker. Und dann ertönte schon die Eurovisionsmelodie, hinter ihm saßen 2.500 Menschen in der Nürnberger Messehalle. Gottschalk kam heraus und wurde gefeiert. „Larger than life“ war dieser Moment für Schulte-Richtering und ist es heute immer noch, wie er betont. „Nur bin ich dem inzwischen besser gewachsen.“

Christoph Schulte-Richtering © Carmen Sauerbrei "Sauklaue", weil "umerzogener Linkshänder": Wenn der Edding leer war, musste für "Wetten, dass..?" manchmal samstagnachmittags noch eilig Ersatz besorgt werden - sonst hätte man den ganzen Bumms wie hier in Palma de Mallorca wegen eines vertrockneten Stifts abblasen müssen.

Zu den uneingeschränkt gelungensten Shows in seiner nunmehr 30-jährigen Autorenkarriere zählt Schulte-Richtering „Wetten, dass..?“ überraschenderweise nicht, auch wenn sie wegen ihrer schieren Größe „ganz vorne“ im persönlichen Ranking steht. Auf einer anderen Ebene waren für ihn besondere Highlights: der Laureus World Sports Award für Bill Murray (ein Hollywood-Star, der sich selbst managt, toll!), das „Kanzlerduell“ 2013 mit Stefan Raab (die Mutter lobte, wow, der Junge hat’s doch zu was gebracht) und die magische Zusammenarbeit mit Ralf Schmitz bei der, wie er findet, zu Unrecht unter dem Radar fliegenden Datingshow „Take Me Out“: Beider Hirne waren so gut aufeinander eingespielt, dass Schmitz den Satz schon aussprach, bevor Schulte-Richtering ihn ihm „ins Öhrchen flüstern“ konnte.

Drei Zäsuren

Ziemlich sprachlos und noch immer tief berührt erlebt man den Fernsehautor, wenn man ihn auf den größten anzunehmenden Unfall in der „Wetten, dass..?“-Geschichte anspricht, den er ja unmittelbar miterlebte: Die Sendung am 4. Dezember 2010 war eine der bestbesetzten überhaupt – Cameron Diaz, Justin Bieber, Take That, Robbie Williams, Phil Collins, Cher und Christoph Waltz waren in Düsseldorf. Sie wollten zwölf Millionen Menschen unterhalten. Und dann verunglückte der Wettkandidat Samuel Koch so schwer, dass er seither im Rollstuhl sitzt. Neben dem Abbruch von „TV Total“ nach Nine Eleven und von „The Masked Singer“ wegen Corona war das für Schulte-Richtering eine der drei Zäsuren, die ihn jeweils „ein Stück Leichtigkeit gekostet“ haben.

Jetzt den Übergang zu finden, puh. Aber was steht ganz oben im Unterhaltungsgesetz? The Show must go on. Das gilt nicht zuletzt auch für „Wetten, dass..?”.

Christoph Schulte-Richtering hat schon viele letzte Male „Top, die Wette gilt“ gehört. „Irgendwann glaubt man es nicht mehr“, lacht er. Er hätte auch nichts dagegen, wenn es nach der Kaulitz-Premiere am 6. Dezember weitergeht. Aus seiner Sicht ist das verständlich. Nur, das muss man ihn zum Schluss schnell noch fragen: Warum soll man sich überhaupt noch drei Stunden eine Show anschauen, die mit TikTok, YouTube, Podcasts und Streaming konkurriert?

"Neues schaffen, ohne das Alte zu verraten"

„Vielleicht gerade deswegen“, antwortet er. „Diese Flüchtigkeit von 45-sekündigen TikTok-Clips lassen einen ja auch nicht unbedingt befriedigt zurück. Manchmal brauchen wir die Verlässlichkeit: dass es auf jeden Fall eine Baggerwette gibt, dass man ,Top, die Wette gilt!‘ hört. Dieser Ritus einer Messe kann auch beglücken.“ Natürlich müsse es dabei immer wieder unterhaltsame, überraschende und neue Elemente geben. „Man muss das Neue schaffen, ohne das Alte zu verraten.“

Aber was, wenn das Massenmedium lineares Fernsehen bald stirbt?

Er sei kein Medientheoretiker und schon gar keiner, der in die Zukunft schauen könne. Bei ihm klingele jedenfalls regelmäßig das Telefon, er könne sich nicht beklagen. Rund um den zweiten Advent zum Beispiel werde er die Schienen der Deutschen Bahn glühen lassen. Denn er schreibt und begleitet nicht nur die Weihnachtsshow von Giovanni Zarrella in Offenburg und „Wetten, dass..?“ in Halle, sondern auch noch den Jahresrückblick der „Besten Comedians Deutschlands“ in Hamburg. „Die Bahncard 50 ist da das Vegas des kleinen Mannes“ – den haut der Gag-Profi auf den letzten Metern unseres Gesprächs noch raus.

Und wenn es irgendwann nicht mehr so ist, suche er sich etwas anderes. Er stehe natürlich stark für die Samstagabendshow, aber sein Portfolio reiche vom Faultier bei „The Masked Singer“ (wo er inzwischen raus ist, aber das ist ein anderes Thema) bis zur Bärenverleihung der Berlinale. „Ich kann auch alle Tiere dazwischen“, sagt Schulte-Richtering. „Aber eigentlich ist es mir egal, über welchen Vertriebsweg meine Arbeit ausgespielt wird.“

Ob man seine Werke irgendwann auf YouTube mit Shiny Floor und Eurovisionsmelodie wiederfindet, wagt er allerdings zu bezweifeln.