Diese Telegeschichte beginnt am 8. März 2000 vor dem Familiengericht von Los Angeles. An diesem Tag reicht dort die 34-jährige Krankenschwester Darva Congar die Aufhebung ihrer Ehe ein. Als Grund für die Annullierung gibt sie an, dass die Ehe nie vollzogen worden sei. Den Verlobungsring im Wert von 30.000 US-Dollar werde sie jedoch behalten, ebenso wie den Jeep, den sie im Rahmen der Hochzeit erhalten habe. Als Entschädigung für ihre seelischen Schmerzen, wie sie sagt.

Seit der Eheschließung sind zu diesem Zeitpunkt gerade 22 Tage vergangen. Ihren Bräutigam Rick Rockwell hatte sie erst wenige Minuten vor dem Ja-Wort getroffen. So wollten es die Spielregeln der US-Fernsehshow "Who Wants To Marry A Multi-Millionaire?", in deren erster und einziger Ausgabe Darva Congar als – nun ja – Gewinnerin hervorging. Darin hatte sie als Kandidatin um die Gunst eines ihr unbekannten Multi-Millionärs gebuhlt. Nachdem sie vor ihm erst im Abendkleid, dann im Badeanzug und schließlich im Hochzeitskleid auflief, wählte er sie unter den insgesamt fünfzig Bewerberinnen aus. Am Ende des zweistündigen Ablaufs ließen sich die beiden vertragskonform vor laufenden Kameras trauen und flogen direkt in die Flitterwochen nach Barbados.

Rund 22 Millionen Menschen beobachteten das Spektakel beim US-Sender Fox. Es löste einen gewaltigen Medienrummel aus und sah sich zugleich Vorwürfen ausgesetzt, ein veraltetes Frauenbild zu reproduzieren. Hinter der Idee steckte der berüchtigte TV-Produzent Mike Darnell, der sowohl vom damaligen weltweiten Siegeszug der neuen Quizshow "Who wants To Be A Millionaire?" ("Wer wird Millionär?") als auch von einer Hochzeit, die er als Gast besucht hatte, inspiriert war. Sein Ziel war es, die beiden größten amerikanischen Träume – Geld gewinnen und heiraten – mit dem Format zu verbinden.

Schnell nach der Fernsehhochzeit stellte sich heraus, dass der Millionär ein Hochstapler war. Sein angeblich lukratives Immobiliengeschäft existierte offenbar nicht. In Wahrheit handelte es sich um einen mäßig erfolgreichen Comedian, dessen größte Leistung bisher ein Eintrag im "Guinness Buch der Rekorde" war. Er hatte 30 Stunden lang Witze am Stück erzählt. Im Zuge der Enthüllungen zeigte sich zudem, dass er seine Ex-Verlobte bedroht und sich nun aufgrund einer einstweiligen Verfügung von ihr fernzuhalten hatte.

All das war Darva Congar zum Zeitpunkt der Hochzeit unbekannt. Jetzt, knapp drei Wochen nach all diesen Turbulenzen, will sie die vom Fernsehen arrangierte Ehe durch das Gericht aufheben lassen. In Interviews kündigt sie geläutert an, fortan ein bescheidenes Leben führen zu wollen.

Diesen Vorsatz hält sie zumindest bis August desselben Jahres durch. Dann nämlich präsentiert sie bei einem Pressetermin stolz ihre Nacktbilder, die in der aktuellen Ausgabe des "Playboy" erscheinen.

Die-Next-Level-"Traumhochzeit"

Etwa zur gleichen Zeit verkündete Sat.1 stolz, das Format trotz des unglücklichen Verlaufs in den USA im Herbst nach Deutschland bringen zu wollen. Unter dem Titel "Wer heiratet den Millionär?" sollte auch hier ein reicher Mann fünfzig Frauen serviert bekommen, aus denen er seine Favoritin auswählen durfte. Klar war von Beginn an, dass der Wettbewerb – anders als in Amerika – nicht in einer rechtsverbindlichen Hochzeit enden konnte. Eine Trauung in einem TV-Studio ist in Deutschland schlicht nicht zulässig, zumal die Aufzeichnung in einer Halle in der Nähe von Amsterdam geplant war.

Hinter der Umsetzung steckte nämlich die niederländische Produktionsfirma Endemol, die sich die Rechte an der US-Vorlage gesichert hatte. Als bisherige Produzentin sowohl von der "Traumhochzeit" als auch von "Wer wird Millionär?" war die Ausrichtung der Millionärs-Vermählung nur konsequent. Damit sich all der Aufwand rechnete, plante man gleich eine weitere Version für das holländische Fernsehen im Spätsommer mit ein.

Mit Jörg Wontorra stand bereits fest, wer durch den Abend führen würde. Neben seinen unzähligen Einsätzen als Sportmoderator brachte er mit seinen Reihen "Bitte melde Dich!", "Erben gesucht" und "Sommer, Sonne, Sat.1" umfangreiche Erfahrung im Unterhaltungsbereich mit.

Man befinde sich derzeit im Casting-Prozess, hieß es in der Ankündigung. Nicht bloß für die fünfzig heiratswilligen Frauen und den titelgebenden Millionär. Parallel sei man schon auf der Suche nach einer weiblichen Millionärin. Denn kurz nach dem Auftakt wollte man den Spieß umdrehen und eine wohlhabende Frau aus fünfzig Männern ihren künftigen Ehemann auswählen lassen. So viel sei an dieser Stelle vorweggenommen: Dazu kam es nie.

Auf der Suche nach dem goldenen Mann

Die Fahndung nach einem geeigneten Krösus erwies sich als große Herausforderung. Durch die Vorfälle in den USA alarmiert, wollte man besonders sorgfältig vorgehen und alle "möglichen Kontrollmaßnahmen" ergreifen. Dazu gehörten eine Schufa-Auskunft sowie das Einfordern eines polizeilichen Führungszeugnisses.

Das aufwendige Casting brachte immer wieder Rückschläge mit sich. So scheiterte ein Kandidat, weil sein eigener Rechtsanwalt sich zu sehr einmischte, während sich ein anderer kurz vor der Aufzeichnung als unvermögend entpuppte. Die Suche zog sich derart in die Länge, dass Sat.1 den eigentlich anvisierten Ausstrahlungstermin im September auf den 28. Oktober 2000 verschieben musste.

Sauerbraten und Milchkaffee

Endlich schien alles bereit. Fünfzig willige Frauen waren gefunden, das Studio in Holland aufgebaut, die Hochzeitsreise in die Karibik gebucht und das Unterhaltungsprogramm arrangiert. Sogar ein zahlungskräftiger Junggeselle stand bereit. Über ihn gab Sat.1 vorab lediglich spärliche Informationen heraus. Einzig, dass der 43-jährige "nächtens Einteiler" trug und "Sauerbraten sowie Milchkaffee" mochte. Gut zu wissen.

Dann der Schock. Überraschend erklärte der Millionär, dass "er eine Klausel in unserem Vertrag nicht mehr erfüllen könne, nämlich dass er heiratswillig ist", wie Sat.1-Pressesprecher Dieter Zurstraßen mitteilte. "Der Mann hat schlicht bereits vorher die Frau seines Lebens getroffen." Ein bitterer Schlag für den Kanal, der das lang angekündigte Projekt wenige Tage vor der Aufzeichnung abblasen musste. Hierdurch entstanden Abbruchkosten in sechsstelliger Höhe, die nicht mehr gegenfinanziert werden konnten "Wir haben mit allem Möglichen gerechnet", gab Zurstraßen offen zu, "aber nicht damit, dass sich unser Millionär verliebt." Es ist scheinbar gar nicht so simpel, eine pompöse Frauenverachtung im Fernsehen zu veranstalten.

"Um meinen seriösen Ruf als Moderator zu schützen"

Im Zuge der Absage reichte es Moderator Jörg Wontorra. Er wollte das Programm nun nicht mehr präsentieren, falls es jemals zustande kommen sollte. Der Rücktritt "geschah auch, um meinen seriösen Ruf als Moderator zu schützen", betonte er gegenüber der Frankfurter Rundschau.

Sat.1 blieb zuversichtlich und wagte einen dritten Anlauf, das widerspenstige Vorhaben irgendwie über die Bühne zu bringen. Als Termin war jetzt der 7. Januar 2001 angesetzt und Franklin Schmidt als neuer Gastgeber verpflichtet. Der ehemalige Host der "100.000 Mark Show" (ebenfalls von Endemol) hatte gerade eine vormittägliche Talkshow bei Sat.1 übernommen.

Jetzt also sollte das romantische Pretty-Woman-Märchen endlich wahr werden. Nur eine Variable hatten die Verantwortlichen von Sat.1 in ihrer Rechnung vergessen. Die Konkurrenz von RTL.

Wie zwei Kinder im Sandkasten

Am 1. Januar 2001, einem Montag, veröffentlichte RTL eine Mitteilung zu einer aktuellen Programmänderung, die es in sich hatte. Am kommenden Mittwoch würde man demnach nicht wie geplant den großen TV-Roman "Das schwangere Mädchen" zeigen, sondern eine Show mit dem verdächtig vertrauten Titel "Ich heirate einen Millionär". Still und heimlich hatte RTL an einer eigenen Version der Brautschau gewerkelt und diese mit enormem Druck vorangetrieben, sodass sie nun unter der Anleitung von Gameshow-Legende Werner Schulze-Erdel gezeigt werden konnte. Und zwar drei Tage vor der ursprünglich geplanten Sat.1-Konkurrenz.

Dieses Verhalten erinnerte an die frühen Tage des Privatfernsehens, als sich die beiden Kanäle ein kurioses Wettrennen um das erste Frühstücksfernsehen lieferten oder als Sat.1 die Auflösung der RTL-Prestige-Serie "Twin Peaks" vorab verriet. Nun spuckte RTL also in die Sat.1-Suppe und verwies darauf, dass man dort genug Zeit gehabt hätte, die Idee umzusetzen.

Sat.1 zeigte sich davon betont unbeeindruckt, obwohl die Neujahrsstimmung sicherlich getrübt war. "Wir sind nicht geschockt, wir haben lange vorher gewusst, dass RTL für den 3. Januar etwas plant", gab Sat.1-Sprecherin Birgit Borchert zu Protokoll. Von den eigenen Plänen werde man deshalb nicht abrücken: "Unser Termin steht schon lange fest und ich weiß auch nicht, ob das, was RTL macht, funktioniert. Schließlich können die in der kurzen Zeit kaum Werbung für die Show machen."

Kalkulierter Skandal und Medienrummel

Mit ihrem Überholmanöver gelang es den Verantwortlichen bei RTL, den enormen Aufmerksamkeitsstrom von Sat.1 auf sich umzulenken. Dieser war gewaltig. Innerhalb von zwei Tagen erschienen über alle Zeitungen und Verlagshäuser Hunderte Artikel. Die Beiträge kündigten das kurzfristig angesetzte Event an, erklärten den Ablauf, fassten die bisherigen Entwicklungen zusammen oder amüsierten sich über den Kleinkrieg zwischen den beiden TV-Kanälen. Lokalzeitungen stellten die einzelnen Kandidatinnen aus ihrer Region vor. Und natürlich empörten sich alle über das abstoßende Konzept. Über die Kommerzialisierung der Ehe, über die Niveaulosigkeit des geplanten Fleischbeschaus und über die Verwerflichkeit, dass sich Frauen für einen Mann hergeben wollten, von dem sie bloß wussten, dass er reich sei. All diese Empörung war selbstverständlich einkalkuliert und sie trat erwartungsgemäß ein.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck ging wie gewohnt voran. Bereits in den Monaten zuvor hatte er die mediale Entrüstung rund um die erste Staffel von "Big Brother" angeführt. Die neuen Heiratsformate bezeichnete er nun als "abstoßend" und "einen traurigen Abstieg auf der offenbar nach unten offenen Qualitätsskala." Die Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johanna Haberer, stufte die angekündigten Shows derweil als "Form der Prostitution" ein, die ein veraltetes Frauenbild transportieren würden.

In der Sache hatten beide natürlich recht, und die Kritik an dem Theater war aus vielen Gründen berechtigt. Mit ihren pointierten Einlassungen machten sie sich allerdings zugleich zu Erfüllungsgehilfen für die PR-Maschinerie der Sender. Die Presse griff ihre knackigen Statements dankbar auf und produzierte noch mehr Aufmerksamkeit. Für RTL war dies besonders wertvoll, da man aufgrund des kurzen Vorlaufs kaum Gelegenheit hatte, eigene Werbung zu machen.

50 Frauen und zwei Stripper

Vier Casting-Agenturen mussten gleichzeitig für RTL nach Frauen suchen, die sich freiwillig auf die Verkupplung im Fernsehen einlassen wollten. Viele von ihnen fand man in Discotheken. Eine Teilnehmerin berichtete gar, sie habe sich ursprünglich für den gleichsam fragwürdigen Container-Abklatsch "Girlscamp" beworben und sei von der Agentur zum Wechsel zur Brautshow überredet worden. Die Rekrutierung gestaltete sich nicht zuletzt deshalb so schwierig, weil nicht bekannt werden durfte, woran RTL im Verborgenen arbeitete. Entsprechend hielt man selbst die Teilnehmerinnen bis zuletzt im Unklaren und speiste sie mit vagen Andeutungen ab. Viele von ihnen beklagten später, dass sie erst nach ihrer Anreise zur Produktion verstanden hätten, worum es tatsächlich ging. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie die umfangreichen Verträge mit strengen Schweigeklauseln und hohen Vertragsstrafen allerdings längst unterzeichnet.

Die fünfzig Frauen, die sich von alldem nicht abschrecken ließen, wurden am Abend vor Silvester in einem Kölner Hotel einquartiert. Rund um den Jahreswechsel standen für sie unzählige Stellproben, Anproben und ein medizinischer Check-up samt HIV- und Schwangerschaftstest auf dem Plan. Wenigstens soll die Produktion ihnen für die Silvesterparty im Hotel zwei Stripper gesponsert haben. Prost Neujahr. Nach großer Romantik wie im Märchen klang das alles nicht.

Und der Millionär? Seine Identität sollte abermals erst am Ende offenbart werden. Über ihn verriet RTL lediglich, dass er Mitte 40, charmant, sympathisch und sportlich sei. Es handle sich um einen seriösen Geschäftsmann, dessen Absichten absolut solide seien. Welchen Pyjama er nachts trug und wie sein Verhältnis zu Sauerbraten und Milchkaffee aussah, blieb hingegen offen.

Die Show beginnt…

Die Einsätze waren also hoch, als RTL am Mittwochabend "Ich heirate einen Millionär" live auf Sendung schickte. Auf der von pink-violettem Licht durchfluteten Bühne im Kölner Coloneum marschierten jedoch nur 45 Frauen in Abendkleidern auf. Angeblich hatten es sich fünf Bewerberinnen am Abend zuvor anders überlegt. Glück gehabt

Unter einem riesigen Kronleuchter in Form einer Champagnerschale blieben ihnen wenige Sekunden, um sich dem Publikum und dem Millionär in einem kurzen Statement vorzustellen. Selten ging das über triviale Kalendersprüche wie "Mit mir an deiner Seite wird immer die Sonne scheinen" hinaus. Danach endete der vermeintliche Traum für die meisten schon, denn 35 der Frauen wurden nach der ersten Runde aussortiert. Die verbliebenen zehn mussten sich im Anschluss wieder in Freizeitkleidung und in Bademode darbieten, bevor der Millionär ihnen seine obligatorischen belanglosen Fragen stellen durfte.

Ein nicht minder wichtiger Protagonist war der Verlobungsring im Wert von über 20.000 DM. Eine Spezialanfertigung mit dem Namen "Twister". Gesponsert wurde er von einem Juwelier-Ehepaar, das sich und das eigene Unternehmen ausführlich vorstellen durfte.

Am Ende des zweistündigen Schaulaufens enthüllte Werner Schulze-Erdel die Identität des geheimnisvollen Millionärs. Er stellte den 47-jährigen als Geschäftsführer und Inhaber eines Geschenkehandels aus einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein vor. Aus den fünf verbliebenen Kandidatinnen, die mittlerweile im Brautkleid auf der Bühne aufgereiht standen, entschied er sich für eine 37 Jahre alte Kundenbetreuerin eines Hamburger Autohauses. Herzlichen Glückwunsch.

Eine freie Trauung gab es vor Ort nicht, obwohl mit Willi Weber der "Traumhochzeit"-erprobte Standesbeamte bereitstand. Es kam nicht einmal zu einer offiziellen Verlobung. Stattdessen entschied sich das frisch gekürte Paar dafür, sich während der Hochzeitsreise in Florida besser kennenlernen zu wollen. Natürlich begleitet von einem Kamerateam, das täglich neue Bilder für die hauseigenen Boulevard- und Newsmagazine liefern sollte.

"Grauenvolle TV-Brautschau"

Das Kritiker-Echo fiel nach der Premiere erwartungsgemäß verhalten aus. Sie wurde als "peinlich, Frauen verachtend, würdelos" (Focus), als "grauenvolle TV-Brautschau" (Hamburger Morgenpost) und als "Herzblatt für Arme" (Südkurier) bezeichnet und mit einer "Peepshow" (Kölner Stadtanzeiger) sowie einem "Viehmarkt" (Sächsische Zeitung) verglichen.

Vor allem wurde der vermeintliche Skandal wegen redundanter Abläufe, sich wiederholender Fragen und gähnender Leere als langweilig empfunden. Die Frankfurter Rundschau sprach beispielsweise von einer "ausgemachten Ödnis", der zudem durch zahlreiche Pannen in der Bildregie und eine unprofessionelle Kameraarbeit deutlich anzumerken gewesen sei, dass sie mit heißer Nadel gestrickt war. Für Catherine Aeschbacher vom Schweizer "Tages-Anzeiger" hätte "jede Folge von ‚Teletubbies‘ in Sachen Spannung locker mithalten" können.

Ein großes Problem sahen viele Autor:innen auch in der Darbietung von Moderator Werner Schulze-Erdel an. Ihm attestierten sie entweder eine "leicht schmierige" Art (Saarbrücker Zeitung), einen "öligen Charme" (Berliner Morgenpost) oder eine Ähnlichkeit mit einem "Straßenhändler für Fleckentferner" (Sächsische Zeitung). Besonders Anstoß erregten seine schlüpfrigen Altherrenwitze, die er im Gespräch mit den Kandidatinnen wiederholt platzierte. "Wie heiß ist er denn - Ihr Ofen?" Oder: "Schwer, sich mit einem kurzen Rock anständig hinzusetzen, gell?" Oder: "Sie spielen gern mit kleinen und mit großen Tieren, oder?" Zwar galten solche Sätze schon damals als unangemessen. Im Rahmen des antiquierten Formats wirkten sie allerdings erschreckend stimmig.

Sat.1-Sprecher Dieter Zurstraßen zeigte sich gleichfalls bissig und wies darauf hin, dass im Gegensatz zur geplanten Sat.1-Version gar "kein Heiratsversprechen" abgegeben worden sei und RTL somit "ein falsches Etikett" getragen habe. "Außerdem haben wir die attraktiveren Frauen zu bieten", ergänzte er. Na, wenn das die Hauptsache ist.

Dem Interesse des Publikums tat all das keinen Abbruch. Am Folgetag durfte sich RTL über eine Sehbeteiligung von 8,11 Millionen Zuschauende und einen Gesamtmarktanteil von 24,8 Prozent freuen. Der Coup schien tatsächlich aufgegangen zu sein. Das konnte man zumindest für ein paar Augenblicke glauben…

Gerüchte und Enthüllungen

Noch während der Live-Ausstrahlung am Mittwoch meldeten sich vermeintliche Bekannte des Millionärs und behaupteten, er kenne seine Auserwählte bereits. Diese Gerüchte verdichteten sich über den gesamten Donnerstag hinweg. Insbesondere bei der schleswig-holsteinischen Radio-Station R.SH gingen viele Hinweise von angeblichen Freunden, Nachbarn, Vereinskollegen oder vom Wirt der vorgeblichen Stammkneipe ein. Sogar der FDP-Gemeindebeirat aus dem Ort meldete sich zu Wort. Ihre jeweiligen Geschichten variierten. Manche erzählten, die beiden hätten schon gemeinsam Tennis gespielt, andere beharrten darauf, er sei auf der Weihnachtsfeier ihres Autohauses aufgetaucht. Einige Stimmen waren überzeugt, die beiden hätten zuvor zwei oder drei Jahre zusammengelebt. So unterschiedlich die Versionen waren, im Kern hatten sie die Anklage gemein, dass sich der Millionär und seine Auserkorene nicht erst im TV-Studio getroffen hätten.

Anfangs wies RTL die Vorwürfe vehement zurück und erklärte die Berichte mit einer angeblichen Verwechslung, da eine frühere Ex-Freundin seiner neuen Herzdame sehr ähneln würde. Gleichzeitig versicherte der Millionär, die Kandidatin vor dem 3. Januar noch nie gesehen zu haben.

Zu allem Überfluss kursierten zugleich Meldungen, wonach der Millionär gar nicht so vermögend sei wie dargestellt. Er hätte gleich mehrere Insolvenzverfahren zu verantworten sowie längst eine eidesstattliche Erklärung abgelegt. Stattdessen soll seine Ex-Frau die eigentliche Inhaberin des lukrativen Unternehmens gewesen sein. Diesen Verdächtigungen widersprach RTL ebenfalls und betonte, man habe die Vermögenswerte zuletzt Ende Dezember sorgfältig geprüft. Diese Vorhaltungen waren letztlich zweitrangig im Vergleich zum Verdacht, dass sich die beiden nicht erst vor der Kamera erblickt hätten.

Tatsächlich Liebe

Als die Anschuldigungen nicht abebbten, sah sich RTL gezwungen, der Sache nachzugehen. Wie die Presseabteilung später schilderte, ließ man das Paar, das sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Florida befand, durch das mitgereiste Kamerateam befragen. Dabei gestanden sie, dass sie sich tatsächlich vor der Sendung gekannt hatten. Demnach wären sie sich am 2. Dezember in einem Restaurant in der Nähe von Hamburg begegnet. Er habe sie dann zum Casting am 8. Dezember in eine Lübecker Disko einladen lassen, bei dem sie von der Agentur direkt angesprochen wurde und so in die Auswahl gelangte. Der Millionär habe früh erkannt, dass sie die Frau seines Lebens sei. Ihm sei klar gewesen, dass der Schwindel rauskomme. Es wäre für ihn genauso wenig fair gewesen, wenn er zur Ablenkung eine andere gewählt hätte.

Im Grunde ereilte RTL dasselbe Schicksal wie Sat.1. Auch ihr Millionär hatte sich vorher verliebt. Weil der Termin diesmal unter allen Umständen gehalten werden musste, bestand aber keine Möglichkeit für einen Abbruch.

Wer den Schaden hat…

Mit dem Geständnis war die Katastrophe perfekt. Der so sehr gewollte Traum von der romantischen Märchenhochzeit war endgültig geplatzt. Mit der überhasteten Umsetzung und dem Versuch, Konkurrent Sat.1 auszubooten, hatte sich RTL ins eigene Fleisch geschnitten und erntete nun allen Spott. Der damalige Unterhaltungschef von RTL, Matthias Alberti, gab am Freitag offen zu, von dem Paar getäuscht worden zu sein. Er entschuldigte sich öffentlich bei den anderen Kandidatinnen und den Zuschauenden und kündigte zugleich an, künftig von weiteren Ausgaben von "Ich heirate einen Millionär" Abstand zu nehmen.

Entsprechend groß fiel die Häme bei den Verantwortlichen von Sat.1 aus, die nun am Ende lachen und doch noch als Sieger vom Platz gehen konnten. Sprecher Zurstraßen genoss den Moment genüsslich als er behauptete, dass ihnen der RTL-Millionär auch angeboten worden wäre. Der Mann habe aber einen "nicht genügend seriösen Eindruck" gemacht.

Am Ende

Als Sat.1 seine Variante "Wer heiratet den Millionär?" nach all den Verzögerungen und dem Frühstart von RTL am Sonntag, den 07. Januar endlich zeigte, war die Neugier mit 6,98 Millionen Zuschauenden weiterhin hoch. Die inhaltliche Abnutzung aber war bereits zu spüren.

Moderator Franklin Schmidt führte souverän durch den Abend. Da die Aufzeichnung nur wenige Stunden vor dem Auffliegen der RTL-Täuschung stattfand, konnte er darauf nicht eingehen. Sichtbar wurde hingegen, was Dieter Zurstraßen zuvor mit seinem Hinweis auf die "attraktiven Frauen" gemeint hatte. Die Kandidatinnen waren vor allem jünger.

Am Ende stellte sich der Millionär als Unternehmensberater und Kaufmann heraus, der in Monte Carlo lebte. Er wählte aus den 50 Kandidatinnen eine 27-jährige Bürokauffrau, die sich vor der Kamera mehr über die Hochzeitsreise nach Dubai als über den neuen Mann freute.

Nach der Ausstrahlung folgte, was offenbar folgen musste. Erneut tauchten Verdächtigungen auf, dass der Sat.1-Millionär nicht reich sei. Als Belege dienten diesmal alte Einträge der IHK. Darüber hinaus meldete sich ein Arbeitgeber, bei dem er eigentlich beschäftigt sei. Sat.1 versuchte, davon abzulenken, und betonte stattdessen, dass sich das Paar auf dem Flug nach Dubai ineinander verliebt habe. Das aber bewegte kaum noch jemanden, nicht mal, als der Sat.1-Millionär zwei Wochen später bekannt gab, seine Auserwählte nun nicht mehr heiraten zu wollen. Die Idee war zu diesem Zeitpunkt längst verbrannt. Letztlich erklärte Sat.1 ebenso, das Format nicht fortsetzen zu wollen. Manche Projekte sind schlicht von Anfang an eine schlechte Idee und lassen sich auch mit größter Hartnäckigkeit nicht retten.

Eine große Lehre schien das Desaster für beide Parteien nicht gewesen zu sein. Nur zwei Jahre später sollten sich RTL und Sat.1 ein weiteres Wettrennen liefern. Diesmal ging es um Retroshows zur DDR-Zeit, bei denen beide Sender erneut versuchten, dem jeweils anderen zuvorzukommen. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.