Diese Telegeschichte beginnt im Jahr 1993 in einem Elektrofachgeschäft. Dort kauft eine junge Frau ein neues Fernsehgerät eines japanischen Herstellers. Wie üblich ist der Apparat mit allerlei Werbeaufklebern versehen. Als sie das Gerät zu Hause in Betrieb nimmt, entfernt sie viele dieser Sticker zunächst nicht. Vor allem den in der linken oberen Ecke des Bildschirms lässt sie kleben, weil sie irrtümlich annimmt, er erfülle dort eine technische Funktion.
Bei einem Besuch ihres Freundes Thomas fällt diesem beim Blick auf den laufenden Fernseher auf, wie der Sat.1-Ball durch den Sticker hindurchschimmert. Dem Geschäftsmann und Erfinder schießt sofort ein Gedanke durch den Kopf. Könnte man diesen Effekt nicht nutzen, um das Einschaltverhalten des Publikums zu erfassen? Und könnten die Sender auf diese Weise gar exakt ermitteln, welche Sendungen in den einzelnen Haushalten tatsächlich gesehen werden? Gelänge das, wäre das Prinzip Millionen wert. Es wäre eine ernst zu nehmende Alternative zum bisherigen, aufwendigen und in seiner Aussagekraft begrenzten Quotenmessverfahren der AGF. Die Idee des DOTWIN ist geboren. So zumindest schildert Thomas Hohenacker die Entstehungsgeschichte gegenüber mehreren Zeitungen.
"Bring mich zum Licht"
Es vergingen einige Jahre, bis aus der Idee ein fertiges Produkt entstand. Da es für eine massenhafte Verbreitung möglichst preiswert sein musste, fiel eine rein technische Umsetzung aus. In der Entwicklungsphase stieß Thomas Hohenacker auf spezielle Folien, die sich bei Belichtung abhängig von Dauer und Intensität des Lichts verfärbten. Brachte man sie auf einem leuchtenden Fernsehschirm an, zeichnete sich auf ihnen ein Muster ab.
Bald zeigte sich aber, dass die Verfärbung stark vom jeweiligen Gerät, seiner Leuchtstärke und der Dicke der Glasscheibe des Bildschirms abhing. Außerdem stellte sich ein ähnlicher Effekt ein, wenn die Folie lediglich mit einer Lampe bestrahlt wurde. Die Herausforderung bestand darin, die Lichtstrahlen so zu bündeln und zu lenken, dass gezielte Muster entstanden, die zugleich unabhängig vom Gerät konstant blieben.
© ProSieben
Die weißen Augen der Einblendung schienen hierbei heller als der rote Körper. Aus der Kombination von Belichtungsintensität, Dauer, Anordnung der Punkte und Ausrichtung des Gesichts entstand ein charakteristisches Muster, das eindeutig einer Ausstrahlung zugeordnet werden konnte.
Die belichteten Pappstücke konnten dann auf eine spezielle rotierende Scheibe gelegt werden, die sich unter einer hochauflösenden Kamera drehte. Diese erfasste die Belichtungen derart exakt, dass ein spezieller Reader prüfen konnte, ob die Ergebnisse zu einem der hinterlegten Profile passten. Laut Thomas Hohenacker konnte so minutengenau nachvollzogen werden, ob das betreffende Programm tatsächlich vollständig durchgelaufen ist. Wurde zu spät eingeschaltet, zwischendurch umgeschaltet oder zu früh abgeschaltet, zeigte die Folie eine messbare Über- oder Unteraktivierung.
Die DOTWINs kommen nach Deutschland
Für den Vertrieb seiner Erfindung gründete Hohenacker im Jahr 1996 die Firma „tv miles International“, die den Aufbau als eine integrierte Marketinglösung an Fernsehveranstalter auf der ganzen Welt verkaufen wollte. Einen ersten Praxistest konnte das Unternehmen 1998 in Ungarn umsetzen. Danach kam das System in Portugal und Australien zum Einsatz. Nach Angaben der Firma hätten die TV-Stationen und Medien mit der Aktion ihre Bekanntheit und Beliebtheit steigern können. In einigen Fällen führten sie angeblich zu Umsatzsteigerungen von bis zu 30 Prozent.
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Im April 2001 kam der DOTWIN endlich nach Deutschland und zwar zum Sender ProSieben, der rund um sie ein groß angelegtes Gewinnspiel veranstaltete. Dafür wandelten sich die kleinen Pappscheiben zu niedlichen Außerirdischen, die in den Trailern wild durch das Programm umherflogen. Passend dazu erhielten sie eine galaktische Backstory. Demnach stammten sie von einem weit entfernten Planeten, auf dem ewige Dunkelheit herrschte. Eines Tages machten sie sich auf die Suche nach dem Licht. Mit letzter Kraft erreichten sie die Erde, wo die Menschen sie retten konnten, indem sie die Figuren auf ihre leuchtenden Fernseher klebten.
Über einen Zeitraum von sechs Wochen wurden dafür täglich zwei wechselnde Sendungen ausgewählt, in denen die Kerlchen aktiviert werden konnten. Mal war es ein kompletter Spielfilm wie „Das Kartell“, mal eine Ausgabe der Talkshow „Arabella“ und mal eine Episode von „Buffy - Im Bann der Dämonen“. Nach Ende der Ausstrahlung mussten die DOTWINs vom Gerät entfernt, versiegelt und eingeschickt werden. Nur korrekt aktivierte Scheiben berechtigten zur Teilnahme an den Verlosungen von Autos, Reisen und Bargeld. Die Ziehung der Gewinne erfolgte täglich im Boulevard-Magazin „taff“.
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In jenem Frühjahr waren die DOTWINs überall präsent. Es entstand unter dem Titel „DOTWIN Party-Hits“ sogar eine Doppel-CD, auf der ähnlich wie bei einer „Bravo Hits“ die aktuellsten Popsongs, etwa von Rednex, Scooter oder Gigi D’Agostino, versammelt waren. Darunter befand sich der eigens für die Aktion produzierte offizielle DOTWIN-Song. Ein generischer Techno-Track, der die galaktische Geschichte der fliegenden Punkte nacherzählte.
Die DOTWINs haben zwei Haken
Klar, die Kampagne zielte darauf ab, die Zuschauenden mithilfe des DOTWINs stärker beim Programm von ProSieben zu halten und das Umherspringen zwischen den Kanälen zu unterdrücken. Inwiefern dies mit einem solchen punktuellen Gewinnspiel nachhaltig gelingen und die Einschaltquoten merklich gesteigert werden konnten, blieb von Anfang an fraglich. Vor allem, weil es in Deutschland zwei entscheidende rechtliche Vorgaben gab, die die Aktion einschränkten.
Die gesetzlich vorgeschriebene strikte Trennung von Werbung und redaktionellem Inhalt verhinderte, dass der DOTWIN-Punkt auch in Werbespots eingeblendet werden durfte. Während dieser Unterbrechungen musste die Aktivierung also pausieren. Oder anders gesagt: Ausgerechnet in den für einen Privatsender wichtigen Werbepausen konnte das Publikum doch gefahrlos umschalten.
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Darum betonte ProSieben stets, dass man die Aktion vor allem als eine Maßnahme zur Stärkung der Publikumsbindung sehen würde. Über ein haptisches Maskottchen wie einen DOTWIN könnten Menschen schließlich eine emotionale Verbindung zu „ihrem“ Sender aufbauen. Im Kern war es „eine große Imagegeschichte“, wie Sprecherin Diana Schardt gegenüber der „Berliner Morgenpost“ erklärte.
Die DOTWINs hören mit
Die eigentlich harmlose Aktion bekam rund zwei Wochen nach ihrem Start eine unerwartete Wendung. Plötzlich standen die DOTWINs im Verdacht, die deutschen Zuschauenden heimlich auszuspionieren. Auslöser für diese Annahme war eine geheimnisvolle E-Mail, die Anfang Mai 2001 von einem anonymen Absender stammte und sich wie ein Kettenbrief schnell im ganzen Land verbreitete.
In einer Zeit noch vor dem 11. September, vor den Enthüllungen rund um die NSA und lange vor der Covid-Pandemie konnte die Nachricht erstaunlich viele Punkte auf einer Verschwörungstheorie-Bingokarte abhaken. Sie sprach von „zwielichtigen Konzernen und korrupten Politikern“, die die Bevölkerung zum Narren halten würden, von geheimen Mikro-Chips, von widerrechtlichem Profiling und von einer kriminellen GEZ.
Der Mail zufolge wurde beim Aufkleben eines DOTWINs durch das Licht aus der Bildröhre „ein elektronischer Chip im Innern“ der Scheibe aktiviert, der „Unmengen von Informationen“ sammelte. Dabei sollte es sich um den sogenannten „CC128-A4 Controller“ von der Siemens-Tochter Infineon gehandelt haben. Dahinter steckte angeblich ein kostengünstiger Nachbau des amerikanischen Mikrochips „i440-128“, der dort zur Industriespionage eingesetzt wird.
Die sechs Belichtungszonen auf der Folie seien in Wahrheit „Kollektorflächen“, mit denen aus der TV-Strahlung der nötige Strom für den Chip bezogen werden konnte. Da mit dem Fernsehsignal zudem die Software übertragen würde und nicht auf dem Prozessor gespeichert werden musste, soll jeder DOTWIN über einen Speicherumfang von „128 Kilobyte“ verfügt haben. Genug Platz, um wichtige Kundendaten wie etwa das Modell des Fernsehgeräts zu protokollieren.
Doch damit nicht genug. Die Membran auf der Oberseite war demnach keine Schutzabdeckung. Vielmehr wäre sie „an drei Stellen mit einem DA-Wandler verbunden“ gewesen. Zwar wäre aufgrund des geringen Speicherplatzes eine Audio-Aufnahme nicht wahrscheinlich gewesen, doch zur Erstellung von Stimmprofilen und zur Identifizierung, wie viele Menschen vor dem Fernseher saßen, soll es gereicht haben.
Die so gewonnenen Daten würden einerseits von McDonald’s & Co zu Marketingzwecken verwendet werden. Andererseits würden die Adressen der Teilnehmenden „komplett an die GEZ abgetreten, wo ein Abgleich mit der vorhandenen Datenbank erfolgt.“ Bereits vier Tage nach dem Absenden eines DOTWINs erhielten Schwarzseher daher Besuch von der Gebührenfahndung.
Wow, da war viel los in einer einzigen Mail. Zum großen Finale schloss sie dann noch mit dem konspirativen Satz ab: „Irgendetwas ist faul in diesem Land!“ Fehlte bloß der Zusatz „Armes Deutschland“ davor.
Den DOTWINs geht es an die Pappe
Kurz darauf berichteten nahezu alle Zeitungen über das Komplott. Obwohl die besagte E-Mail vor Absurdität strotzte und wahrscheinlich eher als Scherz gemeint war, konnten die Redaktionen diese kuriose Geschichte nicht liegen lassen. Erst die Flut an Artikeln verschaffte der mutmaßlichen Verschwörung überhaupt eine solche Relevanz, dass noch 25 Jahre später in einer Ausgabe der Telegeschichte(n) an sie erinnert wird.
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Auch ProSieben musste sich plötzlich für das Verfahren rechtfertigen, wie Diana Schardt berichtete: „Wir kriegen die skurrilsten Anfragen“. Sie versicherte jedoch, dass an den Behauptungen nichts dran sei. Und Hans Fink, Marketingchef der ProSiebenSat.1 Media AG, ergänzte, dass das Unternehmen allein aus eigenem Interesse niemals Daten an Dritte und erst recht nicht an die GEZ aushändigen würde.
Die DOTWINs kommen an
Das Publikum ließ sich von dem Verdacht nicht davon abbringen, weiterhin fleißig die DOTWINs auf seine Bildschirme zu kleben. Täglich, so verriet „tv miles“-Sprecherin Nicola Kossack, seien rund 200.000 Stück beim Reader in München eingetroffen, von denen über 80 Prozent korrekt aktiviert gewesen waren. Hier hätten sich die deutschen Zuschauenden gewissenhafter gezeigt als jene in den anderen Ländern. Am Ende der Aktion wurden laut ProSieben über sieben Millionen aktivierte DOTWINs zurückgesandt.
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Inwiefern die Maßnahmen zu einer Erhöhung der Reichweiten beitrugen, war, wenn überhaupt, nur in Einzelfällen nachzuweisen. So meldete „tv miles“, dass eine Ausgabe von „Galileo“ rund 30 Prozent höhere Einschaltquoten erreicht habe als zuvor. Viele der Sendungen zeigten hingegen keine nennenswerten Veränderungen, sodass die Schwankungen ebenso andere Ursachen gehabt haben könnten.
Eine begleitende FORSA-Umfrage belegte indessen den emotionalen Wert der Kampagne. Demnach empfanden vor allem junge Zuschauende die DOTWINs als „etwas Neues“, „originell“ und „zu ProSieben passend“. Zwei Drittel der Befragten zwischen 14 und 49 Jahren kannten den DOTWIN, und etwa die Hälfte hatte ihn schon mindestens einmal in der Hand. Angesichts dieser Ergebnisse zog Senderchef Paalzow eine erfreuliche Bilanz: „Dies und eine positive Auswirkung auf die Marktanteile machen die Aktion für uns zu einem vollen Erfolg. Über eine Fortsetzung im nächsten Jahr werden wir auf jeden Fall nachdenken.“
Die DOTWINs sind zurück
Tatsächlich kehrte das Verfahren zur Fußball-WM 2002 noch einmal kurzzeitig im Programm von Sat.1 zurück. Erneut galt es, die Sticker mithilfe des Bildschirms zu aktivieren. Diesmal aber nicht zu wechselnden Zeiten, sondern konstant in der allabendlichen Show „ran – WM-Fieber“. Die Aufkleber stellten nun keine putzigen Aliens mehr dar. Stattdessen wurden sie entlang des Werbespruchs „rechts oben ins Eck“ in einen Fußballkontext gesetzt. Nach dem Ende des zweiten Durchlaufs, der diesmal ohne Verschwörungserzählung auskam, verschwanden die DOTWINs endgültig von den deutschen Bildschirmen.
Für den Unternehmer und Erfinder Thomas Hohenacker war seine Erfindung ein Glücksgriff. Wie der „Focus“ damals berichtete, soll seine Firma durch die DOTWINs zweistellige Millionenumsätze erzielt haben. In ihm steckte wahrer Tüftlergeist. Etwa zur selben Zeit schuf er nämlich mit „Earth-TV“ ein globales Netz von selbstentwickelten Kameras, die rund um die Uhr Bilder aus aller Welt lieferten. In Deutschland waren die Aufnahmen mehrmals täglich unter anderem bei n-tv als Pausenfüller zu sehen. Außerdem hält er ein Patent an einem Produktionsverfahren, um Fernsehbilder in 3D zu transportieren. Dieses kam auch in Deutschland bereits mehrfach zum Einsatz. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.
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