Diese Telegeschichte beginnt am 5. September 1994 um 20.15 Uhr. An diesem Montagabend zeigt der Privatsender Pro 7 die erste Episode der US-Serie "X-Files". In Deutschland läuft sie unter dem Titel "Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI". Die beiden Agent:innen Fox Mulder und Dana Scully gehen darin Meldungen über scheinbar unerklärliche Phänomene nach. Ihre Fälle reichen von UFO-Sichtungen und rätselhaften Alien-Implantaten über spontane Selbstentzündungen und tödliche Parasiten bis hin zu Menschen mit scheinbar übernatürlichen Fähigkeiten. Sie treffen auf Männer, denen angeblich die Luftröhre durch Telekinese zugedrückt wurde, auf einen Polizisten, der von einem Geist besessen sein soll, und auf einen Indigenen, der sich womöglich in ein Raubtier verwandeln kann. Gleichzeitig kommen sie einer gigantischen Regierungsverschwörung auf die Spur, die die Existenz außerirdischen Lebens und die geplante Kolonialisierung der Erde durch Aliens vertuscht.
Bald schalten regelmäßig 4,5 Millionen Menschen die Ermittlungen von Scully und Mulder bei ProSieben ein und machen "Akte X" zum erfolgreichsten Programm des Kanals. Unter ihnen finden sich schnell Hardcore-Fans, die jede Ausgabe in Fan-Clubs und den ersten Internetforen ausführlich diskutieren. Sie beschäftigt vor allem die Frage, ob die gezeigten Ereignisse tatsächlich möglich sein könnten. Die wachsende Faszination für paranormale Aktivitäten beschränkt sich nicht auf Deutschland. Insbesondere in ihrem Heimatland, den USA, entfacht die Serie unter anderem neue Spekulationen über den vermeintlichen UFO-Absturz in Roswell im Jahr 1947.
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen
Die fantastischen Themen waren keineswegs neu. In den USA erfreuten sich die Zuschauenden in den 60ern an den Geschichten aus der "Twilight Zone". In Deutschland verkaufte der Autor Erich von Däniken millionenfach Bücher. Darin vertrat er die These, dass Außerirdische in der Frühgeschichte die Erde besucht und die Entwicklung der Menschheit beeinflusst hätten. Uri Geller faszinierte das Publikum im Jahr 1974, indem er angeblich allein mit seinen Gedanken Löffel verbiegen konnte. Und der Journalist Rainer Holbe präsentierte ab 1982 zunächst im Radio und danach bei RTLplus in der populären Reihe "Unglaubliche Geschichten" nun ja… unglaubliche Geschichten.
Doch bei "Akte X" war es anders. Der Hype war größer und nachhaltiger. Er erreichte viel mehr Menschen und hinterließ Spuren in der Gesellschaft, die bis heute fühlbar sind. Die Serie etablierte konspirative Erzählungen, globale Komplotte, geheime Masterpläne in der Breite des Publikums und popularisierte eine Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Autoritäten.
Dies gelang vor allem durch die geschickte Vermischung von Fakten und Fiktion, bei der die Trennlinie zwischen beidem nie klar zu erkennen war. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch die Behauptung, die Drehbücher seien an wahre Begebenheiten angelehnt. Was genau an den Geschichten echt war, blieb jedoch unklar. Oft stützte Mulder seine Vermutungen auf frühere Kulturen, vergessenes Wissen, die Traditionen von einzelnen Stämmen oder Zeitungsberichte über angebliche Sichtungen von ähnlichen Phänomenen. Hinzu kam, dass viele der gezeigten Fälle offen endeten, gefundene Beweise meist auf mysteriöse Weise verschwanden und rationale Erklärungen stetig zerstreut wurden. Das Einzige, was sicher war, war der Zweifel.
Zu diesen paranormalen Legenden kam als weitere Ebene eine fortlaufende Regierungsverschwörung mächtiger Männer in dunklen Anzügen hinzu und mit ihr das Motiv, dass die Regierung eigentlich gegen die eigene Bevölkerung arbeitet. Das war das Verführerische und zugleich das Geniale an dem Konzept der Serie. In die geheimen X-Akten konnte alles hineininterpretiert werden. Sie boten eine Folie, auf der die Wahrheit ein weites Feld war.
Das wird man ja wohl noch fragen dürfen
Im Labor gezüchtete Krankheitserreger. Fingierte Ausbrüche des Hanta-Virus. Manipulierte DNA, die Daten wie Computerchips speichern kann. Die geheime Züchtung von Alien-Mensch-Hybriden. Mysteriöse Männer, die bereit sind, für ihren eigenen Vorteil die Menschheit zu vernichten. Bombenanschläge auf öffentliche Gebäude, um geheime Informationen zu vertuschen und verdächtige Leichen verschwinden zu lassen. All das steckte bereits in "Akte X" drin und bereitete einen Nährboden, auf dem die wilden Spekulationen rund um den 11. September sowie die Narrative von QAnon-Anhänger:innen, Querdenkern, Flat-Earthern und vielen anderen kruden Milieus gedeihen konnten.
Das heißt nicht, dass aus allen "Akte X"-Fans zwangsläufig Verschwörungsideolog:innen geworden wären oder eine direkte Kausalität zwischen diesen Bewegungen und der TV-Reihe besteht. Viele ihrer Themen und Motive hat die Serie auch gar nicht neu erfunden. Sie hat vielmehr altbekannte Verschwörungsmuster reaktiviert, reproduziert, vermischt und aktualisiert. Dies gelang oft so wirksam, dass sie von späteren konspirativen Erzählungen dankbar aufgegriffen wurden. Auf diese Weise hat sie zu einem gesellschaftlichen Klima und zu einer kulturellen Stimmung beigetragen, in der Menschen mit ähnlichen Überzeugungen, die bisher meist im Verborgenen geblieben waren, sichtbar wurden und in der ihre Gedanken plötzlich anschlussfähig waren.
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Gillian Anderson und David Duchovny als Dana Scully und Fox Mulder: "Akte X" war ein weltweiter Erfolg
Vor allem säte die Serie Vorbehalte an wissenschaftlichen Erkenntnissen und erklärte wissenschaftliche Fakten zu Glaubensfragen. Nicht zuletzt deshalb, weil mit Fox Mulder die coole, witzige, charmante und treibende Hauptfigur selbst von vielen paranormalen Phänomenen überzeugt war und bloß seine eigene Wahrheit glaubte. Zwar bekam er mit Dana Scully eine nüchterne, wissenschaftlich argumentierende Skeptikerin an die Seite gestellt. Aber im Laufe der Handlung zeigte sie sich immer wieder ratlos, konnte keine schlüssigen Erklärungen mehr liefern und begann irgendwann ebenfalls an Übernatürliches zu glauben. Letztlich musste die Wissenschaft in nahezu jeder Episode kapitulieren. Auch hier gilt, dass die Serie nicht kausal für die wachsende Abkehr von wissenschaftlichen Erkenntnissen, insbesondere im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie oder dem Klimawandel, verantwortlich gemacht werden kann. Trotzdem hat sie einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass solche Denkweisen plötzlich weniger abwegig wirkten.
Dunkle Gen(re)-Experimente
Wie groß der popkulturelle Einfluss von "Akte X" war, zeigte sich 1997, als eine wahre Flut vergleichbarer Produktionen startete. Unter ihnen befanden sich Serien wie "Pretender" (ab 26. März auf Vox), "Dark Skies" (ab 3. April auf ProSieben), "Outer Limits" (ab 10. April auf ProSieben), "PSI-Faktor" (ab 20. August auf RTL II) und "Operation Phönix" (ab 28. Oktober bei RTL). Im Kino lief derweil der Film "Fletcher's Visionen" an. Neben allen gesellschaftlichen Effekten erschloss "Akte X" auch einen riesigen Markt für fantastische und okkulte Sendungen, Bücher, Alben, Veranstaltungen und Seminare. Die Welle war derart groß, dass der Autor Erich von Däniken in Interlaken sogar einen ganzen Freizeitpark rund um derartige Mythen eröffnete.
Von diesem Trend wollte der Sender ProSieben stärker profitieren, der schließlich den Auslöser für den Boom weiterhin im Programm hatte. Zugleich hoffte man, den anhaltenden Siegeszug der täglichen Talkshows weiter auszubauen. Zwar war die Gattung längst als krawallig und schmuddelig verschrien und mit Vertreter:innen wie Arabella Kiesbauer, Sonja Zietlow, Vera am Mittag, Bärbel Schäfer, Hans Meiser und Ilona Christen schon stark besetzt, doch der Markt schien noch nicht erschöpft. So entstand die Idee, beide Genres zu verbinden und einen Daily Talk mit Mystery-Themen auf den Schirm zu bringen. "Talk X" sollte der naheliegende Name dieses neuen Experiments lauten.
Dass man genügend Anlässe haben würde, um täglich eine Stunde Programm rund um übernatürliche Phänomene zu füllen, bereitete dem zuständigen Redaktionsleiter Chris Bohrmann keine Sorgen. In der Saarbrücker Zeitung erklärte er, das Thema sei "so umfangreich, daß wir schon jetzt Stoff für 150 bis 200 Sendungen haben." Dabei sei es wichtig, dass man mit den Schilderungen "ernsthaft" umgeht und "die teilweise unglaublichen Geschichten nicht belächelt".
Spinnern und Scharlatanen wollte Bohrmann mit der neuen Produktion "keinesfalls" eine Bühne bieten. Vielmehr werde man "zeigen, was hinter den Dingen steckt." Aber der aufklärerische Ansatz sollte nicht zu verquält oder verkopft wirken, sondern "modern und lebensfroh" umgesetzt werden. Übersetzt in die übliche Daily-Talk-Logik bedeutete das: In jeder der einstündigen Ausgaben wurden jeweils acht bis zehn Gäste zu einem Oberthema versammelt, die einen persönlichen Bezug zu diesem hatten. Darunter befanden sich sowohl Gläubige als auch Skeptiker:innen, die dann bewusst miteinander konfrontiert wurden - in der Hoffnung, dass diese Konfrontation gelegentlich in Eskalation mündete.
Die wollen nur, dass wir das glauben
Als Moderatorin von "Talk X" wurde die damals 31-jährige Andrea Kiewel ausgewählt, die zuvor im Sat.1-Frühstücksfernsehen durch ihre launigen und lockeren Auftritte positiv aufgefallen war. Sie gab im Vorfeld an, keinen allzu ausgeprägten Glauben an das Übernatürliche zu haben, einigen Grenzbereichen des Lebens dennoch offen gegenüber zu stehen. Oder wie sie es formulierte: "Ich habe zwar keine Duftlampen zu Hause hängen, aber es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich nicht erklären lassen." Darüber hinaus versprach sie, nicht richten zu wollen. Sie sehe sich eher als "Stichwortgeber und Vermittler".
Wie genau sie mit einem solchen passiven Selbstverständnis offenlegen wollte, was hinter den Dingen steckt, blieb unklar. Spätestens hier wurde deutlich, dass es sich lediglich um eine Schutzbehauptung handelte. Zweifellos zielte das Format nämlich auch darauf ab, skurrile Gestalten, kuriose Auftritte und bizarre Ansichten der Lächerlichkeit preiszugeben. Darauf deutete bereits Kiewels Ansage hin, dass es zur Auflockerung regelmäßig Showeinlagen der Gäste geben werde: "Alles was zeigbar ist, wird gezeigt".
Da störten natürlich allzu irdische und fundierte Gegenreden, die den Hokuspokus womöglich verderben könnten. Entsprechend kündigte Kiewel an, dass Wissenschaftler:innen mit harten Fakten "nur ab und zu" dabei sein würden. Diese redaktionelle Entscheidung knüpfte direkt an das Narrativ an, dass Fakten am Ende Glaubensfragen und wissenschaftliche Untersuchungen vor allem eins sind: Spielverderber.
Um all das aufgeführte Bohei möglichst mystisch und übersinnlich wirken zu lassen, errichtete man aus Gips und Styropor eine Studiokulisse, die durch antike Säulenstümpfe und künstlichen Granit mit Runen-Inschriften wie geheimnisvolle Tempelanlagen oder Stonehenge anmuten sollte. Nebelmaschinen und Effektlichter rundeten den unfreiwilligen Look einer abgehalfterten Geisterbahn auf der Dorfkirmes ab. Ähnlich plump war der Vorspann gestaltet, in dem antike Pyramiden wanderten (die Illuminati lassen grüßen) oder rätselhafte Bilder umherflogen - etwa einen Mann, dem ein Käfig aus dem Kopf wächst. Darunter lief eine Musik, die allzu dreist vom "Akte X"-Thema geklaut war. Geklaut war zudem das Logo, bei dem schlicht die Buchstaben von "Akte" zu "Talk" neu sortiert waren.
Das ist erst der Anfang.
Und so nahm das Unglück seinen Lauf. Ab 17. Februar 1997 lief der Jahrmarkt der unerklärlichen Phänomene werktags um 15.00 Uhr über den Schirm. Damit lief er direkt hinter der beliebten Talkshow von Arabella Kiesbauer, wo um Seitensprünge, Sexpraktiken oder Potenzprotzerein, also um sehr viel weltliche Themen gestritten wurde. Dort ging es eher unterirdisch als übersinnlich zu.
Für die Premiere hatte sich das Team von "Talk X" für das Thema "Hellsichtigkeit - Sehen mit dem sechsten Sinn" entschieden. Zu Gast waren mehrere Frauen, die von sich behaupteten, über außersinnliche Wahrnehmungen oder den Blick in die Zukunft zu verfügen. Als Hellseherinnen oder Wahrsagerinnen wollten sie sich trotzdem nicht verstanden wissen, eher als Lebenshelferinnen oder Beraterinnen.
Selbstverständlich mussten sie ihre Talente vor laufenden Kameras unter Beweis stellen und unter anderem anhand eines Polaroidbildes erkennen, ob die abgebildete Person aus dem Ausland stammte oder nicht. Ganz treffsicher gelang das nicht. Etwa als eine von ihnen den Beruf einer Frau im Publikum erspüren sollte. Nach eingängiger Prüfung ihrer Sinne vermutete sie: "Sie üben einen pädagogischen Beruf aus." Offenbar gelangte sie vor allem deshalb zu dieser Vermutung, weil die Frau eine Nickelbrille und ein Halstuch trug. Als diese jedoch verneinte, ruderte die Seherin zurück und wiegelte ab. Sie könne eine spezifische Aura wahrnehmen. Diese sei so stark ausgeprägt, dass die Frau womöglich im Inneren eine Pädagogin sei und deshalb vielleicht über einen Berufswechsel nachdenken sollte.
Danach erschien Thomas im Studio-Tempel, der als Wissenschaftler vorgestellt wurde. Allzu seriös geriet die Diskussion durch ihn trotzdem nicht, denn er engagierte sich am von ihm gegründeten "Institut für Überlebenstechnik". In einer Mischung aus Deutsch und Englisch berichtete er davon, eng mit der US-Regierung und dem FBI zusammenzuarbeiten und dank neuester Mentaltechnik Zugriff auf das "kollektive Unterbewusstsein der Menschheit" zu haben. Dadurch könne er das Wissen ganzer Völker und Kulturen herunterladen und die ganz großen Rätsel lösen. Konkret erstellte er damals eine Zeitachse für die Erdbevölkerung, die allerdings aufgrund des bevorstehenden Untergangs der Welt nur bis zum Jahr 2012 reichte.
Den dramaturgischen Höhepunkt der ersten Ausgabe bot der Auftritt einer sogenannten Pythia, die vor Feuerschalen in einem mystischen Umhang gestikulierte. Der Journalist Heribert Seifert kommentierte in der NZZ, dass sie "nach Abwerfen des Umhangs stark an Numinosem" verlor. Stattdessen erinnerte sie ihn "in ihrer knapp sitzenden Kostümjacke dann doch eher an die Seniorchefin im Maggi-Kochstudio."
Da stimmt doch etwas nicht
In den folgenden Tagen beschäftigten sich Kiwi und ihre Gäste mit dem Feuerlaufen, der Macht des Mondes, Geisterheilern, Voodoo-Zombies, Horoskopen und magischem Essen. Das war insofern überraschend, weil die offensive Anlehnung an "Akte X" eigentlich Erwartungen an UFOs und Außerirdische geweckt hatte. Kaum ein Artikel oder ein Vorbericht kam ohne Anspielungen auf kleine grüne Männchen, fliegende Untertassen, Alien-Entführungen oder ferne Galaxien aus.
Tatsächlich entpuppte sich "Talk X" als esoterische Plauderrunde, in der sich spirituelle Medien, Astrolog:innen und Naturheilkundler:innen aneinanderreihten. Statt fremde Dimensionen, Raum-Zeit-Anomalien, Regierungsverschwörungen oder UFO-Abstürze aufzudecken, dominierten meist Bach-Blüten, magische Steine, Aszendenten und die Heilkräfte des Wassers. Das Format war weniger die Talk-Variante von "Akte X" als vielmehr das Begleitmagazin zu "Astro TV".
Traurig, was diese Mainstream-Medien wieder schreiben
Angesichts des hohen Trash-Faktors fiel das Presseecho nach den ersten Tagen erwartbar schlecht aus. Kaum ein Text fand irgendetwas Positives an "Talk X". So schrieb Oliver Gehrs in der taz, dass die Show das "Niveau geselliger Heimabende mit dem Zauberkasten" nicht überschreite. Titus Arnu bezeichnete sie in der Süddeutschen Zeitung als "Schmarrn", für den man "nicht ins Jenseits zappen" müsse. Und Manfred Riepe resümierte in der Frankfurter Rundschau, dass "der Grad an Absurdität in diesem mentalen Wachsfigurenkabinett einer nach unten offenen Richterskala" entspräche.
Besonders hart richtete sich die Kritik gegen die Leistung der Gastgeberin Andrea Kiewel. Wiederholt wurde ihr vorgeworfen, die hanebüchenen Geschichten ihrer Gäste nicht ausreichend kritisch zu hinterfragen und den Fantastereien nichts entgegenzusetzen. Sie wäre vielmehr zum "Staunen fest entschlossen" (taz) gewesen und habe selten eine Reaktion geboten, die über blasses "Wow" hinausgeht (Sächsische Zeitung). Michael Allmaier warf ihr in der Frankfurter Allgemeinen überdies vor, "nur den wenigsten ihrer Gesprächspartner intellektuell gewachsen" zu sein. Deshalb "dümpelten die Streitgespräche vor sich hin".
Insbesondere männliche Autoren geizten in ihren Texten nicht mit persönlichen Attacken gegen Kiewel. Hierbei dienten besonders gern ihre Figur und ihr Körpergewicht als Angriffsfläche. Sie wurde als "mollige Moderatorin", als "stämmige Pfadfinderin", als "pfundige Ostberlinerin" oder als "mopsfideler" Fisch bezeichnet. Den Tiefpunkt setzte der "Spiegel" in seinem Fazit. Zwar lobte das Magazin zunächst, dass Kiewel über genug Bodenhaftung für die Welt der Esoterik verfüge. Dies jedoch sei in ihrer "unübersehbaren Stämmigkeit" begründet, die sie "nicht ins Reich der Elfen entschweben lasse".
The Great Reset
Vor dem Start erklärte ProSieben-Chefredakteur Gerd Berger, dass er von "Talk X" eine ähnliche Quote wie von Arabella Kiesbauer erwarte, also einen Marktanteil um zwölf Prozent. Es sollte nur zur Hälfte reichen. Mit einem mittleren Schnitt von 0,63 Millionen Zuschauenden und einem Marktanteil von rund 6,5 Prozent blieb die Produktion deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das führte dazu, dass sie nach vier Wochen und insgesamt zwanzig Folgen spurlos vom Schirm verschwand. Dieses abrupte Ende hatte offenbar keines der Orakel vorausgesehen. Den Sendeplatz nahmen Wiederholungen der US-Serie "MacGyver" ein, in der der Held seine Probleme mit Physik und nicht mit Meta-Physik löste.
Andrea Kiewel wechselte nach diesem kurzen Ausflug zu ProSieben wieder zurück zum "Sat.1 Frühstücksfernsehen" und blieb dort, bis sie im Sommer 2000 den "ZDF Fernsehgarten" übernahm. Eine Show, in der sich manche Ausgabe auch wie eine außerkörperliche Erfahrung anfühlt.
Übrigens, der von "Akte X" angezettelte Mystery-Boom trieb ebenso in den USA seltsame Blüten. Um das strauchelnde Spin-off "Baywatch Nights" zu retten, untersuchte dort nämlich TV-Rettungsschwimmer David Hasselhoff ab der zweiten Staffel ebenfalls paranormale Phänomene. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.
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