Diese Telegeschichte beginnt am 1. Juli 1989 in der ausverkauften Sporthalle von Linz. Dort findet an diesem Abend die vierte Auflage des „Grand Prix der Volksmusik“ statt. Ein jährlich ausgetragener Wettstreit, bei dem Musikschaffende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz antreten, um das schönste volkstümliche Lied zu küren. Die Eurovisions-Show wird gemeinsam vom ZDF, vom ORF und der SRG produziert. Entsprechend führen die deutsche Carolin Reiber, der Schweizer Sepp Trüsch und Karl Moik aus Österreich durch die Sendung. Letzterer bringt mit Wolfgang Lindner und dessen Orchester weitere wichtige Mitwirkende seiner populären Schunkel-Reihe „Musikantenstadl“ mit.
Nach etwa der Hälfte tritt ein 13-jähriger Junge für Österreich an. Mit dunkler Lederhose, weißen Kniestrümpfen und roter Weste über einem blütenweißen Hemd steht der blonde Lockenkopf auf der gigantischen, ansonsten leeren Bühne. Die Halle ist abgedunkelt, sodass er im Scheinwerferlicht vor dem fast schwarzen Hintergrund geradezu strahlt. In der Hand hält er eine goldene Trompete.
Dann stimmt das Orchester die Begleitung an. Der Junge setzt das Instrument an den Mund und seine „Heimwehmelodie“ erklingt. Die Kameras gleiten durch den Saal und über die Köpfe des bedächtig lauschenden Publikums. Mehrfach zeigen sie die glänzende Trompete in Großaufnahme, in der sich die Scheinwerfer spiegeln. Es ist eine Inszenierung, als würde die hektische Welt für drei Minuten anhalten, bloß um dem kleinen Jungen lauschen zu können. Dass er offensichtlich keinen einzigen Ton tatsächlich spielt und lediglich zum Playback agiert, stört dieses Bild offenbar nicht.
Am Ende des Abends wird er die meisten Anrufe hinter sich versammeln und die Abstimmung mit 19,0 Prozent aller Stimmen für sich entscheiden. Als das Ergebnis bekannt wird, fängt die Kamera hektisch ein, wie Karl Moik den Jungen an sich zieht und umarmt. Fest im Klammergriff streicht er ihm grob durch die Haare und flüstert ihm etwas ins Ohr, das nicht zu verstehen ist. Seine Eltern stehen im Publikum und kämpfen mit den Tränen. Der Junge wirkt dagegen etwas unsicher. Er lächelt tapfer in die Kamera. Ob er sich wirklich freut? Ob er begreift, was gerade passiert? Schwer zu sagen.
Karl Moik stellt sich neben ihn, legt seine Hand väterlich auf seine Schulter und beginnt zu reden: „Liebe Zuschauer, lassen Sie mich jetzt ein kleines Geschichterl erzählen. Ich habe den Stefan im vorigen Jahr im November zufällig kennengelernt bei einer Hochzeit meines Schwagers. Und es war so gegen halb zwölf Uhr nachts, da hat er auf einmal seine Trompete herausgeholt und…“. Moik kann den Satz nicht beenden. Seine Stimme bricht. Er hält sich den Arm vor die Augen und versteckt sich hinter seinem Schützling. Man hört wimmernde Töne. Es klingt, als würde er weinen. Nach ein paar Sekunden fängt er sich wieder. Er umarmt den regungslosen Jungen von hinten. Er klammert sich geradezu an ihn und spricht weiter: „Sind Sie mir nicht böse, ich habe auch nur Nerven. Ich habe ihn also kennengelernt und er hat mit seiner Trompete geblasen. Ich habe ihm seine erste Chance gegeben in unserer Nachwuchssendung ‚Wie die Alten sungen...‘. Dann habe ich ihn zusammen mit Walter Scholz in den ‚Stadl‘ geholt.“ Moik fragt nach einem Taschentuch, da ihm die Tränen und die Nase laufen.
Es ist eine Szene, die streckenweise an ein Laienspiel erinnert, trotzdem unmissverständlich klarmacht, dass hier gerade mit aller Macht (Volks-)Musikgeschichte geschrieben werden soll. Der übergroße, kernige Karl Moik wird von einem Jungen mit seiner Trompete zu Tränen gerührt. Was für ein Bild? Was für eine Adelung? Was für ein Karrierestart? Sehr zur Freude des Musikmanagers Hans R. Beierlein. Er ist der Mann hinter dem „Grand Prix der Volksmusik“ und entscheidet maßgeblich, wer beim „Musikantenstadl“ auftreten darf. Er hat den jungen Künstler zu diesem Zeitpunkt bereits unter Vertrag genommen.
Schließlich wendet sich Moik direkt an den Jungen und fragt: „Jetzt sag‘ mal, was sagst Du dazu?“. Es ist das erste Mal an diesem Abend, dass er überhaupt reden darf, und er antwortet brav: „Das meiste habe ich sowieso Dir zu verdanken.“ Woraufhin Moik ihm ins Wort fällt und poltert: „Ja, Blasen musst Du schon selber.“ Wie sich bald zeigen wird, beschreibt dieser flapsige Satz die weitere Karriere des Jungen erstaunlich treffend. Nämlich die Karriere von Stefan Mross.
„Der größte Skandal der Musikgeschichte“
In den kommenden Jahren etablierte sich Stefan Mross fest in der volksmusikalischen Szene. Er trat regelmäßig in den einschlägigen Fernsehshows auf, veröffentlichte neun Alben, die sich rund fünf Millionen Mal verkauften, und er traf die Volksmusiksängerin Stefanie Hertel, mit der er eine langjährige persönliche und musikalische Beziehung einging. Eine Karriere wie aus dem Notenheft. Bis dahin zumindest.
Am 13. April 1997 dann der Schock. In der „BILD am Sonntag“ warf ihm der Star-Trompeter Walter Scholz Betrug vor. Ausgerechnet der Mann, mit dem er einst seinen ersten gemeinsamen Auftritt im „Musikantenstadl“ von Karl Moik absolviert hatte, behauptete nun, dass Mross in den „größten Skandal der Musikgeschichte“ verwickelt sei. Das Blatt zitierte den Musiker mit den Worten: „Bei TV-Sendungen hält Stefan Mross zum Playback nur die Trompete hoch und greift die Ventile, wie es ihm gerade in den Sinn paßt“. Scholz berichtete, dass er im Studio mehrere Stücke aufgenommen habe, mit denen Mross später aufgetreten sei. Sogar die „Heimwehmelodie“, die einst Moik zum Weinen gebracht hatte, sei in Wahrheit vom inzwischen verstorbenen Trompeter Hannes Kottek eingespielt worden.
Die Meldung breitete sich schnell wie ein Lauffeuer aus. Zu dankbar war die Story über einen Riss in der vermeintlich heilen Volksmusik-Welt. Zu verlockend war sie für viele Journalist:innen, um darüber ihre Häme und ihre Verachtung für die triviale Volksmusik zum Ausdruck zu bringen. Und zu leicht bot der Vorfall die Gelegenheit für alle erdenklichen schlüpfrigen Wortspiele rund um das Wort „blasen“.
Im Zuge der Berichterstattung kamen umgehend Behauptungen auf, Mross könne seine Stücke gar nicht selbst spielen, weil ihm schlicht das nötige Talent fehle. Der musikalische Leiter der Ochsenfurter Blasmusik, German Hofmann, versicherte etwa: „Ich habe schon bestimmt 50mal mit Mross zusammen gespielt und mich oft für seine Leistungen auf der Bühne geschämt.“ Ähnlich äußerte sich Professor Malte Burba von der Kölner Hochschule für Musik, der Mross „absoluten Dilettantismus“ bescheinigte: „In jedem Musikverein gibt es Trompeter, die ebenso gut sind“. Zu Wort meldete sich außerdem der belgische Trompeter Alexandre Malempré, der bei den Auftritten von Mross „schwere Fehler“ bemerkt haben wollte. Er war ebenfalls davon überzeugt, dass andere Künstler:innen dessen Parts übernehmen würden, denn Mross könne „nur sehr tief spielen wie jeder Straßenmusikant“.
Mross‘ Manager Beierlein ging direkt in die Offensive und degradierte Scholz, der die Empörungswelle angestoßen hatte, zum „kleinen Neidhammel“. Zudem verwies er darauf, dass sein Klient derzeit auf Tournee sei und man dort erleben könne, wie dieser ohne Playback glänze. Derweil gab der damals 21-jährige Mross dem Magazin „Stern“ ein Interview, in dem er zugab, zwar „kein Jahrhundert-Trompeter“ zu sein und im Fernsehen Voll-Playback zu nutzen, bei seinen Konzerten aber stets live zu spielen. Kurz darauf berichtete ein Konzertbesucher in einem Leserbrief jedoch davon, dass Mross im Januar in der Schwarzwaldhalle Appenweier auf der Bühne getrunken haben soll, während seine Trompete weiter zu hören war. Auch diese unbelegte Anekdote wanderte ungeprüft durch zahlreiche Berichte.
Der Trompeterkrieg beginnt
Die Situation eskalierte, als Alexandre Malempré im Oktober 1997 wegen Verletzung des Urheberrechts und Betrugs Klage einreichte. Bereits beim Aufkommen der ersten Vorwürfe hatte er erklärt, Mross würde über Fähigkeiten wie ein „Straßenmusiker“ verfügen. Jetzt beschuldigte er ihn, dessen Produzenten Jean Frankfurter und Manager Hans R. Beierlein, bei mindestens fünf Titeln seine Einspielungen als eigene Leistung von Mross ausgegeben zu haben. Nach Malemprés Darstellung hatte er die Passagen in der Überzeugung eingespielt, sie würden bloß als Hintergrundmusik für Titel von Stefanie Hertel verwendet. Tatsächlich wären sie aber als Hauptmelodie auf Mross-Platten zu hören gewesen. Darunter sei der Titel „Ein Lied für jeden Sonnenstrahl“ gewesen, mit dem Stefan Mross und Stefanie Hertel am „Grand Prix der Volksmusik 1995“ teilgenommen hatten. Neben Schadensersatz forderte Malempré deshalb, dass zwei betroffene Alben aus dem Verkehr gezogen werden sollten.
Der Rechtsstreit gipfelte darin, dass die 3. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt im Mai 2000 die Einholung zweier Gutachten anordnete. Sie sollten endgültig klären, von wem die fraglichen Passagen stammten und – viel brisanter – ob Mross musikalisch überhaupt in der Lage sei, eine professionell arrangierte CD einzuspielen. Die Entscheidung war wieder eine Steilvorlage für die Presse. Dass ein Gericht einen Künstler aufforderte, seine Fähigkeiten gutachterlich zu beweisen, war bis dahin einmalig. Darüber hinaus bot der Beschluss erneut reichlich Gelegenheit, Hohn und Spott über Mross auszuschütten. Das Vorspielen fand letztlich im Juli 2000 an der Musikhochschule Detmold statt.
Ein vernichtendes Gutachten
Die Analyse und Auswertung der musikalischen Vorträge dauerte rund ein Dreivierteljahr und lag am 7. März 2001 vor. Über den Inhalt des Gutachtens von Prof. Max Sommerhalder äußerte sich das Gericht nicht und legte es ausdrücklich zu den vertraulichen Gerichtsakten. Ein Geheimnis blieb es dennoch nicht. Auf welchen Wegen die Einschätzung an die Öffentlichkeit gelangte, lässt sich rückwirkend nicht vollständig nachvollziehen. Eine Spur führte allerdings zur Redaktion der Sat.1-Sendung „Akte 01“ mit Ulrich Meyer, die nach eigenen Angaben an eine Kopie des 159 Seiten umfassenden Dokuments gelangt war und darüber in ihrer Ausgabe vom 13. März berichten wollte.
Am Tag vor der Ausstrahlung verschickte die Redaktion eine Pressemitteilung, in der sie vier Sätze aus der Stellungnahme zitierte. Demnach war im Gutachten Folgendes zu lesen:
„Der Beklagte ist generell nicht fähig, eine hochwertige CD mit einer eigenen Trompetenstimme zu produzieren (im Sinne von ‚einzuspielen‘).“
„In Anbetracht dessen, dass ‚Il Silencio‘ ein technisch und musikalisch ausgesprochen leichtes Stück ist, das ein begabter 12jähriger stilgerecht und einwandfrei spielen kann, kann Mross‘ Leistung in diesem Titel nur als stümperhaft bezeichnet werden.“
„Das Talent des Beklagten für das Trompetenspiel kann als durchschnittlich bezeichnet werden.“
„[Der Ausbildungsstand] ist als rudimentär zu bezeichnen, seine Technik wirkt autodidaktisch, feld-, wald- und wiesenmäßig“.
Genau diese vier Aussagen oder einzelne Teile daraus wurden anschließend von unzähligen Zeitungen immer wieder zitiert. Nicht mehr und nicht weniger. Exakt diese Worte geistern bis heute durch das Internet und durch viele Online-Beiträge. Die Vermutung liegt daher nahe, dass die „Akte“-Redaktion einen entscheidenden Beitrag dazu leistete, dass die vertraulichen Inhalte an die Öffentlichkeit gelangten. Besonders brisant war dies, weil das Gericht im Februar 2002 entschied, das Gutachten im weiteren Prozess nicht zu berücksichtigen.
Schadensbegrenzung von allen Seiten
Für Mross war die Veröffentlichung der Gutachtenpassagen natürlich ein schwerer Schlag. Sie schienen all die Behauptungen und Vorwürfe der vergangenen Jahre mit vernichtenden Worten zu bestätigen. Bis dahin hatten sich die meisten Anschuldigungen irgendwie zurückweisen oder relativieren lassen. Das gelang selbst bei entlarvenden Momenten wie dem Auftritt in der Comedyshow „Darüber lacht die Welt“. Dort hatte der verkleidete Hape Kerkeling den ahnungslosen Mross vor laufenden Kameras überredet, im Englischen Garten in München ein Stück auf der Trompete vor vier nackten Menschen zu spielen. Seine schiefen Töne erklärte Mross im Studio damit, vor lauter Verwirrung das falsche Mundstück aus dem Koffer genommen zu haben.
Doch diese Worte, die nun aus dem Gutachten überall kursierten, bedrohten seine über zehnjährige Karriere ernsthaft. Ein Befreiungsschlag musste her. Und hier kam einmal mehr sein Förderer Karl Moik ins Spiel, der seine Entdeckung retten sollte. In wenigen Tagen stand die nächste Ausgabe des „Musikantenstadl“ an. Nicht irgendeine beliebige Folge. Es war die Jubiläumsshow zum 20-jährigen Bestehen des Formats. Für diese kündigte Mross an, das Stück „Granada“ live im Fernsehen aufzuführen, um ein für alle Mal zu beweisen, dass er tatsächlich gut Trompete spielen konnte.
Die Erwartungen an den Abend waren entsprechend hoch. Wenig hilfreich für Mross zeigte sich im Vorfeld ausgerechnet Karl Moik, der ihm in mehreren Interviews eher in den Rücken fiel als ihm diesen zu stärken. So wurde er in der Leipziger Volkszeitung gefragt, ob Mross denn nun trompeten könne. Seine Antwort war bezeichnend: „Er kann. Doch um ehrlich zu sein, er ist kein Walter Scholz, den ich bewundere. Stefan Mross hat viel dazugelernt. Bei den Aufnahmen zu seiner letzten CD war ich selbst dabei und habe mich gewundert, wie gut er geworden ist. Ich geb‘ ihm aber immer wieder den Rat: ‚Buab, üben, üben, üben.‘“
In einem anderen Interview wiederholte Moik seine Einschätzung fast wortgleich und stellte überdies fest, dass Mross zwar ein Musiker sei, „aber es gibt bessere“. Die für den BR zuständige Redaktionsleiterin Helge Rösinger räumte ebenfalls ein: „Uns ist seit längerem bekannt, dass Stefan Mross Defizite im Trompetenspielen hat“. Aber, so Rösinger weiter, „in unserer Branche wird viel rumgetrickst. Da gibt es noch ganz andere als Herrn Mross.“
Sogar Hans Beierlein versuchte sich vorab in Schadensbegrenzung, indem er darum bat zu bedenken, dass „Mross kein Musterschüler oder Wettbewerbstrompeter ist, sondern ein Praktiker“. Zugleich stellte er klar, dass niemand je behauptet habe, Mross sei ein Weltklasse-Trompeter. Vielmehr sei seine Ausstrahlung ein wesentlicher Teil seines Erfolges. Von viel Vertrauen in die waghalsige Aktion zeugten all diese Stimmen nicht.
Meisterprobe im Musikantenstadl
Der große Geburtstag des „Musikantenstadl“ wurde am 24. März 2001 aus dem Austria Center in Wien übertragen. Hierzu hatte das Team in der Mehrzweckhalle die ikonische Scheunenkulisse aufgebaut und die typischen Bierbänke und Tische auf der Fläche verteilt, auf denen Tausende Volksmusikfans Platz nahmen. Pünktlich um 20.15 Uhr stimmte das tschechische Zentralorchester aus Prag das Stück „Einzug der Gladiatoren“ an. Dazu tanzten Dutzende Artist:innen und Gaukler:innen in bunten Kostümen mit ihren Fackeln, Jonglierkeulen, Einrädern oder Stelzen durch die Reihen. Erst nach der dreiminütigen Eröffnung trat Karl Moik auf die Bühne und begrüßte sein Publikum: „Liebe Stadl-Freunde zu Hause, wo immer Sie unsere Gäste heute sind, herzlich willkommen zu unserem kleinen bescheidenen Jubiläum.“ In seiner Anmoderation konnte er sich einen Seitenhieb gegen das andere große 20-jährige Show-Jubiläum, das sieben Tagen zuvor ausgiebig zelebriert wurde, nicht verkneifen: „Ich sag‘s gleich, sechs Stunden wie bei ‚Wetten, dass..?‘, das können wir uns nicht leisten.“ Stattdessen habe man „zwei Stunden und ein paar zerquetschte“ um über die vergangenen Jahre „ein bisserl Bilanz ziehen“ zu können.
Rund 45 Minuten lang folgte das gewohnte Stadl-Programm. Moik trug ein Potpourri der schönsten Wienerlieder vor. Die Klostertaler besangen „3 Tiroler im Gummiboot“. Die Kern Buam tanzten zu ihrer „Illo Polka“ und Margot und Maria Hellwig trällerten allen ihr „Servus, Gruezi und Hallo“ entgegen.
Nach einer eingespielten Grußbotschaft von Sepp Trüsch richtete sie sich die Kamera auf Moik, der bedächtig zu den Zuschauenden sprach: „Jetzt darf ich einen jungen Mann begrüßen, den ich selbst entdeckt habe. Derzeit hat er ein bisschen Probleme – aber er ist auf Tournee. Er steht jeden Tag auf der Bühne und spielt live, genauso wie heute hier bei uns beim ‚Musikantenstadl‘. Ich verbürge mich dafür: Er spielt live. Hier ist Stefan Mross mit ‚Granada‘.“
Neben ihm stand nun der mittlerweile 25-jährige Mross in einem weinroten Anzug. Vor ihm war auffällig präsent ein Mikrofon mit Stativ aufgebaut. Es sollte unmissverständlich unterstreichen, dass er tatsächlich live die Trompete blasen würde. Eine A-cappella-Darbietung präsentierte er trotzdem nicht. Stattdessen begleitete ihn das Orchester mit einem dominanten Arrangement. Vielleicht um mögliche Unsicherheiten abzufedern. Zwischen gewaltigen Blumengestecken und vor schunkelnden Backgroundsänger:innen spielte Mross beinahe um sein Leben. Mit höchster Konzentration und sichtlich angespannt sehnte er sich dem befreienden Ende der Nummer herbei. Nach dem letzten lang gezogenen Ton fiel seine Anspannung ab und er war merklich froh, die Situation überstanden zu haben.
Bevor Karl Moik etwas sagen konnte, stürmte eine Frau auf die Bühne und überreichte Mross einen Blumenstrauß. Wenigstens eine Person schien die Leistung überzeugt zu haben. Dann fällte Moik sein öffentliches Urteil: „Nicht schlecht, Buab.“ Hiernach wiederholte er die Anekdote von ihrem Kennenlernen, die er im Jahr 1989 auf der Bühne des „Grand Prix“ zum ersten Mal erzählt hatte. „Den habe ich entdeckt in Kitzbühl, wie er 13 Jahre jung war. Mein Schwager hat geheiratet und gegen elf kam der Buab und hat gespielt.“
Es wirkte wie ein Full-Circle-Moment – und doch nicht ganz. Denn diesmal machte Moik nicht einmal im Ansatz den Eindruck, als würde er gleich weinen. Stattdessen ergänzte er seine Geschichte um einen entscheidenden Satz. Er bemerkte, dass es damals „nicht einmal das Spiel“ gewesen war, was ihn bewegt hätte. „Es war die Ausstrahlung. Der blonde Wuschelkopf.“ Und so bekam Mross an diesem Abend endgültig eine neue Rolle zugewiesen. Weg vom vermeintlichen Trompetensolisten, hin zum Entertainer, dessen Wirkung wichtiger war als sein musikalisches Talent. Zum Gesamtpaket – wie Dieter Bohlen bald zu Kandidat:innen sagen wird, die zwar nicht singen können, aber unterhaltsam sind.
Beim Adventsfest der großen Versöhnung
Man könnte meinen, damit wäre die Angelegenheit überstanden und diese Telegeschichte beendet. Doch in der vermeintlichen Zuckerwelt der Volksmusik brauchte es für den öffentlich im Fernsehen ausgetragenen Trompeterkrieg noch einen emotionalen Abschluss auf großer Bühne… und mit Tränen.
Für diesen Moment sorgte letztlich das „Adventsfest der Volksmusik“ am 29. November 2005. Dort war Mross eingeladen, um in der ewigen Weihnachtskulisse aus Styroporschnee seinen 30. Geburtstag zu feiern. Nach seinem Auftritt hielt Gastgeber Florian Silbereisen ihn plötzlich zurück. „Ich hab‘ noch eine Überraschung für dich“. Gekünstelt irritiert drehte sich Mross um und erblickte seinen alten Widersacher Walter Scholz. Also den Mann, der die Affäre acht Jahre zuvor mit seinem Interview in der „BILD am Sonntag“ ins Rollen gebracht hatte. Jetzt wandte sich Scholz zu Mross und reichte ihm die Hand: „Ich möchte mich dafür entschuldigen“. Mit Tränen in den Augen nahm Mross die Versöhnung an und umarmte Scholz. Zum Abschluss spielten beide noch gemeinsam „Heidschi-Bum-Beidschi“. Natürlich im Voll-Playback. So geht Happy End.
Fast zeitgleich endete auch der Rechtsstreit still und heimlich. Die Parteien einigten sich außergerichtlich, und nahmen die Klage zurück. Unter welchen Bedingungen dies geschah, blieb unter Verschluss.
Ob Mross tatsächlich Passagen, die Alexandre Malempré eingespielt hatte, als seine eigenen ausgab, wurde dadurch nie abschließend geklärt. Die Aussagen der Beteiligten fügten sich jedoch über die Jahre beinahe wie ein Puzzle zusammen. Im März 2001 sprach Manager Beierlein in der Sächsischen Zeitung davon, Stefan Mross habe auf den umstrittenen Aufnahmen lediglich „mitgewirkt“. Ein bemerkenswert dehnbarer Begriff, der vieles offenhielt. Wenige Jahre zuvor hatte Mross‘ Anwalt Fidelio Unger im Wiesbadener Kurier schon bestätigt, die Solo-Stimmen bestünden „wie in der Branche allgemein üblich aus mehreren, übereinandergemischten Trompeten-Einspielungen.“ Und Beierlein ergänzte in der Frankfurter Neuen Presse noch einen entscheidenden Satz: „Welche Stimme in den Vordergrund gemischt werde, sei ausschließlich Sache des Produzenten.“ Damit war eigentlich klar, was geschehen war.
Nach all den Ereignissen konnte niemand ernsthaft noch glauben, dass Mross ein außergewöhnlich talentierter Trompeter gewesen sei. Das wäre im Grunde nicht verwerflich, wenn man nicht einst behauptet hätte, sein gefühlvolles Spiel habe Karl Moik zu Tränen gerührt. So war die Fallhöhe derart groß, dass er von ihr nicht unbeschadet herabsteigen konnte.
Seitdem verschwand der Trompeter Stefan Mross allmählich hinter dem Entertainer und Sänger Stefan Mross. Sein größter Coup gelang ihm, als er 2005 die Moderation der beliebten Sendereihe „Immer wieder sonntags“ übernahm. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.
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