© Screenshot RTL
Kloeppel spricht vor allem davon, was man alles noch nicht wisse. Die Zahl der Opfer ist unbekannt. Wie viele lebende Menschen sich noch in den Gebäuden befinden, ist unklar. Ob die Aussichtsplattform schon geöffnet hat: unsicher. Ob Sprinkleranlagen vorhanden sind und noch funktionieren: Wer weiß? Wer hinter den Anschlägen steckt, darauf gibt es noch keine Hinweise. Das einzige, was er sagen kann, ist, dass es sich nach dem Aufprall der zweiten Maschine um "eine Explosion ungeahnten Ausmaßes handelt, bei der mit Sicherheit mehrere hundert Menschen ums Leben gekommen sind."
Während er diese Worte spricht, sind Aufnahmen der brennenden Türme zu sehen, aus denen schwarze Rauchsäulen aufsteigen. Die Bilder übernimmt RTL direkt vom amerikanischen Nachrichtensender CNN. Sie stammen von einer Kamera, die auf einem anderen Hochhaus in Manhattan dauerhaft installiert ist, um jederzeit auf Live-Szenen von den Twin Towers als Hintergrundbild für Nachrichten aus dem Börsen- und Finanzbereich zugreifen zu können. Ihre Aufnahmen gehen in diesem Moment um die ganze Welt. "Es sind Bilder", kommentiert Kloeppel, "die wir in dieser Schrecklichkeit, dieser Tragweite noch nie von einem Anschlag zu sehen bekommen haben."
Knapp sechs Minuten dauert die erste Sondersendung auf RTL. Danach wird die unterbrochene Ausgabe der Quizshow fortgesetzt. Kloeppel stellt aber bereits in Aussicht, dass man sich wieder melden würde, sobald neue Informationen vorliegen.
"Es gibt kein World Trade Center mehr"
Es vergehen exakt 13 Minuten, bis Peter Kloeppel um 15:28 Uhr wieder auf dem Schirm erscheint. Diesmal wird die Ausstrahlung von "Der Schwächste fliegt" endgültig abgebrochen. Zu dramatisch sind die Ereignisse in New York, zu sehr überschlagen sich die Meldungen. Auf die vielen Fragen hat der Anchorman noch immer nur wenige Antworten. Vielmehr versucht er vor laufenden Kameras zusammen mit seinem Team, all die eingehenden Details zu sortieren und die unübersichtliche Lage in New York greifbar zu machen. Dabei hilft ihm seine genaue Kenntnis des Landes und der Stadt. So kann er die verschiedenen Orte auch geografisch zueinander einordnen. Als Rauch auch aus der Hauptstadt Washington gemeldet wird, erkennt er allein anhand der Bilder und der umliegenden Gebäude, dass das Pentagon möglicherweise betroffen sein könnte.
Eine Minute nachdem RTL um 15:58 Uhr in eine kurze Werbepause wechselt, stürzt in den USA der Südturm ein. Doch die Verantwortlichen reagieren schnell und beenden die Werbepause. Mit nur wenigen Sekunden Verzögerung kann Kloeppel die dramatischen Momente nachreichen.
Kurz darauf führt er ein langes Telefonat mit Rolf Schmidt-Holtz, dem Chef der Bertelsmann Music Group (BMG), deren Büros sich nicht unweit vom World Trade Center befinden. Um 16:28 Uhr erzählt Schmidt-Holtz, dass seine Kollegen bereits überlegen, wo sie übernachten können, falls sie Manhattan heute nicht mehr verlassen können. Mitten im Satz hält er kurz inne und vermeldet dann: "Jetzt bricht der zweite Turm zusammen." Im Hintergrund des Telefonats sind schockierte Menschen zu hören, ein lautes "Oh My God". Sekundenschnell fasst der Manager die Lage zusammen: "Es gibt kein World Trade Center mehr. New York hat sein Wahrzeichen verloren." Im parallel laufenden Live-Stream ist zu sehen, wie der obere Gebäudeteil des Nordturms langsam absinkt und in einer gigantischen Staubwolke verschwindet. Das Publikum erlebt den zweiten Einsturz damit live am Bildschirm.
Bis 22.30 Uhr berichtet RTL an diesem Tag ununterbrochen und live über die Anschläge und ihre Folgen. In dieser Zeit steht Kloeppel fast pausenlos vor der Kamera. Am Ende werden es siebeneinhalb Stunden sein.
Das Fernsehen im Ausnahmezustand
Die Geschehnisse in den USA dominieren bald auch das Programm der anderen Kanäle, die nach und nach ihre regulären Sendepläne über den Haufen werfen und stundenlange Sonderberichte zeigen. Das ZDF beginnt damit um 15.43 Uhr, das Erste fast zeitgleich um 15:48 Uhr. Es folgen Sat.1 (ab 16:03 Uhr), RTL II (ab 17:31 Uhr), ProSieben (ab 18:02 Uhr) und schließlich Vox (ab 18:42 Uhr). Damit pausiert das reguläre Fernsehen fast vollständig. Selbst 9Live setzt seine Telefongewinnspiele aus und klinkt sich in das Signal des Nachrichtensenders N24 ein. Und VIVA verzichtet auf jegliche Musik und zeigt stattdessen für viele Stunden bloß ein Schwarzbild.
Einzig die UEFA besteht darauf, die an diesem Tag geplanten Partien in ihren Wettbewerben stattfinden zu lassen. Während das ZDF die Begegnung des SC Freiburg im Europapokal nicht zeigt, fühlt sich RTL verpflichtet, seine Verträge über eine ausführliche Zusammenfassung der Spiele von Schalke 04 und Borussia Dortmund in der Champions League zu erfüllen. In seinem Kommentar beschränkt sich Christian Bartels allerdings auf das Notwendigste und kommt mehrfach auf die Anschläge zu sprechen. Der Pay-TV-Anbieter "Premiere World" ist sogar verpflichtet, die Matches live und in voller Länge zu übertragen. Doch die Reporter weigern sich, ans Mikrofon zu treten, sodass die Spiele dort ohne jeglichen Kommentar laufen. Spätestens jetzt ist klar, dass der heutige Tag eine historische Zäsur darstellt, die vieles infrage stellen wird.
Für die meisten Menschen ist das Fernsehen in den ersten Stunden nach den Flugzeugabstürzen die zentrale Informationsquelle. Zu denjenigen, die die Ereignisse gebannt vor den TV-Bildschirmen verfolgen, gehört auch das Autorenteam der "Harald Schmidt Show". Es sitzt im "Studio 449" in Köln und bereitet eigentlich die Ausgabe für den heutigen Abend vor. Geplant ist darin unter anderem ein witziger Beitrag zum großen "IQ-Test", den RTL am Samstag veranstaltet hat, sowie ein Auftritt der Autorin Elke Heidenreich. Doch zu all dem wird es nicht kommen.
Wie geht es weiter mit "TV Total" und der "Harald Schmidt Show"?
"Wir haben damals als Autoren in einem Vier-Mann-Büro gesessen und hatten den Fernseher laufen", erinnert sich Autor Ralf Kabelka 25 Jahre später im Gespräch mit DWDL.de. "Schmidt kam aus seinem Büro zu uns rüber und wir haben alle zusammen die Bilder aus New York angesehen." Dabei ging es nicht mehr darum, Material für die Show zu generieren. Sie wollten wie alle anderen Menschen in erster Linie die Lage überblicken und verstehen. "Irgendwann hat Harald Schmidt gesagt: ‚Ich muss jetzt mal mit dem Sender telefonieren‘ und ist in sein Büro gegangen", so Kabelka. "Es ging dabei um die Frage, ob man an diesem Tag noch eine Sendung machen kann." Schnell stellt sich heraus, dass heute keine Show mehr aufgezeichnet oder ausgestrahlt wird. Und wie es am nächsten Tag weitergeht, bleibt ungewiss. Ein Großteil der Crew findet sich später in der Bar im Foyer zusammen. Man sieht fern, spricht, versucht zu verstehen. Unter ihnen sind auch einige Zuschauende, die bereits angekommen waren, um die geplante Show im Publikum live mitzuverfolgen.
Ähnlich geht es rund zehn Kilometer entfernt im Capitol-Theater zu, wo die Autoren von "TV Total" an den Vorbereitungen für die Dienstags-Ausgabe sitzen. Auch bei ihnen laufen den ganzen Tag die Fernseher, in manchen Büros sogar vier gleichzeitig. Nicht verwunderlich für die Redaktion einer Sendung, die davon lebt, sich über ungewollte Fehltritte im Fernsehprogramm lustig zu machen. Dadurch sieht das Team schon in den ersten Minuten die apokalyptischen Szenen aus New York. Wie bei den Kollegen der "Schmidt Show" stellt sich auch hier schnell die Frage, wie es mit der heutigen Aufzeichnung weitergeht. "Uns war relativ schnell klar, dass wir an dem Abend keine Sendung machen würden", erzählt der damalige "TV Total"-Autor Christoph Schulte-Richtering im Gespräch mit DWDL.de. "Sowohl aus Pietätsgründen als auch aus nachrichtentechnischen Gründen, weil wir schon wussten, dass es umfangreiche Sonderberichterstattungen geben wird."
"TV Total" und "Die Harald Schmidt Show" sind längst nicht die einzigen Produktionen, die an diesem Abend der Nachrichtenlage weichen. Bei RTL II steht eigentlich der ersehnte Start der zweiten Staffel von "Popstars" an, Sat.1 verzichtet auf die Premiere des TV-Films "Natalie IV – Das Leben nach dem Babystrich". Bei RTL bleibt der "Medicopter 117" am Boden, und weder Ulla Kock am Brink noch Steven Gätjen können in ihren Quizformaten "Ca$h – Das Eine Million Mark Quiz" und "Speed – Time Is Money" Geld unter die Leute bringen.
Sendepause – Keine Comedy im Fernsehen mehr
Die nächsten Tage bleiben eine Ausnahmesituation. Noch immer füllen Sondersendungen weite Flächen des Programms der großen Fernsehanbieter. Noch immer sitzt der Schock tief. Noch immer ist die Angst vor weiteren Terroranschlägen allgegenwärtig. Niemand ist gerade zum Lachen zumute und so fallen auch am Mittwoch "TV Total" und "Die Harald Schmidt Show" aus. Dennoch fahren die meisten Autoren der beiden Redaktionen in ihre Büros, denn sie glauben fest daran, irgendwann wird es weitergehen.
© Screenshot ProSieben
Zeitgleich zu dieser Verwirrung um Raabs Rückkehr verkündet die Sat.1-Sprecherin Kristina Fassler, dass Harald Schmidt mit seiner Late-Night-Show "wahrscheinlich für den Rest der Woche aussetzen" werde. "Er will nicht auf den Sender und wir wollen es auch nicht."
Längst prüfen die Häuser alle Sendungen, Bilder und Aussagen in ihrem Programm gewissenhaft daraufhin, ob diese in einer Zeit der Bestürzung den falschen Ton treffen oder unpassende Assoziationen zu Katastrophen herstellen könnten. Sat.1 nimmt neben der "Harald Schmidt Show" auch die Sketchreihen "Mircomania" und "Der Dicke und der Belgier" sowie "Deutschlands dümmste Gauner" und das sensationslüsterne Format "echt wahr" aus dem Sendeplan. Außerdem muss die "Wochenshow" ihren wichtigen Neustart verschieben.
Bei ProSieben entfallen derweil die "Bullyparade" und "Switch" sowie die Katastrophenfilme "Das große Inferno" und "Godzilla". Das ZDF nimmt die "Lustigen Musikanten" aus dem Programm. Bei Vox wird der Streifen "Das Beben von New York" ersetzt und bei Kabel 1 der Klassiker "Beim Sterben ist jeder der Erste". RTL lässt wiederum die wöchentlichen Comedyreihen "7 Tage, 7 Köpfe" und "Freitag Nacht News" pausieren und tauscht eine Folge der Action-Serie "Der Clown" aus, weil darin ein Giftgasanschlag gezeigt wird.
Zurück zur Normalität – Darf man schon wieder lachen?
So wird im deutschen Fernsehen auch am ersten Wochenende nach dem 11. September noch wenig gelacht. Bewegung entsteht erst, als der US-Präsident George W. Bush am Sonntag bei seiner Ankunft im Weißen Haus eine kurze Ansprache hält. Er bittet das amerikanische Volk darum, wieder zurück an die Arbeit zu gehen. "Tomorrow the good people of America go back to their shops, their fields, American factories, and go back to work." Damit setzt er ein Signal für das Ende des trauernden Stillstands und fordert das Land auf, langsam zu einer Normalität überzugehen.
Diese Aussagen nimmt das Team von "TV Total" in Deutschland zum Anlass, am Tag darauf wieder auf die Bildschirme zurückkehren zu wollen. Doch wie kann das Comeback einer tagesaktuellen Comedyreihe nach einem solchen Einschnitt aussehen? Wie kann "TV Total" in angemessener Form auf die Ereignisse reagieren? Es geht schließlich um eine Show, die vor allem wegen ihrer derben Späße und ihres nicht zimperlichen Tons bekannt ist. Worüber darf man jetzt überhaupt noch Witze machen? Welche Themen sollte man besser meiden? Und ist es nicht noch zu früh für eskapistische Unterhaltung?
Zu diesen drängenden Fragen äußern sich auch einige Komiker:innen in einem Artikel, der an diesem Montag im Nachrichtenmagazin "stern" erscheint. Dort wird unter anderem Karl Dall zitiert, der sich zunächst für Zurückhaltung ausspricht: "Für Humoristen ist es momentan sicher besser, still zu sein." Er könne sich derzeit keine Comedy ansehen, "geschweige denn, die Leute selbst zum Lachen zu bringen." Einen gegensätzlichen Standpunkt vertritt sein Kollege Jürgen von der Lippe: "Wir brauchen die Unterhaltung jetzt so dringend wie der Schwimmer den Beckenrand. Es war schon immer so: Wenn sich im Zirkus der Trapezartist zu Tode gestürzt hat, dann kamen die Clowns in die Manege, um abzulenken. Das ist jetzt unsere Pflicht." Der für seine Grenzüberschreitungen bekannte Ingo Appelt bietet im Text indirekt sogar schon die ersten Jokes an, indem er sich fragt, was passieren würde, wenn er jetzt in ein Flugzeug steigt und sage: "Einmal 34. Stock bitte."
Derartige Fragen stellen sich für die Crew von "TV Total" allerdings nur am Rande, wie Autor Christoph Schulte-Richtering erzählt. Man habe bereits seit Beginn des Formats einen "starken Wertekompass" gehabt, der sich auch in dieser extremen Situation bewährt und solche Diskussionen überflüssig gemacht habe: "Wir wussten einfach, dass es nicht lustig ist, wenn es bestimmte Dinge trifft – zum Beispiel Bin-Laden-Witze oder über die einstürzenden Türme, die ja durchaus Potenzial für Bilder von MAZen gegeben hätten – weil dir das Lachen im Halse stecken bleibt. Ein Gag ist tot, wenn dahinter eine tragische Geschichte steht."
Gleichzeitig ist sich das Team bewusst, dass man nach den grausamen Eindrücken der vergangenen Tage die Show nicht einfach mit einer üblichen Ausgabe fortsetzen könne. Zu viel Raum soll die Tragödie aber auch nicht einnehmen, denn man will ja ausdrücklich wieder zur Normalität zurück. Deshalb entscheidet man sich für wenige, aber gezielte Eingriffe.
Mitten im Affenzoo - Die Rückkehr von "TV Total"
Am Abend des 17. Septembers 2001 startet die erste Ausgabe von "TV Total" nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York. Die Show beginnt zunächst mit dem gewohnten Vorspann, doch anstatt wie üblich möglichst schnell das Geländer der Showtreppe herunterzurutschen, nutzt Raab diesmal die Stufen. Anstelle des regulären Stand-ups stellt er anschließend eine Art Disclaimer voran. Spürbar verunsichert und noch stärker stotternd als sonst erklärt er, dass es keinen idealen Zeitpunkt für seine Rückkehr gebe. Als Begründung, warum er den heutigen Tag gewählt hat, verweist er ausdrücklich auf die Ansprache von Präsident Bush. Und dann liefert er eine vorauseilende Entschuldigung ab: "Haben Sie bitte Verständnis dafür, wenn wir heute und auch in den nächsten Tagen vielleicht die eine oder andere Härte vermissen lassen, die Sie sonst von uns gewohnt sind."
Nach diesen überraschend defensiven Worten gibt Raab direkt in die Werbepause ab. Viel früher als sonst. Der Zeitpunkt für die Unterbrechung ist bewusst gewählt, wie Christoph Schulte-Richtering weiß: "Diese Werbepause war für uns ein Vehikel, um danach unbeschwert einen Cut zu machen und die Sendung wieder bei Null anfangen zu können." Und tatsächlich schließt sich nach dem Break im Grunde eine gewohnte Episode an, die gar nicht so viel milder ausfällt als andere und die bekannten Elemente enthält. Es gibt unabsichtlich witzige Antworten aus dem "Familienduell" zu sehen, eine ältere Dame, die in einem Telefonspiel nicht folgen kann, und einen typischen "TV Total"-Einspieler anlässlich der bevorstehenden internationalen Autoausstellung. Das Finale bildet eine Ausgabe der Rubrik "Raab in Gefahr", in der Stefan einen Affenzoo in den Niederlanden besucht und dort die ratlosen holländischen Gäste veralbert, indem er sie konsequent auf Deutsch anspricht.
Bloß in zwei Momenten scheinen die Ereignisse aus New York und Washington durch. Seinen Gast Rüdiger Hoffmann fragt Raab, ob er letzte Woche "gespielt" habe. Außerdem ist das Intro von "Raab in Gefahr" neu, weil in der ursprünglichen Version ein Flugzeugabsturz enthalten war. Als "ordinäre Gewöhnlichkeit" aus "Nichtigkeiten und Nullitäten" bewertet der Journalist Rüdiger Heimlich den Auftakt von "TV Total" am Folgetag im Kölner Stadt-Anzeiger. Ihm falle es schwer, sich daran zu "gewöhnen, dass man sich daran wieder gewöhnen soll."
Letterman trifft den Ton – Die Rückkehr der Late-Night-Shows in den USA
Der Redaktion von "TV Total" kann man zugutehalten, dass ihr und der gesamten Branche zu diesem Zeitpunkt noch eine Orientierung für den Umgang mit Comedy in dieser Ausnahmesituation fehlt. Erst am Dienstag und damit am Tag nach "TV Total" kehren in den USA die wichtigsten Late-Night-Shows zurück. Dort verzichten auch Jay Leno, Conan O’Brien und David Letterman auf ihre üblichen Stand-ups und eröffnen ihre Shows mit persönlichen und rührenden Prologen. Am bewegendsten gelingt dies Letterman, dessen "Late Show" unweit von Ground Zero entsteht. Er trifft für viele Amerikaner:innen genau den richtigen Ton zwischen ehrlicher Betroffenheit und ermutigendem Patriotismus.
© Screenshot Sat.1
Einige Tage später steht es endlich fest. Ab Dienstag, den 25. September, soll die "Harald Schmidt Show" wieder auf Sendung gehen. Und so stellt sich auch im Studio 449 die Frage, wie eine solche Rückkehr aussehen kann. Den Umgang von "TV Total" und David Letterman mit den Terroranschlägen hatte man natürlich aufmerksam verfolgt, erinnert sich Autor Ralf Kabelka gegenüber DWDL.de. "Der Betroffenheitspathos von Letterman auf der einen Seite und Raab mit dieser Wurschtigkeit, der das Thema schnell abgehandelt hat, auf der anderen, da wussten wir zumindest, wir müssen einen anderen Weg finden."
Auf der Suche - Die "Harald Schmidt Show" ist wieder da
Bei der Rückkehr der "Harald Schmidt Show" genau zwei Wochen nach den Ereignissen vom 11. September scheint sich zunächst nicht viel geändert zu haben. Einzig die seit Jahren prägende BSE-Schleife fehlt am Revers seines Anzugs. Weil BSE nun offiziell als geheilt gilt, wie er später nachreicht. Und doch ist heute alles etwas anders. Schmidt verzichtet wie zuvor schon Stefan Raab und seine amerikanischen Kollegen auf einen ausführlichen Stand-up mit vorformulierten Punchlines. Was er an diesem Abend präsentiert, basiert nicht auf einem abgestimmten Skript, erkennt Ralf Kabelka an. "Das war Schmidt‘s Sendung. Das war keine Autorensendung, die von vielen Leuten vorbereitet war."
"Herzlich willkommen in unserer amerikanisch-russisch-deutschen Völkerfreundschaftssendung", begrüßt der Moderator sein Publikum. Und er setzt gleich nach: "Unser Thema heute: die uneingeschränkte Solidarität mit unseren amerikanischen Freunden." Dann stellt er offensiv die entscheidende Frage: "Sind wir schon wieder so weit, dass wir lachen?" Eine rhetorische Frage natürlich, denn die Antwort liefert er allein dadurch, dass er vor ihnen steht. Für die Menschen im Saal wirkt dieser Kunstgriff jedoch befreiend, denn Schmidt gibt ihnen damit die Erlaubnis, jegliche Bedenken und Hemmungen abzulegen, die sie vielleicht mitgebracht haben.
In der nächsten halben Stunde greift er viele weitere solcher Fragen auf. Etwa: Rückkehr zur Normalität? Was soll das genau heißen? "Wieder besoffen Auto fahren und die Ehefrau verprügeln?" Aber er dekliniert die Themen nie vollständig durch. Er streift sie nur kurz. Die Sendung folgt ohnehin keinem klar erkennbaren Ablauf. Sie ist eher eine Ansammlung von Fragmenten, von Gedanken, von Puzzleteilen, die nur gemeinsam eine Ahnung von einem Bild ergeben. Mit seinen scheinbar erratischen Einlassungen zum Jubel für Putins Rede im Bundestag, zum Auftritt von Peter Scholl-Latour in der Talkshow "Friedmann" und zu bestimmten wiederkehrenden Formulierungen, die von Politiker:innen und Nachrichtensprecher:innen oft bemüht wurden, vollzieht er eine Suchbewegung. Zwischen all diesen Eindrücken der vergangenen Wochen versucht er eine Verbindung herzustellen und damit irgendeinen Zugang zu ihnen zu legen.
"Eine Lehrstunde der intelligenten Unterhaltung"
"Es ging darum, die eigene Betroffenheit und Bestürzung irgendwie verarbeiten zu können. Um es küchenpsychologisch zu sagen, einen Ansatz zu finden, wie man damit umgehen kann. Das ist eine typische Schmidtsche Herangehensweise, dieses Phrasenpotpourri - etwa die Rede von der ‚uneingeschränkten Solidarität mit dem amerikanischen Volk‘ - aufzugreifen", schätzt Schmidt-Autor Ralf Kabelka die Sendung aus heutiger Sicht ein.
Dieses Vorgehen kommt bei vielen Journalist:innen offenbar gut an, denn es regnet Lobeshymnen und anerkennende Besprechungen. Helga Hopp bescheinigt Schmidt beispielsweise in der Berliner Zeitung, einen "bravourösen Spagat zwischen Bissigkeit und Philosophie" abgeliefert zu haben. Reinhard Lüke spricht in der Frankfurter Rundschau von einer "Lehrstunde der intelligenten Unterhaltung".
Begeistert zeigt sich auch Frank Kaspar in der FAZ. In Schmidts Fernsehkritik, die er "mit allen Mitteln des Fernsehens" inszeniert, erkennt er einen "kunstvollen Bienentanz um eine leere Mitte". Schmidt, so Kaspar weiter, betreibe mit seiner "avancierten Stilkritik des Mediengeschehens und Ausdruckskunde des Politischen" eine postmoderne Aufklärung, wie sie es sonst nur den "Simpsons" gelänge. Und Rüdiger Heimlich, der vor knapp einer Woche noch den ersten Auftritt von Raab verriss, ist nun von Schmidts "beruhigender Verunsicherung" angetan.
Dass Harald Schmidt bei solchen Kritiken besser wegkommt als Stefan Raab, ist unabhängig von ihrer jeweiligen Leistung nicht allzu verwunderlich. Gilt er doch schon lange als intelligenter Liebling des Feuilletons. Raab konnte diesen Status nie erreichen. Er hat sich aber auch nie darum bemüht.
Raab und Schmidt - Zwei Shows, zwei Ansätze
Unabhängig davon, wie man heute zu "TV Total" und zur "Harald Schmidt Show" steht oder die Haltungen und Entwicklungen von Stefan Raab und Harald Schmidt einschätzt, spiegeln sich in den jeweiligen Reaktionen auf den 11. September zwei sehr unterschiedliche Wege wider, wie Comedy im Fernsehen mit derartigen Katastrophen umgehen kann. Der eine Weg baut nach einer kurzen Pause auf einen expliziten Neustart und das anschließende Ausblenden der schmerzhaften Ereignisse. "TV Total" setzt auf ein Lachen trotz der Katastrophe, trotz der Barbarei, trotz der Unsicherheiten. Vielleicht ein befreiendes, ein entlastendes Lachen. Schmidt versucht dagegen, mithilfe eines satirischen Zugangs und der Überspitzung den unfassbaren Schrecken doch irgendwie zu fassen und verarbeiten zu können. Es ist ein nachdenkliches, verarbeitendes Lachen, das nie vollends befreiend wirken kann.
Am Abend des 11. Septembers war übrigens trotz all der Bestürzung "TV Total"-Showpraktikant Elton auch etwas erleichtert. Denn geplant war ursprünglich der Auftritt von zwei echten Krokodilen, mit denen er in einer Ritterrüstung in ein Schwimmbecken steigen sollte. Eine Aktion, vor der er aus nachvollziehbaren Gründen große Bedenken hatte. Die Anschläge aber brachten ihm nur eine Verzögerung ein, denn am 18. September waren die Tiere erneut eingeladen und diesmal gab es für ihn keinen Ausweg. Das allerdings ist eine ganz andere Telegeschichte.
Weitere Telegeschichten rund um "TV Total" und "Harald Schmidt Show"
von 


