Vorurteil der Woche

Die ARD und die Jugend - ein "Umsetzungsdefizit"?

von Peer Schader
01.02.2014 - 02:45 Uhr

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Hat die ARD tatsächlich keinen blassen Schimmer, wie junges Programm geht? Oder ist der Senderverbund doch ein Quell frischer Ideen, nur bei der Umsetzung kommt immer was dazwischen? Der WDR-Rundfunkrat hat da eine Theorie.

Vorurteil der Woche: Die ARD weiß nicht, wie man junge Leute erreicht.

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Um zu erklären, warum die ARD nicht schon längst ihr eigener Jugendsender geworden ist, hat der Rundfunkrat des WDR in der vergangenen Woche ein schönes Gegensatzpärchen erfunden: Es sei ein "Umsetzungsdefizit", das der "Gestaltung eines den Interessen der jungen Menschen entsprechenden öffentlich-rechtlichen Angebots" im Weg stehe. Und kein "Erkenntnisdefizit". Das heißt übersetzt: Die Verantwortlichen wüssten schon, was zu tun wäre – sie tun's nur nicht.

Bloß wie kommt dieses "Umsetzungsdefizit" zustande, wegen dem die ARD nicht schon längst öfter so aussieht:

Siham El-Maimouni und Kemal Goga moderieren die Einsplus Charts
© SWR

Sondern meistens so:

Die fröhlichen Nonnen vom Kloster Kaltenthal
© ARD/Barbara Bauriedl

Fehlt der Platz? Sie werden's nicht glauben, aber aus Sicht der ARD: ja! Im Ersten ist Programmdirektor Volker Herres vorrangig damit beschäftigt, auf keinen Fall das Stammpublikum zu vergraulen. Jede Sendung, die sich an den Sehgewohnheiten junger Zuschauer orientieren würde, wäre für die über 60-Jährigen aber ein potenzieller Umschaltgrund. Das glaubt Herres verhindern zu müssen, weil sonst die Marktanteile sinken und die ARD sofort die nächste Gebührendebatte am Hals hätte.

Die Dritten haben sich derweil zu Programm-Monokulturen mit den Schwerpunkten Heimat und Haushalt entwickelt, zwischen die lose "Tatort"-Wiederholungen gestreut werden. Experimente würden den Wochenablauf bei vielen Dritten nur unnötig stören. Deshalb erkundete der HR in der vergangenen Woche einmal mehr "Die beliebtesten Wanderwege der Hessen"; der NDR erklärte bei "Recht so?", wie man sich im fortgeschrittenen Alter gegen den Kreuzfahrtveranstalter wehrt, wenn der einem "die letzte Reise" des Lebens versaut; und Yvonne Willicks fragte im WDR: "Wie oft reinigen Nordrhein-Westfalen die Waschmaschine?" (Häufigste Antworten: "Nicht so oft" und "Weiß nicht, macht meine Frau".)

Bei den Digitalsendern, die eigentlich die Innovationspflicht der Dritten hätten erben müssen, hat die ARD anderthalb Jahrzehnte damit verbracht, Wiederholungen von Ratgebersendungen und alten Serien reinzukippen und über die richtige Strategie zu streiten.

Fehlt das Geld? Nein, natürlich nicht. Es wird halt bloß anderswo ausgegeben. Und weil keine Redaktion gerne freiwillig was hergibt, das sie die ganze Zeit schon sicher hatte, ist es auch so schwer, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass die eingenommenen Gebühren anders verteilt werden müssten. Schließlich sind die knapp 18 Euro, die wir alle monatlich für ARD und ZDF bezahlen, kein Solidarbeitrag zur Finanzierung eines Seniorenprogramms; alle Altersgruppen sollten gleich viel davon haben!

Fehlt das Durchhaltevermögen? Das isses! Erinnern Sie sich noch an "Berlin, Berlin", das bei jungen Zuschauern und Kritikern gleichermaßen ein Erfolg war? Gerade mal zehn Jahre ist es her, dass die letzte Folge im Vorabendprogramm lief. Danach folgte – mit Abstand – "Türkisch für Anfänger", und die ARD galt vorübergehend als Sender, der ein gutes Gespür dafür hat, wie moderne junge Serien auszusehen haben. Bis sie einfach damit aufhörte, weil es wichtiger war, eine breitere Zielgruppe fürs Werberahmenprogramm anzusprechen – und der Murks aus Reality-Flops ("Bruce") und biederen Regionalkrimis losging.

"Mord mit Aussicht" ist auch so ein Beispiel: Da hat das Erste einmal eine Serie, die von überdurchschnittlich vielen jungen Zuschauern eingeschaltet wird, noch dazu auf einem Sendeplatz, auf dem sonst erhöhtes Tierärztin- und Nonnen-Begegnungsrisiko besteht. Und dann setzt sie nicht alles daran, dem Publikum möglichst schnell Nachschub zu bieten – sondern verkündet eine zweijährige Ausstrahlungspause.

Zusammengefasst: Der Platz ist eigentlich da, das Geld auch, am Durchhaltevermögen hapert's dafür gewaltig – und die Lösung, die der ARD dazu einfällt, ist:

Mit noch einem neuen Kanal noch einmal ganz von vorne anzufangen?

Der WDR-Rundfunkrat findet, das sei der richtige Weg und mahnt zugleich, ein solches Antigreis-Angebot dürfe "kein Alibi sein, um innovative und jugendaffine Programmflächen im Ersten und in den Dritten Programmen nicht mehr auszuweisen".

Und wenn Sie, verehrte Leser, gerade in der Nähe sein sollten, dann gehen Sie doch bitte zur nächsten Gremiensitzung, schütteln einen Rundfunkrat Ihrer Wahl mal ganz feste und schreien ihn stellvertretend für mich an:

GENAU DAS IST DER VERDAMMTE JUGENDKANAL ABER, DEN IHR EUCH SO SEHR WÜNSCHT: EIN LUPENREINES ALIBI!

Damit ein Hauptprogramm, neun Regionalsender und ein Schwung Spartenkanäle weiterhin die Zuschauer ignorieren können, die noch viele Jahre Rundfunkbeiträge überweisen müssen, um endlich in das Alter zu kommen, in dem sie das Programm mögen werden, für das sie schon so lange bezahlen.

Das Vorurteil: stimmt nicht.

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